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Presse-Infos | Soziales

Mitteilung vom 03.11.08

LWL-Themenvorschlag: Familienglück im Unglück
LWL sorgt dafür, dass gelähmte Frau zu Hause leben kann

Bochum/Münster (lwl). Der Silversternachmittag 2005 hat das Leben von Silvia Palmowski völlig verändert: Aus kurzer Entfernung hat ein pensionierter Polizist ihr in den Nacken geschossen. Seitdem ist die zweifache Mutter vom Kopf an querschnittsgelähmt. Durch die Unterstützung des Land-schaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) kann sie, statt in einem Pflegeheim, zu Hause bei ihrer Familie leben.

Als Raimund Palmowski am Silvesternachmittag 2005 ein Knallen hört, ist er sofort alarmiert. Schnell kracht es noch zwei Mal. Der heute 41-Jährige rennt aus dem Haus und sieht seine Frau links neben der Haustür liegen. Daneben sitzt der Mieter der Palmowskis. Er lehnt an der Hauswand, sein Kopf ist nach unten gesunken. Die Pistole hat er noch in der Hand. Mit ihr hat er Silvia Palmowski aus kurzer Entfernung von hinten in den Nacken und sich selbst danach in den Kopf geschossen. Die heute 36-Jährige wird in die Klinik gefahren, die Ärzte geben ihr nur noch wenige Stunden.

Die Mediziner irren. Silvia Palmowski liegt zwar fünf Monate im Koma. Sie ist vom Hals ab querschnittsgelähmt, kann Arme und Beine nicht mehr bewegen, nicht alleine atmen, essen und trinken. Aber sie lebt, und das ist für die Bochumer Familie immens wichtig. Vor allem, weil sie im Gegensatz zu vielen anderen hochgradig pflegebedürftigen Menschen zu Hause wohnen kann. Und das ist für die Familie ein kleines Wunder. "Uns war von Anfang an klar, dass wir sie hier bei uns haben möchten", sagt Raimund Palmowski, ein stiller, kräftiger Mann, der anpacken kann.

Die Alternative wäre ein Pflegeheim gewesen. "Das hätte vielleicht eine Zeit lang funktioniert, aber die Familie hätte sich bestimmt voneinander entfremdet", sagt der Drucker, der seit der Tat nur noch in der Nachtschicht arbeitet, um für seine Frau und die Kinder tagsüber da sein zu können. Die Familie leidet immer noch unter dem für sie unverständlichen Anschlag - mit dem Mieter, der wenige Wochen nach der Tat stirbt, gab es keinen Streit; nichts deutete auf das Verbrechen hin. "Der hatte wohl psychische Probleme", erzählt Raimund Palmowski, "und er hatte einen Abschiedsbrief in seiner Tasche".

Intensiv-Medizin
Die Palmowskis versuchen, das Beste aus der Situation zu machen. Silvia Palmowski hat ein großes Schlafzimmer, das mit hellen Möbeln, Kinderzeichnungen, Blumen und Bildern eingerichtet ist. Zudem steht die komplette Einrichtung einer Intensivstation im Raum. "Krankenschwestern und Pflegerinnen versorgen sie im Schichtdienst rund um die Uhr", erklärt Krankenschwester Sanne Vogel, die mit der Patientin arbeitet, seitdem diese aus dem Krankenhaus gekommen ist. Die Pflegerinnen sorgen dafür, dass die Beatmungstechnik funktioniert, saugen Schleim aus den Atemwegen ab, lagern die Patientin regelmäßig um, waschen sie und reichen ihr jede Mahlzeit und jedes Getränk.

