Ein >Void-Stone< für Münster Das englische Wort »void« (leer/e/n) kann entweder ein Substantiv, ein Adjektiv oder eine Verbform (ein Imperativ, wenn es allein steht) sein, und in George Brechts >VOID-stones< erscheint es als alle drei gleichzeitig. Das Wort ist in einen Findling gemeißelt. George Brecht hat diesen Stein ausgesucht - und den Fotografien nach zu urteilen ist es ein sehr hübscher Stein vor einem sehr hübschen Hintergrund - genauso wie er das Wort ausgewählt hat, aber die eigentliche Steinmetzarbeit hat jemand anderes ausgeführt. Eine ganz besondere Note erhält das Wort VOID dadurch, daß es mit Buchstaben in den Stein buchstabiert ist, die Leerräume sind. Das ist ein typisches Beispiel für George Brechts Sparsamkeit in den Mitteln, für seinen Esprit, genauso wie seine Bronze-Skulptur des Wortes Bronze. Ich habe einen kleinen >VOID-stone<, eine Art Dreieck, ungefähr zehn cm lang, fünf cm oder so hoch und drei cm dick, der auf meinem Schreibtisch liegt und den ich ansehe, während ich schreibe. Ich entdecke, daß er sehr wirkungsvoll bei der Leerung der meisten Gedanken ist, die ich über >VOID-stones< zu formen versuche. Das ist ein bißchen ein Problem, aber ganz und gar kein unerfreuliches Problem. Er scheint mich genau in die Lage zu versetzen, in der ich bin. Meine Interaktion mit diesem Stein bringt mich auf bestimmte Gedanken, macht mir aber gleichzeitig auch bewußt, daß ich fühle, wie unwichtig sie sind. Der VOlD-stone selbst jedoch kommt mir nicht unwichtig vor. Die meisten von uns denken mehr, als für uns gut ist, wir bewegen die Wörter in unseren Köpfen mehr hin und her, als es einem Zweck dient, den wir grundsätzlich gutheißen können, oder der uns wirklich Spaß macht, oder uns wirkliche Ruhe gibt, irgendein wirkliches Verstehen, oder irgendeinen wirklichen Sinn des Lebens. Jetzt bin ich von meinem >VOID-stone< auf meinen Sinn des Lebens gekommen, was als eine Annäherung an den Kern der Dinge zählen kann, da jeder einzelne von uns eine Vervollständigung dieser Arbeit ist. Sie in Ihrer Zeit und in Ihrem Raum, ich in meiner Zeit und in meinem Raum. Ein VOlD-stone in einer Leere würde schließlich nicht viel Sinn machen. Eine der Sachen, die mir an diesem VOlD-stone gefallen, ist seine Geduld. Er scheint dazusitzen und auf mich zu warten; darauf zu warten, daß sich meine Gedanken und Gefühle klären; oder mir irgendwie zu sagen, daß ich selbst darauf warten kann, daß sich meine Gedanken und Gefühle klären. Er bringt mich auf freundlichere, tolerantere Begriffe für meine Unwissenheit, und er macht mich irgendwie weniger nachsichtig gegenüber meinem Hang, meine Unwissenheit zu leugnen. Ich stelle mir vor, daß es mehr gibt, was man mit diesem VOlD-stone tun könnte, als ich tatsächlich tue, mehr, was ein erleuchteterer Geist mit ihm tun könnte, aber es scheint mir langsam angebracht, meine Fantasien darüber, was dieses mehr sein könnte, aufzugeben. Wie ich bereits sagte, dieser VOlD-stone scheint mich genau in die Lage zu versetzen, in der ich bin. Vielleicht sollte ich jetzt die allererste Aussage, daß das englische Wort void entweder ein Substantiv, ein Adjektiv oder ein Verb sein kann, und daß es in George Brechts VOlD-stones alles drei gleichzeitig ist, leeren. Ich sehe meinen VOlD-stone an und lese das Wort, und es ist einfach ein Klang: ein gedachter Klang im Innenohr, der eine vage Idee von Leere in sich trägt, die in keiner Weise verstärkt, geklärt, umschrieben, fokussiert oder volltönender wird durch irgend etwas, was ich über Grammatik sagen kann. Ich entdecke, daß ich unfähig bin, dieses verschwommene Gefühl von Leere zu irgendeiner folgerichtigen Aussage zu erheben, sie sich mit der primären Leere oder der finalen Leere oder der omnipräsenten Leere befassen könnte. Das ist etwas, wovon ich absolut nichts weiß, etwas, das völlig jenseits meiner Erfahrung liegt, zu groß ist für mein intuitives Auffassungsvermögen. Die Handfestigkeit des Steins - seine Farbe, seine Form, seine Größe, seine Kühle, die Art, wie er sich anfühlt, wenn ich ihn berühre - unterstreicht meine Unfähigkeit, irgend etwas über sein Gegenteil zu sagen. Es ist fast so, als ob ich selbst dieser erdgebundene Stein