TextilWerk Bocholt

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

Menu

25.3. - 7.10.2018

Maschen – Mode – Macher

Deutsche Strumpfdynastien

Zwischen verführerischem Nylon und bequemer Tennissocke liegen Welten, und doch haben beide vieles gemeinsam.Mit mehr als 800 Exponaten lädt die Schau in der Spinnerei zu einer Entdeckungsreise in die Welt der Strümpfe und ihrer Produktion ein und zeigt 150 Jahre deutsche Strumpfgeschichte.

Anfassen erwünscht!

Maßgeblich geprägt wurde die Branche von Familienunternehmen wie Bahner, Kunert und Falke, von denen einige bis heute den Markt prägen. Die im Kern vom Staatlichen Textil- und Industriemuseum Augsburg (tim) entwickelte Schau präsentiert sich in Bocholt mit einer westfälischen Erweiterung: Vorgestellt wird erstmals das Horstmarer Unternehmen „Schulte & Dieckhoff“,  das Anfang der 1960er Jahre mit der Marke „nur die“ und einem revolutionären Verkaufskonzept zum weltweit größten Anbieter von Feinstrümpfen wurde. Der Inhaber, Fritz-Karl Schulte, galt als der König der Branche (s.u.).

Es gibt nicht nur zur viel zu sehen, sondern auch etwas zum Anfassen: So können Besucher an einem Fühltisch unterschiedliche Strumpffasern ertasten.

Mode

Als Kleidungsstück aus der zweiten Reihe orientierte sich der Strumpf stets an den vorherrschenden Trends. Während der Reifrock des 19. Jahrhunderts das weibliche Bein komplett verdeckte, wurde der Strumpf mit ausgefallen Mustern und Farben in den 1920er Jahren zum „Beindekolleté“. Blickfang war die bis in die 1950er Jahre hinein übliche Wadennaht, die erst mit der Erfindung der Rundstrickmaschine verschwand. Der Minirock sorgte schließlich in den 1960er Jahren für eine Weiterentwicklung des Strumpfes, der bisher an Haltern und Hüftgurten befestigt wurde: Die Strumpfhose wurde erfunden.

In dieser Zeit fand der Strumpf auch den Weg vom Fachgeschäft in den Massenverkauf an den Supermarktkassen. Strumpfautomaten, die Ersatz bei Laufmaschen-Problemen anboten, wurden an zentralen Orten aufgehängt.

Die sinnliche Ästhetik der Strumpfwerbung, die mit erotischen Reizen und moralischen Tabubrüchen spielte, entwarf Bilder von Frauen, die solchen Idealisierungen in der Realität nur selten entsprachen. Ob mit erotischen, mondänen, sportlichen oder witzigen Werbekampagnen – auf unterschiedliche Weise gelang es den Unternehmen, mit ihren Werbekampagnen positiv im Gedächtnis der Kuninnen zu bleiben. Die Ausstellung vermittelt dem Besucher diesen Werdegang des Marketings, der Strumpf und Socke eine Bühne bietet.

Werbung von Kunert für „Chinchillan-Strümpfe“, Ende der 1960er Jahre.
Auf Schablonen hielten die Strümpfe ihre endgültige Form.

Die Produktion

Die Strumpfbranche war vorwiegend der Arbeitsplatz für Frauen, die bis zu 70 Prozent der Belegschaften ausmachten. Viele Beschäftigungen galten als Anlernberufe, auch wenn sie hohes Geschick erforderten. Um die Spitze des fertig gestrickten Strumpfes zu schließen, musste beispielsweise beim Ketteln, Masche für Masche einzeln von Hand miteinander verbunden werden.

Nach dem Krieg stiegen die Beschäftigungszahlen in der westdeutschen Strumpfindustrie von etwa 10.000 auf circa 37.000 Anfang der 1970er Jahre. Mit den Unternehmen waren auch viele qualifizierte Arbeitskräfte aus Sachsen und Böhmen nach Westdeutschland gekommen. Ergänzt wurden die Belegschaften später durch die sogenannten „Gastarbeiter“ besonders aus Italien, Südosteuropa und der Türkei.

 

Maschinen

An Maschinen von damals und heute erleben die Besucher die faszinierende Technik, die hinter der Produktion der feinen Maschen steckt. Einige werden in Betrieb gezeigt.

Die Unternehmen

Es ist heute kaum noch bekannt, dass das sächsische Chemnitz um 1900 nicht nur das Zentrum der deutschen, sondern der weltweiten Strumpfindustrie war. Das Unternehmen „Moritz Samuel Esche“ gehörte zu den erfolgreichsten Industrieunternehmen der Stadt, das mit seinem Export schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts global agierte.

Herbert Eugen Esche (1874-1962) ging neue Wege der gesellschaftlichen Repräsentation und ließ sich und seine Familie von dem berühmten norwegischen Maler Edvard Munch porträtieren. Eine Reproduktion des Munchschen Porträts steht im Zentrum der Ausstellungseinheit.

Deutsche Strumpfdynastie aus Chemmitz: die Familie Esche
Kittel einer Arbeiterin der Firma „Elbeo“.

Ebenfalls aus Sachsen (Oberlungwitz) stammten die Bahners, die das später „Elbeo“ genannte Unternehmen Ende des 19. Jahrhunderts gründeten. Ein wichtiger Faktor, der die Unternehmensgeschichte prägte, war das Streben nach höchster Produktqualität sowie der exklusive Umgang mit dem Fachhandel. Sie waren es, die den ersten Perlonstrumpf vor 80 Jahren produzierten.

