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Presse-Infos | Kultur

Mitteilung vom 09.12.11

"1968" in der Provinz
LWL und Stadt präsentieren Filmaufnahmen aus Münsters wilden Jahren

Münster (lwl). "1968", dieses Datum steht heute für einen breiten gesellschaftlichen Um- und Aufbruch, der auch in Westfalen die Welt tiefgreifend veränderte. Eine neue DVD des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) und der Stadt Münster macht die Zeit von Hippielook und Minirock, Beatmusik und Studentenprotesten jetzt wieder lebendig. Drei historische Filmdokumente zeigen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven, welche Wirkung die "68er" im angeblich so beschaulichen Münster hatten.

Unter dem Titel "Zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Erinnerungen aus einer Stadt im Krieg" ging der Journalist Olrik Breckoff in einem im September 1969 ausgestrahlten Fernsehfilm der Frage nach, wie die Münsteraner das "Dritte Reich" erlebt hatten und wie sie damit in der Gegenwart des Jahres 1969 umgingen. Zwei sehr unterschiedliche Filmdokumente ergänzen die DVD, die das LWL-Medienzentrum für Westfalen und der Geschichtsort Villa ten Hompel gemeinsam konzipiert haben: Hans Stelzig filmte mit einer Amateurfilmkamera sein ganz normales Studentenleben an der Pädagogischen Hochschule, im Studentenwohnheim, in der Mensa und am Aasee. Ganz anders hingegen der 16mm-Film InterACT!on von Christoph Busch und Karl-Dietmar Möller. Mit den studentischen Protestaktionen anlässlich der Grundsteinlegung zum Kleinen Haus des Stadttheaters dokumentiert er u.a. eine der spektakulärsten Protestaktionen der Jahre 1968/69 in Münster.

Am Donnerstag, den 15. Dezember um 19.30 Uhr wird die neue DVD im Theaterfoyer der Städtischen Bühnen Münster (Neubrückenstraße 63) erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Podiumsdiskussion mit Münsters Kulturdezernentin Dr. Andrea Hanke, dem Regisseur Christoph Busch, dem Schauspieler Hannes Demming und dem Historiker Prof. Dr. Thomas Großbölting ergänzt die Filmpräsentation.

Der Eintritt ist frei.

Die DVD kann ab dem 16.12. für 14,90 € direkt beim LWL-Medienzentrum (Telefon: 0251 591-3902, medienzentrum@lwl.org) oder über den Buchhandel erworben werden

Hintergrund:

"Hier denkt man konservativ; Sonntags geht man in die Kirche; Ruhe und Ordnung sind hier hochgeschätzt", mit diesen Sätzen beginnt die Dokumentation "Zwischen Kreuz und Hakenkreuz. Erinnerungen an eine Stadt im Krieg", die Münster am Abend des 22. September 1969 für eine Stunde lang in den Blickpunkt der deutschen Fernsehnation rückte.
In einer Collage aus Interviews und aktuellen Stadtaufnahmen mit historischen Film- und Fotodokumenten porträtierte der zu jener Zeit sehr bekannte WDR-Fernsehjournalist Olrik Breckoff (1929-2006) die westfälische Hauptstadt und ihre Bewohner zwischen "Krieg der Väter und Protest der Söhne". Dabei ließ Breckoff frühere lokale NS-Funktionäre genauso zu Wort kommen wie eine jüdische Holocaust-Überlebende, ehemalige Soldaten ebenso wie Angehörige der jungen Generation, die den Krieg nur aus Erzählungen ihrer Eltern und Großeltern kannten. Im Ergebnis präsentierte der Autor eine assoziative und streckenweise polemische, aber scharfsinnige Momentaufnahme einer Stadtgesellschaft, die sich fast 25 Jahre nach Kriegsende noch sehr schwer mit einer Aufarbeitung der Lokalgeschichte jener zwölf braunen Jahre tat.