wäre. Auch kann ich keine großen Fortschritte machen, indem ich mir vorstelle, daß das irgendwie Leeren dieses Steins eine Tätigkeit ist, die auszuführen ich gefragt, aufgefordert oder ermutigt worden bin. Ich wüßte nicht, wo oder wie anfangen. Und kann ich irgend etwas mit der Vorstellung anfangen, daß dieser Stein irgendwie leer, irgendwie hohl ist? Jetzt habe ich wieder das Wort Vorstellung benutzt, und ich stelle fest, daß eines meiner hartnäckigsten Gefühle gegenüber diesem Stein ist, daß er von mir fordert, daß ich zu ihm Beziehung aufnehme und zwar nicht in Form von Vorstellungen, sondern in Form von Wahrnehmungen. Es scheint so viel zu geben, was ich leeren muß in meinem Versuch, mich mit diesem VOlD-stone zu beschäftigen. Ich blättere im Buch des Tao und finde eine Menge guter Ratschläge, aber es scheint mir nicht richtig, zu versuchen, irgendeine spezielle Unterstützung in den berühmten Versen zu finden, die mir sagen, daß wir wie Wagenräder sind, wegen des Teiles in der Mitte, wo es nichts gibt, daß das Wesentliche einer Vase ihre Hohlheit ist, und daß Zimmer nach den leeren Räumen von Fenstern verlangen. Es scheint mir passender, auf die Warnung zu hören: »Wenn Weisheit und Scharfsinn sich erheben, gibt es große Heuchler.« Eine Leere und ein Stein, ein Stein und eine Leere. Ich suche nach dieser Leere und finde sie nirgends, ich suche nach diesem Nirgends und finde es überall. Aber langsam entwickelt sich bei mir auch das Gefühl, daß der Stein nicht weniger gratis ist. Ich kann mir jede Menge Verwendungsmöglichkeiten für einen Stein vorstellen, jede Menge Dinge, die Sie oder ich oder irgend jemand sonst mit einem Stein tun kann, ich könnte die geologischen Prozesse studieren, die zu seiner Formation geführt haben, oder ich könnte seine chemischen Eigenschaften analysieren, oder seine physikalischen und schließlich atomaren und dann subatomaren Eigenschaften, und die Geschichte wäre endlos, und ich hätte immer noch niemandem erzählt, was das Allerwesentlichste an ihm ist. Ich verfolge ihn zurück zu dem Moment, wo ich mir vorstelle oder annehme oder ihm unterstelle, daß er sich von der Leere unterscheidet oder sich als mit der Leere zusammenhängend erweist, aber dieser Moment scheint nie einzutreten. Wo immer ich diesen Stein hintrage, er kommt um so unerklärlicher zurück. Nichts, was ich mit ihm machen kann, macht seine reine Existenz weniger unerklärlich. Ich suche nach dem Grund seiner Existenz und finde ihn genau da, wo ich die Leere finde - nämlich nirgends. Von Philosophen und Kosmologen weiß man, daß eine derartige Wahrnehmung sie verwirrt. Von Mystikern weiß man, daß sie sie anregend finden. Der Ton dieser Bemerkungen mag zum Teil von der Größe des >VOID stone<, den ich vor mir habe, abhängen. Ein >VOID-stone< von Taschen- oder Schreibtischformat ist so persönlich wie ein Lieblingsfüller, oder so vertraut wie der Schnappschuß eines Menschen, den man gerne ansieht. Man kann bei ihm mehr oder weniger endlos lange verweilen. Ein >VOID-stone< von der Größe eines Findlings in einem Park oder auf dem offenen Feld in Münster ist aber wohl doch anders: man trifft mehr oder weniger zufällig auf ihn, höchstwahrscheinlich in größeren Zeitabständen, und der Stein, das Wort, und all die möglichen Fragen, zu denen sie sich verschwören, sind draußen im Freien und Teil einer größeren Sinfonie; Gras und Sonnenschein, umstehende Bäume und Regen, Schnee und Winterkälte, der Frühling, der die Natur wieder aufweckt, der Herbst, der sie rot färbt, das unterschiedliche Licht zu verschiedenen Tageszeiten, wechselnde Schatten, die Stimmungen eines beliebigen Spaziergangs. Nach einer Weile werden auf ihm sicher an einigen Stellen Flechten und Moos gewachsen sein, und vielleicht werden Farne und Krokusse und Feldnarzissen in der Feuchtigkeit sprießen, die sich in der Vertiefung sammelt, wo er leicht in der Erde versinkt. Von Zeit zu Zeit werden Leute auf ihm sitzen; Leute und halbzahme Stadtvögel und gelegentlich ein Eichhörnchen, und was gibt er für einen feinen Anschlag ab für Kinder, die Verstecken spielen. Und irgendwann, früher oder später, wird ihn sicher irgend jemand auch bei Mondlicht sehen. Henry Martin |