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Das Neujahrsgeschenk.
Eine Klosteranekdote.
Dieses
Neujahrsgeschenk ist ein Bildniß der leidenden Mutter Maria mit
ihren sieben Schwertern in der Brust, wie Ihr dergleichen wohl eher
in einer Sammlung augsburgischer Kupferstiche von J. Klauber, Kathol.
werdet gesehen haben. Es sind nun drey Jahre, daß es hier über
meinem Pulte hängt. O! manche, manche bittre Thräne habe
ich seitdem geweint.
Eulalia
schickte mir das Bild am Neujahrstage, als sie einige Monate vorher
in dem strengern*) [*) Es gibt auch einen gemilderten, glaub
ich] Orden der heiligen Klara Profession gethan
hatte.
Kennt
ihr diesen Orden? Und wenn auch! O, Ihr kennt doch das Mädchen
nicht! Die äusserste Armut in der äussersten Sklaverey, so
denkt euch jenen; und eine Engelseele in einem Engelkörper, so
das Mädchen!
So
modisch will ich nicht seyn, über die Strenge des Klosterlebens
zu seufzen, oder zu schimpfen. Gerade die Klöster von der
äussersten Strenge sind es, die ich verehre. Es gibt ihrer, die
Leuten ohne Aussicht, für ein paar Stunden Nachtwache, das Recht
geben, ihre Kräfte in müssiger Üppigkeit zu
verschwelgen; und andere, wo solche Leute durch eine heilige
Maskerade das Mitleid verführen, der unthätigsten
Lässigkeit zu geben, was nur der hülflosen Armut gehört;
und wenn Ihr über diese schimpfen wollt, so will ich
Euch
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helfen mit meinem besten Können. Aber wer über
die Schwelle eines Kartheuserklosters zurücktrat, dann seufzte
über Selbstbetrug, und diese strenge Verläugnung
menschlichen Gefühls, diese gewaltsame Abtödtung Blindheit
nannte, o, der kennt nicht, was ich kenne! Keines dieser ungenügsamen
brausenden Herzen, für die in der Welt kein Leben ist, wenns
ihnen um Tugend und Ruhe Ernst ist! Aber freylich gibts dieser
Herzen nicht so viel, als es Klosterleute gibt. Wenige von denen, die
da sind, hatten Beruf da zu seyn.
Auch
gern, gern will ich mit dem seufzen, der es weis, daß gerade
die Stimmung, die jenen besseren Seelen die Welt so gefährlich,
und die Gewalt zum Bedürfniß macht, sie auch der
Übereilung, der Schwärmerey am meisten aussezt. Das weis
Gott,wie tief ich das fühle; denn es war ja, ja, arme,
arme Unglückliche! es war dein Fall!
Sie
hatte geliebt, wie so ein Herz liebt; an dem Einzigen gehangen mit
allen Kräften ihrer liebsamen Seele; und bis an den Augenblick,
wo die gewisseste Nachricht von seiner Verlobung mit einer andern,
einer reicheren, mich fühlen ließ, was es heißt,
einen Freund verlieren, hatt ich mich mit meiner ganzen Freude
ihrer Liebe gefreut. So werth glaubt ich ihn, sie zu lieben, so
werth, von ihr geliebt zu seyn! Sie nahm diese Nachricht auf, wie so
ein Herz sie aufnehmen muste. Die Woche seiner Vermählung war
die Woche ihrer Einkleidung.
Wenn
das Neujahr kömmt, sagte sie, und ich schicke Ihnen dieses Bild
(es war eine Himmelfahrt) so hat mich Gott erhört, und ich bin
glücklich; aber schick ich Ihnen dieses (indem sie meine
Hand inniger drückte, und wider ihren Willen eine Thräne
darauf fallen ließ) dann dann
Sie
wandte ihr Gesicht ab und wischte sich die Augen. Wir standen am
Fenster, wo sie mir noch einige Aufträge gegeben hatte; die
übrige Gesellschaft saß mit dem Pater, der sie einkleiden
sollte, in stummer Betrübniß am Kaffeetisch.
Diese
Bilder (der Orden hat die Gewohnheit, dergleichen am Neujahrstage an
Freunde und Patronen zu schicken)
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waren der einzige Weg,
mich jemals wissen zu lassen, ob ihre Hoffnungen oder meine traurigen
Ahndungen eingetroffen wären. Das Kind kann, nach der Regel des
Ordens, nie der Mutter, die Freundin nie dem Freunde ohne Zeugen
klagen! unter den Schwestern selbst läßt das ewige
Zusammenseyn, selbst die Gesellschaft der Nacht der Leidenden keine
tröstende Vertraulichkeit zu.
Ich
that, was ich schon oft gethan hatte, bat sie mit der ganzen Gewalt
des Augenblicks, bat sie um des Himmels willen (nicht, wie man, wohl
so im gemeinen Leben bittet, wo die Gewohnheit die Macht der Formel
erschlafft hat) mit allem, was darinn liegt, um des Himmels willen,
lieber noch zurückzukehren, da es noch Zeit
sey.
