Zeche Hannover

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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12.07.2003 bis 26.10.2003 - LWL-Industriemuseum Zeche Hannover

Neapel - Bochum - Rimini. Arbeiten in Deutschland. Urlaub in Italien

Italienische Zuwanderung und deutsche Italiensehnsucht im Ruhrgebiet

Auf der Zeche Hannover konnten sich Besucher vom 12.7.-26.10.2003 auf die Spuren der Italiener in Deutschland und die der Deutschen in Italien machen. Seit Mitte der fünfziger Jahre kamen rund zwei Millionen Italiener als "Gastarbeiter" hierher. Zur selben Zeit folgten Millionen von Deutschen ihrer Urlaubssehnsucht nach Italien. Lange Zeit blieben die Alltagserfahrungen der Italiener in Deutschland und die stereotypen Italienerbilder der Deutschen voneinander unberührt. Die Ausstellung vermittelte Einblicke in beide Erfahrungsbereiche. Begleitet wurde sie von einer Vortragsreihe.

Konzept

Neapel-Bochum-Rimini: Die ungewöhnliche Reihung der Städte im Titel der Ausstellung bezeichnet die Richtung zweier Wanderungsbewegungen, die seit Mitte der 1950er Jahre zwischen Deutschland und Italien verliefen: Einerseits die Einwanderung von gut einer Millionen Italiener und Italienerinnen, die zwischen 1955 und 1973 zur Arbeit nach Deutschland kamen. Und andererseits der kurzfristige Zug von Millionen deutscher Urlauber, die seit Mitte der 1950er Jahre nach Italien in den Urlaub reisten.
Neapel war neben Verona Ausgangspunkt für italienische Arbeitskräfte, die sich von der dortigen deutschen Anwerbestation gemäß des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens auf den Weg nach Deutschland machten.
Bochum steht stellvertretend für viele Städte im Ruhrgebiet, in denen italienische Arbeitskräfte eine Beschäftigung fanden, vor allem als Industriearbeiter, Bergleute oder Bauarbeiter.
Rimini zählte zu den beliebtesten Orten, die deutsche Urlauber ab Ende der 1950er Jahre aufsuchten. Schlager und Spielfilme hatten seit Beginn des Jahrzehnts die Sehnsucht nach Italien als Land von Sonne, Strand und Meer geschürt. Mit wachsendem Wohlstand reisten hunderttausende Deutsche erstmals zum Urlaub ins Ausland. In den 1960er Jahren setzte sich das Sehnsuchtsland Italien mit über vier Millionen deutschen Urlaubern jährlich an die Spitze der Reiseziele.
Diese zeitgleichen, in Dauer und Qualität aber höchst unterschiedlichen und in der Motivation geradezu gegensätzlichen Wanderungsbewegungen zwischen Deutschland und Italien bildeten den Angelpunkt der Ausstellung.
Auf den Spuren der Italiener in Deutschland und der Deutschen in Italien thematisierte die Ausstellung Fragen nach den gegenseitigen Vorstellungen voneinander, nach Klischees und Vorurteilen, nach Begegnungen zwischen Deutschen und Italienern in Deutschland und in Italien.
Der erste Teil der Ausstellung zeigte die lange Tradition der Zuwanderung aus Italien in das Ruhrgebiet. Anwerbung, Arbeit und Alltag der italienischen „Gastarbeiter“ im Ruhrgebiet bildeten dabei die Schwerpunkte. Der Mittelteil der Ausstellung diente als Kopplungsstelle: in der Inszenierung einer Bochumer Eisdiele traf die Geschichte der italienischen Zuwanderer auf die deutschen Sehnsüchte, Stereotypen und Vorstellungen von Italien und Italienern. Die Erlebnisse und Erfahrungen deutscher Urlauber in Italien zeigte der dritte Teil der Ausstellung. Den Abschluss der Ausstellung bildete ein Panorama der Lebenswelten italienischer Zuwanderer im Ruhrgebiet von der Rückwanderung nach Italien über die gleichzeitige Teilhabe an deutschen und italienischen Communities bis hin zur völligen Assimilation und Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft.
Eine zentrale Rolle spielte die Verbindung der Geschichte der italienischen Zuwanderung mit der Geschichte der deutschen Italiensehnsucht und Urlaubsfahrten nach Italien. Diese Kombination erlaubte nicht nur einen entscheidenden Perspektivwechsel, sondern zielte auch auf unterschiedliche Besuchergruppen und Besuchsmotivationen.

