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Zeitabschnitte der
Westfälischen Geschichte


 
 
 
Die "Texte zur Westfälischen Geschichte" bieten allgemeine Einführungen in Zeitabschnitte und Themen der Westfälischen Geschichte. Die Autorinnen und Autoren, die sich zumeist schwerpunktmäßig mit der jeweiligen Epoche oder dem Thema beschäftigen, haben sich auf wesentliche Aspekte und Entwicklungen beschränkt. Die Literaturangaben zur Allgemeinen oder zur Westfälischen Geschichte sind als (kommentierte) Leseempfehlungen gedacht.

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Urgeschichte
 
Kai Niederhöfer Urgeschichte Westfalens 

Ausgehend von den ältesten archäologischen Funden, wird der früheste und zugleich längste Abschnitt der westfälischen Geschichte vorgestellt: annähernd 300.000 Jahre westfälische (Ur-)Geschichte von der Altsteinzeit bis Christi Geburt, die sich von allen späteren Abschnitten durch ihre Schriftlosigkeit unterscheidet, sodass ausschließlich archäologische Funde Auskunft geben können.

Älteste Funde von Steingeräten aus Westfalen stammen aus der mittleren Altsteinzeit und sind etwa 250.000 Jahre alt. Mit Schädelresten des Neandertalers aus Warendorf und des Homo sapiens aus Hagen treten die beiden frühesten in der Region bekannten Menschenformen selbst in Erscheinung. Chronologisch werden Alt- und Mittelsteinzeit - die Zeit der Jäger und Sammler - vorgestellt, bevor sich mit der Jungsteinzeit (ab ca. 5600 v. Chr.) die größte Innovation der menschlichen Geschichte - Sesshaftwerdung, Ackerbau und Viehzucht - vollzieht. Ab 1900 v. Chr. treten in der Bronzezeit erste Metallgegenstände auf, mit der Einführung der Eisenmetallurgie in der vorrömischen Eisenzeit ab dem 8. Jh. v. Chr. steht ein Metall als Rohstoff zur Verfügung, das vielerorts für den Eigenbedarf, aber auch für den Handel hergestellt werden konnte.

In den Jahrzehnten vor Christi Geburt endet der Überblick, mit den Militäroperationen der Römer ab 12. v. Chr. und den schriftlichen Überlieferungen dieser Ereignisse beginnt in Westfalen die Frühgeschichte.
 
 

Römische / Germanische Zeit
Römischer Zierbeschlag vom Pferdegeschirr mit Gesicht der Medusa / Foto: Hamm, Gustav-Lübcke-Museum 
Georg Eggenstein Westfalen zur Zeit der Römer und Germanen 

Die Erforschung der Zeit um Christi Geburt und der folgende Jahrhunderte beruht weiterhin vorwiegend auf archäologischen Quellen, da die römischen Autoren keine umfassenden Informationen über die Germanen vermitteln. Auch während der militärischen Präsenz der Römer in Westfalen von 12 v. bis 16 n. Chr. gab es Phasen der friedlichen Koexistenz. In der Folgezeit, besonders ab dem 2./3. Jh., wird ein deutlicher Wirtschaftsaufschwung deutlich, der auf dem Handel der Germanen mit dem Römischen Reich basiert, vermutlich aber auch auf Beutezügen in die Provinzen sowie Söldnerdienste. Ein bisher nicht gekannter Reichtum, besonders an Metall und Edelmetall ist die Folge. Es ist von einer weitreichenden Erschließung des Landes auszugehen. Die Germanen nahmen zumindest punktuell an römischen Kulturstandards teil, z. B. an der Geldwirtschaft. Ein ländliches, von der Landwirtschaft geprägtes Siedlungswesen bleibt aber allgemein vorherrschend.
 
 

Römische Zeit
Römerschiff an der 'Hofestatt', Haltern am See / Foto: LWL-Römermuseum Haltern 
Rudolf Aßkamp Die Zeit der römischen Feldzüge in Germanien (12 v.-16 n. Chr.) 

Während der Regierungszeit des Kaisers Augustus geriet der heutige westfälische Raum für ca. 30 Jahre in den Blickpunkt der Weltgeschichte. Was mit kurzen militärischen Vorstößen über den Rhein begann, mündete in einen Eroberungsfeldzug, der eigentlich mit der Bildung einer rechtsrheinischen Provinz Germania enden sollte. Durch den Aufstand germanischer Stämme unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius im Jahre 9 n. Chr. wurden diese Pläne zunichte gemacht. Tiberius, der Nachfolger des Kaisers Augustus, beendete diese Phase kriegerischer Auseinandersetzungen: Der Rhein bildete fortan wieder die Grenze zum Römischen Reich.
 
