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Presse-Infos | Der LWL

Mitteilung vom 21.11.06

LWL-Experte zu Emsdettener Amok-Tat: "Vereinzelung nimmt dramatisch zu"

Prof. Dr. Georg Juckel (Foto) leitet das Bochumer Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Dort finden auch schwer traumatisierte Menschen Hilfe.

? Prof. Juckel, wie kann den Leidtragenden des Amoklaufs jetzt am besten geholfen werden?

Juckel:
Ganz im Vordergrund stehen stützende Gespräche, in denen Trost gegeben wird, aber auch die Hilfe bei der behutsamen Rückkehr zum Alltag, so dass der Fokus bei den Opfern nicht alleine nur auf dem schrecklichen Geschehen liegt. Für die Familie des Täters ist eine langfristige psychotherapeutische Begleitung anzuraten, in der die große ungeklärte Frage nach dem Warum, die Auslöser aber auch Selbstvorwürfe bearbeitet werden können.

? Was bringt einen jungen Menschen zu einer solchen Tat?

Juckel:
Es ist sicherlich so, dass hier die Medien in Form von Fernsehen und Kino, aber in den vergangenen Jahren immer stärker durch PC-Spiele, teilweise auch sehr aggressiver und sadistischer Natur, einen großen Einfluss haben. Die Verfügbarkeit von Waffen, die in Deutschland gewissermaßen auch gegeben ist, natürlich nicht vergleichbar wie in den USA, tritt noch hinzu. Das zugrunde Liegende ist jedoch das Bindungsverhalten bzw. in diesem Fall die Bindungslosigkeit. So genannte Frühstörungen mit einem narzisstischen, aber auch einem schizoiden Potential, d. h. einem großen Potential an Vereinzelung, haben in den vergangenen Jahren dramatisch zugenommen. Ein Hintergrund hierfür ist sicherlich die Veränderung der Familienstruktur, denken Sie an die hohe Scheidungsquote bzw. alleinerziehende Eltern oder so genannte Patchworkfamilien, was erheblich das Bindungsverhalten und die Bindung an primäre Bezugspersonen beeinflusst. Die soziale Struktur prägt gewissermaßen die psychische Struktur.

? Erfurt, Emsdetten - sind das Einzelfälle oder die Spitze eines Gewalt-Eisbergs?

Juckel:
Gewalt-Eisberg vermutlich eher nicht. Eher eine große Zunahme an Entfremdung, die in ihrer Größe und Bedeutung bislang wenig gesehen wird. Hinzu tritt, wie schon angesprochen, dass als primäre Bezugsperson weniger die Familie und andere "übergeordnete" Personen dienen, sondern die Freunde, Kumpels, die so genannten Peers. Hier spielen Klamotten, Musik, Vorbilder, z. B. aus den USA etc., eine große Rolle, jedoch ist hier die Verbindlichkeit der Beziehung deutlich geringer als in der "traditionellen" Familie.

? Wie kann man gegensteuern?

Juckel:
Wenn so genannte Medienverwahrlosung, die Vereinzelung und ein in sich gekehrtes Aggressionspotential zusammentreffen, kann eine explosive Mischung entstehen. Mitschüler oder Freunde gilt es hier zu ermutigen, nicht jemanden "zu verpfeifen" oder ähnliches, sondern ihm fürsorglich zu helfen, zum Beispiel indem man einmal dem Vertrauenslehrer einen Hinweis gibt oder anderen wichtigen Hilfe-Personen, das wäre ein großer Fortschritt. Die Vorbildfunktion von Familie, insbesondere von Vater und Mutter ist sicherlich ein ganz wesentlicher Punkt, indem diese vorsortieren, was für Kinder und Jugendliche vielleicht wichtig ist, Akzente und Werte setzen - es mag sehr konservativ klingen, alles scheint jedoch sehr wichtig zu sein. Die totale Freiheit ist, so glaube ich, doch eine sehr falsch verstandene Freiheit. Alles zu erlauben bedeutet auch Nivellierung aller Schranken und Grenzen.

? Welche Warnzeichen sind aus Ihrer Sicht zu beachten?

Juckel:
Warnzeichen sind sicherlich eine hohe Vereinzelung und Rückzug, dass jemand "als Sonderling" gilt in Schule, Ausbildung oder Freizeitbereich, dass hier vielleicht noch ein in sich gekehrtes hohes Aggressionspotential mit einer geringen Frustrationstoleranz spürbar wird. Aber ähnlich wie beim Selbstmord ist beim Amoklauf, der ja schlussendlich auch einen erweiterten Suizid darstellt, sehr häufig die vorherige Ankündigung von Belang. So auch in dem Fall in Emsdetten: Der Täter hatte auf seiner Homepage und auf Webseiten ausführlich über die von ihm phantasierten und wohl auch herbeigesehnten Dinge geschrieben. Solche Ankündigungen im Internet beispielsweise oder in anderer Form sollten ernst genommen werden und es sollte ihnen stärker hinterher gegangen werden.

Pressekontakt:
Karl G. Donath, Tel. 0251 591-235
presse@lwl.org



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Foto: LWL


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