LWL-Newsroom

Mitteilung vom 19.06.17

Foto zur Mitteilung"Peles Empire" von Katharina Stöver und Barbara Wolff.
Foto: Brandes


Foto zur MitteilungAnnemarie Drerup ertastet die Skulptur.
Foto: Brandes


Foto zur MitteilungIm Foyer des LWL-Museums für Kunst und Kultur.
Foto: Brandes


Foto zur MitteilungEin Kaktus mit "Stacheln" aus Beton-Fäusten.
Foto: Brandes


Foto zur MitteilungMan kommt über die Skulptur miteinander ins Gespräch.
Foto: Brandes


Foto zur MitteilungIn der Elephant Lounge.
Foto: Brandes


Foto zur MitteilungAlle zusammen:
Acht Kunstinteressierte aus den Westfalenfleiß Werkstätten in Münster und die Kunstvermittler.
Foto: Brandes


Zum Herunterladen bitte mit der linken Maustaste auf das Foto klicken. Nachdem sich das neue Fenster geöffnet hat, bitte das Foto mit der rechten Maustaste speichern.

Die zum Download angebotenen Fotos dürfen nur mit Fotonachweis und gemeinsam mit der Pressemitteilung oder dem Thema verwendet werden, in deren Zusammenhang sie veröffentlicht wurden. Eine gesonderte Verwendung der Fotos ist nicht gestattet. Bei Ausstellungen ist die Reproduktion nur im Rahmen der aktuellen Berichterstattung zur Ausstellung erlaubt. Bei einer anderweitigen Nutzung sind Sie verpflichtet, selbständig die Fragen des Nutzungsrechts zu klären.

Presse-Infos | Kultur

"Kunst muss man nicht verstehen"

Touren für Menschen mit Behinderungen auf der Skulptur Projekte 2017

Bewertung:

Münster (lwl). Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bietet im Rahmen der Ausstellung Skulptur Projekte 2017 in Münster kostengünstige Rundgänge für Menschen mit Behinderungen an.

Acht Kunstinteressierte aus einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung (Westfalenfleiß Werkstätten in Münster) haben eine Tour getestet.

Die Gruppe steht vor einer etwa acht Meter hohen Fassaden-Hütte am Aegidimarkt in Münster. Die schwarz-weiße Front der Installation zeigt Teile eines Schlosses und Balken, die eine Mauer zu stützen scheinen. Auch ein Brunnen lässt sich erkennen. "Das sieht alles zerbombt aus, ganz kaputt und durcheinander", schildert Michael Angly seinen Eindruck der Skulptur von "Peles Empire". "Es erinnert mich an den im Krieg zerstörten Prinzipalmarkt in Münster", sagt der 53-Jährige Angly leise.

Michael Angly nimmt 2017 zum zweiten Mal an den Rundgängen für Menschen mit Behinderung teil. 2007 hatten der lernbehinderte Mann und seine Kollegen aus dem Westfalenfleiß Werkstattrat bereits an einer speziellen Führung teilgenommen. "Auch zehn Jahre später finde ich die Skulpturen wieder toll. Ich möchte noch viel mehr sehen", so Angly.

Die Interaktion zwischen Besuchern und Kunst stehe bei den Touren für Menschen mit Behinderung im Vordergrund, sagt Kunstvermittlerin Stephanie Sczepanek und regt die kleine Gruppe dazu an, die Skulptur "Peles Empire" auch zu ertasten. "Was denkt ihr, mit welchen Materialien die Künstlerinnen Katharina Stöver und Barbara Wolff gearbeitet haben? Kann man das fühlen?", fragt sie in die Runde. Annemarie Drerup beschreibt ihren Eindruck: "Es fühlt sich ganz glatt und weich an, ich stelle mir Kacheln vor." Drerup ist seit ihrer Kindheit erblindet und auf eine Assistenzkraft angewiesen, die sie im Alltag begleitet. "Ich ertaste hier Puzzleteile, die sich wie ein Gebäude zusammensetzen könnten. Ich könnte mir vorstellen, dass es Marmor darstellen soll", sagt die 58-Jährige. Damit beschreibt sie auch die Idee des Künstlerinnen-Duos, weiß Kunstvermittlerin Sczepanek: "Die Farben der Skulptur sind schwarz-weiß gehalten, weil sie der Farbe von Marmor ähneln sollen. Dadurch soll der Eindruck entstehen, man stehe vor einem zerstörten Schloss".

Die Kunstvermittler möchten die Kunstwerke bei den Rundgängen für Menschen mit Behinderung verständlich machen. Deswegen ermuntern sie die Besucher mit Fragen und Hinweisen dazu, über die Skulptur miteinander ins Gespräch zu kommen.