"Heute" - meint der Leiter des LWL-Medienzentrums für Westfalen Dr. Markus Köster - "ist das eigenwillige Feature von Olrik Breckoff für Münster gleich in doppelter Hinsicht ein wertvolles Zeitdokument: zum einen für die Jahre 1939 bis 1945, die es in einer Reihe von Zeitzeugenaussagen und auch seltenen Originalaufnahmen lebendig macht, zum anderen für jene ausgehenden 1960er Jahre, die sich im öffentlichen Geschichtsbewusstsein unter der symbolischen Jahreszahl 1968 vor allem mit der Studentenbewegung und ihren tiefgreifenden gesellschaftlichen Folgen verbinden."

Wie "bewegt" oder "nicht bewegt" ein Student jener Jahre war, hing wohl stark von seiner Vorprägung und seinem Umfeld ab. Das illustrieren die beiden anderen Filmdokumente der neuen DVD, die beide fast zeitgleich von münsterischen Studenten gedreht wurden: Während der angehende Lehrer Hans Stelzig mit seiner 8mm-Kamera vor allem den weitgehend unpolitischen Hochschulalltag an der PH festhielt, drehten Christoph Busch und Karl-Dietmar Möller einen experimentellen 16mm-Agitpropfilm, der schon durch seine Machart eine Provokation war. Unter dem Titel "InterACT!on" schaffte der knapp 20-minütige Film es 1970 immerhin zu den Westdeutschen Kurzfilmtagen nach Oberhausen. "Er verweist auf ein Stück studentischer Gegenöffentlichkeit in der Region, das sich unter anderem in der Konfrontation mit der NS-Vergangenheit und einer expressiven Sexualität spiegelte", urteilt Köster.

"Auch unter den münsterischen Studenten war schon seit 1967 Protest angesagt", ergänzt Christoph Spieker, Leiter der Villa ten Hompel, der gemeinsam mit Köster die DVD konzipiert hat. Selbst das "Wohnzimmer Westfalens", der Prinzipalmarkt, wurde am 22. Januar 1969 Schauplatz einer Großdemonstration, als Bundeskanzler Kiesinger das traditionelle Kramermahl eröffnete. Mit der "Schlacht um das Fürstenberghaus" am 6. Juni 1969 und dem Happening bei der Grundsteinlegung zum Kleinen Haus der Städtischen Bühnen nur vier Tage später erreichten die Proteste weitere Höhepunkte. Beide werden im Film von Busch und Möller aufgegriffen. "Gemeinsam zeigen die drei Filme der DVD, wie die "68er" auch in der westfälischen Provinz die heile bürgerliche Welt ins Wanken brachten - ohne sie freilich einstürzen zu lassen", meint Spieker.

Mit der DVD " Münster 1968. Vom Krieg der Väter zum Protest der Söhne" machen das LWL-Medienzentrum für Westfalen und der Geschichtsort Villa ten Hompel alle drei Filme gemeinsam zugänglich. Eine Ergänzung finden die drei Filmdokumente in Interviews mit den Filmemachern Christoph Busch und Hans Stelzig sowie dem Zeithistoriker Prof. Dr. Thomas Großbölting. Er erläutert, welchen "Ort" Breckoffs Film in der Auseinandersetzung der Nachkriegsgesellschaft mit der NS-Zeit einnahm und leuchtet zugleich präzise den gesellschaftsgeschichtlichen Kontext der "68er" aus.

Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.



Foto zur Mitteilung
„Münster 1968. Vom Krieg der Väter zum Protest der Söhne“ – Die neue DVD des LWL-Medienzentrums und der Villa ten Hompel.
Foto: LWL


Foto zur Mitteilung
Kollektives Kartoffelschälen in der Mensa – aus dem Film „Studentenleben an der PH Münster“.
Repro: LWL


Foto zur Mitteilung
3. „Über einige, die sich auszogen, das Fürchten zu verlernen“ – aus dem Film „InterACT!on“ von Christoph Busch und Dietmar Möller.
Repro: LWL


Foto zur Mitteilung
„Hier denkt man konservativ; Sonntags geht man in die Kirche“ – aus dem Film „Zwischen Kreuz und Hakenkreuz“ von Olrik Breckoff.
Repro: LWL



Die gezeigten Fotos stehen im Presseforum des Landschaftsverbandes zum Download bereit.



Das Presseforum des Landschaftsverbandes im Internet: http://www.lwl.org/pressemitteilungen