1
Jungenarbeit zwischen gesellschaftlicher
Verpflichtung und pädagogischer Notwendigkeit
2
Jungenarbeit im Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit
3
Ziele und Arbeitsfelder
4
Koedukation
5
Fortbildung
6
Kooperation tut Not
7
Perspektiven
Die Mädchenarbeit in
der Jugendhilfe, die sich auf diesen Befund bezieht und Mäd-
chenräume und Chancen
für ein gleichberechtigtes Frausein eröffnen will, ist lange
Zeit Herausforderung für
eine gezielte Arbeit mit Jungen gewesen.
Ein wichtiger Baustein für
die Entwicklung der Mädchenarbeit in der Jugendsozial-
arbeit war der 1991 vom
Landesjugendhilfeausschuß Rheinland und 1994 von
Landesjugendhilfeausschuß
Westfalen-Lippe verabschiedete Mädchenförderplan.
Der 1991 vom Landesjugendamt
Rheinland gegründete Arbeitskreis "Jungenarbeit"
wird seit 1993 von beiden
Landesjugendämtern getragen. In ihm setzen sich
Praktiker der Jugendsozialarbeit
mit Konzepten und Praxisansätzen sowie Fort-
bildungsangeboten für
die Jungenarbeit auseinander. Diese praxisanregende Arbeit
mündet nun in einer
ersten Bestandsaufnahme und Selbstvergewisserung, der
Plattform für die Jungenarbeit
in der Jugendsozialarbeit.
Diese Plattform ist Standortbestimmung
und soll zur Festigung und Fortentwick-
lung der Jugenarbeit in
diesem Arbeitsfeld beitragen. Geschlechtsspezifische Arbeit
für Jungen ist zwar
vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Bedingungen und
individueller Biographien
notwendig (worauf sich auch § 9 Nr. 3 SGB VIII bezieht),
dennoch ist Jungenarbeit
noch kein selbstverständlicher Arbeitsansatz überall vor
Ort. Daher wird es nicht
genügen, bei diesem Papier und seinen Forderungen
stehenzubleiben. Die Entwicklung
geschlechtsspezifischer Arbeit für Jungen bleibt
weiterhin Herausforderung
für die Praxis, für Konzeptionen und die dafür ver-
antwortlichen Institutionen.
Markus Schnapka
Prof. Dr. Dr. Wolfgang Gernert
Der Formulierung dieses Paragraphen
ist eine lange Diskussion in der Jugendhilfe
vorausgegangen. Ausgehend
von der Frauenbewegung entstand in den 70er
Jahren ein eigenständiger
Ansatz von Mädchenpädagogik in der Jugendhilfe. Vom
6. Jugendbericht der Bundesregierung
(1984) an wurden insbesondere die Soziali-
sationsbedingungen und Problemlagen
von Mädchen und jungen Frauen verstärkt
in den Blickwinkel der Jugendhilfe
gerückt.
Das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz
von 1991 hat den Grundrechtsartikel zur
Gleichberechtigung von Mann
und Frau in eine Handlungsnorm zur "Gleichberech-
tigung von Mädchen
und Jungen" übersetzt. Das in § 1 Abs. 1 postulierte Recht
junger Menschen auf die
Förderung ihrer Entwicklung und auf Erziehung zu einer
eigenen verantwortlichen
und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit erfährt damit
eine geschlechtsspezifische
Ausprägung. Weder Mädchen- noch Jungenarbeit sind
als Hilfeformen beschrieben.
Der geschlechtsspezifische Auftrag wird vielmehr als
Querschnittsaufgabe verstanden
und muß erst für die Praxis konzipiert werden. Ein
Ausführungsgesetz des
Landes Nordrhein-Westfalen zu § 9 Ziffer 3 KJHG könnte
jedoch Vorgaben für
eine Mädchen- und Jungenarbeit beschreiben.
Die im KJHG angesprochenen
unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und
Jungen sind Rahmenbedingungen
für geschlechtsspezifisch unterschiedliche
Chancen und Möglichkeiten.
Geschlechtsspezifische Arbeit, d. h. hier die gezielte
Arbeit mit Jungen und jungen
Männern, ergibt sich daher nicht allein aus Rechts-
normen.
