Ziegeleimuseum Lage

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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Autonomes Jugendzentrum in Extertal.

18.3. - 30.9.2018

Die 68er-Bewegung in der Provinz

Wohngemeinschaften, Rockmusik und Hausbesetzungen in Lippe

Die 68er-Bewegung wird mit den studentischen Protesten in Berlin, mit der Verabschiedung der Notstandsverfassung durch den deutschen Bundestag in Bonn und dem Tod des Berliner Studenten Benno Ohnesorg verbunden.

Die vielen jungen Menschen in Lippe beschäftigten in dieser Zeit nicht nur die Ereignisse und Aktionen in den Großstädten. Sie bewegten die Verhältnisse in ihrer Region und sie wollten hier etwas verändern. Mit Freunden und Bekannten entflohen sie den konservativen Ritualen und Festen der Dorfgemeinschaften.

"The Lions" waren 1967 Vorband von Jimi Hendrix im Jaguar-Club in Herford.

 

Sie suchten nach neuen Freizeit- und Gestaltungsmöglichkeiten und errichteten eigene Milieus und Treffpunkte. Die Jugendlichen und Studenten trafen sich in Szenekneipen wie der "Berta" in Detmold, im "Studentenclub Lemgo", in Jugendzentren oder in dem linken Buchladen "Distel".

Bands aus der Region coverten aktuelle Songs oder spielten eigene Kompositionen. Aufgetreten sind sie in Detmold im "Falkenkrug" (hit-club), im "Volkshaus" und in "Gellers Gaststätten" (teen-Club). In Lemgo gab es das "Schützenhaus", in Lage die "Friedenseiche", in Billinghausen "The Club". Die Diskotheken bedeuteten für viele Coverbands das Aus. 1967 eröffnete das "Gretna Green" – später "Why Not" – in der Meierstraße als erste Diskothek in Detmold.

 

Wohngemeinschaften

Wohngemeinschaften waren eine neue alternative Lebensform. Die Mitglieder lebten in den Städten Detmold und Lemgo, häufig jedoch in alten Kotten auf dem Land. Sie bauten selbst Gemüse an, hatten teilweise gemeinsame Konten und praktizierten die freie Liebe. Die Mitglieder der 1973 gegründeten Wohngemeinschaft "Kalletal I" und die 1978 entstandene "Bösingfelder WG" engagierten sich in der Jugendzentrums- und Friedensarbeit, die Detmolder "Wittekindstraße-WG" etwa für Umweltschutz und gegen Atomkraft. Beat-Musik als Schwerpunkt gab es in Vinsebeck, Sommersell oder in Brüntrup. Manche Gruppen wie die auf dem Hahnenberg, orientierten sich am Hippietum.

Die 68er-Bewegung steht auch in der lippischen Provinz für den Beginn von Protest und Widerstand. Sie setzte allerdings andere Themenschwerpunkte. Atomkraft, gesunde Ernährung, die Schaffung eigener Räume für Diskussionen, die Entwicklung neuer Lebensformen und die Musik bestimmten die Aktivitäten der Jugendlichen und Studierenden. Gemeinsam bauten Anti-Atom-Aktivisten das lippische Haus in Gorleben auf und fuhren auf Demonstration gegen das Atomkraftwerk in Grohnde. In Detmold kämpften sie für den Erhalt der Druckerei Klingenberg als Autonomes Kommunikations- und Kulturzentrum.

In den Bioläden ging es um mehr als nur den Verkauf gesunder Lebensmittel. Hier entwickelten sich Diskussionen über Ernährung, Politik und Lebensmodelle. Aktionsgruppen legten hier ihre Flugblätter aus, machten Veranstaltungstermine bekannt oder organisierten Busfahrten zu AKW-Großdemonstrationen.

 

Anti-Atom-Aktion auf dem Marktplatz in Detmold, ca. 1980.

Erste Jugendzentrumsinitiativen gründeten sich in Detmold-Pivitsheide und im Kalletal 1972/73. Mit ihrem Autonomiebegriff vertraten die Initiativen ein Prinzip der Selbstbestimmung, in dem alle Jugendlichen aktiv an den Entscheidungsprozessen teilnahmen und Mitverantwortung für das Zentrum übernahmen.

Die erste Frauengruppe gründete sich 1976 an der Fachhochschule in Detmold. Ihr folgte die Bildung einer Frauengruppe in Lemgo, die sich erstmals 1977 in der Gaststätte "Onkel Heinz" traf. Ein Teil war politisch interessiert, andere wollten nur über ihre private Situation reden. Der Bezug auf die Rolle der Frau in Gesellschaft, Sexualität und Partnerschaft war neben politischen Aktionen zum Abtreibungsparagrafen 218 das bestimmende Thema. Die Arbeit der Gruppen bestand aus Informationstreffen, Infoständen aber auch Frauenfeten. 1983 gründete sich die heute noch bestehende Frauenberatungsstelle "Alraune". Wenig später fanden von Gewalt bedrohte Frauen Zuflucht im Frauenhaus Lemgo, das heute in Lage beheimatet ist.

Buch

Hans Gerd Schmidt: Die 68er-Bewegung in der Provinz: Vom Rock'n' Roll und Beat bis zur Gründung der Grünen in Lippe. Bielefeld 2013. ISBN 978-3860390238. Preis: 24,90 Euro

Erzählcafés zur Ausstellung

So, 15.4. 14 Uhr
Erzählcafé. Karin Wetterau, ehemalige Bielefelder Oberstufenlehrerin und Zeitzeugin der 68er-Bewegung liest aus ihrem Buch „Täterkinder und Rebellen- ein Familienroman einer Revolte“ und diskutiert mit ihren Gästen. Eintritt frei

So, 27.5. 14 Uhr
Die Ausstellungsmacher Hans-Gerd Schmidt (Autor), Eckhard Rakemann (Grafiker und Musiker) und Walter Meutzner erzählen von ihren Erlebnissen in den lippischen 68ern und diskutieren mit dem Publikum. Eintritt frei

So, 3.6. 14 Uhr
Dr. Klaus-Dieter Melzer, Psychologischer Psychotherapeut, berichtet von seinen Reisen nach Indien und Nepal in den 1970er Jahren. Eintritt frei

So, 17.6. 14 Uhr
Christiane Cantauw von der Volkskundlichen Kommission für Westfalen und Jürgen Scheffler vom Hexenbürgermeisterhaus in Lemgo berichten über die Schülerbewegung in den 1968er-Jahren in Westfalen. Eintritt frei