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Heinrich Kämpchen

Geboren am 23. Mai 1847 in Altendorf (heute Essen) als Sohn eines Bergmanns. Er wurde ebenfalls Bergmann und erlebte so die durch die Liberalisierung des Bergbaus hervorgerufene Proletarisierung der Knappen am eigenen Leibe mit. (Killy-Literaturlexikon) Wie lange Heinrich Kämpchen mit den Eltern und Geschwistern, zwei Schwestern und einem Bruder, in Altendorf an der Ruhr [...] gelebt hat, wissen wir nicht. An die Jugend denkt er später mit Liebe und Wehmut zurück. Seine engere westfälische Heimat, das Ruhrtal von der Ruine Hardenstein bis Steele, den Isenberg, den Horkenstein, die Burg Blankenstein, hat er immer wieder besungen. Wann er zum erstenmal in die Grube einfuhr, seit wann er auf der Lindener Zeche Hasenwinkel arbeitete: unbekannt. Es heißt zwar nach seinem Tod überwiegend, er habe schon mit 13 Jahren – also 1860 – die Arbeit unter Tage aufgenommen, denn das war das übliche damals in Bergarbeiterfamilien. Bei ihm scheint es aber gerade nicht so gewesen zu sein: er hat offenbar nach dem normalen Schulbesuch noch eine Zeitlang in Wattenscheid Privatunterricht erhalten. Für den erstaunlichen Umfang seiner autodidaktisch erworbenen Allgemeinbildung, für seine Belesenheit und die Fülle seiner Kenntnisse in der Literaturgeschichte, in der Metrik und literarischen Formenlehre wäre auch das keine hinreichende Erklärung, aber ein zweijähriger Einzelunterricht bei einem verständnisvollen, einfühlsamen Lehrer könnte immerhin den Grund gelegt haben, auf dem er dann auf sich gestellt weiterbauen konnte. Übereinstimmend wird seine langjährige Zugehörigkeit zur Belegschaft der Zeche Hasenwinkel hervorgehoben. Aber er scheint dort nicht angefangen zu haben. Wenn er Ende 1889 oder Anfang 1890 nach 24jähriger Tätigkeit dort den Abkehrschein erhalten hat, so führt diese Angabe zurück in das Jahr 1865/1866, und es bleibt eine Lücke von etwa drei Jahren zwischen dem vermutlichen Ende des Privatunterrichts (1862?) und der ersten Anfahrt auf Hasenwinkel. In die langen Jahre unter Tage muß auch seine literarische Lehrzeit fallen. Dafür spricht nicht zuletzt, daß sehr viele seiner Gedichte die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Bergmanns so anschaulich-konkret darstellen, daß sie unmöglich alle erst der nachträglichen Vergegenwärtigung entstammen können. (Carl 1992)

Er wohnte während dieser Zeit als Kostgänger bei einer Arbeiterfamilie. Im Selbststudium eignete er sich die Werke der Klassiker an. Vorbild war ihm die engagierte Vormärzlyrik, während er politisch von Ferdinand von Lassalles Schriften beeinflußt wurde. 1898 war er führend am Bergarbeiterstreik beteiligt. Erste Veröffentlichungen erschienen wohl erst seit 1889. Im selben Jahr wurde er ins Streikkomitee seiner Zeche gewählt. Der Streik von 1889 ließ ihn zum sozialkritischen Schriftsteller werden. Mit der seit 1889 wöchentlich erscheinenden „Deutschen Bergarbeiter-Zeitung“ eröffnete sich ihm auch mit einem Schlag ein regelmäßiges Publikationsforum, das seine Gedichte druckte, ihn praktisch sogar zu kontinuierlicher Produktion anregte. Fortan lieferte Kämpchen über 20 Jahre lang Woche für Woche der Redaktion ein Gedicht, häufig zu aktuellen Anlässen (Streiks, Unglücken, neuen Gesetzesorhaben, Maifeiern, politischen Ereignissen in aller Welt), aber auch Betrachtungen und Reflexionen zu allgemeinen Zeitfragen wie der Frauenfrage, dem Alkoholismus oder dem gerade aufkommenden Automobil. (ebd.) Daneben war er Belegschaftsdelegierter. 1890 Pensionierung. Er lebte fortan von einer kleinen Invalidenrente. Hinzu kamen bescheidene Honorare für seine Gedichte, die in der Bergarbeiter-Zeitung und vereinzelt in sozialdemokratischen Blättern wie dem Wahren Jacob erschienen. Unverheiratet geblieben, lebte er seit etwa 1877 als Kostgänger bei einer Familie Küper in der Dr.-C.-Otto-Straße 4 in Linden. Nebenher betrieb er einen kleinen Handel mit Zigarren. Aufgrund seiner finanziellen Situation hat er zeit seines Lebens keine Reisen unternommen, die über die Entfernung einer Tagesreise hinausgingen. Er starb am 6. März 1912 in Bochum-Linden. 3.000 bis 4.000 Menschen wohnten seinem Begräbnis bei.

