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Franz Lütgenau

Geboren am 25. Oktober 1857 in Rheindorf bei Leverkusen als Sohn eines Lehrers. Schulbesuch in Rheindorf und Opladen. 1875 Abitur am Gymnasium in Neuß. Studium der Philosophie und Theologie an der Akademie Münster. Studium neuerer, besonders romanischer Sprachen an den Universitäten Berlin und Bonn. 1880 Promotion zum Dr. phil. und Staatsexamen für das höhere Lehramt. Referendariat und einjähriges Probejahr als Lehrer in Elberfeld. Nach vierjähriger Lehrtätigkeit in Potsdam schied er 1885 aus dem Beamtenverhältnis aus.

Inzwischen hatte er sich dem Sozialismus zugewandt, für den er sich fortan als Redner, Journalist und aktiver Politiker einsetzte. Höhen und Tiefen, Erfolg und Verachtung waren die Folge. Religion, Familie, Beruf und soziale Stellung opferte er diesem Entschluß. Neben einer steilen Parteikarriere brachte ihm dies letztlich wieder die Isolierung: Mißtrauen, Neid und selbst Haß seiner neuen "Freunde". Am Ende standen der Parteiausschluß und erneute Arbeitslosigkeit. (Saal 1980) 1892 Reichstagskandidat in Mecklenburg-Strelitz. Bis 1893 unternahm er als aktiver Sozialist Agitationsreisen in Thüringen. In dieser Zeit erste politische Anfeindungen. Im Auftrag des Berliner Parteivorstandes seit 1893 Chefredakteur der Rheinisch-Westfälischen Arbeiterzeitung in Dortmund, eines einfluß-reichen Organs, das weit in die Provinz Westfalen und ins gesamte Ruhrgebiet ausstrahlte. Daneben war er ein beliebter politischer Redner. 1895 Mitglied des Reichstags. Vom Winter 1895 bis zum Frühjahr 1898 vertrat er den Wahlkreis Dortmund-Hörde im Reichstag – als erster Sozialdemokrat des Ruhrreviers. (ebd.) 1894 Vorsitzender des westfälischen Provinzial-Parteitags. Vorsitzender der SPD-Parteitage in Lütgenau (1896), Hörde (1897), Bochum (1898) und Hagen (1899). Daneben war er Referent auf auswärtigen Bezirks-Parteitagen. Für etwa zehn Jahre Besuch der Parteitage auf Reichsebene. 1898 knappe Wahlniederlage. 1898 fristlose Entlassung aus seiner Tätigkeit als Chefredakteur. 1899 Ausschluß aus der Partei und Rückzug ins Privatleben. 1901 Verwicklung in einen Unterschlagungsprozeß, der seine politische Laufbahn endgültig beendete. Fortan gab er privaten Sprachunterricht und lebte von Gelegenheitsaufträgen als freier Journalist. Nun fand er wieder Zeit für seine schriftstellerischen Neigungen. Im Jahre 1900 Gründung des Dortmunder Vereins für Literatur und Kunst, dem etwa 100 Mitglieder angehörten und den er bis 1928 als Vorsitzender leitete. Den ersten Vortrag übernahm Wilhelm Uhlmann-Bixterheide, der auch die Festrede zum 10jährigen Bestehen hielt. 1904 gab er als verantwortlicher Redakteur und Verleger die Westfälische Revue für das geistige Leben, besonders für Literatur und Kunst heraus. Das Organ erschien halbmonatlich und widmete sich u.a. dem Bühnenleben Essens, Bochums, Dortmunds, Hagens und Elberfelds. Ebenso berichtete er im Dortmundischen Magazin (später Westfälisches Magazin/Neue Folge) und den Mitteilungen der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund über das Theaterleben in Dortmund und Hagen. 1907 brachte er als Teilhaber des Kaufmanns Wilhelm Büring im Loki-Verlag unterschiedliche Druckerzeugnisse heraus: Bücher, Schriften, Karten, Noten, Kunstwerke. Im Juli 1913 gemeinsam mit Ewald Reincke Herausgabe der Kulturzeitschrift Westdeutsche Warte, die es, bedingt durch den Ersten Weltkrieg, nur auf acht Nummern brachte. Im Juni 1913 Mitbegründer und Geschäftsführer des Dortmunder Volkshochschulvereins, bei dem er Vorträge hielt und in Theaterveranstaltungen einführte. In den Kriegsjahren wurde er Aushilfslehrer in Dortmund. Während des Ersten Weltkriegs gründete sich der Verband zur Förderung deutscher Theater-Kultur, dem er als Mitglied des Westfälischen Provinzialausschusses und Leiter zweier Ausschüsse (Werbung, Schule) der Dortmunder Ortsgruppe angehörte. Seit 1919 unterrichtete er als beamteter Oberlehrer und schließlich als Studienrat in Dortmund. 1920 fünfmonatige Beurlaubung, um ein Geschichtslehrbuch abzuschließen, das allerdings nicht zur Publikation gelangte. So brachte ihm die Pensionierung 1923 doch noch jene finanzielle Unabhängigkeit, sich der ehrenamtlichen Erwachsenenbildung vor allem in der von ihm 1913 mitbegründeten Volkshochschule zu widmen. Als die politische und wirtschaftliche Situation die Volkshochschulbewegung 1927 wieder aufleben ließ, gehörte er erneut zu den Initiatoren, die sich für die Neubelebung der Volkshochschule einsetzten. Er war Stellvertretender Vorsitzender und ab 1930 Erster Vorsitzender der Volkshochschule. Während der Weimarer Republik war er wieder in die Partei aufgenommen worden, in der er bis Ende der 20er Jahre kommunalpolitisch wirkte (Mitglied des Bildungsausschusses der SPD für Groß-Dortmund). 1927 rief er die Freie Volksbühne Dortmund e.V. ins Leben, deren künstlerischem Ausschuß er vorstand. Geschäftsführer war Erich Grisar; der auch die Schriftleitung der Monatshefte übernahm, in denen die Aufführungen des Theater-Spielplans erläutert wurden. Lütgenau starb am 26. April 1931.

