Elisabeth
Hauptmann.Geboren am 20. Juni 1897 in Peckelsheim bei Warburg als Tochter
eines Landarztes und Sanitätsrats. Die Mutter war Amerikanerin. Besuch
der Volksschule in Peckelsheim. Sie wechselte dann zum Lyzeum und Oberlyzeum
und absolvierte schließlich [seit 1912] die Seminarklasse in den
Erziehungs- und Bildungsanstalten Droyssig bei Zeitz, wo sie 1918 das Lehrerinnenexamen
bestand. Für vier Jahre lebte sie als Hauslehrerin in Pommern an der
deutsch-polnischen Grenze. Während des Aufenthalts dort erlebte sie
die Militarisierung durch deutsche Freiwilligenverbände und beobachtete
den zunehmenden Nationalismus, dazu auch das karge harte Leben der polnischen
Saisonarbeiter. "Politisch waren mir durch meinen Aufenthalt auf den Gütern
der damaligen 'Grenzmark' die Augen aufgegangen", schrieb Hauptmann in
ihrem Lebenslauf. Es war eine politische und soziale Bewußtseinsbildung,
die in Westfalen – weit von der östlichen Streitgrenze – nicht
möglich gewesen wäre. 1922 ging sie zum Studium nach Berlin. Da
sie von ihrer Familie keine finanzielle Unterstützung erhielt, arbeitete
sie als Sekretärin, zunächst bei einem Architekten, dann bei dem Schriftsteller
H.G. Scheff. Über Freunde kam sie mit der marxistischen Bewegung in Berührung.
1924 Bekanntschaft mit Bertolt Brecht. Anfang 1925 wurde sie seine ständige
Mitarbeiterin, Sekretärin und Übersetzerin. Weil sowohl Hauptmann
als auch Brecht Privates nicht vor der Öffentlichkeit zeigten, gibt es
wenige authentische Aussagen über ihre Beziehung, doch scheint sie von
Anfang an persönlich wie auch beruflich sehr eng gewesen zu sein. Von
1925 bis 1927 Anstellung beim Verleger Kiepenheuer als Assistentin, um mit
Brecht als erstes seine Gedichtsammlung "Die Hauspostille" fertig
zu schreiben und druckfertig vorzubereiten. Anschließend wurde sie
freischaffende Schriftstellerin und Mitarbeiterin Brechts. Es entwickelte sich
eine intensive schriftstellerische Zusammenarbeit. Zahlreiche Stücke und
Gedichte Brechts stammen in der Idee und oft zum erheblichen Teil auch in der
Ausführung von Elisabeth Hauptmann. Durch die Beziehung zu Brecht verstärkte
Hinwendung zum Marxismus. 1929 Uraufführung ihres eigenen Stücks Happy
End. Im selben Jahr Eintritt in die KPD. Sie war Frauenleiterin ihrer
Zelle in Charlottenburg und beteiligte sich an der Flugblätterherstellung
und verteilung. 1931 Heirat mit dem Redakteur Friedrich Hacke. Im
März 1932 Scheidung. Immer umfangreichere Arbeiten für Brecht. Übernahme
der Redaktion seiner Zeitschrift Versuche (H. 1-8). Nach mehreren Hausdurchsuchungen
durch die Nationalsozialisten flüchtete sie 1933 über Paris nach Amerika
zu der Familie ihrer Schwester, die in St. Louis wohnte. Es kam jedoch bald
zum Streit mit der Schwester, weil diese kein Verständnis für den
Kommunismus aufbrachte. 1934 vergebliche Suche nach einer Verlagstätigkeit
in New York. Elisabeth Hauptmann zog eine Ausreise nach Moskau in Erwägung.
Jobs in Büro und Haushalt. Nach 1934 Sekretärin des Deutsch-amerikanischen
Clubs, Ortsgruppe St. Louis. Im Herbst 1935 halbjähriger Aufenthalt
in New York, um die Aufführung von Brechts Stück Die Mutter
vorzubereiten. Ab 1935 verbesserte sich dann ihre finanzielle Lage etwas,
als sie ein Stellenangebot als Lehrerin an der Missouri University in St. Louis
annahm, wo sie bis 1940 unterrichtete. Beginn eines Französischstudiums.