Der Konflikt zwischen den
Geschlechtern, die Abwertung des Weiblichen und
damit die Benachteiligung
der Frau sind in der Sozialisation von Jungen und Mäd-
chen schon angelegt. Die
im Geschlechtervergleich bei Männern eher geringer
ausgebildete Emotionalität
sowie überfordernde und selbstverleugnende Leistungs-
ansprüche sind nicht
immer sozial verträglich (Gewalt ist männlich) und häufig
genug mit gesundheitlichen
Risiken verbunden (z. B. kürzere Lebenserwartung,
Herzinfarktrisiko). Dabei
ist die tradierte Männlichkeit, beruhend auf dem Bild von
männlicher Überlegenheit
und Dominanz und verbunden mit der Ernährerrolle in der
Familie, vor dem Hintergrund
gesellschaftlicher Veränderungen immer mehr in
Frage gestellt. Hinzu kommt,
daß traditionelle Lebensentwürfe infolge der Indivi-
dualisierung von Biographien
zunehmend an Tauglichkeit verlieren. Diese bei vielen
Männern Verunsicherung
hervorrufenden Entwicklungen führen (neben anderen
Ursachen) bei manchen Teilgruppen
der männlichen Jugend zu Orientierungs-
losigkeit und Gewalttendenzen.
Rechtsradikale Orientierungen erscheinen vor dem
Hintergrund der "neuen Unübersichtlichkeit"
(Habermas) unserer Gesellschaft
manchem Halt zu geben.
Für die Jugendhilfe,
mit einem Erziehungsauftrag für junge Menschen bis zum 27.
Lebensjahr, ist für
eine geschlechtsspezifische Ausgestaltung ihrer Leistungen der
Blick auf die Entstehungsbedingungen
von Geschlechtsrolle und damit Männlichkeit
wichtig. Für die Jugendsozialarbeit
gilt das insofern, als erst die Auseinanderset-
zung mit der Sozialisation
ihres männlichen Klientels Ursachen und Bedingungen
für "typische" Verhaltensweisen
von Jungen und jungen Männern verständlich
macht. Erst der Blick auf
die Genese der männlichen Rolle kann Ausgangsmaterial
für Konzeption und
Praxis von geschlechtsspezifischer Arbeit mit männlichen
Jugendlichen ergeben.
Zur Sozialisation von Jungen
Früh schon entwickelt
sich bei Kindern ihre Geschlechtsidentität. Bis zum 18.
Monat bzw. 3. Lebensjahr
ist sie normalerweise ausgeprägt, abhängig von unter-
schiedlichen Erwartungen
an Jungen und Mädchen, von Übertragung und Identifi-
kation. Da der Vater auch
heute noch in der Erziehung von Kindern weitgehend
fehlt, erwerben Jungen ihre
Geschlechtsidentität tendenziell stärker über eine
Abgrenzung von ihrer Mutter
als weiblichem Widerpart als über ein gelebtes Bei-
spiel von Männlichkeit.
In den Erziehungsinstitutionen
Kindergarten und Schule prägen gleichfalls Frauen
das Erziehungsklima, leben
beispielhaft Weiblichkeit vor, von der sich die kleinen
Männer im Interesse
ihre männlichen Identität abgrenzen müssen. Die in den
Medien, über Spielzeug
und andere Einflüsse gesetzten Männlichkeitsmodelle
tragen viel dazu bei, daß
rigide Orientierungen im Lebensraum von Jungen erprobt
und verinnerlicht werden.
Margarete Mitscherlich:"Unsere Kultur verlangt immer
noch vom Knaben, daß
er besondere männliche Eigenschaften entwickelt. Er wird
schon früh zu einem
aggressiv-selbstbehauptenden, gefühlsunterdrückenden
Verhalten - zumindest außerhalb
der Familie - angeleitet." Mit dieser Entwicklung
gehen Überforderungen
im Verein mit sinkender emotionaler Zuwendung ein-
her:"Ein Junge weint doch
nicht".
Die von Familie, Kindergarten,
Grundschule und anderen Einflüssen begründete
Entwicklung wird, wie die
Schulforschung belegt, auch in weiterführenden Schulen
begünstigt. Jungen
fordern und erhalten mehr Zuwendung, fallen eher als Störer
auf denn wegen ihrer sozialen
Kompetenzen.