Eine Vermittlerposition [...] hatte Lütgenaus 'Verein für Literatur und Kunst' [...] inne. Das wurde schon am Versammlungsort deutlich: Während die 'Literarische Gesellschaft' im sorgsam gehüteten historischen Rathaussaal einen gepflegten Rahmen für ihre Veranstaltungen gefunden hatte, der Proletariern fremd sein mußte, traf sich der 'alte Verein' auf einer weniger repräsentativen Ebene, anfangs im Konservatorium am Südwall, später in einem Klubhaus an der Märkischen Straße, und wünschte sich – das ist 1927 in einer Notiz Hüsers festgehalten – ausdrücklich mehr Beteiligung von Arbeitern; das ist freilich ein Anzeichen dafür, daß noch nicht viele von ihnen den Weg dahin gefunden hatten. Der Verein verstand sich [...] als Debattierklub über literarische und ästhetische Probleme, insbesondere der Gegenwart, und über allgemein interessierende soziale Fragen, mit Vorträgen von Mitgliedern und Diskussionsrunden; Vortragende von außen wurden nur ausnahmsweise eingeladen. Das Spektrum war hier, im Gegensatz zur 'Literarischen Gesellschaft', eher 'linkslastig', doch waren auch Agnes Miegel und der katholischkonservative Leo Weißmantel zu Gast. Wie es scheint, wurden die Ansichten im Verein zur Zeit der Wirtschaftskrise am Ausgang der 20er Jahre radikaler. Als Vortragende von außen hörte man neben den schon Genannten Johannes R. Becher, Bert Brecht, Klaus Mann, Peter Martin Lampel, René Schickele und Kurt Tucholsky; aus dem heimischen Umkreis lasen [_Erich] Grisar, Ginkel und Mitglieder des BPRS. Mehrere Vorträge wurden über den 'roten Roman', die agitatorische Romanheftreihe, für die [_Hans] Marchwitza schrieb, gehalten – daneben stand aber wieder ein Goethe-Abend. 1931 war eine Veranstaltung der Antikriegsdichtung von Pindar und Herodot bis Tucholsky und Stefan Zweig gewidmet; in anderen Sitzungen diskutierte man über zeitgemäße Pädagogik und den proletarischen Kindergarten. (von Heydebrand 1983)

