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Presse-Infos | Der LWL

Mitteilung vom 24.04.07

Von Schützen, Fliegern, Bräuten und Kamelreitern:
LWL-Ausstellung erklärt Fremdes und lässt Bekanntes in neuem Licht erscheinen

Werl (lwl). Der Begriff 'Ritual' klingt in westfälischen Ohren fremdartig und will so gar nicht zu dem Begriff 'Schützenfest' passen. Und doch haben der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) und der Verein Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung (ESE) ihrer gemeinsamen Wanderausstellung "Festliche Reise um die Welt" den Untertitel "Das Schützenfest und andere Rituale" gegeben. Im Mittelpunkt der Ausstellung, die durch acht westfälische Museen wandert, stehen vier zunächst unterschiedliche Feste aus vier Kontinenten: eine Hochzeit in Pakistan, das Festival de l'Air im nördlichen Niger, das mexikanische Fliegerspiel und eben das typisch westfälische Schützenfest. Erste Station der Ausstellung ist das Museum Forum der Völker in Werl (Kreis Soest), wo die Ausstellung in der Zeit vom 26. April bis zum 24. Juni zu sehen ist.

Die Ausstellung ist bewusst als eine Reise um die Welt inszeniert, deren letzte Station das Schützenfest in Westfalen ist. "Damit wollen wir bei den Besuchern ein Aha-Erlebnis auslösen. Was sie zunächst als fremd und exotisch sehen, nehmen sie nach dem Vergleich mit dem Schützenfest anders wahr. Und umgekehrt bekommen sie ganz neue Einblicke, wenn sie das vertraute Fest einmal gewissermaßen aus der Vogelperspektive wahrnehmen. Am Ende ist das Fremde nicht mehr so fremd und das Eigene nicht mehr so bekannt, wie es oft scheint. Damit wollen wir dazu beitragen, dass die Menschen offener werden im Zusammenleben mit anderen Kulturen", erklärt ESE-Ausstellungsmacherin Kerstin Brünenberg.

So unterschiedlich die vier Feste sind, die die Ausstellung anhand von Fotos, Festkleidung, einer Fliegerkappe, Schmuck und natürlich einer Schützenkönigskette sowie einem Schützenvogel vor Augen führt - dennoch haben sie viele Gemeinsamkeiten: "Die Feste unterbrechen den Alltag und verkehren ihn in sein Gegenteil, indem sie ihn durch rauschhafte Formen der Geselligkeit ersetzen. Die Feste schaffen Gemeinschaft, halten diese zusammen und festigen damit die Identität als Gruppe. Dabei geben immer wiederkehrende Riten Ordnung, Struktur und damit Sicherheit", fasst Brünenberg zusammen.

Welche - oft religiösen - Hintergründe ein Fest hat, wissen viele der Mitfeiernden überhaupt nicht: Das Fliegerspiel in Mexiko war ursprünglich eine Zeremonie, mit der die Feiernden um Regen gebeten haben. Mit der Kolonialisierung machten es die Spanier zu einem Bestandteil des christlichen Patronatsfestes, heute ist es in erster Linie eine Touristenattraktion wie Dr. Günter Bernhardt vom LWL-Museumsamt erklärt.

Umgekehrt war es beim noch recht jungen "Festival del l'Air" im nördlichen Niger: Das Fest wurde 2001 ins Leben gerufen, um Touristen in die abgelegene Wüstenregion zu locken. Innerhalb von wenigen Jahren ist daraus unabhängig vom Tourismus ein Kulturfest von Tuareg für Tuareg mit Kamelrennen, Musik und Tanz geworden. "Auf diese Weise festigt und stärkt das Fest die ethnische und regionale Identität der Tuareg", so Brünenberg. "Künstliche" Feste werden aber nicht nur als zusätzliche Attraktion in Touristenregionen kreiert: 1951 "erfand" der ehemalige lippische Landespräsident Heinrich Drake die "Lippischen Heimattage", um die Identität der Lipper zu stärken und die Integration der Flüchtlinge aus den ehemaligen Ostgebieten zu fördern.

