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Erlebnisbereichte aus der Hauptschule

Ein Tag an der Martin-Bartels-Schule

(aus der Sicht eines Schülers)

Hallo, ich bin M.S. und ich gehe auf die Martin-Bartels-Schule für Sehbehinderte und Blinde. Ich habe eine Sehbehinderung, die verursacht, dass ich nicht mehr richtig scharf sehen kann. Ich wollte euch mal von einem Schultag an meiner Schule berichten.

Es ist Montag und ich wohne in Witten und die Schule ist in Dortmund. Deshalb holt mich jeden Morgen um 07:45 Uhr ein Taxi ab und ich fahre mit drei anderen Schülern. Die erste Stunde ist Englisch und die fängt um 08:30 Uhr an. An die-sem Tag habe ich eine Doppelstunde Englisch. Wir sprechen gerade über Texas und was die Besonderheiten des Landes sind. Um 10:00 Uhr haben wir eine Frühstückspause, die geht 15 min lang. In der Frühstückspause essen wir und sit-zen am Computer und in meiner Klasse 7-10 hat jeder von uns einen Computer, den man jeder Zeit benutzen kann. Nach der Frühstückspause kommt die 20-minütige große Pause. Die verbringen wir im Pausenraum oder auf dem Schulhof. Um 10:35 Uhr beginnt die dritte Stunde und das ist Religion. In Religion sprechen wir ge­rade über Gewalt und was man dagegen tun kann und wie man sich verhalten kann, wenn man selber in einen Konflikt verwickelt ist. 45 min später beginnt die vierte Stunde, die mein Lieb­lingsfach ist, und das ist Mathe. An diesem Tag haben wir zwei Stunden Mathe, dazwischen ist aber noch die kleine Pause. In der 6. Stunde habe ich Deutsch und in Deutsch brauche ich manchmal auch Hilfsmittel, wie z. B. ein Lesegerät. Das Lesegerät ist dafür, dass ich meine Augen nicht so anstrengen muss, und das sieht aus wie ein Computer mit einer verschiebbaren Plattform, die unter dem Bildschirm ist. Ich brau­che auch manchmal mein Monokular. Das ist ein kleines Fernrohr, mit dem man Objekte sehen kann, die weiter weg sind. Um 13:45 Uhr habe ich endlich Schluss und mein Taxi holt mich ab und bringt mich wieder nach Hause.

Ich wollte noch was los werden. Ich gehe auf eine Sehbehinderten- und Blindenschule, aber nur weil wir eine Behinderung haben oder eine Krankheit haben, heißt das noch lange nicht, dass wir anderen Unterricht machen, wie manche Leute vielleicht denken. Wir machen ganz normalen Unterricht wie an jeder anderen Schule auch. Es ist in manchen Sachen besser, auf die Schule zu gehen, die ich besuche, weil wir nur acht Schüler in der Klasse sind und da kann man einfach viel besser alles mitkriegen. Ich weiß es am besten, weil ich erst dieses Jahr auf die Schule gewechselt bin und die letzten Jahre auf eine Schule ging, die keine Schüler hatte, die „Differenzen“ haben.

Ein Tag an der Martin-Bartels-Schule

(aus der Sicht einer Lehrerin)

Ein kurzer Blick auf den Vertretungsplan, eben noch die letzten Kopien (in zwei verschiedenen Vergrößerungen, doppelseitig ist nicht für alle lesbar) und Punktschriftausdrucke gemacht, dann wenigstens noch fünf Minuten im Lehrerzimmer bei einem Kaffee die neusten Neuigkei­ten mit den Kolleginnen und Kollegen ausgetauscht bis es zum Unterricht klingelt ... – Das ist der Idealfall. Oft fängt mich jemand vor dem Gang zum Kopierer ab, um mir noch „ganz kurz“ etwas mitzuteilen. An anderen Tagen ist der Kopierer so beliebt, dass ich kaum eine Chance habe. Oder aber der Punktschriftdrucker setzt seinen eignen Willen durch und druckt „frei nach Schnauze“. Technik ist toll, solange sie funktio­niert, wird aber zum echten Hindernis, wenn man sie eingeplant hat und dann im Stich gelassen wird.

Trotzdem bin ich froh, dass es die technischen Hilfsmittel gibt: Dank Tafelbildkamera und Monokular können die Schülerinnen und Schüler mei­nen Tafelanschrieb verfolgen. Ich muss nicht alle Texte vergrößern, da das die Kamera des Bildschirmlesegeräts für jede Schülerin und jeden Schüler individuell übernimmt. Schülerinnen und Schüler, die ihre eigene Schrift nicht lesen können, benutzen den PC, damit wir alle etwas von ihrer Arbeit haben. Blinde Schülerinnen und Schüler können Texte über die Braillezeile lesen und – wenn sie die Tastatur des Computers beherrschen – ihre Textproduktionen auch in Schwarzschrift ausdrucken, so dass sie für mich leichter zu lesen sind.

