Landesjugendämter Westfalen-Lippe und Rheinland
 

Inhalt

Vorwort

1    Jungenarbeit zwischen gesellschaftlicher
     Verpflichtung und pädagogischer Notwendigkeit
2    Jungenarbeit im Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit
3    Ziele und Arbeitsfelder
4    Koedukation
5    Fortbildung
6    Kooperation tut Not
7    Perspektiven
 
 

Vorwort

Lebenswelten unterscheiden sich nach vielen Faktoren. Traditionell wurde in der
Sozialarbeit nach Milieus, sozialer Schicht, sozialer Herkunft, Benachteiligungen,
Behinderungen oder Stadt und Land unterschieden. Erst die Frauenbewegung der
70er Jahre hat den Blick auf die Geschlechterdifferenz gelenkt. Dies blieb nicht
ohne Auswirkungen für die Anforderungen an Konzeptionen und Praxis von sozia-
len Diensten und Institutionen.
Kaum ein anderer Faktor in den Lebensumständen eines Kindes prägt so früh und
nachhaltig Identität und Selbstwertgefühl wie das Geschlecht bzw. die sich ent-
wickelnde Geschlechtsidentität. Den in Wirtschaft und Kultur, in den Köpfen und
Medien bestehenden Bildern von Geschlechterrollen kommt erhebliche Bedeutung
für individuelle Chancen zu. Lebensentwürfe, der Zugang zu Ausbildung und Arbeit
sowie gesellschaftlicher Partizipation sid davon beeinflußt.

Die Mädchenarbeit in der Jugendhilfe, die sich auf diesen Befund bezieht und Mäd-
chenräume und Chancen für ein gleichberechtigtes Frausein eröffnen will, ist lange
Zeit Herausforderung für eine gezielte Arbeit mit Jungen gewesen.

Ein wichtiger Baustein für die Entwicklung der Mädchenarbeit in der Jugendsozial-
arbeit war der 1991 vom Landesjugendhilfeausschuß Rheinland und 1994 von
Landesjugendhilfeausschuß Westfalen-Lippe verabschiedete Mädchenförderplan.
Der 1991 vom Landesjugendamt Rheinland gegründete Arbeitskreis "Jungenarbeit"
wird seit 1993 von beiden Landesjugendämtern getragen. In ihm setzen sich
Praktiker der Jugendsozialarbeit mit Konzepten und Praxisansätzen sowie Fort-
bildungsangeboten für die Jungenarbeit auseinander. Diese praxisanregende Arbeit
mündet nun in einer ersten Bestandsaufnahme und Selbstvergewisserung, der
Plattform für die Jungenarbeit in der Jugendsozialarbeit.

Diese Plattform ist Standortbestimmung und soll zur Festigung und Fortentwick-
lung der Jugenarbeit in diesem Arbeitsfeld beitragen. Geschlechtsspezifische Arbeit
für Jungen ist zwar vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Bedingungen und
individueller Biographien notwendig (worauf sich auch § 9 Nr. 3 SGB VIII bezieht),
dennoch ist Jungenarbeit noch kein selbstverständlicher Arbeitsansatz überall vor
Ort. Daher wird es nicht genügen, bei diesem Papier und seinen Forderungen
stehenzubleiben. Die Entwicklung geschlechtsspezifischer Arbeit für Jungen bleibt
weiterhin Herausforderung für die Praxis, für Konzeptionen und die dafür ver-
antwortlichen Institutionen.

Markus Schnapka                    Prof. Dr. Dr. Wolfgang Gernert
 
 

1. Jungenarbeit zwischen gesetzlicher Verpflichtung und pädagogischer Notwendigkeit

Mit dem § 9 Ziffer 3 des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) wird in das Ju-
gendhilferecht erstmalig ein bewußt geschlechtsspezifischer Blick eingeführt. Bei
der Ausgestaltung der Leistungen der Jugendhilfe und der Erfüllung ihrer Aufgaben
sind die unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und Jungen zu berücksichti-
gen, Benachteiligungen abzubauen und schließlich die Gleichberechtigung von
Mädchen und Jungen zu fördern. Mit dieser Bestimmung wird das Gleichberechti-
gungspostulat des Grundgesetzes, Artikel 3 Absatz 2, übersetzt in die Bedingun-
gen und Möglichkeiten der Jugendhilfe.