Die in Kindheit und Jugend
erworbene Geschlechtsidentität, die von Jungen Über-
legenheit, Durchsetzungsvermögen
auf Kosten anderer und das Streben nach
Macht beinhaltet, ist für
viele junge Männer im Übergang von der Schule zum
Beruf prägend. Sie
erleben hier häufig erhebliche Widersprüche zwischen ihrem
Selbstbild, den Erwartungen
an sie und ihren tatsächlichen Kompetenzen und
Möglichkeiten. Für
benachteiligte junge Männer trifft dieser Widerspruch über-
wiegend stärker zu.
Die Bedeutung des Vaters in der Erziehung war bei ihnen
tendenziell geringer, die
in ihrer Sozialisation relevanten Männlichkeitsbilder viel-
fach rigider.
Wenngleich Jungenarbeit als
Querschnittsaufgabe grundsätzlich nicht auf eines der
klassischen Aufgabenfelder
der Jugendhilfe beschränkt ist, so verdient sie doch im
Arbeitsfeld der Jugendsozialarbeit
besondere Aufmerksamkeit:
- Jugendsozialarbeit
richtet ihre Hilfeangebote an junge Menschen - und damit
auch an Jungen und junge Männer - mit sozialen Benachteiligungen und
individuellen Beeinträchtigungen. Jungenarbeit trifft damit auf Jungen,
deren Sozialisation unter besonderen, oft besonders schweren Bedingungen
verlaufen ist. Diese Tatsache hat ihre Bedeutung auch für die Sozialisation
zum Mann.
Für die Entwicklung von Jungen gilt grundsätzlich: Jungen orientieren
ihre
Vorstellungen vom Mann, der sie werden möchten, unter anderem an ste-
reotypen Bildern von Männlichkeit wie Stärke, Gefühlskälte,
Unabhängigkeit
und Durchsetzungsvermögen bis hin zur Gewaltanwendung - Stereotype,
die
sie sie in ihrem familialen Alltag erleben und auch über die Massenmedien
vermittelt bekommen.
Gelingt der Sozialisationsprozeß, so werden die Widersprüche
zwischen
solchen Bildern und den realen gesellschaftlichen Anforderungen z.B. in
Schule und Beruf immer besser identitätsstiftend in eine Gesamtpersönlich-
keit integriert. Der innerpsychische Vorgang, den mit solcher Realitätstüch-
tigkeit verbundenen Verlust klischeehafter, aber auch emotionaler Orientie-
rung zu verarbeiten, findet seinen Ausdruck in der Entwicklung von Ratio-
nalität und Reflexionsvermögen.
Die Biographien von Jungen und jungen Männern mit Benachteiligungen
zeigen, daß ihre Probleme oft eine bis in die frühe Kindheit
zurückgehende
Genese haben. Häufig liegen traumatische Erfahrungen vor, die den
oben
angedeuteten ohnehin schwierigen Prozeß traditioneller Identitätsbildung
aus
dem Gleichgewicht bringen. Zwar werden die Spannungen und Brüche
erfahren, die die Orientierung an geschlechtsspezifischen Stereotypen mit
sich bringt im Verhältnis zu den Erwartungen und Anforderungen der
Reali-
tät, dennoch kommt es nicht im üblichen Umfang zu identitätsstiftenden
Integrationsleistungen. Im Gegenteil besteht das Risiko, daß sich
die kli-
scheehaften Bilder von Männlichkeit als die einzigen Sicherheit bietenden
Orientierungsmuster immer mehr verfestigen, als realitätstüchtige
Hand-
lungsmuster angesehen und ausprobiert werden. Jungen geraten hier nicht
selten in einen Teufelskreis, wenn solche und vergleichbare Probleme bei
der Identitätsbildung auch noch gesellschaftlich negativ sanktioniert
werden.
Ist aggressiv ausgelebte Männlichkeit die Reaktion auf gesellschaftlich
geforderte Anpassungsleistungen und als bedrohend empfundene Perspek-
tivlosigkeit (Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung), wird sie dennoch
gesell-
schaftlich sanktioniert.
- Die Lebensphase
des Übergangs von der Schule in den Beruf ist für junge
Männer eine besondere Herausforderung. Gerade für Männer
hat Berufs-
tätigkeit eine zentrale Bedeutung für ihren Status und die Teilhabe
an der
Konsumgesellschaft und ist begründend für die Ernährerrolle
(Ihre soziale
Integration).
Die mit tradierten Männerbildern verbundenen Leistungsanforderungen
über-
fordern sozial und individuell benachteiligte Jugendliche in der Regel.