Selbständige Veröffentlichungen: Jean Palsgrave und seine Aussprache des Französischen. Diss. Bonn: Carthaus 1880. 65S. (ULB Münster) – Die Judenfrage, ökonomisch und ethisch. Berlin: Dümmler 1893. 22S. (ULB Münster) – Die Jesuitenfrage. Eine politisch-geschichtliche Abhandlung zur Aufklärung des arbeitenden Volkes. Bielefeld: Slomke 1894. 84S. (ULB Münster, StA Bielefeld, Lipp. LB Detmold) – Natürliche und Soziale Religion. Stuttgart: Dietz 1894. 260S. (=Internat. Bibl. 19) (ULB Münster, StLB Dortmund, StB Mönchengladbach) – Der Essener Meineidsprozeß. Geschichte und Glossen. Berlin: Verlag des "Vorwärts" 1895. 48S. (ULB Münster, UB Bonn, Lipp. LB Detmold, StUB Köln) – Der Fall Lütgenau. Dortmund: Verlag des Dortmunder Tagebl. 1899 [Verteidigungsschr.; gilt als verschollen; Rez.: Dortmunder Tagebl. vom 14.11.1899] (Exempl. in der Überwachungsakte in Brandenburg. LHA Potsdam) – Der Ursprung der Sprache. Leipzig: Seemann 1901. 32S. (StUB Köln) – Darwin und der Staat. Leipzig: Thomas 1905. 155S. [preisgeskrönt von der Krupp-Stiftung] (StLB Dortmund, StB Mönchengladbach) – Shakespeare als Philosoph. Leipzig: Xenien-Verlag 1909. 115S. (ULB Münster) – Wolfgang Helmut Piefke. Roman. Stuttgart: Püttmann [1912]. 210S. (StLB Dortmund) – Was wollen die Syndikalisten? Berlin: Verlag "Der Firn" 1920. 9S. – Erkenntnis, Wille, Leben. Eine Bilanz der Philosophie. Dortmund 1924. 32S. (StLB Dortmund) – folgende Werke gelten als verschollen: Sozialistische Gedichte. o.O.u.J. – Das Mittelalter in geoökonomischer Geschichtsauffassung. o.O.u.J. – Weltgeschichte. o.O.u.J. – Geschichte der PhilosophieWas ist national? o.O. [1899, der Druck wurde von der SPD abgelehnt].

Unselbständige Veröffentlichungen in: Rhein.-Westf. Arbeiterztg., Dortmund, vom 4.1.1894: Ein sozialdemokratischer Katechismus; vom 18.1.1894: Vom evangelisch-sozialen Kursus; vom 19.9.1898: Der "Prügelstrafen-Artikel" – Soz. Monatshefte 2, 1898: Der Sozialismus und die Kirchen – Dortmunder Tagebl. vom 19.12.1899: Das Prinzip des Katholizismus und die Wissenschaft – Westf. Revue, Dortmund, 1904, Nr. 3: Kants Bedeutung – Dortmundisches Mag. 1910, Nr. 14: Wann hat Shakespeare seine sog. reifen Lustspiele verfaßt?; Jg. 1911/1912, Nr. 5: Die Einheiten der Zeit und des Raumes bei Shakespeare; Nr. 10: Wieder ein angebliches Shakespeare-Bild; Nr. 11: Zwei weitere von Shakespeare gespielte Rollen; Nr. 12: Karl Krall. Denkende Tiere. Rezension – Westf. Mag. 2, 1911, Nr. 18f.; Jg. 3, 1912, Nr. 10: Wolfgang Helmut Piefke. Roman; N.F. Jg. 1912/1913, Nr. 3ff.: Wie schuf Ibsen? – Jungvolk, Ein Almanach für die arbeitende Jugend, 1921: Hanns Sachs – Westf. Volksztg., Dortmund, vom 29.11.1926: Warum bist du Sozialdemokrat?; vom 17.10.1927: Bilder vom heutigen Friedenstage; vom 24.10.1927: Klassenjustiz und Freirecht; Juli 1928: Städte des Südens. Reisebriefe; vom 13.6.1929: Die Presse als Herrschaftsmittel; vom 15.11.1930, Festnr. 1890-1930: Dortmunder Erinnerungen; Karl Wilhelm Tölcke; vom 4.3.1931: Faust II, 5. Akt – Der Bücherwurm. Taschenbuch für 1926. Dortmund 1926: Konrad Haenisch – Rote Erde. Festbl. zum 5. Reichs-Arbeiter-Jugend-Tag in Dortmund vom 4./5.8.1928: Die Jugend bejaht den Staat – Monatsbl. der freien Volksbühne Dortmund 2, 1928/1929, Nr. 1: Die Journalisten von G. Freytag – Der rechte Weg 26, 1928, Nr. 12: Das kirchliche und proletarische Jesusbild.