Der Formulierung dieses Paragraphen ist eine lange Diskussion in der Jugendhilfe
vorausgegangen. Ausgehend von der Frauenbewegung entstand in den 70er
Jahren ein eigenständiger Ansatz von Mädchenpädagogik in der Jugendhilfe. Vom
6. Jugendbericht der Bundesregierung (1984) an wurden insbesondere die Soziali-
sationsbedingungen und Problemlagen von Mädchen und jungen Frauen verstärkt
in den Blickwinkel der Jugendhilfe gerückt.
Das neue Kinder- und Jugendhilfegesetz von 1991 hat den Grundrechtsartikel zur
Gleichberechtigung von Mann und Frau in eine Handlungsnorm zur "Gleichberech-
tigung von Mädchen und Jungen" übersetzt. Das in § 1 Abs. 1 postulierte Recht
junger Menschen auf die Förderung ihrer Entwicklung und auf Erziehung zu einer
eigenen verantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeit erfährt damit
eine geschlechtsspezifische Ausprägung. Weder Mädchen- noch Jungenarbeit sind
als Hilfeformen beschrieben. Der geschlechtsspezifische Auftrag wird vielmehr als
Querschnittsaufgabe verstanden und muß erst für die Praxis konzipiert werden. Ein
Ausführungsgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen zu § 9 Ziffer 3 KJHG könnte
jedoch Vorgaben für eine Mädchen- und Jungenarbeit beschreiben.

Die im KJHG angesprochenen unterschiedlichen Lebenslagen von Mädchen und
Jungen sind Rahmenbedingungen für geschlechtsspezifisch unterschiedliche
Chancen und Möglichkeiten. Geschlechtsspezifische Arbeit, d. h. hier die gezielte
Arbeit mit Jungen und jungen Männern, ergibt sich daher nicht allein aus Rechts-
normen.

Der Konflikt zwischen den Geschlechtern, die Abwertung des Weiblichen und
damit die Benachteiligung der Frau sind in der Sozialisation von Jungen und Mäd-
chen schon angelegt. Die im Geschlechtervergleich bei Männern eher geringer
ausgebildete Emotionalität sowie überfordernde und selbstverleugnende Leistungs-
ansprüche sind nicht immer sozial verträglich (Gewalt ist männlich) und häufig
genug mit gesundheitlichen Risiken verbunden (z. B. kürzere Lebenserwartung,
Herzinfarktrisiko). Dabei ist die tradierte Männlichkeit, beruhend auf dem Bild von
männlicher Überlegenheit und Dominanz und verbunden mit der Ernährerrolle in der
Familie, vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen immer mehr in
Frage gestellt. Hinzu kommt, daß traditionelle Lebensentwürfe infolge der Indivi-
dualisierung von Biographien zunehmend an Tauglichkeit verlieren. Diese bei vielen
Männern Verunsicherung hervorrufenden Entwicklungen führen (neben anderen
Ursachen) bei manchen Teilgruppen der männlichen Jugend zu Orientierungs-
losigkeit und Gewalttendenzen. Rechtsradikale Orientierungen erscheinen vor dem
Hintergrund der "neuen Unübersichtlichkeit" (Habermas) unserer Gesellschaft
manchem Halt zu geben.

Für die Jugendhilfe, mit einem Erziehungsauftrag für junge Menschen bis zum 27.
Lebensjahr, ist für eine geschlechtsspezifische Ausgestaltung ihrer Leistungen der
Blick auf die Entstehungsbedingungen von Geschlechtsrolle und damit Männlichkeit
wichtig. Für die Jugendsozialarbeit gilt das insofern, als erst die Auseinanderset-
zung mit der Sozialisation ihres männlichen Klientels Ursachen und Bedingungen
für "typische" Verhaltensweisen von Jungen und jungen Männern verständlich
macht. Erst der Blick auf die Genese der männlichen Rolle kann Ausgangsmaterial
für Konzeption und Praxis von geschlechtsspezifischer Arbeit mit männlichen
Jugendlichen ergeben.
 

Zur Sozialisation von Jungen

Früh schon entwickelt sich bei Kindern ihre Geschlechtsidentität. Bis zum 18.
Monat bzw. 3. Lebensjahr ist sie normalerweise ausgeprägt, abhängig von unter-
schiedlichen Erwartungen an Jungen und Mädchen, von Übertragung und Identifi-
kation. Da der Vater auch heute noch in der Erziehung von Kindern weitgehend
fehlt, erwerben Jungen ihre Geschlechtsidentität tendenziell stärker über eine
Abgrenzung von ihrer Mutter als weiblichem Widerpart als über ein gelebtes Bei-
spiel von Männlichkeit.

In den Erziehungsinstitutionen Kindergarten und Schule prägen gleichfalls Frauen
das Erziehungsklima, leben beispielhaft Weiblichkeit vor, von der sich die kleinen
Männer im Interesse ihre männlichen Identität abgrenzen müssen. Die in den
Medien, über Spielzeug und andere Einflüsse gesetzten Männlichkeitsmodelle
tragen viel dazu bei, daß rigide Orientierungen im Lebensraum von Jungen erprobt
und verinnerlicht werden. Margarete Mitscherlich:"Unsere Kultur verlangt immer
noch vom Knaben, daß er besondere männliche Eigenschaften entwickelt. Er wird
schon früh zu einem aggressiv-selbstbehauptenden, gefühlsunterdrückenden
Verhalten - zumindest außerhalb der Familie - angeleitet." Mit dieser Entwicklung
gehen Überforderungen im Verein mit sinkender emotionaler Zuwendung ein-
her:"Ein Junge weint doch nicht".

