LWL-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit

Mitteilung vom 15.03.12

Foto zur MitteilungStellten die Ausstellung Zwangsarbeit auf der Zeche Zollern vor: (v.l.) Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, Dr. Stefan Mühlhofer, Leiter der Gedenkstätte Steinwache der Stadt Dortmund, Kurator Rikola-Gunnar Lüttgenau von der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Martin Bock von der Stiftung EVZ.
Foto: LWL /Hudemann


Foto zur MitteilungFoto aus dem Lager für russische Kriegsgefangene sowie Ostarbeiter und Ostarbeiterinnen der Zeche Emscher-Lippe in Datteln, um 1942.
Foto: Stadtarchiv Datteln/ LWL-Medienzentrum


Foto zur MitteilungBarackenlager für russische Kriegsgefangene der Zeche Emscher-Lippe in Datteln, um 1942.
Foto: Stadtarchiv Datteln/ LWL-Medienzentrum


Foto zur MitteilungWasyl Oreschchuk aus der Ukraine kam als 17-jähriger Kriegsgefangener nach Dortmund und war 1943 und 1944 auf der Zeche Zollern als Schlepper unter Tage zur Zwangsarbeit eingesetzt.
Repro: LWL/Hudemann


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Presse-Infos | Kultur

"Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg"

Internationale Wanderausstellung macht Station in Dortmund

Bewertung:

Dortmund (lwl). Raymond Gros ist 20 Jahre alt, als er 1942 als Zwangsarbeiter zur Zeche Zollern kommt. 16 Monate fährt der Franzose als Schlepper unter Tage ein. Dann verhaftet ihn die Gestapo wegen Arbeitsverweigerung. Gros kommt in die Steinwache, von dort in das Konzentrationslager Wewelsburg. Nach dem Transport ins KZ Flossenbürg 1944 verlieren sich seine Spuren. Der junge Franzose ist einer von insgesamt 20 Millionen Männern, Frauen und Kindern, die während des Zweiten Weltkriegs als Fremdarbeiter, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge zur Arbeit in Deutschland oder in den besetzten Ländern gezwungen wurden. Die internationale Wanderausstellung "Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg", die ab dem 18. März 2012 im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern zu sehen ist, erzählt die Geschichte dieses Verbrechens.

Nach Stationen in Berlin und Moskau kommt die Schau der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, initiiert und gefördert von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ), nach Dortmund. Präsentiert von der Stadt Dortmund und dem Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) ist sie dort bis zum 30. September zu sehen.

"In der Rüstungsbetrieben und Bergwerken an der Ruhr wurden während des Zweiten Weltkrieges Hundertausende von Zwangsarbeitern ausgebeutet", sagte Museumsdirektor Dirk Zache am Donnerstag (15.3.). "Auch die Zeche Zollern hatte Anteil an dieser Erniedrigung und Vernichtung durch Arbeit. Hier waren mindestens 350 Ausländer im Einsatz. Zwei Barackenlager für sowjetische Kriegsgefangene standen auf unserem Gelände. Zwangsarbeit wird damit auch an diesem Ort greifbar", so Zache weiter. Als Träger des Industriemuseums, aber auch wegen seiner eigenen NS-Vergangenheit stehe der LWL in einer besonderen Verantwortung. Aktuelle Projekte und Publikationen zeigten, dass das Thema Zwangsarbeit in der Region derzeit vermehrt aufgegriffen wird. Zache: "Die Ausstellung kann und wird neue Impulse geben. Auch wir werden mit allen acht Orten an diesem Kapitel der Industriegeschichte weiterarbeiten."

Die Initiative, die Wanderausstellung nach Westfalen zu holen, ging von der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache der Stadt Dortmund aus. Oberbürgermeister Ullrich Sierau: "Das Wissen um die NS-Verbrechen ist eine Voraussetzung, um rechtsextremer Gesinnung entgegen zu wirken. Der Kampf gegen Rechtsextremismus steht ganz oben auf der städtischen Agenda. Deshalb begrüße ich, dass diese Ausstellung in unserer Stadt zu sehen ist." In Dortmund waren allein im Jahr 1943 nachweislich 30.000 Zwangsarbeiter im Einsatz. Sie waren in rund 300 Lagern, darunter einer Außenstelle des KZ Buchenwald, untergebracht. "Ich freue mich, dass wir mit Unterstützung Dritter jetzt unsere Kenntnisse durch einen Stadtplan erweitern können, der die früheren Unterkünfte und Arbeitsorte der Zwangsarbeiter in Dortmund zeigt", so Sierau weiter.

