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Julius Petri

Geboren am 11. September 1868 in Lippstadt als Sohn eines Klempnermeisters. Besuch des dortigen Realgymnasiums. Früher Tod des Vaters 1881. Er wollte daraufhin die Schule verlassen und sich für den väterlichen Beruf ausbilden.

Die Mutter jedoch, die seine geistige Begabung erkannt hatte, nahm trotz der Sorge für sechs weitere Kinder diesen Verzicht nicht an und ließ Petri nach dem Schulabschluß 1887 [...] in Berlin studieren. Selbst als der nächstjüngere Bruder und künftige Nachfolger des Vaters im Geschäft auf einer Bergtour tödlich verunglückte, mahnte sie den Ältesten, der wiederum einspringen wollte, am Germanistikstudium festzuhalten. (von Heydebrand 1992) In Berlin fanden seine literarischen Arbeiten schnell Anerkennung. Er entschloß sich deshalb, die Laufbahn des freien Schriftstellers einzuschlagen. Umgang im Schüler- und Freundeskreis des führenden Germanisten Erich Schmidt. Er wurde Mitglied und später Präsident des studentischen Akademischen Literarischen Vereins. Erste literarische Arbeiten erschienen in Zeitschriften und Zeitungen. Weil es ihm als Realgymnasiasten nicht erlaubt war, an der Berliner Universität zu promovieren, reichte er seine Dissertation über die Behandlung des Agnes-Bernauer-Stoffes im deutschen Drama in Rostock ein. Anschließend vollendete er in Lippstadt seinen ersten Roman Pater peccavi! und verfaßte, während eines Aufenthalts in Mannheim, den Operntext Dichter und Welt (Uraufführung 1897 am Weimarer Hoftheater). Im Herbst 1893 Arbeit an dem Drama Bauernblut. Die für April 1894 geplante Aufführung durch das Neue Theater Berlin mußte verschoben werden. Das Stück wurde 1897 in der Berliner Dramatischen Gesellschaft unter Mitwirkung von Schauspielern des Neuen Theaters erfolgreich gespielt und 1919 in der Inszenierung von Wilhelm Uhlmann-Bixterheide am Dortmunder Stadttheater aufgeführt. Im Frühjahr 1894 Anstellung bei der Deutschen Rundschau als persönlicher Assistent des Herausgebers Julius Rodenberg. Nach mehrmonatiger Krankheit starb Petri am 16. November 1894 in Berlin.

Als er mit seinem ersten größeren Werk, mit einem knappen Roman unter dem Titel "Pater peccavi!" im Cotta-Verlag Stuttgart 1892 vor ein breiteres Publikum trat, fühlte man sich in seiner engeren Heimat eher vor den Kopf gestoßen; in der Reichshauptstadt Berlin dagegen und anderswo fand das Buch durchaus positives Echo. Und wenn der Cotta-Verlag auch längst nicht mehr das Renommée besaß, das er sich in der ersten Jahrhunderthälfte als Verlag der deutschen Klassiker erworben hatte, so durfte sich Petri doch in der Gesellschaft so bekannter und in der Zeit hochgeschätzter Namen sehen wie Paul Heyse, Marie von Ebner-Eschenbach, Adolf von Wilbrandt und vor allem Heinrich Sudermann. (von Heydebrand 1992)