Selbständige Veröffentlichungen: Aus Schacht und Hütte. Gedichte. Bochum: Möller [1898]. V, 289S. (StUB Köln, StA Bonn) – Neue Lieder. Gedichte. Bochum: Hansmann [1904]. VIII, 160S. (SB Mönchengladbach) – Was die Ruhr mir sang. Bochum: Hansmann [1910]. 160S. (=Gedichte Bd. 3) (StLB Dortmund, Lipp. LB Detmold, SB Essen, StA Bonn) – postum: Aus der Tiefe. Gedichte und Lieder eines Bergmanns. Ausgew. und eingel. von W. Helf. Bochum: Hansmann 1931. 115S. (Lipp. LB Detmold, Bergbau-Bücherei Essen, ULB Düsseldorf) – Das Lied der Ruhrkumpels. Hg. von W. Seifert und E. Scherner. Berlin: Verlag des Ministeriums für nat. Verteidigung 1960. 193S. (ULB Münster, BB Essen, StA Bonn) [Rez.: Neue dt. Lit. 8, 1960, H. 4, S. 100-106] – Durch Nacht zum Licht. Gedichte und Lieder aus dem Bergmannsleben 1898-1912. Ausgew. und mit einer Lebensbeschreibung eingel. von W. Helf. Hg. von der IG Bergbau und Energie. Bochum 1962. 96S. (ULB Münster, StLB Dortmund) – „Seid einig, seid einig, dann sind wir auch frei.“ Gedichte. Hg. von R.-P. Carl, W. Köpping u.a. Oberhausen: Asso 1984. 232S. [mit Abb.] (ULB Münster).

Unselbständige Veröffentlichungen in: Dt. Berg- und Hüttenarbeiterztg. 1889-1906 [wöchentl. Ged.] – postum: Uhlmann-Bixterheide: Westfalens Erzähler 1922, S. 458: Aus der Tiefe; Der Pilgrim; S. 459: Die Mutter – Bergmannsdichtung. Vom Streik 1889 bis zu den Zechenschließungen 1967. Oberhausen 1967 [Ged.] – J. Buescher (Hg.): Sie erkannten ihre Macht. Ein Stück vom großen Bergarbeiterstreik 1889. Mit Liedertexten von Heinrich Kämpchen. Oberhausen [1976] (=Reihe Studiotheater) [Ged.] – „Wir tragen ein Licht in die Nacht.“ Gedichte aus der Welt des Bergmannes. Hg. von der Industriegewerkschaft Bergbau. Zusammengest. und bearb. von F. Hüser und W. Köpping. Bochum 1960 [Ged.; mit Bildn.] – Schwarze Solidarität. 85 Jahre kämpferische Bergarbeiterdichtung. Hg. von W. Köpping. Oberhausen 1974 [Ged.] – Lieder gegen den Tritt. Politische Lieder aus fünf Jahrhunderten. Hg. von A. Stern. Oberhausen 1972 [Lieder] – Arbeiterlieder aus dem Ruhrgebiet. Texte und Noten mit Begleit-Akkordeon. Hg. und erl. von F. Baier und D. Puls. Frankfurt/M. 1981 [Lieder] – K.O. Conrady (Hg.): Das große dt. Gedichtbuch. Kronberg/Ts. 1977, S. 590-593: Knappenliebe; Ideal und Prosa; Das Bergmannselend; Sklavensold [Ged.].

Vertonungen: Seit einigen Jahren ziehen die alten Kämpchen-Texte das Interesse der Liedermacher auf sich. Etliche Dutzend Lieder sind heute wieder gesungen zu hören; selbst die Schallplattenindustrie hat sich daran gewagt. Werner Worschech, Frank Baier, Wolfgang Bauer u.a. lassen sich von den fast 100 Jahre alten, oft überraschend aktuellen Versen zu neuen Vertonungen inspirieren. Vertonungen von Seid einig, seid einig. Dann sind wir auch frei! stammen u.a. von Dieter Süverkrüp und Hannes Wader.

Zeitgenössische Zeugnisse: Hedwig Spiekermann: Porträt, in: Was die Ruhr mir sang, s.o., S. 210ff. – Georg Breuker: Heinrich Kämpchen, in: Westf. Rundschau vom 9.8.1980.

Selbständige Veröffentlichungen über Kämpchen: G. Kivelitz (Hg.): Seine Waffe war das Wort. Festschrift zum 150. Geburtstag des Arbeiterdichters Heinrich Kämpchen, 23. Mai 1997. Bochum 1997.