Die von Familie, Kindergarten, Grundschule und anderen Einflüssen begründete
Entwicklung wird, wie die Schulforschung belegt, auch in weiterführenden Schulen
begünstigt. Jungen fordern und erhalten mehr Zuwendung, fallen eher als Störer
auf denn wegen ihrer sozialen Kompetenzen.
 

Die in Kindheit und Jugend erworbene Geschlechtsidentität, die von Jungen Über-
legenheit, Durchsetzungsvermögen auf Kosten anderer und das Streben nach
Macht beinhaltet, ist für viele junge Männer im Übergang von der Schule zum
Beruf prägend. Sie erleben hier häufig erhebliche Widersprüche zwischen ihrem
Selbstbild, den Erwartungen an sie und ihren tatsächlichen Kompetenzen und
Möglichkeiten. Für benachteiligte junge Männer trifft dieser Widerspruch über-
wiegend stärker zu. Die Bedeutung des Vaters in der Erziehung war bei ihnen
tendenziell geringer, die in ihrer Sozialisation relevanten Männlichkeitsbilder viel-
fach rigider.
 

2. Jungenarbeit im Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit

Das gesellschaftliche Klima, die sogenannte Modernisierung der Gesellschaft,
Massenarbeitslosigkeit und Umweltprobleme haben also gleichfalls Einfluß auf
Identitätsentwicklung und Lebensplanung junger Männer. Sozialgesetzgebung,
Familienpoltik, Arbeitsmarktpolitik und anderes tragen zur Ausgrenzung junger
Menschen bei. Die viel zitierte "Ellbogengesellschaft" gibt Beispiel und Orientie-
rung.

Wenngleich Jungenarbeit als Querschnittsaufgabe grundsätzlich nicht auf eines der
klassischen Aufgabenfelder der Jugendhilfe beschränkt ist, so verdient sie doch im
Arbeitsfeld der  Jugendsozialarbeit besondere Aufmerksamkeit:

-    Jugendsozialarbeit richtet ihre Hilfeangebote an junge Menschen - und damit
     auch an Jungen und junge Männer - mit sozialen Benachteiligungen und
     individuellen Beeinträchtigungen. Jungenarbeit trifft damit auf Jungen,
     deren Sozialisation unter besonderen, oft besonders schweren Bedingungen
     verlaufen ist. Diese Tatsache hat ihre Bedeutung auch für die Sozialisation
     zum Mann.
     Für die Entwicklung von Jungen gilt grundsätzlich: Jungen orientieren ihre
     Vorstellungen vom Mann, der sie werden möchten, unter anderem an ste-
     reotypen Bildern von Männlichkeit wie Stärke, Gefühlskälte, Unabhängigkeit
     und Durchsetzungsvermögen bis hin zur Gewaltanwendung - Stereotype, die
     sie sie in ihrem familialen Alltag erleben und auch über die Massenmedien
     vermittelt bekommen.
     Gelingt der Sozialisationsprozeß, so werden die Widersprüche zwischen
     solchen Bildern und den realen gesellschaftlichen Anforderungen z.B. in
     Schule und Beruf immer besser identitätsstiftend in eine Gesamtpersönlich-
     keit integriert. Der innerpsychische Vorgang, den mit solcher Realitätstüch-
     tigkeit verbundenen Verlust klischeehafter, aber auch emotionaler Orientie-
     rung zu verarbeiten, findet seinen Ausdruck in der Entwicklung von Ratio-
     nalität und Reflexionsvermögen.
     Die Biographien von Jungen und jungen Männern mit Benachteiligungen
     zeigen, daß ihre Probleme oft eine bis in die frühe Kindheit zurückgehende
     Genese haben. Häufig liegen traumatische Erfahrungen vor, die den oben
     angedeuteten ohnehin schwierigen Prozeß traditioneller Identitätsbildung aus
     dem Gleichgewicht bringen. Zwar werden die Spannungen und Brüche
     erfahren, die die Orientierung an geschlechtsspezifischen Stereotypen mit
     sich bringt im Verhältnis zu den Erwartungen und Anforderungen der Reali-
     tät, dennoch kommt es nicht im üblichen Umfang zu identitätsstiftenden
     Integrationsleistungen. Im Gegenteil besteht das Risiko, daß sich die kli-
     scheehaften Bilder von Männlichkeit als die einzigen Sicherheit bietenden
     Orientierungsmuster immer mehr verfestigen, als realitätstüchtige Hand-
     lungsmuster angesehen und ausprobiert werden. Jungen geraten hier nicht
     selten in einen Teufelskreis, wenn solche und vergleichbare Probleme bei
     der Identitätsbildung auch noch gesellschaftlich negativ sanktioniert werden.
     Ist aggressiv ausgelebte Männlichkeit die Reaktion auf gesellschaftlich
     geforderte Anpassungsleistungen und als bedrohend empfundene Perspek-
     tivlosigkeit (Arbeitslosigkeit, soziale Ausgrenzung), wird sie dennoch gesell-
     schaftlich sanktioniert.