Das westfälische Schützenfest wird häufig mit Biergelage und militärischem Auftreten in Verbindung gebracht, die historischen Hintergründe kennt kaum jemand. "Dass beim Schützenfest viel Bier getrunken wird, hat nicht in erster Linie mit der Feierlust der Westfalen zu tun. Bier war ursprünglich das einzig mögliche Festgetränk, da Wein zu teuer war und das Wasser nicht sauber und daher Träger vieler Krankheitserreger war", erklärt Brünenberg. Der militärische Charakter des Schützenfestes geht auf das Mittelalter und die frühe Neuzeit zurück, als es Aufgabe der Schützengesellschaften war, die Stadtmauern zu pflegen und zu verteidigen. Diese Aufgaben fielen zu Beginn des 18. Jahrhunderts weg, die militärischen Rollen blieben erhalten. Indem Kaiser Wilhelm II. sich gerne in Phantasieuniformen zeigte, trug er dazu bei, dass auch die Schützenbrüder uniformiert feierten. Der verbreiteten Verehrung und Imitation der Kaiserfamilie hat das Fest ein heute unabdingbares Element zu verdanken: den Schützenkönig samt Hofstaat. Und hier kommen die Frauen ins Spiel, die laut Brünenberg nicht nur eine "dekorative Funktion" hatten, sondern für das Fest unentbehrlich wurden.

Solche ausgeprägten Rollen für Männer und Frauen gibt es nicht nur in Westfalen. In islamisch geprägten Kulturen ist der Mann beispielsweise für das Repräsentieren der Familien nach außen verantwortlich, während die Frau für Haushalt und Erziehung verantwortlich ist. In Pakistan bedeutet dies, dass Männer und Frauen bei Hochzeiten in getrennten Räumen feiern.

Zur Ausstellung bieten ESE und LWL Führungen und Vorträge sowie museumspädagogische Programme für Kinder an. Dabei lernen Kinder der 2. bis 4. sowie der 5. bis 7. Klasse die verschleierten Tuareg kennen, setzten sich mit dem Hochzeitsfest in Pakistan auseinander und vertiefen ihr Wissen über das Schützenfest in Deutschland.

Zur LWL-Wanderausstellung "Festliche Reise um die Welt" ist ein gleichnamiges Begleitbuch erschienen. Elf reich bebilderte Beiträge vertiefen die Ausstellungsinhalte. Hier wird die festliche Reise um die Welt mit Beispielen aus Gambia, New, York, Südindien, Indonesien und Ostwestfalen fortgesetzt. Scheinbar unterschiedliche Feste wie die Lippischen Heimattage, das muslimische Opferfest oder das südasiatische Lichterfest Dewali der tamilischen Mirgranten in Deutschland zeigen die Gemeinsamkeiten der Kulturen auf. Das Buch ist für 12,- Euro an der Museumskasse erhältlich oder kann unter wma.info@lwl.org bestellt werden.

Festliche Reise um die Welt
Das Schützenfest und andere Rituale

Eine Wanderausstellung des LWL-Museumsamtes für Westfalen und
von Ethnologie in Schule und Erwachsenenbildung
Museum Forum der Völker - Völkerkundemuseum der Franziskaner
Melsterstr. 15 in 59457 Werl
26.April bis 24. Juni 2007
geöffnet: dienstags - freitags 10 bis 12 Uhr und 14 bis 17 Uhr
samstags und sonntags 14 bis 17 Uhr
feiertags geschlossen

Weitere Ausstellungsstationen:
Karl-Pollender-Stadtmuseum Werne
1. Juli bis 19. August 2007

Stadtmuseum Münster
26. August bis 21. Oktober 2007

Gustav-Lübcke-Museum, Hamm
28. Oktober bis 9. Dezember 2007

Museum der Stadt Bad Berleburg
12. Dezember 2007 bis 10. Februar 2008

Stadtmuseum Bergkamen
17. Februar bis 13. April 2008

Kolvenburg, Billerbeck
20. April bis 15. Juni

Naturkunde-Museum, Bielefeld
22. Juni bis 17. August 2008

Pressekontakt:
Markus Fischer, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.



Foto zur Mitteilung
Zwei Bräutigame auf dem aufwändig geschmückten Hochzeitsthron. Aus Kostengründen werden im pakistanischen Balistan oft zwei Söhne gleichzeitig verheiratet.
Foto: Sandra de Vries


Foto zur Mitteilung
Porträt einer jungen Tuareg-Frau mit traditioneller,bestickter Bluse und Kopfschleier.
Foto: Ursula Kerner


Foto zur Mitteilung
Mit dem Kopf nach unten hängend drehen sich die voladores beim mexikanischen Fliegerfest um den Pfahl, bis sie den Boden erreichen. Foto: Ursula Bertels

Foto zur Mitteilung
Der Oberst und der Erste Adjutant schreiten die Kompanie der Junggesellen-Schützen Wettringen (Kreis Steinfurt) nach dem Kirchgang ab.
Foto: Engelbert Rauen



Die gezeigten Fotos stehen im Presseforum des Landschaftsverbandes zum Download bereit.



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