Die in
der Arbeitswelt geforderte Team- und Kooperationsfähigkeit widerspricht
dem erworbenen Selbstbild und erprobten Durchsetzungsstrategien. Durch
steigende Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt, wegfallende
Einfacharbeitsplätze und Massenarbeitslosigkeit fühlen sich diese
jungen
Männer zusätzlich in eine Sackgasse manövriert.
Da sie sich als Heranwachsende in der Adoleszenz befinden, klären
sie unter
anderem ihre Beziehung zum anderen Geschlecht neu, entwickeln sie Lie-
bes- und Arbeitsfähigkeit. Den auf sie einstürzenden Anfoderungen
sind sie
mit ihren Kompetenzen, die sich unter anderem aus tradierten Rollenbildern
ergeben, kaum gewachsen. Für sie geht es um Persönlichkeitsentwicklung,
schulische und berufliche Qualifizierung, Lebens- und Berufsplanung.
Der notwendigen Vereinbarkeitsleistung von Beruf und Familie werden sie
kaum gerecht werden können.
Ist männliche Sozialisation
in wesentlichen Aspekten Vorbereitung auf das Er-
werbsleben, dann droht sie
in dieser Hinsicht bei der Zielgruppe der Jugendsozial-
arbeit zu scheitern. Jugendsozialarbeit
wird den sich daraus ergebenden komplexen
Anforderungen nur gewachsen
sein, wenn sie sich auch diesen ge-
schlechtsspezifischen Lebenslagen
stellt. Jungenarbeit im Handlungsfeld der
Jugendsozialarbeit hat es
daher mit besonderen Aufgabenstellungen zu tun:
- Die spezielle
Zielgruppe sozial benachteiligter und individuell beeinträchtigter
Jungen und junger Männer erfordert vom Jungenarbeiter eine besondere
Sensibilität nicht nur für die geschlechtsspezifischen Probleme,
sondern
zugleich für die gruppenspezifischen sowie für die besondere
Problemkon-
stellation, die sich aus der Verknüpfung der beiden erstgenannten
ergibt.
- Die Lebensphase
des Übergangs von der Schule ins Berufsleben, des Ein-
tritts ins Berufsleben und der Gründung der eigenen Famile ist für
die Ver-
änderung des Geschlechterverhältnisses und seiner Bewertung von
zentraler
Bedeutung. Jungenarbeit, die hier ansetzt, hat die Chance, die Lebens-
und
Berufsplanung des Mannes unter dem Aspekt der Vereinbarkeitsleistung von
Familie und Beruf zu verändern und neu zu bewerten und damit die männ-
liche Identität um ihre "weiblichen, weichen" Persönlichkeitsmerkmale
zu
erweitern.
- Für
die Arbeit mit jungen Männern, die entweder Aussiedler sind oder zum
Kreis der Migranten gehören, ist es darüberhinaus notwendig,
deren spezi-
fische kulturell differierende Sozialisation einzubeziehen.
Jugendsozialarbeit, ob im
Jugendwohnen oder der Jugendberufshilfe, der Arbeit
mit Aussiedlern oder Migranten,
muß die erworbenen Kompetenzen und verinner-
lichten Haltungen kritisch
reflektieren helfen und auf die realen gesellschaftlichen
(Arbeitswelt-) Bedingungen
beziehen.
Eine hieraus resultierende
Berufsplanung muß Lebensplanung einschließen. Erst die
Auseinandersetzung mit den
Wünschen und Träumen für das Erwachsenenleben
und ein Entwurf vom Erwachsensein
machen berufliche Planung realitätstüchtig.
Für die Jungenarbeit
sind unterschiedliche Formen der Berufs- und Lebensplanung
notwendig. Sie beziehen
sich notwendigerweise auf
- Einzelhilfe
(z. B. Einzelberatung, Entwicklungsbegleitung, sozialpädagogische
Begleitung in Maßnahmen),
- soziale
Gruppenarbeit (in Qualifizierungsmaßnahmen, im Jugendwohnheim,
in der Arbeit mit Schülern) und
- Seminare
(ob getrennt nach Geschlechtern oder koedukativ - mit ge-
schlechtsspezifischen Phasen).