-    Die Lebensphase des Übergangs von der Schule in den Beruf  ist für junge
     Männer eine besondere Herausforderung. Gerade für Männer hat Berufs-
     tätigkeit eine zentrale Bedeutung für ihren Status und die Teilhabe an der
     Konsumgesellschaft und ist begründend für die Ernährerrolle (Ihre soziale
     Integration).
     Die mit tradierten Männerbildern verbundenen Leistungsanforderungen über-
     fordern sozial und individuell benachteiligte Jugendliche in der Regel. Die in
     der Arbeitswelt geforderte Team- und Kooperationsfähigkeit widerspricht
     dem erworbenen Selbstbild und erprobten Durchsetzungsstrategien. Durch
     steigende Qualifikationsanforderungen auf dem Arbeitsmarkt, wegfallende
     Einfacharbeitsplätze und Massenarbeitslosigkeit fühlen sich diese jungen
     Männer zusätzlich in eine Sackgasse manövriert.
     Da sie sich als Heranwachsende in der Adoleszenz befinden, klären sie unter
     anderem ihre Beziehung zum anderen Geschlecht neu, entwickeln sie Lie-
     bes- und Arbeitsfähigkeit. Den auf sie einstürzenden Anfoderungen sind sie
     mit ihren Kompetenzen, die sich unter anderem aus tradierten Rollenbildern
     ergeben, kaum gewachsen. Für sie geht es um Persönlichkeitsentwicklung,
     schulische und berufliche Qualifizierung, Lebens- und Berufsplanung.
     Der notwendigen Vereinbarkeitsleistung von Beruf und Familie werden sie
     kaum gerecht werden können.
 

Ist männliche Sozialisation in wesentlichen Aspekten Vorbereitung auf das Er-
werbsleben, dann droht sie in dieser Hinsicht bei der Zielgruppe der Jugendsozial-
arbeit zu scheitern. Jugendsozialarbeit wird den sich daraus ergebenden komplexen
Anforderungen nur gewachsen sein, wenn sie sich auch diesen ge-
schlechtsspezifischen Lebenslagen stellt. Jungenarbeit im Handlungsfeld der
Jugendsozialarbeit hat es daher mit besonderen Aufgabenstellungen zu tun:

-    Die spezielle Zielgruppe sozial benachteiligter und individuell beeinträchtigter
     Jungen und junger Männer erfordert vom Jungenarbeiter eine besondere
     Sensibilität nicht nur für die geschlechtsspezifischen Probleme, sondern
     zugleich für die gruppenspezifischen sowie für die besondere Problemkon-
     stellation, die sich aus der Verknüpfung der beiden erstgenannten ergibt.

-    Die Lebensphase des Übergangs von der Schule ins Berufsleben, des Ein-
     tritts ins Berufsleben und der Gründung der eigenen Famile ist für die Ver-
     änderung des Geschlechterverhältnisses und seiner Bewertung von zentraler
     Bedeutung. Jungenarbeit, die hier ansetzt, hat die Chance, die Lebens- und
     Berufsplanung des Mannes unter dem Aspekt der Vereinbarkeitsleistung von
     Familie und Beruf zu verändern und neu zu bewerten und damit die männ-
     liche Identität um ihre "weiblichen, weichen" Persönlichkeitsmerkmale zu
     erweitern.

-    Für die Arbeit mit jungen Männern, die entweder Aussiedler sind oder zum
     Kreis der Migranten gehören, ist es darüberhinaus notwendig, deren spezi-
     fische kulturell differierende Sozialisation einzubeziehen.
 
 

3. Ziele und Arbeitsfelder

Zentrale Aufgabe der Jugendsozialarbeit ist die Gestaltung des Übergangs von der
Schule in den Beruf. Geschlechtsspezifische Arbeit mit Jungen und jungen Män-
nern in dieser biographischen Phase wird daher nur so gut sein können, wie sie
Beiträge zu diesem Übergang mit dem Blick auf männliche Sozialisation, Rolle und
Lebensgestaltung leistet.
Männliche Sozialisation kann auch als Vorbereitung auf die Arbeitswelt und ihre
Anforderungen verstanden werden. Die oft rigiden Verhaltensmuster in Jugend-
cliquen, beispielsweise für Kommunikation und Konfliktbewältigung, bereiten auf
Konkurrenz in der Arbeitswelt bzw. auf dem Arbeitsmarkt vor.

Jugendsozialarbeit, ob im Jugendwohnen oder der Jugendberufshilfe, der Arbeit
mit Aussiedlern oder Migranten, muß die erworbenen Kompetenzen und verinner-
lichten Haltungen kritisch reflektieren helfen und auf die realen gesellschaftlichen
(Arbeitswelt-) Bedingungen beziehen.