Ausstellung

Wanderung mit Tradition

Die Tradition der Italiener in Deutschland reicht weit zurück. Künstler, Architekten, Kaufleute und Handwerker wanderten seit dem Mittelalter zur Arbeit nach Deutschland. Nach Westfalen kamen bis Ende des 18. Jahrhunderts vor allem Kaminkehrer, Zinngießer, Händler und Musikanten.
Im 19. Jahrhundert zog die schnell wachsende Industrie des Ruhrgebiets vermehrt Arbeitskräfte aus Italien an. Als Fachkräfte für Steinbearbeitung und Tunnelbau waren sie sehr geschätzt und arbeiteten vor allem in Steinbrüchen, beim Bau von Kanälen und Eisenbahnstrecken sowie im Bergbau und in Ziegeleien. Wanderarbeiter aus Norditalien bildeten den größten Teil der im Ruhrgebiet arbeitenden Italiener. Sie stammten vor allem aus Piemont, der Lombardei und Venetien.

Wanderarbeiter und Einwanderer

Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der italienischen Wanderarbeiter kontinuierlich an. 1890 zählten die Behörden in Rheinland und Westfalen rund 2.100 italienische Arbeitskräfte, im Jahr 1910 schon 32.000. Damit machten die Italiener nach den Polen die zweit größte Gruppe von Ausländern aus. In der Regel blieben die italienischen Arbeiter während der Saison von März bis November in Deutschland und verbrachten die Wintermonate mit geringeren Arbeitsangeboten in Italien, wo die Lebenshaltungskosten geringer waren. Nur wenige Italiener ließen sich dauerhaft in Deutschland nieder. In einzelnen Fällen gelang es ihnen, eigene Handwerksbetriebe oder Geschäfte im Ruhrgebiet zu gründen oder sich als Unternehmer an deutschen Firmen zu beteiligen.

Verbündete

Im Juli 1937 schlossen die faschistischen Regierungen Deutschlands und Italiens ein Abkommen über den Einsatz italienischer Saisonarbeiter in der deutschen Landwirtschaft und Industrie. Im Gegenzug sicherte das deutsche Reich seinem Verbündeten die Versorgung mit Steinkohle zu. Das Abkommen regelte Anwerbung, Dauer des Arbeitsverhältnisses und Arbeitszeiten. Es garantierte Tariflöhne, Sozialleistungen, Heimfahrten, ausreichende Unterkünfte und Verpflegung mit italienischem Essen. Die guten Verdienstmöglichkeiten lockten viele Italiener nach Deutschland. Industriebetriebe und Kommunen bauten Barackenlager für die italienischen Arbeiter. Mit großem Propagandaaufwand inszenierte die deutsche Regierung das deutsch-italienische Bündnis und begrüßte die Italiener als „Arbeiter-Gäste“.

Zwangsarbeit in Deutschland

Der Status der italienischen Arbeiter in Deutschland änderte sich schlagartig im September 1943: Nach dem Sturz Mussolinis stellte sich die italienische Regierung mit Marschall Badoglio auf die Seite der Alliierten. Aus den ehemals Verbündeten wurden Feinde. Die Deutschen deportierten über 600.000 italienische Soldaten nach Deutschland. Sie bekamen den Status von „Militär-Internierten“. Die Zivilarbeiter, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in Deutschland aufhielten, wurden zu Zwangsarbeitern. In der menschenverachtenden Hierarchie des rassistischen NS-Regimes fielen die ehemals gleichberechtigten Italiener damit auf den untersten Rang zurück. Sie wurden als „Badoglio-Verräter“ beschimpft, waren besonders schlechter Behandlung ausgesetzt und wurden Opfer zahlreicher Übergriffe, die kaum geahndet wurden. Nach Kriegsende kehrten fast alle Arbeiter auf eigene Faust oder mit speziellen Rücktransporten per Eisenbahn nach Italien zurück.

Anwerbebroschüre des Unternehmerverbands Ruhrbergbau

Der Anwerbevertrag

Am 20. Dezember 1955 unterzeichneten die deutsche und die italienische Regierung ein gemeinsames Anwerbeabkommen. Der Vertrag erlaubte deutschen Firmen, Arbeitskräfte in Italien zur Arbeit in Deutschland anzuwerben. Das Abkommen erschien der italienischen Regierung als geeignete Möglichkeit, sozialen Druck und Unzufriedenheit im Lande abzufangen: Aus dem strukturell schwachen Süden wanderten viele Italiener in den Norden Italiens, um dort in der Industrie zu arbeiten. Dort reichten die Arbeitsmöglichkeiten für den großen Zustrom jedoch nicht aus. In Westdeutschland benötigten Wideraufbau und Wirtschaftswunder viele Arbeitskräfte. Der Bedarf konnte zunächst durch Flüchtlinge und Vertriebene gedeckt werden, doch zeichnete sich Mitte der 1950er Jahre langfristig ein Arbeitskräftemangel ab. Deutsche Unternehmen drängten darauf, Arbeiter aus dem Ausland anzuwerben.
 