So auch an der nächsten Station im LWL-Museum für Kunst und Kultur, wo die Gruppe in einem großen, mit Plastikplanen ausgelegtem Foyer steht. Auf dem Boden liegen herausgerissene Bücherseiten, Absperrbänder, Betonplatten und Luftballons. Ein Kaktus, dessen "Stacheln" aus Beton-Fäusten bestehen, ist ebenfalls Teil der Ausstellung. Michael Angly, der bereits seit 36 Jahren bei Westfalenfleiß arbeitet, teilt auch bei dem Kunstwerk "Tender, Tender" von Michael Dean seinen Eindruck mit der Gruppe: "Hier sieht es aus wie auf einer Baustelle", findet er.

Annemarie Drerup vermutet: "Wahrscheinlich sieht es aus wie Müll, ist aber Kunst." Sie versucht mit ihren Händen die Gegenstände aus Beton und Plastik zu ertasten.

Der Gehörlose Matthieu Walther zeigt währenddessen auf den Beton-Kaktus. Er formt mit seinen Lippen das Wort: "Garten und Beton" und macht die Geste einer Faust nach. Mario Schröer, der die Touren für Menschen mit Behinderung konzipiert hat, lächelt und sagt: "An dieser Stelle sehen wir, dass wir über die Kunst in ein Gespräch kommen, selbst wenn wir einander und das Kunstwerk vielleicht nicht verstehen oder sehen." Petra Hehmann vom Gesamtwerkstattrat hat dazu auch eine Meinung: "Wenn wir Kunst verstehen würden, dann wäre es ja langweilig. Das soll bestimmt so sein, damit wir miteinander diskutieren."

Die Rundgänge für Menschen mit Behinderungen führen zu Skulpturen, die in der Nähe des Museums in Münster liegen. In der Disco "Elephant Lounge" am Roggenmarkt hat zum Beispiel das in Brasilien lebende Künstlerduo Bárbara Wagner und Benjamin de Burca eins der insgesamt 35 Kunstwerke installiert. Unter dem Thema "Bye, bye Deutschland. Eine Lebensmelodie" stehen in dem kleinen, dunklen Tanzraum der Disco das Hören und Riechen im Vordergrund.

Schon von Weitem hört man laute Musik, die die Besucher zum Tanzen einladen soll. "Wer Schlagermusik mag, kann sich hier bewegen, so viel er möchte", ermutigt Kunstvermittlerin Stephanie Sczepanek. Auf einem großen Bildschirm sind Musikvideos der Coversänger Stefani Teumner und Markus Sparfeldt aus Münster zu sehen. Sie singen Lieder von Udo Jürgens und Helene Fischer nach. "Ich mag Schlager, aber hier riecht es nach Bier, kaltem Rauch und Putzmitteln", beschreibt Annemarie Drerup ihren Eindruck von dem Kunstprojekt. Petra Hehmann bewegt sich hingegen zum Takt der Musik: "Tanzen ist Energie. Tanzen ist Leben", findet sie.

Für Michael Angly hat sich die Tour in diesem Jahr wieder gelohnt: "Hoffentlich kann ich auch in zehn Jahren noch einmal bei einer Führung mitmachen", sagt er. Interessant dabei sei für ihn, die Bedeutung auch durch andere Sinne zu erfahren: "Ich fasse die Skulpturen gerne mal an. So kann ich verstehen, wie sie meine Kollegen fühlen."


Hintergrund:
Die Ausstellung lädt seit 1977 im zehnjährigen Rhythmus Künstler aus aller Welt ein, ihre Werke in der Stadt entstehen zu lassen. Münster ist so zu einer internationalen Referenzadresse für zeitgenössische Kunst im öffentlichen Außenraum geworden. Der LWL übernimmt für barrierefreie Gruppentouren die Hälfte der Kosten. Eine Gruppe von bis zu 16 Personen mit Behinderung zahlt für eine zweistündige Tour also 90 statt 180 Euro. Für einzelne Besucher mit Behinderung bietet der LWL kostenfreie Touren an verschiedenen Sonntagen an.

Vier verschiedene Touren richten sich bis zum 1. Oktober insbesondere an Gruppen von Menschen mit Geh-, Hör- und Sehbehinderung sowie an Menschen mit seelischer oder geistiger Behinderung. Beim Hören oder Ertasten der Kunstwerke sollen sich alle Besucher ihren eigenen Zugang zur Kunst verschaffen. Besonders geschulte Kräfte begleiten die zweistündigen Kunst-Erkundungen.

Träger der Ausstellung sind der LWL und die Stadt Münster. Veranstalter ist das LWL-Museum für Kunst und Kultur in Münster.

Weitere Informationen unter:
https://www.lwl-sp17.de



Pressekontakt:
Frank Tafertshofer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org




Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


Der LWL auf Facebook:
http://www.facebook.com/LWL2.0






Ihr Kommentar




zur Druckansicht dieser Seite

zu den aktuellen Presse-Infos