Eine hieraus resultierende Berufsplanung muß Lebensplanung einschließen. Erst die
Auseinandersetzung mit den Wünschen und Träumen für das Erwachsenenleben
und ein Entwurf vom Erwachsensein machen berufliche Planung realitätstüchtig.
Für die Jungenarbeit sind unterschiedliche Formen der Berufs- und Lebensplanung
notwendig. Sie beziehen sich notwendigerweise auf

-    Einzelhilfe (z. B. Einzelberatung, Entwicklungsbegleitung, sozialpädagogische
     Begleitung in Maßnahmen),

-    soziale Gruppenarbeit (in Qualifizierungsmaßnahmen, im Jugendwohnheim,
     in der Arbeit mit Schülern) und

-    Seminare (ob getrennt nach Geschlechtern oder koedukativ - mit ge-
     schlechtsspezifischen Phasen).

Themen, die in dieser Arbeit anstehen, sind z.B.:

-    Männliche Identität (individuell und gesellschaftlich); z.B. der Zusammen-
     hang von Geschlecht und Beruf in der Herkunftsfamilie/der Gesellschaft.
     Was prägt individuelle und soziale Kompetenzen, die für den Beruf von
     Bedeutung sind? Was prägt männliche Berufswünsche?
-    Berufswünsche, Traumberufe und die Wirklichkeit; z.B. individuelle Kom-
     petenzen und Anforderungen der Arbeitswelt, des Wunsch- oder Traumberu-
     fes, Qualifizierungswege und -möglichkeiten (Kompetenzen, Anforderun-
     gen).
-    Verbindung von Berufs- und Lebensplanung; z.B. Lebens- und Berufserwar-
     tungen von Männern und Frauen, ihre Vereinbarkeit in Ehe und Familie. Ist
     die Vereinbarkeitsleistung (Familie und Beruf) nur ein Frauenproblem?

Für diese Themenkomplexe sind sehr unterschiedliche Vorgehensweisen vorstellbar
und in der Praxis erprobt. Bewährt haben sich viele Spiel- und Übungsmethoden,
z.B.  Rollenspiele zu Familiensituationen, Theater- oder Medienpädagogik, Erfah-
rungsräume mit Hilfe von Praktika in Betrieben und außerbetrieblichen Werkstätten
oder "Karrierespiele" zu beruflichen Qualifizierungs- und Werdegängen.
Besonders dann, wenn Angebote Erlebnischarakter haben, werden sie von Jungen
gerne angenommen.

Weiterhin eröffnet Jungenarbeit mit ihren Übungs- und Erprobungsräumen her-
anwachsenden Männern ein Spektrum von Verhaltensmöglichkeiten, die ihnen im
traditionellen Männerbild verschlossen bleiben. Es geht darum, Lebenstüchtigkeit
ganzheitlich in emotionaler, kognitiver und sozialer Hinsicht zu erlernen, kooperati-
ves Agieren in den eigenen Lebenszusammenhängen zu erfahren, Stärken sozial-
verträglich einzusetzen und die Kommunikations- und Konfliktfähigkeiten zu erwei-
tern.
Richtig verstandene Jungenarbeit leistet Beiträge zu individuell tragfähiger Ge-
schlechtsidentität. Sie kann Grenzverletzungen und die dahinterliegenden Werte
und Selbstbehauptungsmuster problematisieren und die Beziehung zwischen den
Geschlechtern  thematisieren. Auf der Tagesordnung der Jungenarbeit steht
darüberhinaus das Selbstwertgefühl der Heranwachsenden, ihre Beziehung zu
ihrem Körper, ihren Wünschen, Träumen und Fähigkeiten.

Diese über die berufliche Orientierung hinausgehenden Ziele der Jungenarbeit erge-
ben sich aus der Lebenswelt der Jungen und ihrem individuellen Förderbedarf. Da
wohlverstandene Jungenpädagogik Jungen und jungen Männern einen Rahmen
bieten will, der von ihren Bedürfnissen ausgeht und ihre Selbständigkeit fördert,
geht es in dieser Arbeit immer um Partizipation. Je eher sie erreicht wird, um so
eher werden die gesteckten Ziele erreichbar sein.

Eine solche Jungenarbeit will die Erlebnis- und Verhaltensmöglichkeiten von Jun-
gen und jungen Männern erweitern in den Feldern:

-    Gefühle und Sexualität

     Trauer, Mutlosigkeit oder Schwäche sollten Männer empfinden und aus-
     drücken lernen. Aufschub und Verzicht sind realitätstüchtige Komponenten
     von Männlichkeit. Bindungsfähigkeit, Dialog- und Konfliktlösungsfähigkeit,
     sich auf andere einlassen zu können und zuzuhören sind weitere Bausteine
     für eine ganzheitlich angelegte Männlichkeit. Entwickeln sich Jungen in
     diese Richtung, werden sie lernen, Mädchen und Frauen ohne Abwertung
     und Unterdrückung partnerschaftlich zu begegnen.
     Sie werden Liebe und Sexualität eher als lustvoll und erstrebenswert erfah-
     ren. Gleichzeitig sind sie aber auch mit Ängsten und Leistungsdruck ver-
     bunden. Diese Verunsicherung kann die Jungenarbeit aufgreifen, indem sie
     einen neuen Blick auf Körper und Gefühle richtet.
     Jungenarbeit bietet in Gruppen und Seminaren Räume, in denen es Jungen
     gestattet ist, ihre Angst zuzulassen, wo sie ihre eigenen Bedürfnisse und die
     anderer spüren können.