 

400-1180
Grabrelief Widukinds in der Engeraner Kirche (Ausschnitt) / Enger, Widukind-Museum 
Matthias Becher Die Westfalen als Teil der Sachsen -
Von den Ursprüngen bis zum Sturz Heinrichs des Löwen
 

Der Beitrag geht von der sowohl ethnischen als auch geografischen Bedeutung des Wortes 'Westfalen' aus. Da dieses erstmals im 8. Jahrhundert in einem politisch-militärischen Kontext auftritt, wird das Entstehen der Westfalen im Zusammenhang mit der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Sachsen und Franken unter Karl dem Großen gesehen, die schließlich zur Eingliederung Sachsens und damit auch Westfalens in das Frankenreich führte. Westfalen blieb auch danach ein Teil Sachsens, das von den Ottonen als Herzogtum politisch organisiert wurde. Der Prozess einer allmählichen Trennung von Sachsen und Westfalen fand erst mit dem Sturz Heinrichs des Löwen 1180 seinen Abschluss.
 
 

1180-1450
Der Kattenturm - Teil der Soester Stadtbefestigung / Münster, Westfälisches Landesmedienzentrum 
Mark Mersiowsky Territorien und Städte -
Westfalen im Spätmittelalter 1180-1450
 

Nach dem Sturz Heinrichs des Löwen 1180 gab es in Westfalen eine Vielzahl von größeren und kleineren geistlichen und dynastischen Herrschaften, die auf dem Weg waren, sich eine eigene Landesherrschaft auszubauen. Die großen Sieger wurden die geistlichen Fürsten, der Erzbischof von Köln, und die Bischöfe von Münster, Osnabrück und Paderborn. Nach 1288 begann dann die Reduktion auf wenige, relativ große Territorien, die mehr oder minder selbständig, gleichgeordnet und ähnlich organisiert waren.

Mit dieser Verdichtung der Territorien, die oft ungeplant und zufällig verlief, entstand die politische Karte des spätmittelalterlichen Westfalens. Parallel zu diesen großen politischen Veränderungen wandelte sich die ländliche Welt. Als besonders dynamisches Element erwiesen sich die Städte. Seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert begann die große Zeit der Stadtentstehung, die in mehreren Phasen das westfälische Städtenetz ausbildete und so Westfalen bis hin zur Industrialisierung prägte.
 
 

1450-1555
 
Werner Freitag Westfalen 1450-1550 

Ungewöhnlich ist der gewählte Zeitabschnitt, der im Überblicksartikel behandelt wird: Statt Mittelalter und Neuzeit voneinander zu scheiden, indem die Reformation als Zäsur gesetzt wird, werden für Westfalen die Strukturen und Entwicklungen "langer Dauer” behandelt. Das Nachdenken, was Westfalen ist, beschäftigte die Zeitgenossen vor und nach 1500, die Prozesse der Territorialisierung setzten sich auch in der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert fort, und auch das Zusammenleben und Wirtschaften in der Stadt unterschied sich wenig vom Spätmittelalter - die “Frühmoderne” ließ noch auf sich warten. Und selbst für die Frömmigkeit vor, um und nach 1500 lässt sich viel Gemeinsames herausstellen.
 
 

1555-1648
Beschwörung des Friedens zwischen Spanien und den Niederlanden, 1648 (Ausschnitt) / Münster, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, K 65-758 LM 
Johannes Arndt Westfalen im konfessionellen Zeitalter 

Westfalen war nach dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 Frontgebiet des Konfessionsstreits: Während die Bistümer Münster und Osnabrück, ebenso wie die kurkölnischen Gebiete im Sauerland und zwischen Lippe und Emscher, katholisch geblieben waren, etablierte sich das Luthertum dauerhaft in den gräflichen Territorien. Durch die Konkurrenzsituation der Landesherren stärkten sich die Verwaltungen, in denen der Einfluss adliger Räte ab- und gelehrter Juristen zunahm.