Themen, die in dieser Arbeit anstehen, sind z.B.:
- Männliche
Identität (individuell und gesellschaftlich); z.B. der Zusammen-
hang von Geschlecht und Beruf in der Herkunftsfamilie/der Gesellschaft.
Was prägt individuelle und soziale Kompetenzen, die für den Beruf
von
Bedeutung sind? Was prägt männliche Berufswünsche?
- Berufswünsche,
Traumberufe und die Wirklichkeit; z.B. individuelle Kom-
petenzen und Anforderungen der Arbeitswelt, des Wunsch- oder Traumberu-
fes, Qualifizierungswege und -möglichkeiten (Kompetenzen, Anforderun-
gen).
- Verbindung
von Berufs- und Lebensplanung; z.B. Lebens- und Berufserwar-
tungen von Männern und Frauen, ihre Vereinbarkeit in Ehe und Familie.
Ist
die Vereinbarkeitsleistung (Familie und Beruf) nur ein Frauenproblem?
Für diese Themenkomplexe
sind sehr unterschiedliche Vorgehensweisen vorstellbar
und in der Praxis erprobt.
Bewährt haben sich viele Spiel- und Übungsmethoden,
z.B. Rollenspiele
zu Familiensituationen, Theater- oder Medienpädagogik, Erfah-
rungsräume mit Hilfe
von Praktika in Betrieben und außerbetrieblichen Werkstätten
oder "Karrierespiele" zu
beruflichen Qualifizierungs- und Werdegängen.
Besonders dann, wenn Angebote
Erlebnischarakter haben, werden sie von Jungen
gerne angenommen.
Weiterhin eröffnet Jungenarbeit
mit ihren Übungs- und Erprobungsräumen her-
anwachsenden Männern
ein Spektrum von Verhaltensmöglichkeiten, die ihnen im
traditionellen Männerbild
verschlossen bleiben. Es geht darum, Lebenstüchtigkeit
ganzheitlich in emotionaler,
kognitiver und sozialer Hinsicht zu erlernen, kooperati-
ves Agieren in den eigenen
Lebenszusammenhängen zu erfahren, Stärken sozial-
verträglich einzusetzen
und die Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten zu erwei-
tern.
Richtig verstandene Jungenarbeit
leistet Beiträge zu individuell tragfähiger Ge-
schlechtsidentität.
Sie kann Grenzverletzungen und die dahinterliegenden Werte
und Selbstbehauptungsmuster
problematisieren und die Beziehung zwischen den
Geschlechtern thematisieren.
Auf der Tagesordnung der Jungenarbeit steht
darüberhinaus das Selbstwertgefühl
der Heranwachsenden, ihre Beziehung zu
ihrem Körper, ihren
Wünschen, Träumen und Fähigkeiten.
Diese über die berufliche
Orientierung hinausgehenden Ziele der Jungenarbeit erge-
ben sich aus der Lebenswelt
der Jungen und ihrem individuellen Förderbedarf. Da
wohlverstandene Jungenpädagogik
Jungen und jungen Männern einen Rahmen
bieten will, der von ihren
Bedürfnissen ausgeht und ihre Selbständigkeit fördert,
geht es in dieser Arbeit
immer um Partizipation. Je eher sie erreicht wird, um so
eher werden die gesteckten
Ziele erreichbar sein.
Eine solche Jungenarbeit
will die Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten von Jun-
gen und jungen Männern
erweitern in den Feldern:
- Gefühle und Sexualität
Trauer, Mutlosigkeit oder Schwäche sollten Männer empfinden und
aus-
drücken lernen. Aufschub und Verzicht sind realitätstüchtige
Komponenten
von Männlichkeit. Bindungsfähigkeit, Dialog- und Konfliktlösungsfähigkeit,
sich auf andere einlassen zu können und zuzuhören sind weitere
Bausteine
für eine ganzheitlich angelegte Männlichkeit. Entwickeln sich
Jungen in
diese Richtung, werden sie lernen, Mädchen und Frauen ohne Abwertung
und Unterdrückung partnerschaftlich zu begegnen.
Sie werden Liebe und Sexualität eher als lustvoll und erstrebenswert
erfah-
ren. Gleichzeitig sind sie aber auch mit Ängsten und Leistungsdruck
ver-
bunden. Diese Verunsicherung kann die Jungenarbeit aufgreifen, indem sie
einen neuen Blick auf Körper und Gefühle richtet.
