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Mitteilung vom 27.11.17

Presse-Infos | Soziales

Werden Wohnheime für behinderte Menschen jetzt abgeschafft?

Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember - Wie sich die Behindertenhilfe geändert hat

Bewertung:

Gespräch mit Matthias Münning, Sozialdezernent des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und Bundesvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft überörtlicher Sozialhilfeträger (BagüS)


Herr Münning, wie hat sich der Blick auf Menschen mit Behinderungen in den vergangenen Jahren bei Fachleuten und in der Gesellschaft geändert?

Menschen mit Behinderungen sind in den Medien präsenter als noch Anfang des Jahrhunderts. Zudem hat es einen Perspektivwechsel gegeben. Das beste Beispiel dafür ist die Aktion Sorgenkind. Sie hat sich im Jahr 2000 in Aktion Mensch umbenannt. Menschen mit Behinderung sind also nicht mehr in erster Linie das Objekt von Sorgen der Eltern und der Gesellschaft, sie sind zunächst mal Mensch. Sie wollen leben und teilhaben an der Gesellschaft, brauchen dafür aber auch in einem jeweils individuellen Ausmaß Unterstützung.

Ist unser Bild von behinderten Menschen jetzt näher an der Wirklichkeit?

Den einen Menschen mit Behinderung gibt es ja sowieso nicht. Menschen mit Behinderung sind so vielfältig wie alle anderen Menschen. Von der redegewandten jungen Akademikerin im Rollstuhl, die in TV-Shows ihre Position vertritt, bis zum schwer mehrfach beeinträchtigten Menschen, der umfangreiche Unterstützung auch bei einfacher alltäglicher Kommunikation benötigt. Oder denken Sie an die stark wachsende Gruppe der Menschen mit psychischen Erkrankungen und Beeinträchtigungen. Diese Menschen treten in der Öffentlichkeit so gut wie nie in Erscheinung. Häufig wollen sie gar nicht als Gruppe oder als behindert wahrgenommen werden.


Sie haben gerade eine Bilanz vorgelegt, wie sich auch die Wohnsituation von Menschen mit wesentlichen Behinderungen in den vergangenen 10 Jahren verändert hat. Was hat sich verändert?

Es gab in unserer Region, genau wie anderswo in Deutschland, sehr unterschiedliche Unterstützungsangebote: In einigen Städten lebten Anfang der Nuller Jahre schon viele Menschen mit Behinderungen in ihren eigenen vier Wänden, sei es allein oder in einer Wohngruppe. 30 Kilometer weiter dagegen konnte es sein, dass die einzige Alternative zum eigenen Elternhaus ein Wohnheim war, das weit entfernt liegt. Diese krassen Unterschiede haben wir ausgeglichen: Wohnten 2003 in Westfalen-Lippe noch 70 Prozent aller Menschen mit wesentlichen Behinderungen in Wohnheimen, sind es heute nur noch 43 Prozent. Zum Normalfall wird, dass auch der behinderte Mensch in seiner eigenen Wohnung lebt und die notwendige Unterstützung ambulant und bedarfsgerecht bekommt.

"Bedarfsgerecht", ist das denn nicht alles viel teurer?

Nein. Die passgenaue Hilfe zu leisten, ist nicht automatisch teurer. Im Gegenteil, es ist schlechter und teurer, Menschen nicht beim selbständigen Leben in der eigenen Wohnung zu unterstützen.

Fachleute sehen das neue Bundesteilhabegesetz als einen Wendepunkt. Danach wird zum Beispiel der Begriff des so genannten stationären Wohnens 2020 abgeschafft. In Westfalen-Lippe leben noch zirka 25.000 behinderte Menschen in Wohnheimen. Werden diese Wohnheime 2020 abgeschafft?

Nein, wir werden auch in Zukunft noch Wohnheime haben, allerdings weniger und anders und kleiner als heute. Änderungen im Hau-Ruck-Verfahren gehen schon deshalb nicht, weil jede Planung mit den betroffenen Menschen abzustimmen ist. Zudem sind Verträge einzuhalten, und mit den Finanzenressourcen muss auch schonend umgegangen werden. Rom ist nicht an einem Tag gebaut worden und die Behindertenhilfe in Westfalen wird nicht in drei Jahren vollständig umgebaut sein. Aber große Schritte sind getan und der weitere Weg ist vorgezeichnet.


Eine ausführliche Darstellung finden Sie hier:
http://www.lwl.org/bi-lwl/vo020.asp?VOLFDNR=7508

Die Entwicklungen in den Kreisen und kreisfreien Städten finden Sie als Anlage Nummer 3 hier:
http://www.lwl.org/bi-lwl/vo020.asp?VOLFDNR=7508



An einem Beispiel von Dirk Niemann wird in einem Film unter: https://www.video.lwl.org/soziales/ambulant-betreutes-wohnen_bielefeld gezeigt, wie dieses ambulante Betreuungskonzept funktioniert. Der 41-Jährige lebt in Bielefeld in seiner eigenen Wohnung und dort regelmäßig von seinem Betreuer besucht, der ihn auf Wunsch bei allen Alltagsaufgaben unterstützt und begleitet.



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org



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Warendorfer Straße 26-28
48145 Münster
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Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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