Der spanisch-niederländische Krieg im Westen ab 1566, der Kölner Krieg ab 1583 sorgten immer wieder für kriegerische Aktionen auf Kreisgebiet, sodass der Übergang zum Dreißigjährigen Krieg fließend, aber nicht weniger schmerzhaft stattfand. Nach mittelschweren Kriegszerstörungen und Bevölkerungsverlusten waren die westfälischen Gebiete immerhin wirtschaftlich funktionsfähig genug, tausende von Teilnehmern am Westfälischen Friedenskongress in Münster und Osnabrück zu beherbergen. Die Trennung in katholische Fürstbistümer und protestantische Grafschaften wurde dabei bestätigt.
 
 

1648-1770
Christoph Bernhard v. Galen zu Pferd (Ausschnitt) / Stadtmuseum Münster, Inv. Nr. GE-0412-2 / Foto: Stadtmuseum Münster, Tomas Samek 
Gudrun Gersmann Neue Herren -
Westfälische Geschichte 1648-1770
 

Im Zeitraum zwischen 1648 und 1770 hatte fast ganz Westfalen mit der Aufarbeitung der Folgen des Dreißigjährigen Kriegs zu kämpfen: Die Auseinandersetzung mit veränderten politischen Machtkonstellationen, wie sie sich durch den Siegeszug der Brandenburger Kurfürsten herausgebildet hatten, gehörte ebenso dazu wie die Bewältigung tiefgreifender sozialer und wirtschaftlicher Krisen. Die "politische Geschichte" Westfalens in dieser Zeit wurde vor allem durch die Ära des münsterischen Fürstbischofs Christoph Bernhard von Galen geprägt. In der von vielen Zeitgenossen kritisierten aggressiven Expansionspolitik von Galens spiegelte sich allerdings nur die neue Souveränitätskonzeption des Landesfürsten wider, wie sie im Westfälischen Frieden von 1648 formuliert worden war.
 
 

1770-1815
Gruppenbildnis von Napoleon Bonaparte und den von ihm eingesetzten Königen mit ihren Frauen, 1809 (Ausschnitt) / Münster, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, C-506144 PAD 
Peter Burg Vom feudalen zum modernen Westfalen 

In den Jahren 1770-1815 veränderte eine territoriale Flurbereinigung großen Stils die politische Landkarte Westfalens. Gleichzeitig fand ein Übergang vom feudalen zum bürgerlichen Zeitalter statt. An die Stelle altständischer Privilegien in Staat, Kirche und Wirtschaft traten egalisierende Institutionen und gesellschaftliche Normen. Bürgerliche Werte begannen auch die Bereiche von Bildung und Kultur zu prägen.
 
 

1815-1848/49
Benedikt Waldeck im Kerker, 1849 (Ausschnitt) / Münster, Westfälisches Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Münster, K 28-31 LM 
Eckhard Trox Von der Entstehung der Provinz Westfalen 1815 bis zur Revolution von 1848/49 -
Eigenentwicklung zwischen Rheinprovinz und Ostelbien
 

Die Neuordnung Europas als Folge des Wiener Kongresses (1815) führte im westlichen Teil Preußens zur Gründung einer neu zugeschnittenen Provinz. Sie war aufgrund der unterschiedlichen konfessionell-historischen Prägungen und des agrarischen bzw. industriell-gewerblichen Entwicklungsstandes in den einzelnen Regionen in sich ein Gebilde von starken Gegensätzen. Klar erkennbar spiegelte sich dieses, als im Februar/März 1848 die Konfliktmuster in den einzelnen Regionen sich vom Bauernkrieg über konfessionelle Streitigkeiten bis hin zum modernen Streik ausdifferenzierten. Während der folgenden Monate bis zum Mai/Juni 1849 wurde die Bevölkerung in Vereinen und Versammlungen, durch Lektüre unzensierter Zeitungen und durch mehrere Parlamentswahlen stark politisiert. Trotz des hochorganisierten Kampfes für Freiheit und Recht und damit für mehr Demokratie durch breite bürgerliche und unterbürgerlichen Schichten, die sich im Mai 1849 in der Zustimmung für die von der Deutschen Nationalversammlung in Frankfurt a. M. verabschiedeten Reichsverfassung ausdrückte, setzten konservativ-konstitutionelle bzw. reaktionäre Kräfte, die tief in der Gesellschaft der Provinz Westfalen verankert waren, ihre rückwärts gewandten Ziele durch. Persönlichkeiten von nationaler Bedeutung und europäischem Rang, deren Biografien eng mit der westfälischen Geschichte verknüpft sind, förderten, hemmten und begleiteten journalistisch oder literarisch den Verlauf der Ereignisse von 1848/49.
 
