Ernst Hermanns - Aufforderung zum Dialog

Eine ausgelegte Kreisform und ein aufrecht stehender Zylinder begegnen sich über den Zwischenraum hinweg in diesem Werk von Ernst Hermanns. Die Elemente, die als Partner eines plastischen Dialogs korrespondieren, bedürfen nicht einmal des sie erhebenden Sockels - und dennoch ist mit dieser Arbeit ein Beispiel entstanden, das wie ein Resümee des Gesamteouvres von Hermanns gelten kann. Die werkimmanente Ableitung würde den Beweis erbringen; hier muß der Hinweis genügen, daß kein in Münster oder Umgebung entdecktes Motiv die Entstehung der Plastik veranlaßt hat. Gleichfalls diente auch keine vorgegebene, durch Kunst ergänzungsbedürftige städtebauliche Situation zur Orientierung. Der entfallene lokale Bezug hat, anders gewendet, zur Folge, daß nicht ein bestimmter Ort oder Platz für die Inszenierung des Werkes in Betracht kommen muß. Es sind mehrere, gleichermaßen günstige Möglichkeiten der Aufstellung denkbar, zu denen auch der Innenhof des Landesmuseums zu rechnen ist.

Der sich werkimmanent herstellende Zusammenhang zwischen der neuen, für die Ausstellung geschaffenen Plastik zu älteren vorausgegangenen Arbeiten schließt, so könnte man meinen, die Koalitionsfähigkeit mit der Architektur aus. Aber die Vermutung trügt, das Gegenteil ist der Fall. Das Werk von Hermanns erreicht nach frühen Anfängen, die den Betrachter zu naturverwandten Assoziationen verleiten, seit etwa 1965 Gestaltqualitäten, die dem Gebildecharakter von Architekturen selbst nahekommen.

Begünstigt wird dieser Eindruck auch in dem vorliegenden Werk durch die Wahl des Materials, das aus massivem Stahl Festigkeit garantiert. Die absichtlich vermiedene individuelle Oberflächenbehandlung, nebenbei ein Indiz für das Interesse an technischen Standards, kräftigt die Stabilität; der sanfte Schimmer, der von der Oberfläche ausgeht, bestätigt anders als eine glänzende Außenhaut das Volumen. Die Wahl der Elemente schließlich, als Kreis, Zylinder oder in anderen Werken als Kugel, als Rechteck oder Dreieck belegt, wenn man sie nicht als Universalien überinterpretiert, die Bevorzugung architektonischer Grundelemente. Daß die Anordnung in waagerechter oder senkrechter Ausrichtung mit ihrer Ausdehnung in die dritte Dimension den Bedingungen der Baukunst entspricht, mag man kaum, muß man jedoch hervorheben.

In solcher Werkbeschreibung, aufmerksam allein für den tatsächlichen Sachbestand, ist zwar die Architekturbezogenheit bestätigt, aber der Aufzählung der Elemente mit ihren typischen Eigenschaften müßte man entgegenhalten, daß sie den spezifischen Kunstcharakter des Werkes als den wirkenden Sachverhalt überhaupt nicht erwähnt. Schließlich ist Hermanns trotz der architekturbezogenen Einstellung ein Plastiker, und das meint nicht nur, daß die Ergebnisse seiner Arbeit anderen funktionalen Zwecken dienen. Interessanter ist, daß er als Verwalter seines Metiers die in der Architektur geltenden Prinzipien im gestalterischen Umgang mit seinen Elementen auch umdeuten oder gänzlich neu ordnen kann - oft mit solcher Entschiedenheit, daß die Ordnungen beider Kunstgattungen in einen erwünschten, lebendigen Widerspruch geraten.