Jungenarbeit bietet in Gruppen und Seminaren Räume, in denen es Jungen
gestattet ist, ihre Angst zuzulassen, wo sie ihre eigenen Bedürfnisse
und die
anderer spüren können.
- Freundschaft und Nähe zwischen Jungen
Nähe und Freundschaft zwischen Jungen, Austausch und Offenheit in
einem Klima von Vertrauen und gegenseitiger Anerkennung wünschen sich
viele. Konkurrenz und Leistungsdruck lassen meist nicht mehr als Kumpanei
zu. Sie begünstigt emotionale Isolierung und läßt Jungen
mit ihren Ängsten
und Nöten allein.
Jungenarbeit thematisiert dies und bietet Erlebnis- und Erfahrungsräume
an,
in denen Jungen lernen, Verschiedenheit zuzulassen, ohne diese unter-
schiedlich zu bewerten. Auf dieser Grundlage wird auch Homosexualität
die
Tabuzone verlassen können und als eigenständige Sexualität
und Bezie-
hungsform Anerkennung finden.
- Lebens- und Konfliktbewältigung
Neben der männlichen Sozialisation erzeugen die ungünstige soziale
Lage
und die unsicheren Perspektiven bei benachteiligten Jungen und junger Män-
nern verstärkt Ohnmacht und Aggressivität.
Jungenarbeit geht daher - in Abgrenzung zum traditionellen Männerbild
- ein
auf den daraus resultierenden Leidensdruck, die Überforderungen und
grund-
legenden Verunsicherungen. Jungen werden realitätstüchtiger,
wenn sie auf
individuelle Konflikte und gesellschaftliche Widersprüche reflektiert
und
angemessen reagieren können. Wenn sie ihre Energie statt zu (Selbst-)De-
struktion zugunsten von Veränderungen einsetzen lernen, werden sie
ihre
Ohnmacht überwinden.
- Erlebnis Männlichkeit
Leistet Jungenpädagogik Schritte in diese Richtungen, erhalten Jungen
und
junge Männer die Chance, selbstbewußt und mit Freude ihre Männlichkeit
zu
leben und sich Rahmenbedingungen stellen zu können, die dort Anpassung
verlangen, wo Handlungskompetenz verlangt ist.
Jungenpädagogen bieten Räume, in denen Jungen und junge Männer
positiv
bewerten und erleben lernen, wo sie leicht zusammen sein können, ohne
rigide Hierarchien, stark und schwach, wo sie ernst- und angenommen
werden, in Dialog und Kooperation - eine wichtige Basis für das Miteinander
der Geschlechter.
Gerade im Handlungsfeld der
Jugendsozialarbeit stößt Jungenarbeit durch die
familiale Sozialisation,
das soziale Umfeld, die gesellschaftlichen Bedingungen und
den Einfluß der Medien
an ihre Grenzen. Jungenarbeit muß sich zudem der Tat-
sache stellen, daß
bei der beruflichen Orientierung Konkurrenz, Leistungsdruck und
Durchsetzungsfähigkeit
die bestimmenden Maßstäbe sind. Jugendsozialarbeit kann
weder gesellschaftliche
Widersprüche auflösen noch ökonomische/gesellschaftliche
Entwicklungen, die zu Lasten
ihrer Zielgruppe gehen, aufhalten.
Jungenpädagogik stellt
deshalb besondere Anforderungen an Pädagogen. Sie
müssen bereit
und in der Lage sein, sich mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem
eigenen Männerbild
und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinander-
zusetzen. Dabei geht es
entscheidend darum, miteinander zu lernen und mitein-
ander zu veränderten
Lebensformen zu finden. Sind Pädagogen in diesem Prozeß
bereit, auch in der Unzulänglichkeit
eigene Sicherheit zu erwerben, in der Unsi-
cherheit Modell zu sein,
werden auch die Jungen erleben können, daß es keine
gültigen Antworten
gibt, vielmehr nur ein individuelles, ernstgemeintes Fragen und
Ausprobieren.
Jungenarbeit ist allerdings
kein Ansatz zur Geschlechtertrennung. Sie ist viel-
mehr zu sehen als eine eigenständige,
zur koedukativen Jugendsozialarbeit
gleichberechtigte und diese
erweiternde und ergänzende Möglichkeit. Denn Ver-
ständnis - auch zwischen
den Geschlechtern - füreinander zu haben setzt Selbst-
verständnis und Selbstvergewisserung
voraus.