Unselbständige Veröffentlichungen über Kämpchen: Nachrufe, in: Volksbl. vom 9.3.1912; Märk. Sprecher vom 18.3.1912; Bergarbeiter-Ztg., März 1912 [jew. anonym] – Der Altendorfer Bergmannsdichter Heinrich Kämpchen. Vor 100 Jahren geboren, in: Heimat am Mittag vom 2.2.1944 [anonym] – Nur so weiter, würde Heinrich Kämpchen sagen. Zum 40. Todestag des Arbeiterdichters, in: Westf. Rundschau vom 4.3.1952 [anonym] – W. Köpping: Arbeiterdichtung als soziale Dokumentation. Vor 50 Jahren starb der Bergarbeiterdichter Heinrich Kämpchen, in: Gewerkschaftl. Monatshefte 13, 1962, H. 3, S. 129-138; ders.: Er war ein Kämpfer und sein Schwert das Lied, Kämpchen-Gesellschaft gegründet, in: Gewerkschaftl. Rundschau für die Bergbau- und Energiewirtschaft 1963, H. 4, S. 233-235; ders.: „Der Ruf gilt dir, Kamerad!“ Arbeiterdichtung (V). Vor 50 Jahren starb Heinrich Kämpchen, in: Gewerkschaftl. Rundschau 15, 1962, H. 3, S. 168-173; ders.: Ein Bergmann, Kämpfer und Dichter. Vor 50 Jahren starb der Bergarbeiter Heinrich Kämpchen, in: Einheit. Organ der Industriegewerkschaft Bergbau und Energie 15, 1962, S. 11 – Vor 50 Jahren starb der Bergarbeiterdichter Heinrich Kämpchen, in: Einheit vom 1.3.1962; dass. in: Vorwärts vom 7.3.1962; dass. in: Westf. Rundschau vom 6.3.1962 [anonym] – Heinrich Kämpchen. Zum 125. Geburtstag des dt. Arbeiterdichters, in: Bibliogr. Kalenderbl. der Berliner Stadtbibl. 14, 1972, F. 5, S. 42-44 [anonym] – H. Eversberg: Heinrich Kämpchen und sein Gedicht „Das Ende der Gräfin von Isenberg“, in ders.: Das Schicksal des Grafen Friedrich von Isenberg und seines Burgberges im Spiegel der Dichtung. Hattingen 1972, S. 50-54 – Heinrich Kämpchen. „Seid einig, dann sind wir auch frei.“ Ein Motto steht für den Beginn der Bergarbeiter-Dichtung, in: Ruhr-Nachrichten, Nr. 250 vom 25.10.1984 [anonym] – H. Peuckmann: Mit Gedichten gegen die Bergmannsnot, in: Jb. Westfalen 42, 1988, S. 115-118 – Heinrich Kämpchen. Bergmann und engagierter Revier-Dichter, in Ruhr-Nachrichten, Nr. 29 vom 3.2.1990 [anonym] – R.-P. Carl: Heinrich Kämpchen, Bergarbeiter und Arbeiterdichter, in: Literatur in Westfalen 1, 1992, S. 89-104 – M.F. Gantenberg: Gedenktafel für Heinrich Kämpchen, dem Chronisten der Arbeit, in: Forum Industriedenkmalpflege und Geschichtskultur 2000, 1, S. 105-106 –  H.E. Käufer: Kortum & Kämpchen. Zwei Bochumer Dichter, in: H.E. Käufer (Hg.): Lesezeichen. 1. Aufl. Düsseldorf 2001, S. 130-133.

Erwähnungen in: J. Uphues, T. Mikolaiczyk: Das Tusculum, ein niederbergisch-westf. Bürgerhaus. Abschlußarbeit für das Aufbaustudium Denkmalpflege der Universität Bamberg und Fachhochschule Coburg. Bamberg 1989 [masch.] (SB Bochum) – Gödden/Nölle-Hornkamp: Westf. Dichter 1990; dies.: Westf. Literaturführer 1992 (Stichw.: Bochum-Linden) – zahlr. Erwähnungen in der Literatur zur Geschichte der Arbeiterbewegung.

Bildnis: Fotogr. (WLA Hagen).

Sammlungen: WLA Hagen: Materialslg.

Gedenkstätten: Grabstätte auf dem katholischen Friedhof Bochum-Linden (heute unter Schutz), Nöckerstraße, seit 1989 mit einer von Tisa von der Schulenburg gestalteten Gedenktafel bedeckt; Wohnhaus in Linden, Bahnhof-Straße 4 (heute: Dr. C. Otto-Straße 4). 1963 bestand für einige Jahre eine Heinrich-Kämpchen-Gesellschaft, die später, allerdings ohne literarische Zielsetzung, neugegründet wurde. Sein gesamter Nachlaß (Bücher, Korrespondenz, dichterische Entwürfe oder hinterlassene Texte) ist verschollen; angeblich hat ihn der Bruder 1912 mit nach Wiesbaden genommen. (Carl 1992)

Nachschlagewerke: Geißler 1913 – Biogr. Jb. und Dt. Nekrolog 18, 1913 – NDB, Bd. 10, 1974 (Fritz Hüser)_ Kosch, 3. Aufl., Bd. 8, 1981 – Dickhoff: Essener Köpfe 1985 – von Heydebrand 1983 – Killy, Bd. 6, 1990 – Freund 1993 – Dt. biogr. Archiv, N.F. Fiche 670, Sp. 112.