Anwerbung

Nach Abschluss des Anwerbeabkommens richtete die deutsche Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung 1956 in Verona und 1960 in Neapel Anwerbekommissionen ein. Deutsche Firmen meldeten ihren Bedarf an italienischen Arbeitskräften beim örtlichen Arbeitsamt in Deutschland. Sie gaben die Anzahl der benötigten Arbeiter, die tägliche Arbeitszeit und den Lohn an. Die Bundesanstalt leitete die Anfragen an die Anwerbekommission und die italienischen Arbeitsämter weiter. Mit einer gültigen Ausreiseerlaubnis, Reisepass und gepackten Koffern fuhren die Arbeiter nach Verona oder Neapel. Nach ärztlicher Untersuchung bekamen die tauglichen Bewerber eine Arbeitsstelle zugewiesen. Mit dem Arbeitsvertrag erhielten die Arbeiter zugleich die Zugfahrkarte nach Deutschland. Teilweise warben deutsche Firmen aber auch direkt in Italien Arbeitskräfte an. In Plakaten und Prospekten versprachen sie „vita nuova“ - ein neues Leben in Deutschland.

Ausstellungsbereich zu Wohnheimen

Leben in Deutschland: Unterkunft

Die deutschen Arbeitergeber waren laut Anwerbevertrag verpflichtet, für eine angemessene Unterkunft zu sorgen. Als Unterkünfte dienten oft noch bestehende Barackenlager aus der Kriegs- und Nachkriegszeit oder Ledigenwohnheime. Immer wieder prangerten Arbeiter und Sozialbetreuer die schlechten Zustände in den Wohnheimen an, vor allem die hohe Belegungsdichte der Zimmer. Da die deutsche Küche vielen Italienern fremd war, zogen es die meisten vor, sich selbst zu versorgen. Gekocht wurde auf einer Herdplatte im Zimmer oder in der Gemeinschaftsküche. Viele brachten aus Italien spezielle Kochutensilien und Zutaten mit, die in Deutschland nicht erhältlich waren.
 
Arbeitsplätze für Italiener

Die angeworbenen Italiener arbeiteten in Deutschland in der Landwirtschaft, im Bergbau, im Baugewerbe, in Fabriken und als Gleisarbeiter bei der Bundesbahn. Die meisten von ihnen waren ungelernte Arbeiter. Sie benötigten eine Arbeitserlaubnis, . die zunächst an eine konkrete Arbeitsstelle gebunden und auf ein Jahr befristet war. Seit Mitte der 1960er Jahre stellten die Arbeitsämter aber auch unbefristete Erlaubnisscheine aus, die für das gesamte Bundesgebiet gültig waren. Um ihr Einkommen zu verbessern, leisteten die italienischen Arbeiter häufig Überstunden und arbeiteten wenn möglich auch an Sonn- und Feiertagen. Seit den 1960er Jahren arbeiteten zunehmend auch italienische Frauen in den Industriebetrieben des Ruhrgebiets. Die meisten waren verheiratet und zusammen mit ihren Ehemännern nach Deutschland gekommen.
 

Freizeitmöglichkeiten

Viele Italiener wollten in Deutschland in kurzer Zeit genug Geld verdienen, um mit einer gesicherten Existenz nach Italien zurück zu kehren. Dieses Ziel hatte auch Auswirkungen auf die Freizeitgestaltung der italienischen Arbeiter. Durch Überstunden und Arbeit an den Wochenenden war die arbeitsfreie Zeit oft knapp bemessen. Außerdem versuchten die Meisten, in Deutschland möglichst sparsam zu leben. Sprachprobleme, Heimweh und das distanzierte Verhalten der Deutschen führten dazu, dass die Italiener meist unter sich blieben. In den Wohnheimen lernten sie sich schnell kennen und unternahmen gemeinsame Ausflüge, um den beengten Wohnverhältnissen zu entfliehen. Bahnhöfe entwickelten sich zu beliebten Treffpunkten. Sie waren gut erreichbar und für jeden zugänglich. Neuankömmlinge wurden begrüßt, Neuigkeiten ausgetauscht.
 
