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Jeanette Wolff

Geboren am 22. Juni 1888 in Bocholt als Jeanette Cohen, Tochter eines Textilhändlers und Lehrers. Ihr Vater war der jüdische Lehrer Isaac Cohen, der den Lehrerberuf nicht ausüben durfte, weil er 1875 der Sozialdemokratischen Partei beigetreten war. (von Wallthor 1982) Besuch der Volksschule. Aufgrund ihrer häuslichen Situation mußte sie auf ein vom Regierungspräsidium Münster gestiftetes Stipendium verzichten, das ihr den Besuch der Höheren Schule ermöglichen sollte. 1904 Ausbildung als Kindergärtnerin in Brüssel. 1905 Tätigkeit als Kindergärtnerin und Privaterzieherin in Brüssel. Im selben Jahr Eintritt in die Sozialistische Jugend. Beginn journalistischer Arbeit bei der Zeitung Le Peuple. Daneben Weiterbildung auf dem Abendgymnasium. 1909 Notabitur. 1910 Ehe mit dem Kaufmann Hermann Wolff aus Dortmund. Aus der Ehe gingen drei Töchter hervor. Die Eheleute zogen nach Bocholt und gründeten ein Textilunternehmen, das Jeanette Wolff im Ersten Weltkrieg, als ihr Mann Soldat wurde, selbständig weiterführte. Von 1916 bis 1918 Leitung einer Werkstatt, in der Utensilien für die Frontsoldaten hergestellt wurden. 1919 Stadtverordnete. Mitglied des Bezirksvorstandes Westliches Westfalen der Sozialdemokratie, Sitz Dortmund. Delegierte auf Parteitagen bis 1933. Mitbegründerin der Arbeiterwohlfahrt und Tätigkeit in der kommunalen Fürsorge. 1933 für zweieinviertel Jahre Inhaftierung durch die Nazis im Frauengefängnis Hamborn im Rheinland. Ab 1935 unterstand sie der Gestapo-Aufsicht. Verarmung, nachdem die Firma ihres Mannes konfisziert worden war. 1938 Kristallnacht, Zerstörung ihrer Wohnung, Beschlagnahme und Verbrennung ihrer Bibliothek. Ihr Mann wurde nach Oranienburg-Sachsenhausen ins KZ gebracht und 1939 seelisch gebrochen entlassen. 1939 zwangsweiser Abtransport in eine "Judenwohnung", Verhaftung der jüngsten Tochter, die 1944 erschossen wurde. 1942 Deportation in das Rigaer Ghetto, danach in verschiedene Konzentrationslager. Abgesehen von einer Tochter kamen alle Familienmitglieder ums Leben. 1945 Befreiung durch die Russen aus dem Gefängnis von Koronowo und Rückkehr nach Deutschland (Berlin). 1946 Stadtverordnete in Berlin. Von 1951 bis 1961 war sie Mitglied des Deutschen Bundestages. Seit 1951 aktive Tätigkeit in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit (Vorstand). Außerdem gewerkschaftliche Tätigkeit. 1968 wurde sie Stadtälteste von Berlin. Sie starb am 19. Mai 1976 in Berlin.

Sie hatte zahlreiche Ehrenämter inne, u.a. war sie Direktionsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland; Mitvorsitzende des Jüdischen Frauenbundes in Deutschland; Mitglied des Rundfunkrates der Deutschen Welle in Köln bis 1973, danach Ehrenmitglied; Vorstandsmitglied der UNICEF; Auszeichnungen: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik; Ernst-Reuter-Plakette; Silbermedaille für Arbeit bei Rundfunk und Fernsehen; vier Israel-Plaketten; weitere Medaillen.

Selbständige Veröffentlichungen: Sadismus oder Wahnsinn. Erlebnisse in den deutschen Konzentrationslagern im Osten. Greiz: Breitfeld [1947]. 64 S. (Bibl. Germania Judaica Köln) – postum: Jeannette Wolff. Mit Bibel und Bebel. Ein Gedenkbuch. Hg. von H. Lamm unter Mitarb. von G.D. Grossmann und N. Walter. Mit einem Vorw. von H. Wehner. Bonn: Verlag Neue Gesellsch. 1980. 142 S. [Fotogr.] (ULB Münster).

Unselbständige Veröffentlichungen in: Der Jugendfreund, Stuttgart, [Schülerzeitschr.] 1898: David und Jonathan, die Geschichte einer Freundschaft.