Damit Jungen sich unbefangen
mit ihrer Sozialisation auseinandersetzen können,
sind Jungengruppen notwendig:
Nur diese ermöglichen
es Jungen, ohne die Konkurrenz um Mädchen, ohne zu
befürchtende Niederlage
sich mit sich selbst, ihren Ambivalenzen und Widersprü-
chen (stark und schwach,
aktiv und passiv, ...)auseinanderzusetzen und sich zu
öffnen für den
Dialog und die eigenen Gefühle.
Gerade in geschlechtshomogenen
Gruppen können Jungen leichter über ihre
Ängste und Gefühle,
über Sexualität und Gewalt sprechen lernen. Jungengruppen
bieten unvergleichlich bessere
Voraussetzungen dazu, untereinander z.B. über
Konkurrenzverhalten und
Leistungsdruck zu sprechen, das eigene männliche
Rollenverhalten auf mögliche
implizite Ängste zu befragen, unbefangen Erfahrun-
gen auszutauschen, probeweise
Alternativen zu den eingespielten Handlungs-
weisen kennenzulernen, Nähe
zuzulassen und so die oft vorhandene emotionale
Isolation zu überwinden.
Dazu braucht es in der Jugendsozialarbeit
männliche Pädagogen.
Die Jungenarbeit der Fachkräfte
in der Jugendsozialarbeit wird von Fortbildung
begleitet, zu der die folgenden
Bestandteile gehören:
- Klärung der Motivation,
mit (bestimmten) Jungen arbeiten zu wollen
- Klärung des Selbstverständnisses
als Pädagoge und als Mann,
- Klärung des Verständnisses
von Männlichkeit
- Reflexion der eigenen
subjektiven Wahrnehmung von Jungen und Männern der
Klientel
- Auseinandersetzung mit
den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
(Sozialwissenschaft,
Ökonomie, Arbeitsmarkt)
- Auseinandersetzung mit
den Lebenswelten der männlichen Klientel
(auch Entwicklungspsychologie
und adoleszente Entwicklung)
- Berücksichtigung
der gesellschaftlichen Verhältnisse besonders im Hinblick auf
das Zusammenleben
von Männern und Frauen
- Reflexion der eigenen
Erfahrungen als Junge auf dem Weg zum Mann
- Berücksichtigung
des institutionellen Rahmens für die Arbeit mit Jungen
- Vermittlung spezifischer
Methodik und Didaktik
Für die im pädagogischen
Bereich Tätigen ist es gleichermaßen notwendig wie
schwierig, sich in fremde,
aus eigener Erfahrung größtenteils unbekannte Lebens-
lagen ihrer Klientel hineinzuversetzen.
Wenn das gelingt, eröffnet es einen Zugang
zu den Jungen und einen
Blick für den tatsächlichen Förderbedarf. Die Probleme
werden nicht damit beseitigt,
daß Männer mit Jungen arbeiten. Denn so sehr
vergleichbare Erfahrungen
männlicher Fachkräfte den Zugang zu Jungen erleichtern
können, erschweren
auch Projektionen und Kurzschlüsse (von sich auf die Jungen)
die Arbeit.
Auf die Entwicklung der
eigenen Männlichkeit muß also allein deshalb schon
zurückgeblickt werden,
damit die Unterschiede zu den Erfahrungen heutiger
Jungen herausgearbeitet
werden können. Dabei sind die subjektiven Erfahrungs-
welten und objektiven Lebensbedingungen
der verschiedenen sozialen Schichten
bzw. der Kulturen zu beachten.
Die Rückmeldungen aus
Fortbildungen zur Jungenarbeit zeigen, daß die Teilnehmer
selbstreflexives Erleben
ungezwungener und offener in geschlechtshomogenen
Gruppen zulassen können.
Um die i.d.R. gut verdrängten
eigenen "Domestizierungs"erfahrungen bearbeiten
und ins Selbstbild
integrieren zu können, ist Selbsterforschung notwendig.
Selbstreflexion gehört
zu einer professionellen Haltung in jeder Beziehungsarbeit,
und deshalb auch in eine
entsprechende Qualifizierung zur Jungenarbeit.
