Thomas Hirschhorn: In Münster mache ich die Skulptur-Sortier-Station. Es ist eine freistehende, prekäre Konstruktion aus Dachlatten, Plastik, Holz, Plexiglas, Neonröhren und Karton. Das Licht durch die Neonbeleuchtung ist wichtig, denn ich will, daß die Station Tag und Nacht, alle Tage der Woche einsehbar ist. Die Beleuchtung ist auch deshalb wichtig, weil der Raum durch sie eine Autonomie erhält, ein Fremdkörper, ein Raum ohne Zeit, ein hierarchiefreier Raum ist. Natürlich kommt die Elektrizität für die Beleuchtung von irgendwoher. Mir gefällt aber, daß das zugleich eine Verbindung, eine Abhängigkeit oder Zugehörigkeit aufzeigt: Auch diesem Raum wird Energie zugeführt, er wird getragen. Der Betrachter kann den Raum nicht betreten, er wird aber die Möglichkeit haben, rundherum hineinzusehen. Der Raum ist in zehn verschiedene Teile unterteilt, eine Art Kojen, die jeweils mit andersfarbigen, bedruckten oder unbedruckten Leintüchern ausgelegt sind. Die Größe der Kojen richtet sich nach dem Bedarf. In ihnen sind die Skulpturen ausgestellt oder die Videos, die ich speziell dafür machen werde. Zunächst zu den Skulpturen und zu dem, was ich zeigen werde. Es sind relativ große, aus Karton ausgeschnittene, selbstgebastelte Markenzeichen: das Mercedes-Zeichen, das VW-Zeichen, dann das Peace-Zeichen und das Chanel-Logo. Es sind alles flache Formen, die mit Silberpapier überzogen sind, wie ich sie von Reportagen über Manifestationen kenne. Diese Gruppe von Skulpturen kommt in eine Koje, die zum Beispiel mit rotem Leintuch ausgelegt ist. Wobei dazu noch zu sagen ist, daß die Koje nicht bis zum Boden reicht, sondern nur bis etwa Tischhöhe, also wie ein Schaufenster. Ähnliche Skulpturen wie die Markenzeichen sind die Aluminium-Cups. Wiederum werden aus Karton Pokalformen ausgeschnitten, so wie ich das von Fußballspielen oder anderen Sportveranstaltungen kenne: Die Supporter schwenken den selbstgebastelten übergroßen Pokal Welt-Cup, Cup des Champions, Europa-Cup, Cup der Cupsieger, Intercontinental-Cup , um ihre Mannschaft anzufeuern. Diese Skulpturen sind treppenförmig wie in jedem Klubhaus in der speziellen Koje ausgestellt. Weiter gibt es ein Otto Freundlich-Video: Ich werde nach Pontoise fahren, in einem Vorort von Paris, und dort die beiden im Garten des Ortsmuseums ausgestellten Bronzeskulpturen von Otto Freundlich - den ich verehre - abfilmen, um sie in Münster zu zeigen. Dort gibt es ja auch eine wunderschöne Otto Freundlich-Skulptur. Allerdings ist diese an einem unmöglichen Ort ausgestellt, das heißt man billigt seiner Arbeit noch immer nicht den Rang zu, den sie verdient, nämlich einen allerersten Rang! Sogar die Nazis haben die plastische Sprengkraft seiner Skulpturen erkannt, indem sie die Abbildung einer seiner Skulpturen Der neue Mensch für das Katalog-Titelblatt Entartete Kunst benutzten. Mein Video ist eine Hommage. Als weitere Skulptur werde ich, ebenfalls als Hommage, eine nicht mehr existierende Skulptur des Künstlers Rudolf Haizmann nachbauen. Eine kleine Abbildung ist im Katalog Entartete Kunst von 1937 in München zu sehen. Diese Skulptur, die von 1928 ist, wird im Katalog "Fabelwesen" genannt. Über sie ist nur bekannt, daß sie aus Marmor war, mit unbekannter Dimension, erworben vom Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg. Vermutlich ist sie zerstört. Der Künstler wurde 1895 in Villingen geboren und starb 1963 in Niebüll. Für Münster werde ich die photographierte Skulptur, die mir schon Weile bekannt ist, aus Karton und Holz nachbauen. Ich