Panoramafotografie "Von Witten und Umgebung" von Friedrich Goebel, 1886. Zu sehen sind das Schloss Steinhausen auf dem Hettberg, unterhalb links die Zeche Theresia, rechts im Bild der Bahnhof Bommern und drei Schornsteine der Zeche Nachtigall.

Von Ingrid Telsemeyer

Zeche Nachtigall

Ein Ort, der viele Geschichten erzählt

Stollenzeche, Tiefbauzeche, Ziegelei, Sandsteinbruch, Maschinenfabrik, Kranzbinderei, Schrottplatz, Museum - vielfältig waren die Nutzungen des Geländes der Zeche Nachtigall in den vergangenen 300 Jahren. Grundlage für vieles waren die geologischen Voraussetzungen. Die für das Karbon charakteristische Schichtenfolge von Schieferton, Kohle und Sandstein lieferte die Rohstoffe.

Levin von Elverfeldt auf einem posthum gemalten Bild.

Die Anfänge

Für den Hettberg ist, soweit überliefert, erstmals 1714 die Kohlenförderung aus einer Kohlenbank im „Hettberger Holtz“ beantragt worden. Anteilseigner dieses Feldbesitzes waren zunächst mehrere Bauern der Region. 1743 kaufte ihnen der Grundeigentümer Freiherr Friedrich Christian Theodor von Elverfeldt für 140 Reichstaler alle Anteile ab. Die männlichen Nachfahren der Adelsfamilie von Elverfeldt  betätigten sich danach mehr als ein Jahrhundert lang selbst als Unternehmer im Geschäft mit den Steinkohlen.

Levin von Elverfeldt (1762–1830) war einer der Pioniere des Ruhrbergbaus. Als er 1787 die väterlichen Geschäfte übernahm, befasste er sich intensiv mit Bergbau sowie Kohlenhandel und häufte Bergwerksbesitz an. Bis zum Ende des Jahrhunderts besaß er Anteile von 39 Bergwerken entlang der Ruhr. Seine Hoffnungen auf guten Geschäftserfolg erfüllten sich jedoch nicht. Ludwig von Elverfeldt (1793–1873) übernahm 1825 einen hochverschuldeten Besitz. Der Übergang zum Tiefbau, der Bau einer Pferdebahn zum Kohlentransport und die Expansion der Zeche lagen in seiner Verantwortung.

Stollenbau

Rund um den Hettberg bauten noch zahlreiche andere Zechen die Kohle neben- und übereinander ab. Vorherrschende Technik des Bergbaus war zunächst der Stollenbau. Man trieb waagerechte Stollen in einen Berg und förderte die Kohle in Handarbeit.

Um tieferliegende Flöze zu erreichen, wurden „Unterwerksbauten“ angelegt. Von dort aus gelangten Kohle und anfallendes Wasser in Kübeln und Kästen durch schräg verlaufende Schächte zu Tage. Der Zugang zu diesen Stollenzechen erfolgte über die sogenannten Mundlöcher. Einige davon sind noch heute im Muttental zu sehen.

Die Zeche Nachtigall auf einer handkolorierten Eisenbahnkarte, um 1850.

 

Der Bergbau dieser frühen Phase unterschied sich in der Betriebsorganisation stark vom modernen Bergbau. So arbeiteten im Bergwerk Nachtigall in den 1750er und 60er Jahren  maximal acht Bergleute, die – wie damals üblich – nach Auftragslage nur tage- oder wochenweise beschäftigt wurden. Um 1800 waren auf der Stollenzeche Nachtigall zehn Bergleute in verschiedenen Funktionen tätig: Kohlenhauer und Gesteinshauer zum Streckenausbau und zur Kohlengewinnung sowie Karrenläufer, die die Kohle mit Schiebkarren vom Abbauort zum Stollenmundloch transportierten. 1806 ersetzte eine Wagenförderung auf Schienen die alten Karren.

"Aussicht von einer Höhe bey Herbede an der Ruhr nach dem Hause Hardenstein und der Herrlichkeit Witten", um 1780. Rechts im Hang sind zwei Mundlöcher zu sehen.

Die Kohlen verkauften die Zechenbesitzer als Brandkohlen, Schmiedekohlen und für die Kalkherstellung im näheren Umkreis sowie ins Bergische Land oder Sauerland. Der Absatz erfolgte über schlechte Landwege. Überregional wurden die westfälischen Steinkohlen mit Schiffen, sogenannten Aaken, über die Ruhr und  dann weiter über den Rhein transportiert. Von den Stollen zu den Kohlenniederlagen am Ruhrufer wurden im Muttental ab 1804 mit Sandstein gepflasterte Schiebewege für den leichteren Transport gebaut. Nach 1829 verband eine Pferdebahn die Zechen des Muttentales mit der Kohlenstraße von Witten nach Elberfeld.