Zur professionellen Haltung
auch gegenüber jungen Mackern und Gewalttätern
gehört weiterhin eine
Sichtweise, die Ursache und Wirkung auseinanderhält und
damit dem Pädagogen
Verhaltensspielräume eröffnet. Dazu gehört es, Formen
männlicher Gewalt (nicht
nur körperliche) zu erkennen, hin- statt wegzusehen und
klar Position zu beziehen.
Jungen finden ihre Geschlechtsidentität
in Beziehungen und Begegnungen mit für
sie wichtigen Personen durch
Nachahmung, Identifikation und Abgrenzung. Fort-
bildung für Jungenarbeiter
muß daher den Blick darauf lenken, wie Pädagogen ihre
Männerrolle leben und
welche Rolle sie als professionelle Bezugsperson für Jungen
ausfüllen können
(als "Vater", Freund, Mentor ...).
Qualifizierung zur geschlechtsspezifischen Arbeit in der Koedukation
Auch in den Feldern der Jugendsozialarbeit
wird Koedukation z.Zt. häufig noch als
unreflektiertes Nebeneinander
praktiziert.
Neben den ausdrücklich
geschlechtsspezifischen Angeboten, bieten die Einzelfall-
arbeit und die situative
Arbeit Chancen zu pädagogischen Anstößen, die das
Geschlecht reflektierend
ins Auge fassen.
Teams in Einrichtungen der
Jugendsozialarbeit sollten ihre Konzeption und Praxis
daher so fortentwickeln,
daß der "geschlechtsspezifische Blick" auch in die Koedu-
kation Einzug hält,
Mädchenarbeit und Jungenarbeit aufeinander bezogen und für
die "Begegnung der Geschlechter"
aufeinander abgestimmt sind.
Für diesen Zweck sind
künftig Fortbildungen notwendig, die sich an ganze Teams
bzw. Pädagoginnen und
Pädagogen wenden.
Aus der Koedukation ergibt
sich ein Fortbildungsbedarf für die Arbeit zur Ge-
schlechterthematik auch
mit andersgeschlechtlichen jungen Menschen.
Pädagogen sollten sich
der strukturellen gesellschaftlichen Benachteiligung von
Mädchen, ihrer Sozialisationsbedingungen
und den Auswirkungen auf die Persön-
lichkeitsentwicklung bewußt
zu werden. Pädagoginnen sollten in diesem Sinne für
ihre alltägliche Arbeit
mit Jungen qualifiziert werden.
Geschlechtsspezifische Arbeit
muß stärker Eingang in die Praxis finden. Wegen der
hohen Bedeutung des geschlechtsspezifischen
Blicks in der Sozialarbeit und all
ihren Handlungsfeldern ist
z.B. zu überlegen, ob nicht künftig öffentliche Förde-
rungen von entsprechender
Konzeption und Praxis abhängig sein sollte. Ausfüh-
rungsgesetze zum Kinder-
und Jugendhilfegesetz könnten entsprechende Anforde-
rungen stellen, Richtlinien
dies ausgestalten.
Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt
ist Kooperation zwischen Mädchen- und
Jungenarbeit. Da in der
Jugendsozialarbeit in vielen Praxisfällen und Einrichtungen
koedukativ gearbeitet wird,
muß es dauerhaft gelingen, daß sich Mädchen- und
Jungenarbeit aufeinander
beziehen und gegenseitige Anknüpfungspunkte finden.
Das können z.B. Seminare
sein, die zwar geschlechtsspezifisch stattfinden, die Be-
gegnungen der Geschlechter
jedoch zum Ziel haben, die Auseinandersetzung mit
den unterschiedlichen Wahrnehmungen,
Wünschen und Lebensentwürfen.
Die in der Plattform angesprochene
notwendige Vernetzung der männlichen Fach-
kräfte vor Ort ist
ungenügend und bedarf gleichfalls der Weiterentwicklung. An
diesem Punkt erweist sich
auch, daß die Beschränkung der konzeptionellen Ent-
wicklung auf die Jugendsozialarbeit
zu kurz greift. Sinnvoll ist es, Jungenarbeit
konzeptionell für die
Jugendhilfe insgesamt zu entwickeln und diese Plattform als
Grundlage für eine
weitergehende Konzeption "Jungenarbeit in der Jugendhilfe" zu
nehmen. Notwendige Differenzierungen
für unterschiedliche Arbeitsfelder sind
dabei nicht ausgeschlossen,
sondern erwünscht.