 

1850-1870
Burghard Freiherr von Schorlemer-Alst (Ausschnitt) 
Christian Jansen /
Susanne Rouette
Zwischen Revolution und Reichsgründung -
Westfalen auf dem Weg in eine moderne Gesellschaft
 

Wie für ganz Deutschland bildete die Epoche von der gescheiterten Revolution 1848/49 bis zur Reichsgründung 1870/71 eine Zeit tief greifender Umbrüche. Industrialisierung, eine "Kommunikationsrevolution" mit dem schnellen Ausbau der Eisenbahnlinien und der Durchsetzung der Telegrafie sowie die Wiedererstehung von Parteien und Vereinen bedeuteten die Anfänge einer modernen Gesellschaft. Mit dem Ruhrgebiet befand sich eines der Kerngebiete der deutschen Industrialisierung in Westfalen. Die Provinz war eine Hochburg sowohl der liberal-nationalistischen Bewegung wie des politischen Katholizismus. Hoffnungen, Westfalen zulasten des von Preußen annektierten Königreichs Hannover zu vergrößern, scheiterten 1867.
 
 

1871-1914
Bauarbeiten am Kaiser-Wilhelm-Denkmal an der Porta Westfalica, 1895 (Ausschnitt) / Minden, Kommunalarchiv 
Hans-Joachim Behr Westfalen im Kaiserreich bis zum Vorabend des Ersten Weltkriegs 

Nach dem Mischehenstreit wird Westfalen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Kulturkampf abermals von einer großen Auseinandersetzung zwischen dem Staat und der katholischen Kirche erschüttert. Sie bestimmt für lange Zeit das politische Denken weiter Kreise. Wirtschaftlich treten Teile des Landes unterdessen in eine Phase der Hochindustrialisierung, die ein extremes Bevölkerungswachstum mit Problemen der Integration fremd völkischer Arbeiter zufolge hat und zunehmend soziale Fragen aufwirft.
 
 

1914-1918
Volksküche in Lüdenscheid während des Ersten Weltkriegs (Ausschnitt) / Lüdenscheid, Stadtarchiv 
Rainer Pöppinghege Westfalen im Ersten Weltkrieg 

Der Erste Weltkrieg hat tiefe Spuren nicht nur auf den verschiedenen Schlachtfeldern hinterlassen, sondern berührte auch Westfalen. Die Region war einerseits wichtiger Rüstungsstandort und trug auf der anderen Seite zur - immer kritischer - werdenden Versorgung der Bevölkerung bei. Die preußische Provinz war Aufmarsch- und Sammelgebiet von Truppenteilen, Lazarettzügen und Kriegsgefangenen. Betrachtet werden daneben die Stimmung der Bevölkerung, die Funktionsweise des stellvertretenden Generalkommandos, die unter Kriegsbedingungen veränderte Rolle der Geschlechter sowie die in die Novemberrevolution mündenden sozialen Bewegungen und Protestaktionen.
 
 

1918-1933
Kunden vor der Darmstädter und Nationalbank während der Bankenkrise 1931 (Ausschnitt) / Münster, Westfälisches Landesmedienzentrum 
Ludger Grevelhörster Geschichte Westfalens in der Weimarer Republik 

Die Zeit zwischen dem Ende des Kaiserreichs 1918 und der "Machtergreifung" der Nationalsozialisten im Frühjahr 1933 - die Weimarer Republik - ist gekennzeichnet durch vielfältige politische wie wirtschaftlich-soziale Ereignisse und Entwicklungen: die unruhige erste Nachkriegsphase mit Kapp-Putsch und Aufstand der Ruhrarbeiterschaft 1920, die Inflation von 1922/23, die Ruhrbesetzung durch französische und belgische Truppen 1923, die schwere wirtschaftliche Krise von 1930/32 sowie der Aufstieg der NSDAP in der Endphase der Weimarer Republik. Gezeigt wird jeweils, wie sich die allgemeine Geschichte im regionalen Rahmen widerspiegelte und worin regionale Besonderheiten bestanden.
 
