QUELLE

DATUM1918-04-28   Suche   Suche DWUD
AUSSTELLUNGSORTMünster
TITEL/REGESTImmediatbericht des Regierungspräsidenten zu Münster, Graf von Merveldt, an den Kaiser, u.a. über die Politische Stimmung und Streikbewegungen
TEXT[p. 123r] Der Regierungspräsident.
J Nr. 719 Pr. 23

Münster, den 28. April 1918


Immediat-Verwaltungsbericht

An Seine Majestät den Kaiser und König.


Allerdurchlauchtigster, Großmächtigster Kaiser und König,
Allergnädigster Kaiser, König und Herr.


Volksstimmung.
Auch im weiteren Verlaufe des Krieges hat sich die Volksstimmung, wenn sie auch ernst und gedrückt geblieben ist, im allgemeinen auf einer, bei den ungeheueren Opfern an Gut und Blut und den vielen Entbehrungen anerkennenswerten Höhe gehalten. Das Vertrauen zur obersten Heeresleitung, dem kampferprobten Heere und den Streitkräften zur See und in der Luft, der Glaube an einen endgültigen Sieg der gerechten Sache und der trotz tiefster Friedenssehnsucht vorhandene Wille zum Ausharren sind in den breitesten Schichten der Bevölkerung unerschüttert geblieben und lassen die Stimmen der Kleinmütigen und Zweifler nicht aufkommen. Zur Erhaltung der Stimmung hat wesentlich der Umstand beigetragen, daß, so knapp die Nahrungsmittelversorgung auch war und so sehr sie die Gemüter beschäftigte, doch im Hinblick auf die zufriedenstellende, zum Teile gute Kartoffelernte geringere Not als im vorigen Winter herrschte, der zudem noch durch seine scharfe Kälte die auch jetzt noch vorhandene starke Kohlenknappheit [123v] mehr fühlbar ließ.

Die zunächst vorhandene Enttäuschung über die lange Dauer der Friedensverhandlungen mit Rußland und ihre schließliche Ergebnislosigkeit wich schnell dem Gefühle hoher Befriedigung über den dank der neuen Waffentaten erzielten Erfolg, und wenn die Friedensschlüsse im allgemeinen auch nicht die helle Freude ausgelöst haben, die man bei der Bedeutung des Ereignisses vielleicht hätte erwarten können, so spricht dabei das Bewußtsein mit, daß noch Schweres zu überwinden ist, bis der feindliche Kriegswille gebrochen sein wird. Die Erwartung der Angriffsschlacht im Westen hat die Bevölkerung lange in Spannung gehalten. Die herrlichen Erfolge wurden sodann mit umso größerer Genugtuung begrüßt, als sie den erneuten Beweis der Überlegenheit deutscher Führung auch im Bewegungskriege erbracht haben, und als diesmal auch das den feindlichen Kriegswillen verkörpernde England bei der Niederlage in hohem Maße in Mitleidenschaft gezogen ist. Daß nicht deutsche Eroberungslust die Triebfeder zur Fortführung des Krieges ist, ist allen Einsichtigen an den Reden Clemenceaus, Lloyd Georges und Wilsons klar geworden. Es ist ihnen auch zum Bewußtsein gekommen, was eine Niederlage für alle Schichten der Bevölkerung zu bedeuten hätte. Mit Zuversicht und gestärktem Mute zu neuen Opfern sieht das Volk der Weiterentwickelung der Ereignisse entgegen.