Betreuung und soziales Leben

Die Caritas, die Missione Cattolica Italiana und die italienische christliche Arbeitnehmerorganisation A.C.L.I. halfen ihren Landsleuten bei der Orientierung in der Fremde. Die katholische Kirche Italiens und die italienische Regierung stellten gut ausgebildete italienische Sozialbetreuer bereit. Sie halfen beim Umgang mit Behörden und dem Ausfüllen der oft komplizierten Formulare. Darüber hinaus organisierten die Betreuer ein breites Kulturprogramm mit italienischen Filmen, Ausflügen, Ausstellungen und Sportveranstaltungen. In den Missionen übernahmen die italienischen Geistlichen alle seelsorgerischen Aufgaben. Die Gemeindezentren der Missione Cattolica Italiana entwickelten sich mit ihren Festen und Freizeitangeboten sich zu wichtigen kulturellen Treffpunkten der Italiener in Deutschland.

Italiensehnsucht in deutschen Wohnzimmern

Schlagertexte, Spielfilme und Zeitungsreportagen prägten die deutsche Sicht auf Italien und die Italiener in den 1950er und 1960er Jahren. Italien symbolisierte dabei für viele Deutsche eine Gegenwelt zum tristen Alltag des Wiederaufbaus. Als Land des „Dolce Vita“ erschien Italien als ein ländliche, ursprüngliche Idylle, als Land stürmischer Leidenschaft und romantischer Gefühle. Statt der klassischen Kulturstätten prägte nun vor allem Bilder von Sonne, Strand und Meer die Vorstellungen der Deutschen von Italien.
 
La dolce vita in der Eisdiele

Italienische Eisdielen entwickelten sich in den 1950er Jahren im Ruhrgebiet zu beliebten Treffpunkten. Die Eisdielen zeugten vom zunehmenden Wohlstand im Wirtschaftswunderland Deutschland. Nach der Zeit der Entbehrungen im Wideraufbau gönnten sich nun viele Deutsche einen kleinen Luxus leisten und schwärmten vom Urlaub in Italien. In den Eisdielen blieben die Deutschen jedoch weitgehend unter sich. Es gab lediglich den flüchtigen Kontakt zu den Besitzern, die aus Norditalien stammten. Die Masse der Italiener in Deutschland – Arbeiter aus Süditalien – war hier nicht anzutreffen. Während die Vorstellungen von Italien als Land der Sehnsucht boomten, bestanden die alten Vorurteile der Deutschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs weiter. Vielen galten die Italiener als unzuverlässige Partner, die meist arm und ungebildet waren.

Heimfahrten und Urlaubsreisen

In den Ferienzeiten machten sich italienische Arbeiter wie auch deutsche Touristen auf den Weg nach Italien. Deutsche und Italiener reisten dabei jedoch getrennt. Die deutsche Bundesbahn organisierte für den Heimreiseverkehr eigene „Gastarbeiter-Sonderzüge“, die sehr einfach ausgestattet und häufig überfüllt waren. Reiseunternehmen boten seit Mitte der 1950er Jahre Pauschalreisen mit dem Zug nach Italien an. Der Urlaubs-Express brachte Scharen von Deutschen, besonders aus dem Ruhrgebiet, im komfortablen Liegewagen in den Süden. Viele Familien machten sich mit dem ersten eigenen Auto auf den Weg über die Alpen. Die Anreise über die selbst geplante Reiseroute war für sie oft Teil des Abenteuers Auslands-Urlaub.

Ausstellungsbereich "Campingurlaub"

Urlaub in Italien

Zunehmender Wohlstand und gesetzlich geregelte Urlaubszeiten ermöglichten seit Mitte der 1950er Jahre immer mehr Deutschen eine längere Urlaubsreise. Italien wurde vor Österreich das beliebteste Reiseziel. Hier spürten die Deutschen keine ausgeprägten politischen Ressentiments, wie es in anderen westeuropäischen Ländern durchaus noch der Fall war. Viele Familien bevorzugten den Camping-Urlaub als preiswerte Alternative zum Hotel. Auf den Campingplätzen blieben die Deutschen meist unter sich. So lernten deutsche Urlauber vor allem Deutsche in Italien kennen und knüpften Freundschaften, die oft im folgenden Jahr am selben Ort vertieft wurden. Italiener lernten die Deutschen im Urlaub meist nur in ihrer Rolle als Gastwirt, Kellner oder Strandpersonal kennen.

Deutsches Fernweh - Italienisches Fernweh

Deutsches Fernweh
Von der Italienreise brachten viele Urlauber Erinnerungsstücke und Mitbringsel für die daheim Gebliebenen mit. Mit den Souvenirs holten sie sich den Urlaub ins heimische Wohnzimmer. Oft wurden sie als Prestigeobjekt gut sichtbar im Wohnzimmer aufgestellt. Zuhause legten die Urlauber oft Erinnerungsalben an. Die alltäglichen Überbleibsel der Reise wurden so zu Dokumenten, an die persönlichen Erinnerungen geknüpft waren. Die Alben dienten als persönliche Andenken und als Vorzeigeobjekt in geselliger Runde. Weit verbreitet war die Dokumentation der Urlaube mit Hilfe von Kleinbilddias. Mit dem Vorführen der akribisch zusammengestellten Diaserien inszenierten die Hobbyfotografen ihre Urlaubserinnerung immer wieder neu.