Der aus dem Nachlaß herausgegebene Band Rothe Erde enthält, nach dem bereits sehr gelungenen Erstling ["Pater peccavi!"], die ausgereiftesten Arbeiten des Dichters, vor allem sechs (zum Teil schon vorher veröffentlichte) Novellen, die, um drei oder vier Stücke vermehrt, unter dem Titel "Was ist Wahrheit?" bei Cotta erscheinen sollten. [...] Mit allen seinen Werken in Prosa, das Drama "Bauernblut" eingeschlossen, steht Petri auf der Höhe des literarischen Gesprächs der Zeit, nicht wie es in der Provinz, sondern wie es in der Großstadt Berlin geführt wurde. Indem diese Werke thematisch, atmosphärisch und sprachlich seinem westfälischen Herkunftsbereich entstammen, erfüllen sie nur die ab Mitte der 80er Jahre programmatisch formulierte Erwartung der 'Jüngstdeutschen' und Naturalisten, Literatur müsse auch und gerade im Milieu 'authentisch' sein. Recht genau ist Petris Position in den Gruppenbildungen des neuen Realismus und Naturalismus schon durch einen Blick auf die Veröffentlichungsmedien zu erkennen: nicht bei der – auch nur für kurze Zeit – radikal experimentierenden Avantgarde der Arno Holz und Johannes Schlaf, nicht an der Seite Gerhart Hauptmanns und der tonangebenden Neuerer um die 1889 gegründete "Neue Rundschau" des jungen S. Fischer Verlages, wohl aber bei den etwas konservativeren, aber hoch geachteten Beiträgern zur "Deutschen Rundschau" Julius Rodenbergs. Es ist kein Zufall, daß Petri gerade an dieser Zeitschrift nur ein halbes Jahr vor seinem Tode seine erste Anstellung erhielt. [...] Petri ist also an jenen Orten der Literaturvermittlung aufgetreten, an denen nicht die neuen literarischen und oft auch politischen Programme sich lautstark durchzusetzen suchten, sondern dort, wo man nach eigener Einschätzung mehr nach 'künstlerischem Rang' und 'ästhetischer Qualität' fragte, jedoch ohne sich in Maßen Neuem zu verschließen: in konservativem, 'vornehmem' Milieu. (ebd.)

Mit seinem nach einem Jahrhundert des Vergessens hier erstmals wieder vorgelegten Roman "Pater peccavi" (Erstdruck 1892) darf der Lippstädter Dichter Julius Petri (1868-1894) als der vielleicht einzige westfälische Vertreter eines konsequenten Naturalismus gelten, der ungeschönt die Schattenseiten gesellschaftlicher Wirklichkeit beschreibt. Vor dem authentischen Hintergrund seiner Heimatstadt schildert Petri am Beispiel einer tragischen Liebesgeschichte und der sich selbst entlarvenden Umweltreaktionen die sich nach dem Kulturkampf bis zum mörderischen Fanatismus steigendernden Glaubenskonflikte zwischen Katholiken, Altkatholiken, Protestanten und Rationalisten, vor allem aber fordert er eine Utopie der Liebe, Freiheit und Toleranz ein, die bis heute aktuell geblieben ist und weit über die Grenzen eines herkömmlichen Heimatromans hinausweist. (Sudhoff 1995)

Selbständige Veröffentlichungen: Der Agnes-Bernauer-Stoff im deutschen Drama unter besonderer Berücksichtigung von Otto Ludwigs handschriftlichem Nachlaß. Diss. Rostock 1891; Berlin: Ullstein 1892. 47 S.(UB Bonn) – Pater peccavi! Roman. Stuttgart: Cotta 1892. 162 S. (ULB Münster, StB Wuppertal-Elberfeld); Neuaufl. hg. und Nachw. von D. Sudhoff. Paderborn: Igel-Verlag 1995 – Dichter und Welt. Dramatische Dichtung. In Musik gesetzt von W. von Baussnern. Heidelberg 1894 [als Ms. gedr.; Urauff. Weimar 1897] – postum: Rothe Erde. Aus seinem Nachlaß hg. von E. Schmidt. Berlin: Paetel 1895. VIII, 423 S. (ULB Münster, StUB Köln, StLB Dortmund) [Inhalt: Ged.; Erz.; Romanfragm.; Bauernblut. Drama; Rez.: 1. Jaspert, in: Monatsbl. für dt. Lit., Berlin, 6, 1901/1902, S. 367-372; 2. W. Schäfer, in: Die Rheinlande 3, 1902, 93, S. 478] – Apostata. Berlin: Neelmeyer [1905]. 32 S. (= Dt. Bücherei 20,3) – Mutterlohn und andere Erzählungen. Berlin: Weltgeist-Bücher [1927]. 125 S. (= Weltgeist-Bücher 181/182).

Unselbständige Veröffentlichungen in: K.E. Franzos (Hg.): Dt. Dichtung. Berlin, Bd. 10, 1891; Bd. 11, 1891; Bd. 16, 1894 – Mag. für Lit., Leipzig, 63, 1894, Nr. 27f.: Dichterisches Schaffen; Nr. 45f.: Frauenliteratur – Dt. Rundschau, Berlin, 83, 1895 [3 Ged.] – Uhlmann-Bixterheide/Hülter 1895: Der neue Bauer. Ein Bild aus Westfalen – Uhlmann-Bixterheide 1922: Mutterlohn; Des Vaters Tod; Gesetz [Ged.]; Träumendes Glück – Sudhoff 1996: Mutterlohn.