Im selben Jahr Mitarbeit bei der Organisation einer deutsch-mexikanischen Spanienhilfe
in New York. 1937 Beiträge für die in Prag im Exil verlegte AJZ
(Antifaschistische Jugendzeitung). Arbeit am antifaschistischen
Radioprogramm Labor Speaks Against Nazism, das im Sommer 1939 in St.
Louis gesendet wurde. 1940 Einbürgerungsurkunde Certificate of
Naturalisation UStA, District of Missouri,
Department of Labour. 1940 krankheitsbedingt Umzug nach
Kalifornien. Dort Mitarbeit in einer antifaschistischen Studentengruppe an der
Universität von Kalifornien. 1940 Aufenthalt in Los Angeles und Santa Monica.
1941 Umzug nach New York. Sie war hier freischaffende Schriftstellerin, Übersetzerin
und Mitarbeiterin Brechts. Nach 1943 Tätigkeit für die antifaschistische
Gruppe Council for a Democratic Germany in New York. Für die amerikanische
CBS-Kurzwelle schrieb sie zusammen mit Horst Baerensprung eine Anti-Nazi-Sendung.
Weitere literarische Zusammenarbeit mit Baerensprung. 1943 erneute Versuche
Brechts, der nach Los Angeles gezogen war und sie 1943 kurz in New York besucht
hatte, sie als Mitarbeiterin zu gewinnen. 1946 ging sie nach Los Angeles, um
sich dort zu erholen und die Arbeit mit Brecht fortzuführen. Bei Brecht
Begegnung mit dem deutschen Komponisten Paul Dessau. Bald darauf folgte er Brecht
nach Berlin. In dieser Zeit Wohnsitze in Los Angeles, Beverly Hills und Water
Lane. Rückkehr nach Europa. Aufenthalt in Den Haag und vom Herbst 1948
bis Februar 1949 Wohnsitz in Leipzig und Braunschweig, seit Februar 1949 in
Berlin. 9. Februar 1949 heiratete sie Paul Dessau. Im selben Jahr Antrag auf
Mitgliedschaft in der SED. 1949/1950 Arbeit für die DEFA. In den Jahren
1950 bis 1954 war sie erneut freie Schriftstellerin, Übersetzerin und Mitarbeiterin
Brechts (erneut Redaktion seiner Zeitschrift Versuche). 1952 Scheidung
von Paul Dessau. Nach Brechts Tod führte sie seit 1956 dessen "Schule"
mit Übersetzungen und Bearbeitungen für das Berliner Ensemble fort.
Sie starb am 20. April 1973 in Berlin. (Zitate nach: Hanssen Andress 1992)
Über ihren tatsächlichen Anteil am Werk Brechts war sie im Nachkriegs-Ostberlin
zum Schweigen verurteilt. Es war dies eine Zeit, in der mit Vehemenz am Brecht-Ehrendenkmal
gebaut und Brecht zum Nationalhelden stilisiert wurde. In Interviews hielt sich
die Autorin bedeckt. Erst in den 1970er Jahren, als sie krebskrank ihren Tod
vor Augen hatte, sprach sie sich offener über ihre Bedeutung als Mitarbeiterin
Brechts aus, für den sie länger als zwei Jahrzehnte so etwas wie eine
"linke Hand" gewesen war. Damit war ihr Anteil an seinem Werk weit
größer als etwa der einer Margarete Steffin, Ruth Berlau, Hella Wuolijoki
oder anderer. Ruth Berlau in ihren Erinnerungen: "Ich glaube, die literarische
Zusammenarbeit mit Elisabeth Hauptmann war die engste, die Brecht je gehabt
hat. Die Hauptmann war selbst eine Schriftstellerin. Sie hat diese Fähigkeit
in den Dienst von Brecht gestellt." (Gödden 1995)
Pseudonyme: Dorothy Lane; Josefine Diestelhorst; Catherine Ux.