Aber zurück zu meinem Tagesbericht. – Den Kaffee gibt es also leider häufig erst in der ersten Pause (was aber vielleicht auch ganz gut ist – immerhin ist zu viel Kaffee ja auch nicht gesund). Inzwischen habe ich zwei Stunden Hauswirt­schaft unterrichtet, in denen meine Klasse Eierpfannkuchen hergestellt hat. Das Grundrezept war bereits bekannt; neu war die Wahl zwischen herzhaften und süßen Pfannkuchen (mit Käse oder mit Äpfeln). Die Schülerinnen und Schüler arbeiten inzwischen relativ selbständig in der Kü­che und auch die Arbeit in Kleingruppen klappt immer besser. Als schwierig stellt sich jedoch immer noch die Integration der blinden Schülerinnen und Schüler dar: Oft wissen sie nicht, was sie tun sollen, weil ihre Klassenkameraden schon alle Aufgaben übernommen haben. Hier muss ich häufig eingreifen und sie sinnvoll einbeziehen. Natürlich brennt auch hier und da einmal etwas an, aber im Großen und Ganzen sind die Produkte der Schülerinnen und Schüler sehr wohl genießbar – heute gab es sogar eine neue Kreation: Käse-Apfel-Pfannkuchen. Wenn die Herstellung der Speisen beendet bzw. gerade diesbezüglich nichts zu tun ist, räumen die Schülerinnen und Schüler ihre Arbeitsplätze auf, spülen die gebrauchten Gegenstände, trocknen sie ab und räumen sie wieder zurück in die Schränke. Auch dies ist nicht für jeden selbstver­ständlich und muss von vielen gelernt werden. Beim gemeinsamen Verspeisen gibt es dann häufig Vergleiche zwischen den unterschiedlichen Produkten – oder es wird über ganz andere Themen diskutiert.

Nach der von allen Beteiligten verdienten Pause geht es in den Klassenraum zum Deutschunterricht. In diesen Stunden wird die Klasse geteilt. Im Nebenraum unterrichtet mein Kollege Zeichensetzung; für meine Gruppe stehen Gedichte auf dem Plan. Und hier kommen nun besagte Kopien und Punktschriftausdrucke zum Einsatz. Wir beschäftigen uns nämlich heute nach der Besprechung einer Gedichtanalyse mit einer Sammlung von Liebesgedichten (darum haben die Schülerinnen und Schüler gebeten), aus der sich immer zwei Schülerinnen oder Schüler ei-nen gemeinsamen Favoriten aussuchen und diesen dann den anderen vorstellen sollen. Dafür müssen die Texte für alle verwertbar vorliegen. Es schellt – 10 Minuten Hofpause. Eine Tasse Kaffee schaffe ich, dann wieder in den Klassenraum zum Mathematikunterricht. Diesmal unter­richte ich im Gruppenraum Geometrie, während mein Kollege nebenan schriftliche Rechenverfah­ren mit Dezimalbrüchen durchnimmt. Geometrie in einer Gruppe mit sehbehinderten und blinden Schülerinnen und Schülern ist eine besondere Herausforderung. Ich versuche, alles, was an der Tafel passiert, so zu verbalisieren, dass es auch ohne die Anschauung verständlich wird. Gleich­zeitig ist es mein Ziel, alles noch einmal auf Zei­chenfolie direkt mit der blinden Schülerin nachzuvollziehen. Hier hätte ich manchmal gerne vier Arme und zwei Köpfe ... Wieder einmal klingelt es und die Klasse trifft sich im Klassenraum zum wöchentlichen Klas­senrat. Dieses Gremium tagt, um Konflikte der Schülerinnen und Schüler untereinander zu klä­ren bzw. auch, um Organisatorisches zu bespre­chen oder Themen, die mir unter den Nägeln brennen, zu behandeln. Da heute nichts im Klas­senratsbuch steht, mich aber zwei Beschwerden von Kollegen erreicht haben, wird die Zeit dafür verwendet, zu klären, was passiert ist und wie man dies in Zukunft vermeiden kann. Wieder die Schulglocke – Schulschluss! Die Schülerinnen und Schüler laufen zum Taxi – bis auf einen. Der muss noch bleiben, weil er es leider nicht schafft, seine Hausaufgaben zuhause zu erledigen. Also bleibt er in Absprache mit den Eltern eine Stunde länger und wird dann abge­holt. Ich nutze die Zeit, um endlich mein Pult auf­zuräumen, das Klassenbuch auf den neuesten Stand zu bringen und einen Teil des morgigen Unterrichts vorzubereiten. Denn morgen früh beginnt ein neuer Tag an der MBS ...

Ursula Becker

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