Erinnerungsalbum, 1958
Schlafsocken für kalte Nächte in Deutschland, Geschenk der Großmutter

Italienisches Heimweh

Die italienischen Arbeitskräfte brachten bei ihrer Ankunft im Ruhrgebiet Andenken aus ihrer Heimat mit, vor allem Fotografien von Familienangehörigen oder Bilder des Heimatortes. Aber auch Heiligenbilder begleiteten die Arbeiter bei ihrer Reise. Für die meisten Italiener waren die zurückgelassene Familie und der Glaube ein wichtiger Halt in der Fremde. Viele Italiener blieben länger als ursprünglich geplant in Deutschland. Mit den Jahren gewannen die Alltagsgegenstände an Bedeutung, die sie seit ihrer ersten Ausreise oder Ankunft im Ruhrgebiet besaßen. Oft erhielten sie den Status als Glücksbringer oder als Merkzeichen für den Entschluss, ein neues Leben in Deutschland zu wagen.

Was bleibt?

Deutsche Sichtweisen

Was bleibt fast 50 Jahre nach Abschluss des deutsch-italienischen Anwerbeabkommens und dem Beginn der Reisewelle nach Italien? Viele Italienbilder der 1950er Jahre sind heute noch in Deutschland präsent. Stereotype und Klischeevorstellungen funktionieren immer noch und werden von der Werbeindustrie effektvoll eingesetzt. Temperament, Romantik und Charme gelten hier als typisch italienisch. Das negative Bild der Italiener hat sich im Laufe der Jahre auf Klischeevorstellungen von anderen Ausländergruppen verschoben. Die Gründe für diese Entwicklung sind vielfältig: Die Anzahl der Italiener in Deutschland hat sich seit Ende der 1960er Jahre halbiert. Viele haben es zu einem zumindest bescheidenen Wohlstand gebracht. Neben den Wunsch- und Zerrbildern der Massenmedien hat sich zudem eine Ebene konkreter persönlicher Erfahrung entwickelt. Die Italiener werden heute als gleichwertige Partner in einem geeinten Europa geschätzt.
 
Italienische Sichtweisen

Das große wirtschaftliche Gefälle zwischen Italien und Deutschland hat sich zunehmend nivelliert. Die meisten der in den 1950er bis 1970er Jahren nach Deutschland eingewanderten Italiener sind mittlerweile in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Lebensentwürfe der im Ruhrgebiet Gebliebenen sind unterschiedlich. Während die einen sich vorwiegend im Kreise der italienischen Gemeinschaft bewegen und unter sich bleiben, pflegen andere vielfältige Begegnungen mit beiden Kulturen. Wieder andere haben sich weitestgehend von ihren italienischen Wurzeln getrennt und fühlen sich ganz als Deutsche. Gemeinsam ist den meisten in Deutschland Gebliebenen, dass sie sich hier weitgehend integriert und akzeptiert fühlen. Kinder und Enkelkinder dieser Einwanderer sind in Deutschland geboren und mit der deutschen Kultur aufgewachsen. Die Italienische Sprache, Kultur und Tradition erfahren sie durch ihre Eltern und die familiäre Bindung an die alte Heimat. Italiener und Deutsche dieser Folge-Generationen gehen oft unvoreingenommen miteinander um.

Lebensgeschichten

Gabriele Iachini

Gabriele Iachini wurde mit 21 Jahren zum Militär eingezogen und im Zweiten Weltkrieg in Albanien eingesetzt. Nach dem Kriegsaustritt Italiens geriet er 1943 in deutsche Gefangenschaft und wurde als Militär-Internierter nach Berlin deportiert. Nach der Befreiung durch die Rote Armee kehrte er 1945 nach Italien zurück. In seinem Heimatort in den Abruzzen arbeitete er bis 1963 in der Landwirtschaft. Die Aussicht auf hohe Verdienstmöglichkeiten zog ihn schließlich nach Deutschland. Hier arbeitete er zunächst bei der Deutschen Bundesbahn und wechselte später in einen Schmiedebetrieb nach Dahl bei Hagen in Westfalen. 1965 holte er seine Familie nach Deutschland und half seinen Frau und den drei fast erwachsenen Kindern bei der Arbeitssuche. Mit ihren Ersparnissen kaufte sich die Familie Iachini 1975 in ihrem italienischen Heimatort ein Stück Land errichtete darauf ein Haus. 1980 kehrte Gabriele Iachini mit seiner Frau nach Italien zurück. Dort widmet er sich seinen Olivenhainen, Obstbäumen und Weinstöcken. Die Zeit in Deutschland bewertet Iachini in der Rückschau insgesamt positiv. Er ging dort hin, um Geld für ein eigenes Haus und Land in Italien zu verdienen. Mit Deutschland verband er vor allem Disziplin und Ordnung, die ihn sehr beeindruckte. Als Fremder in Deutschland habe er den Unterschied zwischen Deutschen und Italienern akzeptiert und versucht, sich anzupassen. Sein Hauptinteresse galt einer guten Arbeitsstelle, die genügend Verdienstmöglichkeiten bot.