-    Freundschaft und Nähe zwischen Jungen

     Nähe und Freundschaft zwischen Jungen, Austausch und Offenheit in
     einem Klima von Vertrauen und gegenseitiger Anerkennung wünschen sich
     viele. Konkurrenz und Leistungsdruck lassen meist nicht mehr als Kumpanei
     zu. Sie begünstigt emotionale Isolierung und läßt Jungen mit ihren Ängsten
     und Nöten allein.
     Jungenarbeit thematisiert dies und bietet Erlebnis- und Erfahrungsräume an,
     in denen Jungen lernen, Verschiedenheit zuzulassen, ohne diese unter-
     schiedlich zu bewerten. Auf dieser Grundlage wird auch Homosexualität die
     Tabuzone verlassen können und als eigenständige Sexualität und Bezie-
     hungsform Anerkennung finden.

-    Lebens- und Konfliktbewältigung

     Neben der männlichen Sozialisation erzeugen die ungünstige soziale Lage
     und die unsicheren Perspektiven bei benachteiligten Jungen und junger Män-
     nern verstärkt Ohnmacht und Aggressivität.
     Jungenarbeit geht daher - in Abgrenzung zum traditionellen Männerbild - ein
     auf den daraus resultierenden Leidensdruck, die Überforderungen und grund-
     legenden Verunsicherungen. Jungen werden realitätstüchtiger, wenn sie auf
     individuelle Konflikte und gesellschaftliche Widersprüche reflektiert und
     angemessen reagieren können. Wenn sie ihre Energie statt zu (Selbst-)De-
     struktion zugunsten von Veränderungen einsetzen lernen, werden sie ihre
     Ohnmacht überwinden.

-    Erlebnis Männlichkeit

     Leistet Jungenpädagogik Schritte in diese Richtungen, erhalten Jungen und
     junge Männer die Chance, selbstbewußt und mit Freude ihre Männlichkeit zu
     leben und sich Rahmenbedingungen stellen zu können, die dort Anpassung
     verlangen, wo Handlungskompetenz verlangt ist.
     Jungenpädagogen bieten Räume, in denen Jungen und junge Männer positiv
     bewerten und erleben lernen, wo sie leicht zusammen sein können, ohne
     rigide Hierarchien, stark und schwach, wo sie ernst- und angenommen
     werden, in Dialog und Kooperation - eine wichtige Basis für das Miteinander
     der Geschlechter.

Gerade im Handlungsfeld der Jugendsozialarbeit stößt Jungenarbeit durch die
familiale Sozialisation, das soziale Umfeld, die gesellschaftlichen Bedingungen und
den Einfluß der Medien an ihre Grenzen. Jungenarbeit muß sich zudem der Tat-
sache stellen, daß bei der beruflichen Orientierung Konkurrenz, Leistungsdruck und
Durchsetzungsfähigkeit die bestimmenden Maßstäbe sind. Jugendsozialarbeit kann
weder gesellschaftliche Widersprüche auflösen noch ökonomische/gesellschaftliche
Entwicklungen, die zu Lasten ihrer Zielgruppe gehen, aufhalten.

Jungenpädagogik stellt deshalb besondere Anforderungen an Pädagogen. Sie
müssen  bereit und in der Lage sein, sich mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem
eigenen Männerbild und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auseinander-
zusetzen. Dabei geht es entscheidend darum, miteinander zu lernen und mitein-
ander zu veränderten Lebensformen zu finden. Sind Pädagogen in diesem Prozeß
bereit, auch in der Unzulänglichkeit eigene Sicherheit zu erwerben, in der Unsi-
cherheit Modell zu sein, werden auch die Jungen erleben können, daß es keine
gültigen Antworten gibt, vielmehr nur ein individuelles, ernstgemeintes Fragen und
Ausprobieren.
 
 

4. Koedukation

Koedukative Jugendsozialarbeit geht nicht gezielt auf die Probleme von Jungen ein
und trägt kaum zur offensiven Bewältigung von Jungenproblemen bei. Nur schwer
- wenn überhaupt -  lassen sich in koedukativen Gruppen die erlernten männlichen
Verhaltensmuster reflektieren, probeweise variieren oder verändern; nur schwer
können Jungen ihre Ängste und Verunsicherungen vor Mädchen zur Sprache
bringen.