"Die NS-Zwangsarbeit war ein Verbrechen, das Menschen in ganz Europa zu Sklaven der deutschen Kriegs- und Wirtschaftsinteressen machte", stellte Martin Bock, von der Stiftung EVZ, heraus. "Anders als bei den Vernichtungslagern im Osten konnte die deutsche Bevölkerung nicht behaupten, sie habe von alledem nichts gewusst, denn das Unrecht geschah unter aller Augen. Dennoch wurde es im Nachhinein verleugnet oder als Begleiterscheinung von Krieg und Besatzungsherrschaft verharmlost. Was die Zwangsarbeit als Teil eines rassistischen Gesamtsystems für die Opfer bedeutete, wird in dieser Ausstellung sichtbar. Als internationale Wanderausstellung soll sie auch in jenen Ländern diskutiert werden, aus denen besonders viele Menschen deportiert wurden. Sie wird damit zu einem Element einer europäischen Erinnerungskultur und ist zugleich ein Beitrag zur Würdigung der ehemaligen Zwangsarbeiter."

"Besonderes Augenmerk legt die Ausstellung auf die Beziehungsgeschichte von Deutschen und Zwangsarbeitern", beschreibt der Kurator Rikola-Gunnar Lüttgenau die Blickrichtung der Schau. "Diese Geschichte lässt sich nicht auf eine kleine Gruppe von Funktionsträgern des Regimes eingrenzen. Jede Deutsche, jeder Deutsche musste sich entscheiden, wie sie, wie er Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern begegnete: mit einem Rest von Mitmenschlichkeit oder der angeblich gebotenen Kälte und Unerbittlichkeit des Angehörigen eines vermeintlich höherwertigen Volkes. Es gab Handlungsspielräume, und wie von diesen Gebrauch gemacht wurde, sagt nicht nur etwas über die Einzelnen aus, sondern auch über die Präge- und Anziehungskraft nationalsozialistischer Ideologie und Praxis. In dieser Perspektive geht die Ausstellung über die Geschichte der Zwangsarbeit im engeren Sinne hinaus und verdeutlicht, wie stark die deutsche Gesellschaft nationalsozialistisch durchdrungen wurde."

Die Ausstellung
Auf nahezu jeder Baustelle und jedem Bauernhof, in jedem Industriebetrieb und auch in Privathaushalten wurden während des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter ausgebeutet. Fast alle Deutschen begegneten Zwangsarbeitern, viele profitierten von ihnen. Zwangsarbeit war kein Geheimnis, sie war ein öffentliches Verbrechen. Über 60 repräsentative Fallgeschichten sind in die Ausstellung eingegangen. Wie die rund 450 gezeigten Dokumente und Fotos und die Medienstationen mit Berichten von 38 Zeitzeugen sind sie das Ergebnis akribischer Recherchen in Archiven in Europa, den USA und Israel.

Thematisch reichen die Fallgeschichten von der entwürdigenden Arbeit politisch Verfolgter in Chemnitz bis hin zur mörderischen Sklavenarbeit von Juden in der besetzten Sowjetunion und dem Zwangsarbeiteralltag auf einem Bauernhof in Österreich. Chronologisch gliedert sich die Ausstellung in fünf Kapitel, die das Thema von 1933 bis zum Jahr 2000 behandeln, als mit Gründung der Stiftung EVZ der Weg für Ausgleichszahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter frei wurde.

Für die Dortmunder Station mit einer Ausstellungsfläche von insgesamt 850 qm wurde die Präsentation angepasst und um das Thema Ruhrbergbau ergänzt. Zwangsarbeiter stellten auf den Zechen an Ruhr und Emscher zeitweise bis zu 40 Prozent der Belegschaften. Den größten Anteil bildeten nach 1942 sogenannte "Ostarbeiter" und russische Kriegsgefangene. Von allen Gruppen waren sie im Schema der nationalsozialistischen Rassenideologie mit am schlechtesten gestellt. Harte Arbeit und karge Essensrationen zehrten die Männer aus. Körperliche Gewalt gehörte zur Tagesordnung. Hinzu kamen Kälte und schlechte hygienische Bedingungen, so dass sich in vielen Lagern Krankheiten wie Tuberkulose ausbreiteten.