Salvatore Crapanzano

Salvatore Crapanzano kam 1962 aus Sizilien nach Herne in den Stadtteil Wanne-Eickel zum Bauunternehmen Heitkamp, wo er bis heute als Maurer arbeitet. Seinen ersten Arbeitstag beschreibt er als den schwierigsten Tag seines Lebens: Alles war fremd. Die Verständigung war für ihn eines der größten Probleme. Crapanzano erinnert sich an feindselige Haltungen der deutschen Kollegen gegenüber den Neuankömmlingen aus Italien, die sie als „Spaghettifresser“ beschimpften. Erst als die Italiener besser Deutsch sprechen konnten, habe sich ein besseres Verhältnis entwickelt. Das sei ein automatischer Prozess unter Arbeitskollegen. Heute gäbe es diese Probleme nicht mehr. Seit 1970 ist Salvatore Crapanzano mit der Deutschen Gisela Tursien aus Wanne-Eickel verheiratet. Sie haben drei Kinder und vier Enkelkinder. Crapanzano ist er hier geblieben, obwohl er nicht vorhatte, in Deutschland zu bleiben. Er hat nicht die deutsche Staatsangehörigkeit angenommen, denn er möchte „bis zum Lebensende Italiener bleiben.“ Über sein Leben in Deutschland sagt Crapanzano: „Was wir geschafft haben, in Deutschland, das können wenige sagen. Man hat dafür gekämpft und gearbeitet. Wenn man nicht immer am Ball bleibt, dann schießt man keine Tore. Am Anfang war es schwer, zum Glück haben sich die Zeiten geändert.“

Giuseppe und Tilde Comperatore

Giuseppe Comperatore aus Reggio in Kalabrien wurde 1964 angeworben, um in Herne im Stadtteil Wanne-Eickel als Dreher bei der Firma Wanit zu arbeiten. Nach einigen Monaten heiratete er die aus seinem Heimatort stammende Tilde Aloi, die ihm nach Deutschland folgte. In der ersten Zeit waren sie in einem Wohnlager in Wanne-Eickel untergebracht. Tilde Comperatore war als Näherin und Fabrikarbeiterin tätig. Anfangs, erzählt Frau Comperatore, sei ihr Heimweh so groß gewesen, dass sie am liebsten sofort nach Italien zurückgekehrt wäre. Eine eigene Wohnung und rege Kontakte zu anderen Italienern mit gemeinsamen Feiern und Unternehmungen erleichterten ihr das Leben in Deutschland. Nach der Geburt des vierten Kindes gab Tilde Comperatore ihre Stellung auf und widmete sich ganz der Familie. Heute blicken die Comperatores auf 38 Jahre in Deutschland zurück, in denen sie nach eigenen Angaben gute und schlechte Zeiten erlebt haben. Nach Italien wollen sie nicht mehr zurück, da sie mit ihrem Leben, das sie sich hier aufgebaut haben, zufrieden sind und sie in der Nähe ihrer Kinder bleiben wollen. Zu Hause sprechen die Comparatores ausschließlich Italienisch miteinander. Dass ihre Kinder auf deutsch antworten, stört sie nicht. Nur bedauern sie, dass ihre Enkel sie nicht mehr verstehen können.