Herausgabe: Westfälische Revue für das geistige Leben, besonders für Literatur und Kunst. Dortmund 1904 [halbmonatlich; Red.] (Nr. 1-8 StLB Dortmund) – Westdeutsche Warte. Halbmonatsschrift für das geistige und kulturelle Leben, besonders des westlichen Industriebezirkes. Nr. 1, Juli 1913 [Schriftltg.; mit E. Reincke] (Fritz-Hüser-Inst. (Stadt Dortmund), StLB Dortmund).

Literarische Zeugnisse: Erich Grisar: Dr. Lütgenau kauft ein, in ders.: Der lachende Reinoldus. Dortmund 1953, S. 78.

Selbständige Veröffentlichungen über Lütgenau: Karl Prümer und Franz Lütgenau zum Gedächtnis. Ausstelllung im Inst. für Zeitungsforschung der Stadt Dortmund, April 1971 – F.W. Saal: Franz Lütgenau. 25.10.1857 bis 26.4.1931. Eine Würdigung des Dortmunder Schriftstellers. Dortmund 1980 [Bildn.].

Unselbständige Veröffentlichungen über Lütgenau: Dr. Franz Lütgenau heute 70 Jahre, in: Westf. Volk-Ztg., Dortmund, vom 25.10.1927 – Ein Kämpferleben, in ebd., Ausg. vom 28.4.1931 – K. Böttcher: Nachruf auf Franz Lütgenau, in ebd. – Lütgenau-Gedenkfeiern in Essen, in: Das Andere Deutschland vom 30.5.1931 – Franz Lütgenau gest., in: General-Anzeiger, Dortmund, vom 28.4.1931 – Der Jüngste unter den Alten, in: ebd. vom 29.4.1931 – F.W. Saal: Franz Lütgenau. Der erste sozialdemokrat. Reichstagsabgeordnete des Ruhrgebiets und Gründer der Volkshochschule Dortmund, in: Beitr. zur Gesch. der Grafschaft Mark 72, 1980, S. 109-162 [Bildn.; Dok.] – G. Högl: Die Sozialdemokratie im Bezirk Westliches Westfalen von 1893 bis 1918, in: Vom Außenposten zur Hochburg der Sozialdemokratie: Der SPD-Bezirk Westliches Westfalen 1893 - 1993. Hrsg. von B. Faulenbach. Essen 1993,S. 38-75 [Enth. auch biograph. Skizzen zu Franz Lütgenau, Otto Hue und Max König] – R. Braun: Dr. Franz Lütgenau. Erster sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter des Ruhrgebiets, in: 125 Jahre SPD Leverkusen. Leverkusen 1994. S. 75-77.

Erwähnungen in: K. Koszyk: Anfänge und frühe Entwicklung der sozialdemokrat. Presse im Ruhrgebiet (1875-1908), in: Beitr. zur Geschichte Dortmunds und der Grafschaft Mark 50, 1953 – A. Bald (Hg.): 50 Jahre Helmholtz-Gymnasium zu Dortmund 1905-1954. Dortmund 1954, S. 26, 142 – R. Lützenkirchen: Der sozialdemokrat. Verein für den Reichswahlkreis Dortmund-Hörde. Dortmund 1970 – Klotzbücher 1984 [s. Reg.].

Bildnisse: 1. Fotogr., vor 1900 (Abb. in: Saal 1980) – 2. Fotogr. (StLB Dortmund).

Nachlaß, Handschriftliches: 1. StLB Dortmund: Bibl. mit 1200 Bdn.; Briefe von Otto Erich Hartleben, 1902 (2), von Toni Reigers, 15.7.1923, von Lulu von Strauß und Torney, 1921 (2) – 2. NW SA Münster: Personalakten – 3. StA Dortmund: biogr. Mat., Akten – 4. Internat. Inst. für Soziale Gesch., Amsterdam (Nachlaß Bernstein): Briefe von Lütgenau u.a. an Wilhelm Hasenclever – 5. Brandenburg. LHA Potsdam: Akte mit Zeitungsausschnitten und Überwachungsberichten

Sammlungen: WLA Hagen: Materialslg.

Grabstätte: (1980) auf dem Hauptfriedhof Dortmund (Feld 50).

Nachschlagewerke: Eisler 1912 – Dt. Biogr. Archiv, N.F., Fiche 838, Sp. 174.