Bergbau unter preußischer Verwaltung

Preußen versuchte mit neuen Gesetzen und Verwaltungsstrukturen, darunter der Einrichtung des Märkischen Bergamts in Bochum 1738, den privatwirtschaftlich betriebenen Bergbau an der Ruhr unter staatliche Kontrolle zu bekommen, den Absatz der Kohlen anzukurbeln und sich den königlichen Zehnt - die vorgeschriebenen Abgaben - zu sichern.

Die von der Obrigkeit eingesetzten Oberbergvogte und Sachverständige stimmten nach Bereisungen in ihren negativen Urteilen über den märkischen Bergbau überein. Es wurde Unordnung der „bergmännischen Wirthschaft“ und Raubbau attestiert. Nach einer Kontroll-Bereisung im Auftrag des preußischen Königs Friedrich II. zu 28 Ruhrzechen im Jahr 1782 bemängelte Oberbergrat Friedrich Wilhelm Graf von Reden den schlechten Zustand des Bergbaus in der Grafschaft Mark. Er beklagte fehlende Kontrolle der Bergbehörden und unzureichende Rechnungsführung und fasste zusammen: „Jeder thut was er will!“

Mit der Einführung der Revidierten Bergordnung von 1766 hielt die staatliche Verwaltung der Steinkohlenzechen an der Ruhr Einzug. Das sogenannte Direktionsprinzip konnte aber erst allmählich durchgesetzt werden.

In die Tiefe

1832 begann das Abteufen des ersten Tiefbauschachts der Zeche Nachtigall, um zu den tiefer liegenden Flözen vorzudringen. Das war langersehnt worden und trotzdem ein offenes Experiment, insbesondere wegen Schwierigkeiten durch das stark wasserhaltige Gebirge. Mit Handpumpen waren die starken Zuflüsse nicht mehr zu bewältigen. Dies gelang erst mit Hilfe von Dampfmaschinen aus der Maschinenbauanstalt Friedrich Harkort in Wetter - der innovativen Technik der Frühindustrialisierung.

Im Grubenbetriebsbericht von 1835 liest sich das so: "Endlich ist der so lange und von mancher Seite gehegte Wunsch in diesem Monat in Erfüllung gegangen. Der neue Maschinenschacht Neptun ist unter maancherlei Beschwerden und Hindernissen, Dank der Vorsehung, ohne besondere Verletzung der Arbeiter bis zum Ziele, dem Liegenden des Flötzes Nachtigall, abgeteuft."

Das Gebäude von Schacht Neptun, 1833.

Um die Investitionskosten für Gebäude und Maschinen aufzubringen, hatten sich vorher einige der umliegenden Stollenzechen zur Vertragsgemeinschaft Vereinigte Nachtigall zusammengeschlossen. Die Zechen Eleonore & Nachtigall, Theresia, Wiederlage, Aufgottgewagt, Nordflügel, Braunschweig Nordflügel und Turteltaube Nordflügel kooperierten, blieben aber zunächst selbstständige Betriebe. Im März 1835 konnte mit der Förderung aus Schacht Neptun begonnen werden. Es entstanden neue Arbeitsplätze an den mit Dampf betriebenen Förder- und Wasserhaltungsmaschinen, 1836 waren dort zwei Wärter und zwei Schürer angestellt.

Johann Jacob van Braam (1805-1884) gehörte zu den holländischen Kaufleuten, die in die Zeche Nachtigall investierten.

Zeche Vereinige Tiefbau Nachtigall

Ludwig von Elverfeldt verkaufte 1851 sein Gut Steinhausen und seine Anteile der Zechen an eine Gruppe von kapitalkräftigen holländischen Investoren, die den Ruhrbergbau als eine vielversprechende Geldanlagemöglichkeit im Ausland sahen. Sie übernahmen eine Zeche auf dem neuesten technischen Stand und mit ausgezeichneten Kohlenvorräten.

Die Investoren trieben den weiteren Ausbau durch Investitionen in die technische Ausstattung, die Verkehrsanbindung der Zeche und durch die neue Konsolidation der Zechen Vereinigte Nachtigall, Vereinigte Nachtigall & Aufgottgewagt, Wiederlage und Theresia zur Zeche Vereinigte Nachtigall Tiefbau voran. Diese beschäftigte in den 1850er und 1860er Jahren zwischen 300 und 500 Bergleute. Sie gehörte in dieser Zeit nach der Beschäftigtenzahl und der Kohlenförderung zu den größten Bergwerken der Region.

Das Bergwerk hatte nun drei Schachtanlagen: Schacht Neptun, Schacht Catharina der früheren Zeche Theresia und Schacht Hercules. Letzterer wurde durch weiteres Abteufen zum Hauptförderschacht der Zeche.