Jungenarbeit ist allerdings kein Ansatz zur Geschlechtertrennung. Sie ist viel-
mehr zu sehen als eine eigenständige, zur koedukativen Jugendsozialarbeit
gleichberechtigte und diese erweiternde und ergänzende Möglichkeit. Denn Ver-
ständnis - auch zwischen den Geschlechtern - füreinander zu haben setzt Selbst-
verständnis und Selbstvergewisserung voraus.
Damit Jungen sich unbefangen mit ihrer Sozialisation auseinandersetzen können,
sind Jungengruppen notwendig:
Nur diese ermöglichen es Jungen, ohne die Konkurrenz um Mädchen, ohne zu
befürchtende Niederlage sich mit sich selbst, ihren Ambivalenzen und Widersprü-
chen (stark und schwach, aktiv und passiv, ...)auseinanderzusetzen und sich zu
öffnen für den Dialog und die eigenen Gefühle.
Gerade in geschlechtshomogenen Gruppen können Jungen leichter über ihre
Ängste und Gefühle, über Sexualität und Gewalt sprechen lernen. Jungengruppen
bieten unvergleichlich bessere Voraussetzungen dazu, untereinander z.B. über
Konkurrenzverhalten und Leistungsdruck zu sprechen, das eigene männliche
Rollenverhalten auf mögliche implizite Ängste zu befragen, unbefangen Erfahrun-
gen auszutauschen, probeweise Alternativen zu den eingespielten Handlungs-
weisen kennenzulernen, Nähe zuzulassen und so die oft vorhandene emotionale
Isolation zu überwinden.
Dazu braucht es in der Jugendsozialarbeit männliche Pädagogen.
 
 

5. Fortbildung

Qualifizierung für Mitarbeiter zur Jungenarbeit

Die Jungenarbeit der Fachkräfte in der Jugendsozialarbeit wird von Fortbildung
begleitet, zu der die folgenden Bestandteile gehören:

- Klärung der Motivation, mit (bestimmten) Jungen arbeiten zu wollen
- Klärung des Selbstverständnisses als Pädagoge und als Mann,
- Klärung des Verständnisses von Männlichkeit
- Reflexion der eigenen subjektiven Wahrnehmung von Jungen und Männern der
  Klientel
- Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
  (Sozialwissenschaft, Ökonomie, Arbeitsmarkt)
- Auseinandersetzung mit den Lebenswelten der männlichen Klientel
  (auch Entwicklungspsychologie und adoleszente Entwicklung)
- Berücksichtigung der gesellschaftlichen Verhältnisse besonders im Hinblick auf
  das Zusammenleben von Männern und Frauen
- Reflexion der eigenen Erfahrungen als Junge auf dem Weg zum Mann
- Berücksichtigung des institutionellen Rahmens für die Arbeit mit Jungen
- Vermittlung spezifischer Methodik und Didaktik

Für die im pädagogischen Bereich Tätigen ist es gleichermaßen notwendig wie
schwierig, sich in fremde, aus eigener Erfahrung größtenteils unbekannte Lebens-
lagen ihrer Klientel hineinzuversetzen. Wenn das gelingt, eröffnet es einen Zugang
zu den Jungen und einen Blick für den tatsächlichen Förderbedarf. Die Probleme
werden nicht damit beseitigt, daß Männer mit Jungen arbeiten. Denn so sehr
vergleichbare Erfahrungen männlicher Fachkräfte den Zugang zu Jungen erleichtern
können, erschweren auch Projektionen und Kurzschlüsse (von sich auf die Jungen)
die Arbeit.
Auf die Entwicklung der eigenen Männlichkeit muß also allein deshalb schon
zurückgeblickt werden,  damit die Unterschiede zu den Erfahrungen heutiger
Jungen herausgearbeitet werden können. Dabei sind die subjektiven Erfahrungs-
welten und objektiven Lebensbedingungen der verschiedenen sozialen Schichten
bzw. der Kulturen zu beachten.
Die Rückmeldungen aus Fortbildungen zur Jungenarbeit zeigen, daß die Teilnehmer
selbstreflexives Erleben ungezwungener und offener in geschlechtshomogenen
Gruppen zulassen können.

Um die i.d.R. gut verdrängten eigenen "Domestizierungs"erfahrungen bearbeiten
und  ins Selbstbild integrieren zu können, ist Selbsterforschung notwendig.
Selbstreflexion gehört zu einer professionellen Haltung in jeder Beziehungsarbeit,
und deshalb auch in eine entsprechende Qualifizierung zur Jungenarbeit.
Zur professionellen Haltung auch gegenüber jungen Mackern und Gewalttätern
gehört weiterhin eine Sichtweise, die Ursache und Wirkung auseinanderhält und
damit dem Pädagogen Verhaltensspielräume eröffnet. Dazu gehört es, Formen
männlicher Gewalt (nicht nur körperliche) zu erkennen, hin- statt wegzusehen und
klar Position zu beziehen.
Jungen finden ihre Geschlechtsidentität in Beziehungen und Begegnungen mit für
sie wichtigen Personen durch Nachahmung, Identifikation und Abgrenzung. Fort-
bildung für Jungenarbeiter muß daher den Blick darauf lenken, wie Pädagogen ihre
Männerrolle leben und welche Rolle sie als professionelle Bezugsperson für Jungen
ausfüllen können (als "Vater", Freund, Mentor ...).
 

