herman de vries: ein "sanctuarium" ist ein respektierter und geschützter raum. das englische "sanctuary" bedeutet heiligtum und auch naturreservat. "sanctuarium" kommt vom lateinischen "sanctus": "geheiligt, heilig, ehrwürdig", "unverletzlich, unantastbar, erhaben"; "sancire" "heiligen, als heilig und unverbrüchlich festsetzen, durch gesetz besiegeln"; "sacer": "heilig" mit der dt. ableitung "sakral": "heilig, kultisch" und dt. "sakrament": "heilige handlungen, religiöses geheimnis, mysterium"; "sancio": "heiligen, d.h. durch religiöse weihe unverbrüchlich machen", usw. all diese deutungen treffen beim "sanctuarium" mehr oder weniger zu. erinnern wir uns auch, daß kirchen und tempel geschützte räume waren, worin die öffentlichkeit sogar verbrecher belassen mußte, wenn sie dort zuflucht suchten. auch dieses neue "sanctuarium" soll ein respektierter und geschützter raum sein. der schutz findet mittels einer massiven mauer statt, rund, unzugänglich weil ohne tor, 14 m durchmesser, 2,65 m höhe, mit, in jeder der vier windrichtungen, einem auge, d.h. eine öffnung in der mauer, wodurch wir das geschehen im "sanctuarium" beobachten können. in diesem raum ist die natur frei von menschlichen eingriffen, ein schutzraum für eine freie entwicklung mitten in einem gepflegten park (verdrängter natur). es ist nichts eingesät, nichts angepflanzt. die erde in diesem raum kommt von einer stelle, wo pionierpflanzen die kahle erde mit leben besetzt hatten und ist deshalb selber erfüllt von leben. jetzt im frühling 1997 ist der raum leer. eine vielversprechende leere. was wird die natur hier tun? etwas wird sie tun. die primäre wirklichkeit, natur, ist eine offenbarung. sie hat uns als manifestation alles lebenswichtige zu sagen. der rest - kultur - ist ihr beiwerk. die entscheidung, die ich hier gemacht habe, natur sich frei manifestieren zu lassen und meine formgebung nur auf schutz und präsentierung zu beschränken, zeigt meine haltung dieser offenbarung gegenüber. was bin ich? - woran bin ich beteiligt? - was ist mein leben?- in welchem zusammenhang steht mein leben?- diese grundfragen der philosophie, ihre antworten sind alle in dieser primären wirklichkeit, die sich uns offenbart, enthalten. "nicht wie die welt ist, ist das mystische, sondern, daß sie ist" schrieb ludwig wittgenstein, mitten in unsicherheit, chaos und verzweiflung an der front im ersten weltkrieg, und "es gibt allerdings unaussprechliches, dies zeigt sich, es ist das mystische". das "sanctuarium" hat nicht mit philosophie zu tun, es ist ein platz, wo ein geschehen gezeigt wird, ein platz, wo man sehen muß. so ist dies "sanctuarium" auch eine herausforderung zum schauen und reflektieren, und es ist auch ein sich zur wehr setzen gegen eine bedrohung durch unsere zu einseitig entwickelte technologisch-kommerzielle kultur, und meinerseits sehe ich das auch als eine kulturelle wahl in der erkenntnis der unwissenheit und der notwendigkeit zur einsicht und heilung. die kahle erde des sanctuariums wird erst langsam bewachsen. viel zu langsam für menschen, die gleich das fertig vorbereitete endresultat sehen wollen. es gibt kein endresultat - eine natürliche sukzession kann sich zum optimum entwickeln - in mitteleuropa ist das meistens eine waldgesellschaft. dieses optimum kann sich über jahrhunderte ausstrecken und doch dynamisch bleiben. nichts geht verloren. die kunst ist nicht an erster stelle im entwurf der mauer und seiner ausführung zu sehen. das ist der rahmen. das wichtigste findet innerhalb der mauer statt. es sind die pflanzen, die sich da ansiedeln, besonders die allerersten kleinen. meine poesie ist die welt. der sanskrit text, der über allen augen des "sanctuariums" angebracht ist, kommt aus der Tsá-upanishad und ist ungefähr 2700 jahre alt. die upanishaden gehören seit jahrzehnten zu der mich wesentlich inspirierenden literatur. das zitat drückt am deutlichsten aus, was ich vermitteln will. aus einer reihe von übersetzungen wählte ich die von shree purohit swami und w.b. yeats: "om. this is perfect. that is perfect. perfect comes from perfect. take perfect from perfect, the remainder is perfect." "om. dies ist vollkommen. das ist vollkommen. vollkommen kommt von vollkommen. nimm vollkommen von vollkommen, es bleibt vollkommen." in anderen übersetzungen lesen wir an stelle von "perfect" - "vollkommen": "infinite" - "unendlich", "full" - "fülle" und "all". auch diese übersetzungen machen sinn. sie schließen einander nicht aus. man kann bei der betrachtung des inneren des sanctuariums durch jedes auge über einen anderen text meditieren. er ist auch außerhalb des sanctuariums anwendbar auf jede situation unserer primären wirklichkeit, natur. - physik und metaphysik sind eins - |