Auf der Zeche Zollern waren Zwangsarbeiter aus sechs Nationen im Einsatz. Einige von ihnen werden in einem Bereich zu Anfang der Ausstellung vorgestellt. Auf Karteikarten geben Namen, Fotos und Dokumente aus den Betriebsunterlagen bruchstückhaft Auskunft über ihre Biografien. "Diese Materialien werden wir nicht nur im Rahmen der Ausstellung, sondern auch künftig bei unserer Vermittlungsarbeit insbesondere mit Schülern einsetzen", erklärte Museumsleiterin Dr. Ulrike Gilhaus. Das Thema Zwangsarbeit soll künftig auch verstärkt Eingang in die Dauerausstellung des LWL-Industriemuseums finden.

Begleitprogramm
Zur Ausstellung hat Dr. Stefan Mühlhofer, Leiter der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, ein umfangreiches Begleitprogramm zusammengestellt. Dazu gehören Vorträge, Führungen, Exkursionen und weitere Veranstaltungen. Für Schulklassen gibt es ein eigens entwickeltes museumspädagogisches Programm und umfangsreiches Unterrichtsmaterial. An zwei Tagen im Mai und September stehen ehemalige Zwangsarbeiter als Zeitzeugen für Gespräche mit Schülern zur Verfügung.

Begleitband

Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg.

Begleitband zur Ausstellung im LWL-Industriemuseum Zeche Zollern.
Hg. von Volkhard Knigge, Rikola-Gunnar Lüttgenau und Jens-Christian Wagner im Auftrag der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, Essen 2012, Preis: 19,80 €, ISBN 9783837507065.

Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg
Internationale Wanderausstellung der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, initiiert und gefördert von der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ)
18. März bis 30. September 2012
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Grubenweg 5, 44388 Dortmund
geöffnet Di-So 10-18 Uhr

Ausführliche Informationen zur Ausstellung unter
http://www.ausstellung-zwangsarbeit.lwl.org
http://www.ausstellung-zwangsarbeit.org

Weitere Pressefotos unter
http://www.ausstellung-zwangsarbeit.org/index.php?id=341

In der Anlage finden Sie pdf-Dokumente: die Pressemitteilung, das Begleitprogramm sowie den Pressetext in englischer Sprache.



Pressekontakt:
Christiane Spänhoff, LWL-Industriemuseum, Telefon: 0231 6961-127 und Markus Fischer, LWL-Pressestelle, Telefon: 0251 591-235 und Dagmar Papajewski, Pressestelle Stadt Dortmund, Tel. 0231 5024356, dpapjewski@stadtdo.de und Philipp Neumann, Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, pneumann@buchenwald.de, Tel. 03643 430156 und Dietrich-Wolf Fenner, Stiftung EVZ, fenner@stiftung-evz.de, Tel.: 030 25 92 97-76
presse@lwl.org



Anlagen:
Anlage 1: Presseinfo_Zwangsarbeit.pdf
Anlage 2: Begleitprogramm _Zwangsarbeit.pdf
Anlage 3: ENG_Forced_Labor_press_release.pdf


LWL-Einrichtung:
LWL-Industriemuseum Zeche Zollern
Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur
Grubenweg 5
44388 Dortmund
Karte und Routenplaner



Der LWL im Überblick:
Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) arbeitet als Kommunalverband mit mehr als 16.000 Beschäftigten für die 8,2 Millionen Menschen in der Region. Der LWL betreibt 35 Förderschulen, 21 Krankenhäuser, 17 Museen und ist einer der größten deutschen Hilfezahler für Menschen mit Behinderung. Er erfüllt damit Aufgaben im sozialen Bereich, in der Behinderten- und Jugendhilfe, in der Psychiatrie und in der Kultur, die sinnvollerweise westfalenweit wahrgenommen werden. Ebenso engagiert er sich für eine inklusive Gesellschaft in allen Lebensbereichen. Die neun kreisfreien Städte und 18 Kreise in Westfalen-Lippe sind die Mitglieder des LWL. Sie tragen und finanzieren den Landschaftsverband, dessen Aufgaben ein Parlament mit 116 Mitgliedern aus den westfälischen Kommunen gestaltet.


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