Drei Abteilungen des LWL unterstützen die Familie. Der Ingenieur-Fachdienst des LWL-Integrationsamtes Westfalen beriet die Palmowskis, wie das Haus behinderungsgerecht umgebaut werden könnte. Die LWL-Hauptfürsorgestelle stellte einen Zuschuss bereit, um die häusliche Intensivpflege zu ermöglichen. Das LWL-Versorgungsamt zahlt die Opferrente und den Pflegedienst - außerdem wurden Hilfsmittel wie ein Stehbett, eine Duschliege oder ein Pflegerollstuhl angeschafft. "Das mag sich im ersten Moment immens anhören", berichtet Udo Bäcker. "Aber wir sorgen dafür, dass eine Familie weiter funktionieren kann, was gar nicht hoch genug einzuschätzen ist." Der Mitarbeiter des LWL-Versorgungsamts betreute von Anfang an den Fall, den er zunächst eingehend mit einem Arzt begutachtet hat. "Ich habe damals einen Hausbesuch gemacht, um einschätzen zu können, ob die Familie die Pflege zu Hause auch leisten kann", schildert er das Vorgehen. "Darüber hinaus musste natürlich die medizinische Versorgung sichergestellt sein."

Familie funktioniert
Wie gut die Familie trotz der Belastung funktioniert, sieht man, wenn morgens die 14-jährige Tochter Tiara zur Mutter hineinstürmt, um sich für den Tag fertigzumachen. "Ich gebe ihr manchmal Schminktipps oder sie stellt sich vor mich und fragt, wie ihre Ohrringe wirken", erzählt Silvia Palmowski, die wieder mit leiser Stimme sprechen kann. "Oder Tobias kommt einfach reingelaufen und wirft sich zu mir aufs Bett, um zu schmusen", berichtet sie von ihrem sechsjährigen Sohn.

Die positive Entwicklung der Patientin liegt vor allem an der Pflege zu Hause im Kreise der Familie, ist sich Sanne Vogel sicher. "Wir können uns viel intensiver um sie kümmern als unsere Kolleginnen in den Pflegeheimen es könnten", sagt die Krankenschwester. Mittlerweile kann Silvia Palmowski sogar per Mundsteuerung ihr Fernsehprogramm selbst aussuchen und lauter und leiser stellen, im Internet surfen oder telefonieren.

Von Normalität zu sprechen, ist im Fall von Silvia Palmowski sicherlich falsch. Dafür sind die Tat und die Folgen zu präsent. Wenn die Palmowskis aber zusammen Kaffee trinken, spürt man zumindest, dass sich ein gewisser Alltag entwickelt hat - und das ist nach dem schrecklichen Geschehen schon viel.

Zum Thema:
Das LWL-Versorgungsamt legt wie im Fall der Familie Palmowski bei der Opferbetreuung viel Wert auf die gute Zusammenarbeit mit dem Weissen Ring. Die Organisation hilft zum Beispiel Gewaltopfern dabei, ihre Ansprüche nach dem Opferentschädigungsgesetz geltend zu machen, betreut sie nach der Tat und begleitet sie im Gerichtsverfahren. Aufgrund der guten Erfahrungen vereinbarten LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch, Karl-Heinz Braun, Landesvorsitzender des Weissen Rings Westfalen, und Paul Griestop, Leiter des LWL-Versorgungsamtes Westfalen, die enge Kooperation zu intensivieren. Seitdem die rund 200 Mitarbeiter der ehemaligen fünf Versorgungsämter in Münster, Soest, Dortmund, Bielefeld und Gelsenkirchen in Diensten des LWL stehen, hat der Weisse Ring zudem nur noch einen festen Ansprechpartner für ganz Westfalen. Das LWL-Versorgungsamt ist neben den Gewaltopfern auch für über 38.000 Kriegsopfer sowie ihre Hinterbliebenen aus ganz Westfalen-Lippe zuständig, etwa in Fragen der Renten sowie der Heil- und Krankenhausbehandlung. Hinzu kommen rund 4.400 Wehr- und Zivildienstleistende und Impfgeschädigte, die einen Anspruch auf Hilfe haben.

Mehr Infos: http://www.lwl-versorgungsamt.de

Pressekontakt:
Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235
presse@lwl.org



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 106 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.



Foto zur Mitteilung
Silvia Palmowski mit ihrem Sohn Tobias. Sie ist glücklich, zu Hause leben zu können.

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Sanne Vogel und andere Pflegerinnen betreuen die Patientin rund um die Uhr.

Foto zur Mitteilung
In Silvia Palmowskis Zimmer steht die komplette Einrichtung einer Intensivstation.
Fotos: LWL/Stephan Wieland



Die gezeigten Fotos stehen im Presseforum des Landschaftsverbandes zum Download bereit.



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