In den folgenden Jahren baute die Zeche die Tagesanlagen aus und errichtete unter anderem ein Kesselhaus sowie das heute noch vorhandene Maschinenhaus und die Werkstattgebäude. Die Zeche arbeitete jeweils mit den modernsten verfügbaren Methoden: 1855 führte sie die Streckenförderung mit Pferden unter Tage ein.

1857 ging auf Nachtigall die damals stärkste Dampfmaschine im Ruhrbergbau (500 PS) in Betrieb. 1876 wurde die moderne Seilfahrt eingeführt: Die Bergleute gelangten seither mit Förderkörben, die an Seilen hingen, in den Schacht. 1876 erreichte man mit Schacht Hercules die größte Teufe von 450 Metern. Die Kohleförderung erreichte mit 100.000 Tonnen im Jahr 1878 den Höhepunkt. Die Zeche Nachtigall Tiefbau hatte einen Ausbauzustand erreicht, der bis zur Stilllegung 1892 nicht wesentlich wuchs.

Rekonstruktion des Bergwerks Vereinige Nachtigall Tiefbau um 1887.

Mit starken Wasserzuflüssen kämpfte das Bergwerk bis zur Schließung. So thematisierte der „Geschäfts-Bericht“ der Zeche  Nachtigall Tiefbau von 1871 an vielen Stellen das leidige Thema Wasser, durch das die Zeche immer wieder Produktionsausfälle zu verkraften hatte. Betriebsstörungen häuften sich. 1882 arbeiteten nur noch 295 Bergleute auf dem Bergwerk Nachtigall. Die Kohlenförderung sank.

Der Zusammenschluss mit der Zeche Helene Tiefbau auf der anderen Ruhrseite in Heven erschien als Rettung. Man plante den Abbau neuer Flöze unter dem Ruhrtal und hoffte wohl auch auf die leichtere Finanzierung der notwendigen Investitionen. Mit den vorgenommenen Neuinvestitionen übernahm sich die Zeche jedoch und musste 1887 Konkurs anmelden. Schließlich kaufte 1890 die Dortmunder Bergbaugesellschaft das Bergwerk. Ihr Interesse galt den ergiebigen Grubenfeldern von Helene. Nachtigall sollte dagegen wegen mangelnder Rentabilität aufgegeben werden. Die Dortmunder Bergbaugesellschaft beschloss die Auflösung der Gewerkschaft Helene-Nachtigall.

Einstellung der Förderung

Am 23. Februar des Jahres 1892 begann auf Nachtigall das sogenannte Ausrauben: der Verkauf der Maschinen und sonstigen Fördereinrichtungen. Die Wittener Zeitung schrieb zum nahenden Ende der Zeche Nachtigall am 14.10.1891:

„Nur noch leider eine kurze Zeit und unsere alte Zeche Nachtigall, die so manchem Bewohner unseres Orts (...) Brot und Existenz verschafft, wird die letzte Schicht machen und in Ruhe versetzt werden. Die Ursache des Stillstandes ist hauptsächlich die Wasser-Calamität (...). In 3-4 Monaten werden wohl sämmtliche Maschinen abgebrochen sein und so das Werk unter Wasser und zum Stillstand kommen. – Mit Freuden kann mitgetheilt werden, daß sämmtliche am 1. Oktober entlassene Arbeiter und Beamten anderweitig in Arbeit und Stellung gebracht sind.“

Innerhalb kurzer Zeit stellten die drei benachbarten Tiefbauzechen des Hardensteiner Reviers - Louisenglück, Nachtigall und zuletzt 1906 Ver. Bommerbänker Tiefbau  - ihren Betrieb ein. Sie konnten mit den neuen, größeren Bergwerken in der Emscher- und Hellwegzone nicht konkurrieren. Sie hatten bessere Lagerungsverhältnisse, verkokungsfähige Kohlearten für die Eisenverhüttung und größere Kohlenvorkommen.

Dampf-Ziegelei und Sandsteinbrüche W. Dünkelberg

Der wohlhabende Tiefbauunternehmer Wilhelm Dünkelberg kaufte 1892 das Zechengelände. Er errichtete in den folgenden Jahren an diesem Ort eine Dampfziegelei, die 1897 die Produktion aufnahm,  sowie eine Fabrik für die Herstellung von Ziegeleimaschinen. Aus seinen Steinbrüchen gewann er Sandstein und Schieferton.

Einen Großteil der Zechengebäude Dünkelberg abreißen. Erhalten und neu genutzt wurden das Maschinenhaus, die Werkstattgebäude und ein Kesselhauskamin der Zeche. An der Stelle der Schachtanlage Hercules ließ Dünkelberg zwei Ringöfen bauen. Das Rohmaterial für die Ziegelherstellung, den Schieferton, beschaffte der Unternehmer aus dem benachbarten Steinbruch, der zu seinem Betriebsgelände gehörte. Eigens zu diesem Zweck ließ er einen Tunnel, den heutigen Nachtigall-Stollen, durch den Hettberg schlagen.