Rito Malviani

Rito Malviani, Sohn eines sizilianischen Bauern, beschloss 1962 nach Deutschland zu gehen, um der Arbeit in der Landwirtschaft zu entfliehen. Mit zwei von seiner Mutter gepackten Koffern und einem Kanister Olivenöl reiste er zur Anwerbekommission nach Neapel. Da in Deutschland zu diesem Zeitpunkt keine Industriearbeiter benötigt wurden, musste er eine Stelle auf einem Bauernhof in Dannenberg an der Elbe annehmen. 1963 gelang es Malviani, sein Ziel zu verwirklichen und wie sein Cousin als Industriearbeiter beim Opelwerk in Bochum eingestellt zu werden. 1968 qualifizierte er sich zum Facharbeiter weiter. Bis zum Antritt der Rente am 31. Dezember 2000 blieb er beim Bochumer Opelwerk tätig. Die Gründung einer eigenen Familie in Deutschland war für Rito Malviani ausschlaggebend für den Entschluss, dort zu bleiben und nicht - wie viele seiner Landsleute - nach Italien zurück zu kehren. 1970 heiratete er eine Deutsche und zog in deren Heimatort Oer-Erkenschwick.1975 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, engagierte sich in Kindergarten und Kirchengemeinde und trat 1979 in die örtliche Schützengilde Rapen ein, in der er der einzige „Ausländer“ ist. Bis heute pflegt Rito Malviani enge Kontakte nach Italien. Einfach seien die Jahre in Deutschland nicht gewesen, sagt Malviani: „Ich bin heute immer noch, trotz der deutschen Staatsangehörigkeit, Ausländer.“

Rito Malviani mit der Uniform der Schützengilde Rapen
Eheleute Barba vor der Rückkehr in die Heimat. Dortmund, Mai 2003

Francesco und Rosa Barba

Francesco Barba kam 1967 zum ersten Mal als Arbeiter nach Deutschland. Er war zunächst drei Monate lang in einer Fabrik in München tätig und ging dann für die Wintermonate nach Italien zurück. Im Sommer 1967 ging Barba wieder nach Deutschland und zog zu seiner Schwester nach Wuppertal. Dort arbeitete er zunächst für ein halbes Jahr in der Metallindustrie und wechselte anschließend in die Textilindustrie, wo er für 17 Monate als Textilarbeiter tätig war. Im August 1969 fand Francesco Barba schließlich eine Anstellung im neuen Bochumer Opelwerk. Drei Jahre später heiratete er während eines Heimataufenthalts in Italien Rosa Graceffa aus Aragona. Sie folgte ihrem Mann nach Deutschland. 1978 bezogen die Barbas mit ihren beiden Söhnen eine Mietwohnung in der Nähe des Opelwerks. Im September 2002 ging Franceso Barba in den Ruhestand, und wenige Monate später kehrten die Eheleute Barba endgültig nach Italien zurück. Hier leben sie im Elternhaus von Rosa Barba. Die Barbas freuten sich vor ihrer Rückkehr sehr auf den Ruhestand in der italienischen Heimat mit ihren Verwandten und Freunden. Zurück in Deutschland bleiben die beiden erwachsenen Söhne der Barbas. Sie sollen, so die Eltern, „ihr Leben nach dem Beruf richten“.

Franco Berretta

Franco Berretta wuchs als Sohn eines Landwirts auf Sizilien auf. Nach seinem Abitur im Zweig Agrarwissenschaften war es für ihn aus finanziellen Gründen nicht möglich, zu studieren. Er wurde arbeitslos. Während seiner Militärzeit Anfang der 1960er Jahre sparte er, um nach Deutschland gehen zu können. 1962 kam Berretta er als Arbeiter zu Mercedes-Benz nach Sindelfingen. Nach kurzer Zeit wurde er als einer der ersten Ausländer in den Betriebsrat gewählt. Auf Anregung der christlichen italienischen Arbeitnehmerorganisation A.C.L.I. ließ er sich in Rom zum Sozialberater für Italiener im Ausland fortbilden. Zunächst arbeitete er in Köln als Berater, ging dann 1964 nach Bochum und leitete die dortige Beratungsstelle. Seine italienische Frau, die in der Sozialberatung Ulm tätig war, folgte ihm 1965 nach Bochum und nahm dort eine Stelle als Übersetzerin in der Steinfabrik Dr. C. Otto an. Franco Berrettas Engagement beschränkte sich nicht nur darauf, italienischen Arbeitern bei Fragen zum Sozial- und Arbeitsrecht zu helfen oder für die Verbesserung der Verhältnisse in Wohnheimen zu kämpfen. Er organisierte auch Kulturveranstaltungen und Freizeitaktivitäten. Seit Oktober 2003 ist Berretta Rentner. Seine Stelle als Sozialberater ist nicht wieder besetzt worden. Damit die Italiener in Bochum und Umgebung trotzdem einen Ansprechpartner haben, führt er die Beratungsstelle nun ehrenamtlich weiter. Für Franco Berretta ist das Ruhrgebiet inzwischen zu einer zweiten Heimat geworden.