Qualifizierung zur geschlechtsspezifischen Arbeit in der Koedukation

Auch in den Feldern der Jugendsozialarbeit wird Koedukation z.Zt. häufig noch als
unreflektiertes Nebeneinander praktiziert.
Neben den ausdrücklich geschlechtsspezifischen Angeboten, bieten die Einzelfall-
arbeit und die situative Arbeit Chancen zu pädagogischen Anstößen, die das
Geschlecht reflektierend ins Auge fassen.
Teams in Einrichtungen der Jugendsozialarbeit sollten ihre Konzeption und Praxis
daher so fortentwickeln, daß der "geschlechtsspezifische Blick" auch in die Koedu-
kation Einzug hält, Mädchenarbeit und Jungenarbeit aufeinander bezogen und für
die "Begegnung der Geschlechter" aufeinander abgestimmt sind.
Für diesen Zweck sind künftig Fortbildungen notwendig, die sich an ganze Teams
bzw. Pädagoginnen und Pädagogen wenden.

Aus der Koedukation ergibt sich ein Fortbildungsbedarf für die Arbeit zur Ge-
schlechterthematik auch mit andersgeschlechtlichen jungen Menschen.
Pädagogen sollten sich der strukturellen gesellschaftlichen Benachteiligung von
Mädchen, ihrer Sozialisationsbedingungen und den Auswirkungen auf die Persön-
lichkeitsentwicklung bewußt zu werden. Pädagoginnen sollten in diesem Sinne für
ihre alltägliche Arbeit mit Jungen qualifiziert werden.
 
 

6. Kooperation tut Not

Da Jungenarbeit in der Jugendsozialarbeit noch in den Anfängen steckt, sind
Dialog und Kooperation besonders wichtige Elemente für die Entwicklung dieses
Arbeitsfeldes in der Jugendsozialarbeit. Noch ist die Bedeutung von Jungenarbeit
nicht bei allen Trägern und Teams anerkannt, noch fehlt es an vielfältigen Kon-
zeptionen und Beispielen. Sozialarbeiter, die sich für Jungenarbeit vor Ort engagie-
ren, sollten sich mit Kollegen - auch aus anderen Arbeitsfeldern der Jugendhilfe -
vernetzen, Arbeitskreise bilden, die dem Erfahrungsaustausch zur männlichen Rolle
(auch der eigenen Reflexion), der Konzeptionsentwicklung und der Fortentwicklung
dienen. Derartige Arbeitskreise könnten vor Ort Ausgangspunkte für Fortbildungen,
besondere Veranstaltungen für Jungen und für den Dialog mit den Praktikerinnen
der Mädchenarbeit sein.
 
 
 

7. Perspektiven

Die Fortbildung der Landesjugendämter, aber auch Fortbildungsangebote vor Ort,
Arbeitskreise und Maßnahmen zur Konzeptionsentwicklung sind weiterhin gefragt.
Zusätzlich besteht ein dringender Bedarf daran, bestehende Praxisbeispiele mit
Hilfe von Handreichungen und Erfahrungsaustausch übertragbar zu machen.

Geschlechtsspezifische Arbeit muß stärker Eingang in die Praxis finden. Wegen der
hohen Bedeutung des geschlechtsspezifischen Blicks in der Sozialarbeit und all
ihren Handlungsfeldern ist z.B. zu überlegen, ob nicht künftig öffentliche Förde-
rungen von entsprechender Konzeption und Praxis abhängig sein sollte. Ausfüh-
rungsgesetze zum Kinder- und Jugendhilfegesetz könnten entsprechende Anforde-
rungen stellen, Richtlinien dies ausgestalten.

Ein weiterer wichtiger Gesichtspunkt ist Kooperation zwischen Mädchen- und
Jungenarbeit. Da in der Jugendsozialarbeit in vielen Praxisfällen und Einrichtungen
koedukativ gearbeitet wird, muß es dauerhaft gelingen, daß sich Mädchen- und
Jungenarbeit aufeinander beziehen und gegenseitige Anknüpfungspunkte finden.
Das können z.B. Seminare sein, die zwar geschlechtsspezifisch stattfinden, die Be-
gegnungen der Geschlechter jedoch zum Ziel haben, die Auseinandersetzung mit
den unterschiedlichen Wahrnehmungen, Wünschen und Lebensentwürfen.

Die in der Plattform angesprochene notwendige Vernetzung der männlichen Fach-
kräfte vor Ort ist ungenügend und bedarf gleichfalls der Weiterentwicklung. An
diesem Punkt erweist sich auch, daß die Beschränkung der konzeptionellen Ent-
wicklung auf die Jugendsozialarbeit zu kurz greift. Sinnvoll ist es, Jungenarbeit
konzeptionell für die Jugendhilfe insgesamt zu entwickeln und diese Plattform als
Grundlage für eine weitergehende Konzeption "Jungenarbeit in der Jugendhilfe" zu
nehmen. Notwendige Differenzierungen für unterschiedliche Arbeitsfelder sind
dabei nicht ausgeschlossen, sondern erwünscht.