Redaktion: Deutsche Rundschau. Berlin 1894.

Bibliographie: J. Risse, in: K.E. Franzos (Hg.): Dt. Dichtung. Bd. 11. Berlin 1891, S. 69 u.ö.

Briefe: Aus dem Nachlaß Dr. Julius Petris. Briefe und Rez. des Lippstädter Dichters an Waldemar von Baussnern (1982), in: Heimatbl., Lippstadt, 48, 1967, Folge 22, S. 85-87.

Unselbständige Veröffentlichungen über Petri: A. Neumann: Rez. zu "Pater peccavi", in: Die Gesellsch. 9, 1893, S. 237 – W. Asmus: Ein nachgelassenes Werk von Julius Petri, in: Monatsbl. für dt. Lit., Berlin, 2, 1897/1898, S. 130-136 – J. Risse: Julius Petri, in: Westf. Lebensbilder 5, 1937, S. 132-144 – J. Zacharias: Der Lippstädter Dichter Julius Petri. In die Literaturgesch. eingegangen. Sein Drama "Bauernblut" aufgeführt am Stadttheater Dortmund, in: Heimatbl., Lippstadt, 48, 1967, S. 33f. [Fotogr.]; ders.: Früher Tod und grüner Lorbeer. Aus dem Nachlaß des Lippstädter Dichters D. Julius Petri, in ebd., S. 53f. [Fotogr.; Briefw. mit Franz Ullstein; Mutterlohn. Novelle] – R. von Heydebrand: Julius Petri. Ein Autorenporträt und ein Lehrstück über Kanonisierungsprobleme, in: Lit. in Westfalen, Paderborn, 1, 1992, S. 69-88 – H. Walwei-Wiegelmann: Dr. Julius Petri: "Pater peccavi!" Ein vergessener Lippstadt-Roman, in: Heimatbl., Lippstadt, 74, 1994, F. 1, S. 1-8 [Fotogr.] – K. Straetmanns: O könnt' ich, was ich fühle, sprechen. Anmerkungen zu einem Operntextbuch des Lippstädter Dichters Julius Petri (1868-1894), in: Heimatblätter 75, 1995, S. 153-158 – H. Walwei-Wiegelmann: Pater peccavi! Heute gesehen. 100 Jahre danach: Julius Petris verfemter Lippstadt-Roman, in: Heimatkalender des Kreises Soest 1995, S. 99f. [Fotogr.] – dies.: Ein Reifezeugnis der Ostendorf-Schule vor mehr als 100 Jahren. 1887 legte Julius Petri, Verfasser des Lippstadt-Romans "Pater peccavi!", die Reifeprüfung ab, in: Heimatblätter 75, 1995, S. 149-151 – K. Straetmanns: Julius Petri (1868-1894). "Dichter und Welt" und "Memento mori". Texte des Lippstädter Dichters, die sein Freund Waldemar von Bausznern vertonte, in: Heimatblätter 76, 1996, S. 145-152 – H. Walwei-Wiegelmann:  Julius Petri (1868-1894), in: Literaten und Literatur aus Lippstadt. Hg. vom Heimatbund Lippstadt e.V. Lippstadt 1999, S. 25-40.

Erwähnungen in: Westf. Literaturführer 1992, S. 83f.

Bildnis: Fotogr. (WLA Hagen).

Nachlaß, Handschriftliches: I. Bestände in westfälischen Archiven – – II. Bestände und Handschriften außerhalb Westfalens: DLA Marbach: Prosa: Pontius Pilatus. Beurteilung der Redaktion der Romanwelt, 1 Bl.; Briefe an Cotta, 1892-1894 (13) – s. Denecke/Brandis, 2. Aufl. 1981, S. 277.

Sammlungen: WLA Hagen: Materialslg.

Nachschlagewerke: ADB, Bd. 53, 1907 – Uhlmann-Bixterheide 1922 [Kurzbiogr.] – Westf. Lebensbilder 5, 1937 [Fotogr.] – von Heydebrand 1983 – Oberhauser 1983 – Kosch, 3. Aufl., Bd. 11, 1988 – Freund 1993 – Dt. Biogr. Archiv, Fiche 946, Sp. 116; N.F., Fiche 997, Sp. 62-82.