Luigi Mosciano

Luigi Mosciano stammt aus Chieti in den Abruzzen. Schon früh begeisterte er sich für den Journalismus. So gründete 1955 eine eigene Schülerzeitung. Bereits mit knapp 20 Jahren wurde er Korrespondent der italienischen Tageszeitung „Corriere della Sera“. Er machte sich vor allem als Kunstkritiker einen Namen und berichtete gleichzeitig in römischen Zeitungen über die Lokalpolitik in Chieti. Außerdem veröffentlichte er Gedichte und gewann Preise als bildender Künstler. Mit 24 Jahren suchte er neue Herausforderungen und beschloss 1959, nach Deutschland zu gehen. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, arbeitete er als Kellner, Industriearbeiter und später als Angestellter in einem Konstruktionsbüro. Auch in Deutschland war Mosciano journalistisch tätig. Als Korrespondent der Presseagentur „Orbis“ setzte er sich mit dem Italienerbild in Deutschland auseinander. In verschiedenen Publikationen und Beiträgen für das italienischsprachige Hörfunkprogramm „Radio Colonia“ des Westdeutsche Rundfunks beschäftigte er sich mit der deutschen Vergangenheit und der Situation der italienischen Auswanderer in Deutschland. Luigi Mosciano hat 40 Jahre lang das Leben der Italiener in Deutschland erlebt, dokumentiert und kommentiert. Seine Erfahrungen hat er als bildender Künstler und als Lyriker künstlerisch umgesetzt. Dabei ist er ein selbstbewusster Italiener geblieben: „Ich habe mich weder gehen noch assimilieren lassen“, sagt Mosciano über seine Zeit in Deutschland.

Resonanz

Die Ausstellung „Neapel – Bochum – Rimini“ konzentrierte sich räumlich auf das Ballungszentrum Ruhrgebiet und setzte bewusst auf den Dialog mit der lokalen community im nahen Umfeld des Museums. Die Erfahrungen aus dieser Eingrenzung waren durchweg positiv. So gelang es nicht zuletzt Dank der Vermittlung von Multiplikatoren vor Ort und besonders unterstützt durch den lebensgeschichtlichen Ansatz der Ausstellung, die deutsche wie auch die italienische community im regionalen Umfeld zu erreichen.
Vor allem die ehemaligen Italienischen Arbeiter fühlten sich durch das ernsthafte Interesse der Museums nach und nach Ernst und für wichtig genommen, und vertrauten dem Museum für die Laufzeit der Ausstellung ihre sorgsam bewahrten Erinnerungsstücke an. Hier erwies sich auch der ungewöhnliche Ausstellungsort, die denkmalgeschützten Räume der ehemaligen Zeche Hannover, als vorteilhaft: Als Industriedenkmal und Museum zugleich kombinierte der Raum die vertraute Umgebung der montanindustriellen Produktionsstätte mit der hoch geschätzten Bedeutung der Institution Museum und sorgte somit für einen niederschwelligen Zugang und eine kulturelle Wertschätzung zugleich.
Durch die Aktivierung und Beteiligung der italienischen Einwanderer vor Ort konnte das Museum neue Besucherkreise erschließen. Einige direkt und indirekt an der Ausstellung beteiligte Italiener, die vorher kaum Zugang zu Museen gesucht haben, sind zu Stammgästen geworden.
Die Ausstellung hat gezeigt, dass die Kombination der deutschen und der italienischen Perspektive auf die Geschichte einen Synergieeffekt erzielt hat. Ein großer Teil der Gäste besuchte die Ausstellung vorwiegend aus Interesse an der Geschichte der italienischen Migranten oder der deutschen Urlauber. In der Ausstellung zeigten sie sich jedoch meist sehr interessiert an der jeweils anderen Seite der Geschichte: „Das habe ich nicht gewusst“ oder „Das hätte ich nicht gedacht“ waren die Reaktionen in den Besucherbüchern. Der Dialog zwischen den Nationen und auch zwischen den Generationen setzte sich vermutlich nicht zuletzt auch aufgrund dieses Überraschungsmoments während der Ausstellungsrundgang zwischen den Ausstellungsbesuchern ein.
Wegen des großen Erfolgs konnte die Ausstellung mit Unterstützung des Goethe-Instituts und der Handwerkskammern in Westfalen 2004-2006 als Wanderausstellung in fünf italienische Städten gezeigt werden.

Literatur

Ausstellungskatalog:
Anke Asfur / Dietmar Osses (Hrsg.): Neapel - Bochum - Rimini. Arbeiten in Deutschland. Urlaub in Italien. Katalog zur Ausstellung des Westfälischen Industriemuseums Zeche Hannover. Essen 2003.

Informationen und Kontakt

AnsprechpartnerIn:
Dietmar Osses
Museumsleiter und Kurator
dietmar.osses@lwl.org

Anke Asfur
Kuratorin
asfur@zeitkontext.de

Museumshomepage