will sie damit zurückrufen, nochmals anschauen, nachmachen, genauso, wie wenn man eine besonders wichtige Szene in Zeitlupe wieder und wieder abspielt, um besser zu begreifen. Speziell für die Skulptur-Sortier-Station wird ein Marlboro-Video als Endlos-Video gezeigt. Jemand versucht, aus leeren Zigarettenschachteln ein Monument zu errichten, das immer wieder zusammenfällt. Es wird auch eine Koje mit Tränen geben, Silberpapiertränen, die ich das erste Mal in Berlin gemacht und dort im Künstlerhaus Bethanien Robert Walser Tränen genannt habe. Diese Tränen sind verschieden groß, entweder silberpapierfarbig oder mit Sprayfarbe bedeckt. Rote Tränen. Blaue Tränen. Dazu werden in der Koje zwei Videos mit einer Frau, die leicht den Kopf von unten nach oben bewegt, gezeigt. Sie ist mit einmal roten Tränen und einmal blauen Tränen, die an der Wand hinter ihr hängen, verbunden. Eine weitere Koje zeigt Stalagmiten und Stalaktiten aus Silberpapier, die vor einer Thementafel mit dem Thema "Sammlerlöffel" hängen. Die Stalagmiten und Stalaktiten sind der Beweis für die Umkehrung der herrschenden Faszination für den dominierenden Diskurs, wird doch, was von unten kommt, größer und größer und was von oben kommt, verkleinert sich. Deshalb auch das "Sammlerlöffel"-Thema. Ich will damit das unvoreingenommene, innere Leuchten dieser Löffel ernstnehmen, aber auch die Beschränktheit. Kein Platz für Kitsch, kein Raum für Zynismus, keine Luft für 2ème Dégré! Skulptur-Kunst-Postkarten und Poster, die Volumen erhalten, weil sie auf Holz geklebt sind, sind in einer weiteren Koje ausgestellt. Sie sind eine persönliche Skulpturensammlung. Es ist nicht meine Sammlung, aber insofern bin ich mit ihnen verbunden, als sie die Skulptur nicht als Volumen, nicht als Raumbewältigung begreifen, sondern als Bild, also zweidimensional. Alle meine Münster-Skulpturen gehen von diesem Zweidimensionalen aus. Es ist die Ablehnung des Kontextes, des Hintergrundes, der Herkunft, der Umstände. Bei meinen Arbeiten im öffentlichen Raum geht es nie um den Kontext. Auch versuche ich nicht, irgendwelche Reaktionen zu provozieren. Die Kontext-Frage und die nun auch schon auftauchende Ent-Kontextualisierung sind für mich nur Gesprächsstoff, der von der Arbeit ablenkt. Dieser leere Gesprächsstoff bietet sich geradezu an, um nicht von den Fragen nach dem Engagement und der Stärke oder Schwäche der Arbeit zu reden. Dabei haben gerade Arbeiten im öffentlichen Raum viel mit Schwäche zu tun. Ich meine das Eingeständnis der Schwäche, der plastischen Schwäche. Das ist für mich das Engagement. Nicht schlau, klug, gescheit sein. Ich will keine Ideen, für den öffentlichen Raum haben, ich will meine Arbeit zeigen, überall, ohne zwischen wichtigen und unwichtigen Orten zu unterscheiden, so wie ich auch nicht unterscheiden will zwischen wichtigen und unwichtigen Menschen. Es ist auch der Widerstand dem Virtuellen gegenüber, denn Obensein ist oben sein. Untensein ist unten sein. Mehr ist mehr. Weniger ist weniger. Ein arbeitsloser Bankier ist so arbeitslos wie ein arbeitsloser Taxichauffeur. Nicht ästhetische Fragen oder Kunst-Fragen sind der Motor meines Schaffens. Vielmehr geben mir der menschliche Zustand und Lebensfragen die Energie zur Arbeit. Ich will aus der Notwendigkeit heraus arbeiten. Zurück zu den Kojen: In einer Doppelkoje wird es einen Robert-Walser-Preis und einen Emmanuel-Bove-Preis geben. Für beide Schriftsteller werde ich in verschiedenen Größen Trophäen machen, Statuen wie die "Oscar"-Statuen oder die "Goldener Löwe"-Statuen, die dem Preisträger überreicht werden. Für Münster ist dies natürlich ein Vorwand, um den von mir geliebten Schriftstellern eine Skulptur zu machen, gleichsam als mobiles Denkmal. Das Formatlose dieser Statuen ist wichtig, denn sie können größer oder kleiner sein. Das Verkleinerbare oder Vergrößerbare, die Multiplizität, ist ein essentieller Teil dieser Skulpturen. Eine weitere Koje zeigt eine Architekturmaquette aus Holz, Karton, Styropor und eine Kunsthallenmaquette, worin vier von meinen Arbeiten ausgestellt sind. Es ist kein Ausstellungsprojekt. Es ist eine wirkliche Ausstellung, da meine Arbeiten real sind. Denn nicht die Arbeiten, sondern der Raum wurde verkleinert. Er wurde so verkleinert, daß nun meine Arbeiten in diesen Räumen riesengroß erscheinen, weil der Betrachter sie optisch vergrößert. Der Titel Skulptur-Sortier-Station ist vom Standort meiner Arbeit abgeleitet. Es ist ein provisorischer Standort, denn nach der Ausstellung wird die Konstruktion abgebaut. Aber es ist ein Standort, der eindeutig ist. Eindeutig, weil ich nach Münster in eine Stadt eingeladen bin, die ich nicht kenne, von deren Geschichte und Bewohner ich nichts weiß. Ich komme aber mit dem Willen, Skulpturen zu machen und sie den Bewohnern und Besuchern dieser Stadt zu zeigen. Ich will mich also nicht auf irgendwas beziehen, was mit dieser Stadt zu tun hat, das ist prätentiös. Ich brauche deshalb einen Standort, der es einerseits meiner Arbeit ermöglicht, Tag und Nacht, sieben Tage die Woche einsehbar zu sein, und der andererseits auch in einer anderen Stadt, in einem anderen Land sein könnte. Ich habe damit einen Standort ausgesucht, der ein Nicht-Ort ist, das heißt wo ich aus Gründen hingehen kann oder muß, die nichts mit der Geographie oder der Geschichte des Ortes zu tun haben. Ein solcher Ort ist die Altpapier- und Altglas-Sammel-Stelle. Diese aufgereihten Container, wo Menschen hingehen, um Abfall hinzubringen, aber nicht wegen der Kunst. Es gibt noch andere solche Orte, zum Beispiel Geldautomaten, Telefonkabinen oder Zigaretten- und Kondom-Verteiler. Ich wählte die Abfall-Sammel-Stelle, weil dort Materialien hingetragen werden, mit denen ich arbeite: Karton, alte Magazine, Plastik, Aluminium. Ich arbeite mit diesen Materialien, weil sie ökonomisch sind. Ökonomisch ist nicht billig. Ökonomisch ist Politisch. Ich arbeite mit diesen Materialien, weil alle Leute sie kennen und benutzen. Diese Materialien sind disponibel. Sie sind da, wenn auch nicht, um damit Kunst zu machen. Ökonomie interessiert mich. Ökonomie hat nichts mit Reich oder Arm zu tun. Ökonomie braucht Verbindungen, ist verbindend. Ökonomie ist grenzenlos, Ökonomie ist aktiv, offensiv. Ökologie dagegen langweilt mich und dieses nombrilistische, dumpfe, passive Ökologiedenken geht mir schon lange auf die Nerven. Diese Abfall-Sammel-Stellen sind ein Ausdruck davon. Hier wird nichts aufgebaut, hier werden keine Projekte ersonnen. Hier wird gutes Gewissen gesammelt und Konformität überprüft. Da wo menschliche Energie dazu benötigt wird, zwischen braunem und grünem Abfallglas einen Unterschied zu machen, da wird Energie abgezapft, Energie verbrannt, die dann fehlt, um wirkliche Unterschiede wahrzunehmen, Entscheidungen des Lebens zu fällen, Haltungen einzunehmen. Jemand, der den Joghurtbecher säubert, sammelt und zur Sammelstelle trägt, hat keine Energie mehr, gegen Ungerechtigkeit, Rassismus, aufkeimenden Faschismus, zu kämpfen. Das aber will ich. Ich will meine Kunst politisch machen. |