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Presse-Infos | Soziales

Mitteilung vom 23.02.12

Fehlerquote null Prozent
Firma in Bocholt digitalisiert Akten und ermöglicht Rafa Lawah ein Arbeitsleben trotz einer schweren Behinderung

Bocholt (lwl). Büroklammern, Heftklammern und gelbe Klebezettel. Diese drei unscheinbaren kleinen Helferlein sind in den meisten Büros rund um den Globus zuhause. Taucht auch nur eines der drei Dinge vor Rafa Lawahs Augen auf, dann gibt's mehr Arbeit. Nicht nur für die 25-jährige Bocholterin - sondern gleich auch für ihre Kollegen in der Abteilung Dokumenten-Management-System. Denn Rafa Lawah scannt Akten ein, aber Scanner mögen keine Büro- und Heftklammern, wie es sie zuhauf in Akten gibt. Ihr Arbeitgeber ist die Personal- und Service-Agentur Bocholt Borken GmbH (PSA) in Bocholt, die Akten digitalisiert. PSA ist eines von 85 Integrationsunternehmen und -abteilungen, die sich am 22. März bei der LWL-Messe der Integrationsunternehmen in der Halle Münsterland in Münster präsentieren.

Berge von Zeichnungen, alte Rechnungen, Bestellungen, Angebote, Auftragsbestätigungen und so ungefähr alles andere, was auf Papier gedruckt wird, entreißt Rafa Lawah mit Maschinenhilfe und viel Geduld dem Vergessen. Für Unternehmen und Behörden scannt die junge Frau im Rollstuhl wichtige Unterlagen ein. Damit sind die Inhalte maschinenlesbar und digital verfügbar - wie demnächst die Bauakten der Stadt Bocholt.

Die Integrationsabteilung der PSA, die vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) unterstützt wird, beschäftigt elf Menschen mit Behinderung. Rafa Lawah zum Beispiel kann nicht laufen. "Schon immer", erzählt die gelernte Bürogehilfin. "Ich kenne es nicht anders." Sie lacht und zieht fast entschuldigend die Schultern hoch. "Ich bin mit dem Rolli aufgewachsen. Man geht damit um. Das ist für mich normal."

Ähnlich gelassen beschreibt Rafa Lawah gemeinsam mit ihrem Abteilungsleiter Dirk Fitscher, wie sie zusammen mit ihren zehn Kollegen Akten in ihre Einzelteile zerlegt, Seite für Seite säuberlich sortiert. Ihr Arbeitsplatz ist dabei nicht nur bei der PSA im Gewerbegebiet, sondern auch im Bocholter Rathaus. Dort sichten sie zu fünft die Akten des städtischen Bauamts, bereiten sie zum Scannen vor. "Und das", sagt sie, "macht mir Spaß".

Seite für Seite schauen sich die Kollegen anschließend die Seiten-Scans an, vergleichen sie mit dem Original. Wenn alles richtig eingelesen ist, bauen sie die Akte wieder zusammen, kleben die Klebezettel genau dorthin, wo sie vor dem Scan pappten. Und die nun digitalen Inhalte werden auf eine CD, DVD oder Blu-ray gebrannt und gehen zusammen mit der Original-Akte an den Auftraggeber. "Fehlerquote null Prozent", sagt Dirk Fitscher.

Arbeitssuche
Fünf Tage die Woche arbeitet Rafa Lawah, mit Pausen unter dem Strich 5,25 Stunden pro Tag. Mehr schafft sie wegen ihrer Behinderung nicht, erzählt sie. Sie freute sich über ihren Arbeitsplatz. Denn mit der Behinderung passende Arbeit zu finden, "ist nicht so ganz einfach im Raum Bocholt". Das hat sie in dem einen Jahr nach dem Ende ihrer dreijährigen Lehre im Berufsbildungswerk im westmünsterländischen Maria Veen gemerkt. Da war sie offiziell "arbeitssuchend" gemeldet, wohnte bei den Eltern - und wusste nicht, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte.

Bis zum Anruf vom Bocholter Integrationsfachdienst, der fragte, "ob ich Interesse habe." Natürlich hatte sie Interesse. Sofort. Auch wenn sie sich in die Welt der Scanner noch einarbeiten musste. Erst gab es ein Praktikum, "um langsam reinzukommen". Sie wurde übernommen.

Fester Job
"Ich kenne mich mit Bürotätigkeiten ziemlich gut aus", sagt sie heute selbstbewusst. Das haben ihr auch die drei Jahre Arbeit bestätigt. "Ich habe heute einen festen Job ", sagt Rafa Lawah und es klingt, als ob sie von etwas Kostbarem erzählt. "Ich kann jeden Morgen aufstehen und was Sinnvolles machen."

Rafa Lawah führt heute als Mensch mit einer schweren Behinderung ein selbstständiges Leben. Sie fährt mit einem Auto selbst zur Arbeit. Jeden Dienstag trainiert sie ihr Englisch an der Volkshochschule. Und die junge Bocholterin kann allein leben. Auch das hat ihr der Job bei DMS ermöglicht: Seit einem halben Jahr hat sie eine eigene, auf ihre Behinderung zugeschnittene Wohnung in Bocholt. Eine Rampe vor der Tür und genug Platz zum Rangieren mit dem Rollstuhl. Nur einmal in der Woche kommt eine Helferin für drei Stunden. "Den Rest mache ich selbst", sagt sie.

Hintergrund
In 113 Integrationsunternehmen in Westfalen-Lippe arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung zusammen. Die Firmen sorgen für Inklusion im Arbeitsleben, müssen sich auf dem freien Markt beweisen - und sind im Schnitt um die Hälfte kostengünstiger als die Plätze in den Werkstätten für Menschen mit Behinderungen. 85 dieser Firmen, die der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) bei ihrer Arbeit unterstützt, präsentieren sich am 22. März bei der LWL-Messe der Integrationsunternehmen in der Halle Münsterland in Münster. Unter dem Motto "Unternehmen tun Gutes! - inklusiv arbeiten" zeigen die Aussteller, was sie leisten. Die Integrationsbetriebe arbeiten in Industrie, Handwerk und Handel - mit einer erstaunlichen Vielfalt an Produkten und Dienstleistungen. Supermärkte, Gartenbaubetriebe, Hotels, Cafés, Radstationen und ein Golfplatz werden von Belegschaften betrieben, in denen Menschen mit Behinderungen arbeiten. Und sogar eine Brauerei. Workshops, Vorträge und Gesprächsrunden ergänzen die Leistungsschau. Dort können sich auch interessierte Industrie-Unternehmen, Handwerksbetriebe und Gründer informieren, wie sie Arbeitsplätze für Menschen mit einem Handicap schaffen können und wer ihnen dabei hilft. Die Messe steht allen Interessierten von 9 bis 18 Uhr offen, der Eintritt ist frei.

Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.



Foto zur Mitteilung
Scanner mögen keine Büroklammern, deshalb muss Rafa Lawah die Akten vor dem Scannen auseinandernehmen.
Foto: LWL/Arendt


Foto zur Mitteilung
Seite für Seite scannt Rafa Lawah wichtige Unterlagen ein und macht sie so maschinenlesbar.
Foto: LWL/Arendt


Foto zur Mitteilung
Ihr fester Job ist für die junge Frau etwas ganz Besonderes.
Foto: LWL/Arendt



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