Eine Umdeutung der in der Architektur geltenden statischen Zweckmäßigkeit zeigt sich in dem vorliegenden Werk schon in der Ausbildung des Einzelelements, etwa indem der große Kreis sich nicht damit begnügt, eine ebene Fläche zu beschreiben, sondern, angehoben zur Kreisscheibe, zur Selbstbehauptung als Flachvolumen sich bemerkbar macht - verständlich übrigens, wenn man mit Gottfried Boehm die abgeflachte Scheibe als Reduktion der ehemals als Widerpart von Zylinderformen eingesetzten Kugel begreift. Andererseits könnte man, wiederum vom Architekturstandpunkt aus argumentiert, für den über zwei Meter hohen Zylinder einen größeren Durchmesser erwarten, der die Standfestigkeit massiver zur Geltung bringen würde. Hat bei dessen vergleichsweise schlanker Ausbildung als Erinnerung nachgewirkt, daß in vorangegangenen Arbeiten allein dünnen Stäben die Markierung der Senkrechten überlassen blieb? Für die Standhaftigkeit wäre zudem, wie bei Säulen üblich, eine Basis durchaus von Vorteil. Sie würde den Zylinder eindeutiger vom Boden abheben, ihn nicht wie aus dem Boden herauswachsend erscheinen lassen. Doch eine solche Basis selbst als schmaler Schaftring - und das begründet sein absichtliches Fehlen - müßte den lebendigen Dialog beeinträchtigen, der sich zwischen den Elementen einstellen soll - als rhythmisches Wechselspiel des Ganzen, das durch die Gestaltähnlichkeit wie Verschiedenheit der Teile sich in der Wahrnehmung des Betrachters ergibt.

Hoch gegen tief, ausgedehnt gegen schlank, so etwa heißen die Gegensätze mit ihren jeweils verschiedenen Richtungsenergien, die produktiv zur Geltung kommen, weil das Werkganze durch Formverwandtschaften die Gegensätze vermittelt. Die Ähnlichkeit des Runden verbindet, und zwar ganz offensichtlich in Bodennähe; aber führt nicht auch eine diagonale Verbindung vom liegenden Kreis zum runden oberen Zylinderabschluß? Daß die Materialgleichheit vereinheitlichend sich auswirkt, ist ohnehin eindeutig. Aber die Reproduktion der Plastik, die nur eine Ansicht wiedergeben kann, sollte doch den ergänzenden Hinweis veranlassen, daß bei wechselndem Standort des Betrachters das Verhältnis der Teile in stets anderen Konstellationen wahrgenommen wird. An der Kreisscheibe sind die Folgen einer geänderten Blickeinstellung besonders leicht plausibel zu machen - sie wird nur in der Aufsicht als das gesehen, was sie wirklich ist. Jede andere Sicht läßt sie als mehr oder weniger gestrecktes Oval erscheinen.

Was sich als Unterschied zwischen faktischem Bestand und wahrgenommener Wirkung für das Binnenverhältnis der Plastik beschreiben läßt, ereignet sich natürlich auch zwischen der Plastik und ihrem Außenraum, vorausgesetzt, daß man beide Bereiche überhaupt sinnvoll voneinander trennen kann. Abhängig sind die Fähigkeiten der Umraumgestaltung von der Ausbildung der Einzelelemente, ihrer Gerichtetheit, entscheidender jedoch ist die kompositionelle Verbindung der Einzelformen.

Ein geschlossener Kompositionszusammenhang läßt die Teile als miteinander eng verbunden erscheinen - die Wirkungstendenz über die Grenzen hinaus bleibt gering. Eine einfache, etwa serielle Reihung beläßt den Elementen, die das Umfeld abstecken, die Selbständigkeit - die Wirkung jedoch als Wiederkehr des Gleichen ist vergleichsweise langweilig. Das Kompositionsprinzip von Hermanns, übrigens nicht nur in diesem Werk, ist weder von hierarchischer Geschlossenheit, noch von serieller Offenheit, es verbindet vielmehr die Vorstellung von Freiheit und Ordnung in einem prekären Gleichgewichtszustand der Teile. So wird das Innenverhältnis der Plastik nicht determiniert, und die Wirkung in den Außenbereich kann sich entfalten. Der Betrachter, der die raumgestaltenden Kräfte der Elemente in einem zeitlichen Nacheinander wahrnimmt, soll dem plastischen Dialog von Kreis und Zylinder als Dritter im Bunde möglichst ungehindert folgen können - deshalb ist nicht nur die Dimensionierung der Plastik auf die menschliche Größe bezogen, sondern vor allem auch die Bodenplatte als eingrenzender Sockel im Unterschied zu voraufgegangen Werken entfallen. In dieser Reduktion einschließlich aller Konsequenzen, die sich durch den Fortfall ergeben, liegt die Bedingung dafür, daß die von Hermanns als sein Ausstellungsbeitrag geschaffene Plastik wie ein (vorläufiges) Resümee des bisherigen Gesamteoeuvres erscheinen kann.

Jürgen Wißmann