Ziegelei Dünkelberg, fotografiert von Friedrich Goebel 1897.

Jährlich produzierte die Ziegelei bis zu elf Millionen Steine für den Bau von Industrieanlagen und Häusern. Auch Kohleabbau gab es noch: Zur Versorgung seiner Betriebe mit Steinkohlen nutzte Wilhelm Dünkelberg in Zeiten der Kohleknappheit nach den Weltkriegen die vorhandenen Restkohlen, unter anderem mit seiner Kleinzeche Gottlob.

Das Schloss Steinhausen, Wohnsitz der Freiherren von Elverfeldt, wurde aus Ruhrsandstein gebaut.

Die Nachtigall-Steinbrüche

Schon in vorindustrieller Zeit und bis in die 1970er Jahre nutzten die Besitzer des Nachtigall-Geländes nicht nur die Kohle, sondern auch ihre Sandsteinvorkommen. Sie waren ein zentraler Bestandteil ihres Geschäfts. Schon ihr Wohngebäude „Haus Steinhausen“ ließen die Elverfeldts aus dem ortsnah vorhandenen Gestein bauen, später auch die Zechengebäude. Große Teile des Hettberges wurden so im Lauf der Zeit nach und nach abgebaut.

Den sehr harten und widerstandsfähigen Ruhrsandstein ließ die Besitzerfamilie im 18. und frühen 19. Jahrhundert von Steinhauern zu  hochwertigen Mühl- und Schleifsteinen sowie zu Geländer- und Zaunpfosten verarbeiten. Auch als Wege-,  Bahn- und Wasserbaustoffe sind Sandsteine von Anfang an genutzt und verkauft worden. 1803 besaß der Landdroste von Elverfeldt drei zugelassene Sand- und Werksteinbrüche.

 

Wilhelm Dünkelberg und seine Nachfahren  nutzen ebenfalls die zum Besitz gehörenden Sandsteinbrüche, unter anderem für die neuen Bahnbauten. Mit seinen Steinbruchbetrieben erwirtschaftet der Unternehmer in den Jahren 1909 und 1910  sogar den höchsten Anteil seines Einkommens. Später wurden die Steinbrüche verpachtet.

Vom Schrottplatz zum Museum

1963 wurden der Ziegelei-Betrieb und später auch der Sandsteinabbau eingestellt. Kleinbetriebe wie eine Kranzbinderei und zuletzt eine Autoverwertung nutzten Gebäude und Gelände. Das Werkstattgebäude diente als Wohnhaus. Ausrangierte Autos, Reifen und Ölfässer beherrschten das Nachtigall-Gelände. Spaziergängern bot sich bald ein trostloses Bild des Verfalls.
 

Engagierte Bürger, Denkmalschützer und die Stadt Witten erkennen schließlich die historische Bedeutung der Anlagen. 1979 fasste der Landschaftsverband Westfalen-Lippe den Gründungsbeschluss für ein dezentrales Westfälisches Industriemuseum und die Zeche Nachtigall als einen der drei Bergbau-Standorte des Museums vor.

Das Zechengelände um 1970.

Übernommen wurde  ein geschichtsträchtiges Gelände mit einem ruinösen Baubestand. Vorhanden waren beschädigte, teilweise ausgebrannte und mehrfach umgenutzte Gebäude von Bergwerk und Ziegelei. Eine Maschinenausstattung gab es nicht mehr – stattdessen hoch interessante  „Altlasten“. Systematische Grabungen und die Geländearbeiten förderten Schicht für Schicht viele Fundstücke zu Tage: Schrott der jüngsten Vergangenheit, Ziegel aus den Ringöfen der Ziegelei, Karbonfossilien und eine historische Steinschwelle der Muttentalbahn.

Reporter und Besucher bei der Museumseröffnung

Eröffnung

Nach Jahren intensiver Spurensuche und Spurensicherung, der Freilegung von Schacht Hercules und seiner Umgebung, der Restaurierung der Gebäude, der Suche nach geeigneten Ausstellungsobjekten und der Entwicklung des Museumskonzepts feierte der Landschaftsverband 2003 die Eröffnung des damaligen Westäflischen Industriemuseum – heute LWL-Industriemuseum- Zeche Nachtigall.

Die Themen der Dauerausstellung greifen Geologie und industrielle Nutzungen des Standorts in den vergangenen 300 Jahren auf. Die stategisch günstige Lage des Museums inmitten wichtiger Geotope führte dazu, dass 2014 der Nationale GeoPark Ruhrgebiet  hier sein erstes Infozentrum einrichtete.