Politische und Soziale Stimmungen.
Die Ende Januar 1918 einsetzende Streikbewegung im Reiche griff auch auf den hiesigen Bergbau über, beschränkte sich aber auf die Landkreise Recklinghausen und Lüdinghausen und zwar auf nur fünf Steinkohlenzechen. Der Ausstand, der nur wenige Tage, auf einzelnen Zechen nur einen Tag dauerte, zeigte diesmal insofern ein von den früheren Ausstandsbewegungen während des Krieges abweichendes Bild, als das [p. 124r] politische Moment, wenn auch die Forderung höherer Löhne und bessere Lebensmittelversorgung nebenbei gestellt wurde, im Vordergrunde stand, indem sofortiger Friede verlangt wurde. Da vor dem Ausstande das "an Männer und Frauen des werktätigen Volkes" gerichtete, im Januar in Berlin erschienene und von der Fraktion der unabhängigen Sozialdemokraten des Deutschen Reichstages unterzeichnete Flugblatt verteilt worden war, kann mit Sicherheit angenommen werden, daß die Arbeiterniederlegung auf auswärtige Hetzer der unabhängigen Sozialdemokratie zurückzuführen ist, eine Vermutung, die durch die Tatsache bestätigt wird, daß die unmittelbare Ursache zu dem Ausstande auf den Steinkohlenzechen Prosper II und Arenberg - Fortsetzung in Bottrop, Landkreis Recklinghausen, in der Wirkung von Flugblättern zu sehen ist, die ein Mitglied der unabhängigen sozialdemokratischen Partei, ein Bergmann in Bottrop, der kurz darauf verhaftet wurde, auf Veranlassung auswärtiger Parteigenossen auf den genannten Zechen verteilt hatte. Aber auch der sozialdemokratische Verband der Bergarbeiter, der sogenannte "Alte Verband", scheint nicht ganz unbeteiligt gewesen zu sein, und es ist bezeichnend, daß die Vertreter des "Alten Verbandes" in einer am 30. Januar 1918 in Essen abgehaltenen Versammlung der 4 Bergarbeiterverbände es abgelehnt haben, den Aufruf gegen den Streik zu unterzeichnen, wenn sie sich auch andererseits nicht für den Ausstand ausgesprochen haben. Das energische und zielbewußte behördliche Vorgehen gegen die Ausständigen, insbesondere auch die sofortige Einziehung eines Teils der Ausständigen zum Heeresdienst trugen wesentlich zur schnellen Beendigung der Aufstände bei.

Politische Versammlungen haben sich während der Ausstandstage zufolge eines Verbotes des hiesigen stellvertretenden Generalkommandos nicht stattgefunden, die Genehmigung zu Belegschaftsversammlungen ist von der Zusicherung, politische Dinge in ihnen nicht zu berühren, abhängig gemacht worden. Indes sind auf meine dringende Vorstellung hier im Landkreise Recklinghausen und [p. 124v] im Stadtkreis Buer 23 Versammlungen des Volksvereins für das katholische Deutschland, die zur Aufklärung der Bevölkerung angesetzt waren, nach entsprechender Abänderung des Programmes zugelassen worden. Diese Versammlungen haben sich regen Zuspruchs, besonders von Seiten der Männer, erfreut und haben entschieden günstig gewirkt. Anzeichen für einen neuen Bergarbeiterausstand oder Massendemonstrationen sind zurzeit nirgends vorhanden. Man muß aber in seinen Vorbereitungen damit rechnen, daß die Bewegung jeden Augenblick wieder aufflammen kann.

[...]

[p. 135v.]
In tiefster Verehrung verharre ich Euerer Kaiserlichen und Königlichen Majestät alleruntertänigster treugehorsamster

Graf von Merveldt
Regierungspräsident.


PROVENIENZ  Landesarchiv NRW Abteilung Westfalen
BESTANDOberpräsidium Münster
SIGNATURAkte 1403, p. 123r-135v


SYSTEMATIK / WEITERE RESSOURCEN  
Typ1.3   Einzelquelle (in Volltext/Regestenform)
Zeit3.9   1900-1949
3.9.10   Erster Weltkrieg <1914-1918>
Ort3   Münster, Regierungsbezirk
3.4   Lüdinghausen, Kreis
3.6   Recklinghausen, Kreis
Sachgebiet3.18   Parteien
5.8.1   Kriegsalltag / Zivilbevölkerung
9.4   Konsum, Nahrung
10.14   Montanindustrie
16.6.12   Kirchliche Vereine und Verbände
DATUM AUFNAHME2004-02-19
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