Umsonst!
der Pater ging in die Sakristey, und einige Minuten nachher kam man,
sie abzuholen. So schwer es mir ward, ich hielt die traurige
Zeremonie aus. Als sie von der Erde aufstand, wo sie auf ihrem
Angesicht im Staube liegen mußte, so lang die Schwestern die
Psalmen über Abgestorbene über sie sangen, hatte plötzlich
eine wahre Todtenblässe ihr Gesicht überdeckt. Sie war
nicht Eulalia mehr! Ihre ganze Seele war in dem gewaltsamen
Erschlaffen nach einer überspannenden Arbeit. Auch zitterte und
wankte sie, und that, was man ihr sagte, wie ohne Nachdenken und
Bewußtseyn. Es war vorbey. Sie wankte hinein, und die Thüre
ward auf ewig hinter ihr verriegelt. Als ich aus der Kirche trat, sah
ich zum leztenmal das Kloster an, und bemerkte, was ich noch nie
bemerkt hatte, daß am ganzen Gebäude kein einziges
Fensterchen auf die Strasse ging.
Seitdem
hab ich sie nie wieder gesehn. Der Neujahrstag kam, und sie
schickte mir nicht die Himmelfahrt die leidende Maria.
Gott! Gott!
Aber
er hat sich ihrer erbarmt und ihre Ketten zerbrochen, früher als
ihre Jugend hoffen ließ. Noch keine drey Jahre waren es seit
ihrer Profession, da hört ich des Nachts die Betglocke für
Sterbende im Kloster läuten, und den andern Morgen brachte mir
der Arzt des Klosters ein
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kleines Migniaturgemälde
jenes Menschen, das die Schwestern beym Auskleiden auf ihrem
Herzen gefunden hatten. Der Arzt hatt es für das Bild
ihres Bruders ausgegeben, der im vorigen Kriege in kaiserlichen
Diensten erschossen war, und hatt es zu sich
genommen.
Kommentar
D1: Deutsches
Museum, 1776, Bd. 2, St. 9, S. 788791.
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ein Bildniß der leidenden Mutter Maria mit ihren sieben Schwertern
in der Brust: In der Marienikonographie finden sich Bilder mit 1, oft
7 Schwertern, die in das Herz M. v. oben od. v. unten eindringen [
] od.,
gleichsam einen Nimbus bildend, hinter dem Haupte M. erscheinen. (Kirschbaum
IV 87)![[Abb.]](../../../images/Abbildung.jpg)
J. Klauber,
Kathol.: Joseph Sebastian Klauber, gen. Katholikus (171068),
Augsburger Maler.
in dem strengern [
] Orden der heiligen
Klara: Klarissen, zweiter Orden des hl. Franz von Assisi, 1212
zusammen mit Klara von Assisi gegründet. 1263 bildete sich
aufgrund einer Regelerleichterung der Ordenszweig der Urbanistinnen.
Klarissen leben in strenger Klausur, d.h. abgeschlossen vom
weltlichen Leben.
Profession: Svw. Die Profeß
[
] die feyerliche Ablegung der Klostergelübde
(Adelung III 845).
So modisch will ich nicht seyn, über
die Strenge des Klosterlebens zu seufzen, oder zu schimpfen: Die
Aufklärung hatte kein Verständnis mehr für das
Mönchtum. In der seit etwa 1760 anschwellenden, ab 1780 weiter
zunehmenden antimonastischen Publizistik wurde u.a. die Rolle der
Ordensgeistlichen im Schulwesen kritisiert. [
] Ordensangehörige
schrieben gegen das Blendwerk unserer klösterlichen
Verfassung oder verfaßten antimonastische Satiren.
(Schneiders 274)
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Kartheuserklosters:
Kartäuser, katholischer Eremitenorden, streng beschaulich, von
Bruno von Köln 1084 in der Grande Chartreuse bei Grenoble
gegründet. Seit 1145 gibt es auch Kartäuserinnen. Vgl. auch
S.s Erzählung Die Untreu aus Zärtlichkeit, in der
die Hauptfigur, Willbert, Kartäusermönch werden
will.
hatten Beruf da zu seyn: Der Beruf [
]
Figürlich [
] Neigung, innerlicher Trieb. (Adelung I
886)
die Gewalt zum Bedürfniß macht: Gewalt
gegen sich selbst.
Einkleidung: Einen Mönch,
noch häufiger aber, eine Nonne einkleiden, sie durch
feyerliche Anlegung der Ordenskleider in einen Klosterorden
aufnehmen. (Adelung I 1714)
Himmelfahrt: Als
H[immelfahrt] M[ariens] sind solche Darst. zu bezeichnen, welche M.
in großer Figur (auch Halbfigur), v. Engeln getragen u.
umgeben, über dem Sark. (meist v. Aposteln umgeben) zeigen; der
Sark. kann auch fehlen, bes. wenn die H. M. über der Todesszene
wiedergegeben ist. M. wird dann mit den Engeln in himml. Sphäre
dargestellt. Meist werden über M. die Personen der Heiligen
Dreifaltigkeit gezeigt. (Kirschbaum II 277f.)
Patronen:
Im gemeinen Leben nennt man noch einen jeden, besonders Höhern
und Vornehmern, der unser Bestes aus Wohlwollen befördert,
seinen Patron, wofür man jetzt in der anständigern
Sprechart lieber das Wort Gönner gebraucht.
(Adelung III 673)
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im vorigen Kriege: Der
Siebenjährige Krieg 175663. Spielt bei S. noch in
Nachrichten aus Amerika und Das Misverständnis
eine Rolle.
in kaiserlichen Diensten: Franz I. (170865),
Kaiser des Heiligen Römischen Reichs mit Sitz in Wien.