Selbständige Veröffentlichungen über Jeanette Wolff: G. Lange: Jeanette Wolff 1888 bis 1976. Eine Biogr. Bonn 1988 (= Friedrich-Ebert-Stiftung. Reihe: Prakt. Demokratie) – B. Seemann: Jeanette Wolff. Politikerin und engagierte Demokratin (1888 - 1976). Frankfurt am Main [u.a.]  2000 – B. Faulenbach :"Habt den Mut zu menschlichem Tun". Die Jüdin und Demokratin Jeanette Wolff in ihrer Zeit (1888 - 1976). Essen 2002 – G. Notz: Frauen in der Mannschaft. Sozialdemokratinnen im Parlamentarischen Rat und im deutschen Bundestag 1948/49 bis 1957. Bonn 2003.

Unselbständige Veröffentlichungen über Jeannette Wollf: A. Hartlieb von Wallthor: Jeannette Wolff, in: Der Kreis Borken. Stuttgart 1982, S. 204f. – M. Theilmeier-Wahner: Frauen in Bocholt im Wandel der Zeit. Eine Dok. auch für Männer, in: Unser Bocholt 42, 1991, H. 3, S. 36 – G. Strootdress: Leben mit Bibel und Bebel. Jeanette Wolff, geb. Cohen, in ders.: Es gab nicht nur die Droste. Sechzig Lebensbilder westfälischer Frauen. Münster 1992, S. 128f. [Fotogr.] – S. Goch: Sozialdemokraten aus dem Bezirk Westliches Westfalen unter dem Nationalsozialismus, in: Vom Außenposten zur Hochburg der Sozialdemokratie: der SPD-Bezirk Westliches Westfalen 1893 - 1993. Hg. von Bernd Faulenbach. Essen 1993. S. 126-159 – G. Strotdrees: Leben mit Bibel und Bebel. Jeanette Wolff, geb. Cohen (1888-1976) engagierte sich für die Verständigung zwischen Juden und Christen, in: Unser Westfalen 1996. S. 157-158 – L. Heid: Jeanette Wolff (1888-1976), in: "Meinetwegen ist die Welt erschaffen": das intellektuelle Vermächtnis des deutschsprachigen Judentums. Hg. von Hans Erler. Frankfurt [u.a.] 1997. S. 454-462 – G. Schmalstieg: Jeanette Wolff, geb. Cohen, verw. Fuldauer. Anmerkungen zum Lebenslauf der jungen Jeanette Wolff unter Berücksichtigung ihrer Einwohnermeldeunterlagen, in: Westmünsterland 1997. S. 209-213 – A. Zupancic: Trotz alledem: Porträt der jüdischen Sozialdemokratin Jeanette Wolff, in: Heimat Dortmund 3, 1997. S. 20-23 – C. Moß: Verfolgung und Vernichtung in jüdischen Selbstzeugnissen. Jeanette Wolff und Marga Spiegel, in: Juden im Ruhrgebiet: vom Zeitalter der Aufklärung bis in die Gegenwart. Hg. von J.-P. Barbian. Essen 1999. S. 179-194 –  B. Eckers: Jeanette Wolff: Leben war ihre Aufgabe. Ein Bericht über das Jeanette-Wolff-Symposium vom 18. bis 20. Mai 2000 in Bocholt, in: Unser Bocholt 51, 2000. S. 49-60 – M. Weinem: Jeanette Wolff. "es gehörte mehr Mut zur Liebe als zum Hass", in: Der andere Blick. Hg. vom Frauengeschichtskreis Dinslaken. Essen 2001. S. 152-160 – G. Notz: Wolff, Jeanette, geb. Cohen (1888-1976). "eine der großen jüdischen Frauen dieses Jahrhunderts", in: S. Mielke (Hg.): Gewerkschafterinnen im NS-Staat. Essen 2008. S. 311-323.  

Bildnisse: Fotoslg. (Archiv der soz. Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn; Abb. in: Lange 1988; Reprod. Ref. Lit. des LWL Münster).

Nachlaß, Handschriftliches: 1. StA Bocholt: biogr. Mat. in Kopie, u.a. "Lebenslauf von 1975" – 2. Archiv der soz. Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung, Bonn: Bildmat. – 3. StA Dortmund: biogr. Material – 4. StA Dinslaken: Nachlaß Jeanette Wolff. Findbuch d. Stadt Dinslaken 1991.

Sammlungen: StA Bocholt: Zeitungsausschnittslg.

Nachschlagewerke: Hb. des dt. Bundestages, 3. Aufl. 1954 [Fotogr.] – Degener, 12. Ausg., 1955 – Dt. Biogr. Archiv, N.F., Fiche 1426, Sp. 311f.