Zeche Hannover

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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Amateurtheater im DP-Lager Lutter, 1945. Foto: The Polish Institut and Sikorski Museum, London

17.6. - 30.10.2016

Zwischen Ungewissheit und Zuversicht

Polnische Displaced Persons in Deutschland 1945-1955

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs konnten viele Polen aus politischen Gründen nicht in ihr Heimatland zurückkehren. Knapp eine Million ehemalige polnische Zwangsarbeiter, Häftlinge und Kriegsgefangene lebten fortan als sogenannte „Displaced Persons“ (DPs) in Sammelunterkünften in den westlichen Besatzungszonen. Ihnen widmet sich die zweisprachige Ausstellung.





Die Geschichte der DPs ist ein bisher wenig beachtetes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Die Ausstellung gibt daher erstmals einen umfassenden Einblick in den Alltag, die Kunst und die Kultur dieser ‚heimatlosen Ausländer‘, wie sie später genannt wurden.
Sie haben trotz der herrschenden Knappheit und Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal ein bemerkenswertes und vielfältiges Kulturleben in den Camps und Lagern entwickelt.

Blick in die Ausstellung "Zwischen Ungewissheit und Zuversicht"
Musiker-Gruppe im DP-Lager Haltern, 1947. Foto: Rektorat der Polnischen Katholischen Mission in Deutschland, Hannover



Mit Dokumenten, Fotos und Videointerviews wirft die Ausstellung ein Licht auf dieses kaum bekannte Stück deutsch-polnischer Geschichte. Sie wirft einen Blick auf die Energie, Effizienz und Kreativität, mit der die in den Camps und Lagern festsitzenden Menschen ihren Alltag organisierten, Komitees, Organisationen und Netzwerke ins Leben riefen und ihr Leben mit allen Mitteln der Kunst gestalteten. So fanden bereits 1945 erste Kunstausstellungen statt, die von der Landschaftsmalerei bis zur Verarbeitung des Schreckens der Konzentrationslager eine beachtliche Bandbreite zeigten.








Dem Ausstellungsteam ist es gelungen, Zeitzeugen zu finden, die mit ihren Erlebnissen, Erinnerungen und Leihgaben die Präsentation mitgestaltet haben.
Dabei spannt sich der Bogen über mehrere Generationen und zeigt damit auch die unterschiedlichen Formen von Erinnerung und Tradition.

Diese Zigarre etwa befindet sich seit mehreren Jahrzehnten in Familienbesitz. Der befreite Kriegsgefangene Franciszek Kellner, der im Kriegsgefangenenlager Stalag VI G interniert war und in der Nähe von Bonn zu Arbeiten in der Landwirtschaft eingesetzt wurde, brachte sie einen Eltern als Geschenk mit, als er 1947 in seine Heimat zurückkehrte. Sein Bruder Albert fand die sorgsam verwahrte Zigarre im Nachlass des Vaters, die seitdem ein Erinnerungsstück der Familie ist. Die Schachtel trägt die handgeschriebene Widmung:

„Zigarre, die Franek dem Vater gab. Die Zigarre brachte Franek aus der Gefangenschaft. Vater hatte sie als Erinnerung an Franek behalten. Lutynia 9. März 1959.“

Zigarre von Franciszek Kellner mit Widmung. Deutschland/Polen 1947/49. Foto: LWL


Die Ausstellung ist äußerst aktuell: Viele Deutsche standen den DPs damals distanziert gegenüber. Überkommene Stereotype und Bewertungen als ‚minderwertige Menschen‘ hielten sich auch nach Kriegsende hartnäckig. Berichte über Kriminalität verstärkten die Ablehnung. Diese beunruhigende Entwicklung kennen wir aus der aktuellen Flüchtlingsdiskussion.

Förderer

Gefördert wurde die Ausstellung durch die Beauftrage für Kultur und Medien der Bundesrepublik Deutschland und mit Mitteln des NRW-Ministeriums für Arbeit, Integration und Soziales. Archive und Museen im In- und Ausland haben die Ausstellung unterstützt.
Auch der Bund der Polen in Deutschland hat als Partner der „Porta Polonica“ mit vielfältigen Kontakten und Leihgaben zum Gelingen der Ausstellung beigetragen.

Katalog und Begleitprogramm

Katalog
Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Polnische Displaced Persons in Deutschland 1945-1955.
Hg. LWL-Industriemuseum, Dietmar Osses, 222 Seiten, Klartext-Verlag, Essen 2016, 19,95 Euro.

Begleitprogramm

Mi, 6.7. 19 Uhr
Vortrag und Gespräch: Zwischen allen Fronten. Polnische Displaced Persons in Deutschland 1945–1955. LWL-Museumsleiter Dietmar Osses berichtet in einem Lichtbildvortrag über die Geschichte der polnischen DPs. Eintritt frei

So, 10.7. 16 Uhr
Zwischen Ungewissheit und Zuversicht. Offene Führung durch die Ausstellung zu polnischen Displaced Persons in Deutschland

So, 7.8. 16 Uhr
Kultur im Lager. Offene Führung durch die Ausstellung zu polnischen Displaced Persons in Deutschland

So, 4.9. 16 Uhr
Keine Hoffnung auf Rückkehr? Offene Führung durch die Ausstellung zu polnischen Displaced Persons in Deutschland

Mi 14.9. 20 Uhr
Vortrag und Gespräch: Vom Akkordeonabend bis zur Theaterpremiere. Geselligkeit, Musik und Theater in polnischen DP-Lagern. Lichtbildvortrag von Kurator Bartholomäus Fujak

Do, 22.9. 19 Uhr
Vortrag und Gespräch: Zwischen Sehnsucht nach dem Leben und Hunger nach dem Wort. Bedeutung und Funktion der Kultur für die polnischen Displaced Persons in Deutschland. Lichtbildvortrag von Dr. Jacek Barski, Leiter der Porta Polonica, Dokumentationsstelle zur Kultur und Geschichte der Polen in Deutschland

Do, 6.10. 19 Uhr
Vortrag und Gespräch: Polnische Displaced Persons in Westfalen und dem Ruhrgebiet. Eine Spurensuche. Dietmar Osses

So, 9.10. 16 Uhr
Zwangsarbeiter - Displaced Persons – Heimatlose Ausländer. Offene Führung durch die Ausstellung zu polnischen DPs in Deutschland

Do, 27.10. 19 Uhr
Vortrag und Gespräch: Den Blick nach vorn gerichtet. Polnische Displaced Persons in Schule, Ausbildung und Beruf. Lichtbildvortrag des Historikers David Skrabania

Entwurf für das Titelblatt der Modezeitschrift „Moda“ Nr. 7, 1945. The Polish Institut and Sikorski Museum, London. Foto: LWL