 

1933-1939
Entourage des Gauleiters Wagner beim Kreistag der NSDAP in Bochum, 1937 (Ausschnitt) / Bochum, Stadtarchiv, Fotosammlung, F II I 
Wolfgang Stelbrink Westfalen im Nationalsozialismus 

Die Herausbildung und äußerst erfolgreiche Konsolidierung eines Regimes, das von einer fundamentalen "Doppelgesichtigkeit" geprägt war, ist Thema dieses Kapitels. Nach Machteroberung bzw. Selbstgleichschaltung beruhte der NS-Staat auf einer Verschränkung nationalsozialistischer "neuer" und kooperationsbereiter "alter" Eliten. Mittels traditioneller Verwaltungen, einer Vielzahl von NSDAP-Ämtern und neuer NS-Bürokratien, bisweilen auch mithilfe inszenierten Drucks der "Straße", wurde zunehmend unkoordiniert, jedoch sehr effektiv eine zwiespältige Politik betrieben. Darin verbanden sich verschiedenste Elemente von wirtschaftlicher Befriedigung, Beschwichtigung und massiver Verführung sowie der wohlbedachte weitgehende Erhalt scheinbarer Alltagsnormalität mit politischer Knebelung, unberechenbarer Bedrohung jeglicher "Miesmacherei" und brutaler Verfolgung weltanschaulicher Gegner und ausgegrenzter Minderheiten.
 
 

1939-1945
Ziviltote nach einem Bombenangriff auf Bochum während des Zweiten Weltkriegs (Ausschnitt) / Bochum, Stadtarchiv, Fotonachlass Camillo Fischer, Neg.-Nr. 571/A 35 A 
Ralf Blank "Heimatfront" Westfalen -
Zwischen Bombenkrieg und "Endkampf"
 

Der Raum Westfalen wurde im Zweiten Weltkrieg vor allem durch den alliierten Bombenkrieg und die "Endkämpfe" im März und April 1945 getroffen. An der "Heimatfront", ein bereits im Ersten Weltkrieg und auch in anderen Ländern für das Hinterland gebräuchlicher Begriff, war die Bevölkerung in allen größeren Städten, später auch in kleinen und mittleren Gemeinden sowie auf dem Land den Auswirkungen und Einflüssen des Krieges ausgesetzt. In Westfalen wurden besonders ab 1943 alle Bereiche von Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Verwaltung verstärkt auf eine ideologisierte und "totale" Kriegsführung eingestellt. Gleichzeitig war der westfälische Raum in die militärische Reichsverteidigung einbezogen: Jagdgeschwader befanden sich auf Flughäfen; im Umkreis von Städten, Bahnhöfen und Industriebetrieben waren zahlreiche Batterien mit Flugabwehrkanonen stationiert. Im März und April 1945 erfolgte in Westfalen der Zusammenbruch des nationalsozialistischen Regimes und des militärischen Widerstands.
 
 

1945-1949
'Trümmerfrau' in Bockum-Hövel/Hamm, 1948 (Ausschnitt) / Hamm, Gustav-Lübke-Museum 
Hein Hoebink Westfalen in der unmittelbaren Nachkriegszeit -
Eine Region im Aufbau
 

Die Bevölkerung, und mithin auch die westfälische Bevölkerung, wurde durch den Zweiten Weltkrieg schwer getroffen. Auf einen Wiederaufbau mochte man deshalb bei Ende des Krieges wohl hoffen, aber er stand zunächst nicht zu erwarten. Der einsetzende Kalte Krieg zwischen Ost und West, aber auch die Absicht, eigene Besatzungskosten zu senken, veranlasste US-Amerikaner, Briten und Franzosen zu einer raschen Politik der demokratischen Neuorganisation und des westdeutschen Wiederaufbaus.

Sie führte dazu, dass Westfalen für einige Zeit von einem eigenständigen, unter den Vorbehalten der britischen Militärregierung agierenden Oberpräsidium verwaltet wurde (mit partieller Zuständigkeit auch für Lippe), bis die ehemalige preußische Provinz Westfalen im Jahre 1946 Teil des Landes Nordrhein-Westfalen wurde. Dieses konnte den anstehenden Wiederaufbau Westfalens dann zunehmend in ausschließlich eigener Verantwortung vorantreiben. Weder die Errichtung eines Oberpräsidiums Westfalen noch die Gründung des Landes Nordrhein-Westfalen hat nach Auffassung namhafter Persönlichkeiten den Erhalt des Provinzialverbandes Westfalen als einem Selbstverwaltungsorgan überflüssig gemacht.
 
 


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