Außerdem verfolgten die Bahners schon früh die Markenbildung und setzten Akzente in der sozialen Verantwortung für ihre Mitarbeiter. Nach dem Zweiten Weltkrieg richtete sich die mitgliederreiche Familie Bahner in Westdeutschland neu aus und wirkte am Wirtschaftswunder mit. Die britische Wochenzeitschrift „Economist“ adelte „Elbeo“ zum Rolls-Royce der Strumpfindustrie.

Die Zwischenkriegszeit wurde für das Familienunternehmen Kunert in Böhmen zum Erfolg. Bereits 1938 stieg die Firma zum größten Strumpfhersteller Europas auf. Als Alternative zur Naturseide setzte das Unternehmen konsequent auf Kunstseide. Das Sortiment umfasste nur wenige, dafür aber sehr ausgereifte Artikel. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog es die Kunerts ins Allgäu. Nach einigen Startschwierigkeiten übernahm die Firma 1978 den großen Konkurrenten Hudson und wurde damit abermals zur Nummer 1 in Europa. Von Anfang an legten die Kunerts Wert auf hochwertige Garne und entwickelten ihre eigene Faser: Chinchillan.

Während Kunert und Elbeo nur noch als Marken existieren, ist Falke bis heute als familiengeführtes Strumpfunternehmen erfolgreich. Ab 1957 fertigte Falke für das international bekannte Modeunternehmen Christian Dior Damenfeinstrümpfe. Als Designer für Herren-Oberbekleidung machte sich der anfangs noch unbekannte Giorgio Armani bei Falke erstmals einen Namen. Bis heute begreifen sich die Falkes nicht nur als Strumpfhersteller, sondern in erster Linie als Mode-Unternehmen. Ihren Anspruch an die eigene Marke spiegelt die Zusammenarbeit mit international renommierten Modefotografen wie F.C. Gundlach oder Helmut Newton wieder. Die daraus entstandenen ästhetisch hochwertigen Werbekampagnen stehen im Mittelpunkt der Ausstellungseinheit zur Firma Falke.

Der "Strumpfkönig"

Die Presse nannte ihn den Strumpfkönig. In der dritten Generation baute Fritz-Karl Schulte um 1960 das Unternehmen „Schulte & Dieckhoff“ zum Weltmarktführer aus. Mit billig produzierten Massenartikeln zu niedrigen Preisen brach der Macher aus dem Münsterland in Märkte ein, auf denen es keine beherrschenden Großunternehmen gab. Täglich wurden 750.000 Paar Feinstrümpfe und zusätzlich über 80.000 Feinstrumpfhosen in den Werken in Horstmar, Coesfeld, Rheine, Stadtlohn, Stadtallendorf, Feinfeld, Herne und Dortmund produziert.

Doch wer so hoch fliegt, kann auch tief stürzen... Auch diese Geschichte erzählt die Ausstellung.

Mit der Marke "nur die" wurde Fritz-Karl Schulte bekannt.

Begleitprogramm

An zwei Sonntagen im Monat finden um 15 Uhr öffentliche Führungen durch die Sonderausstellung statt. Die Teilnahme ist jeweils kostenlos. Besucher zahlen nur den normalen Eintritt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Alle Termine unter www.lwl-industriemuseum.de

Gruppen können Führungen an frei zu vereinbarenden Terminen buchen. Außerdem im Programm:

Do, 12.4.2018 | 19 Uhr
Offene Kuratorenführung durch die Sonderausstellung, mit einem Glas Sekt, Kosten: 6 Euro

Fr, 20.4.2018 | 19 Uhr
Von Strumpfmördern und Femmes Fatales. Vortrag von Filmhistoriker Peter Ellenbruch mit Filmausschnitten und einem Krimi in voller Länge, Kosten: 6 Euro

Do, 17.5.2018 | 19 Uhr
Offene Kuratorenführung durch die Sonderausstellung, mit einem Glas Sekt, Kosten: 6 Euro

Do, 14.6.2018 | 19 Uhr
Offene Kuratorenführung durch die Sonderausstellung, mit einem Glas Sekt, Kosten: 6 Euro

Do, 21.6. 2018 | 19 Uhr
Die Sammlung „Johannes Weber“ – Fotografien zwischen Strumpffabrik und Schützenfest, Vortrag von Stephan Sagurna, LWL-Medienzetnrum, mit spannenden Einblicken in das fotografische Erbe der Region, Kosten: Nur Eintritt

Do, 12.7.2018 | 8-18 Uhr
Bein & Bike – Damenstrümpfe und Herrensocken. Eine textilgeschichtliche Radtour rund um die Maschenindustrie im Münsterland. Die Tour führt von Nottuln nach Laer und Horstmar. Treffpunkt um 8 Uhr am Parkplatz der Weberei, Kosten: 10 Euro, Anmeldung erforderlich

Fr, 21.9.2018 | 19 Uhr
Von Strumpfmördern und Femmes Fatales. Vortrag von Filmhistoriker Peter Ellenbruch mit Filmausschnitten und einem Krimi in voller Länge, Kosten: 6 Euro

Begleitpublikation

Zur Ausstellung „Maschen – Mode – Macher“ hat das Staatliche Textil- und Industriemuseum (tim), Augsburg ein Begleitheft herausgegeben: Deutsche Strumpfdynastien. Maschen – Mode – Macher, Hg. Staatliche Textil- und Industriemuseum, Karl Borromäus Murr und Michaela Breil, 66 S., Augsburg 2014, Preis: 5 Euro.

Eröffnung

Bei der Eröffnung der Ausstellung am Sonntag (25.3.) um 11 Uhr begrüßt Gertrud Welper, stellvertretende Vorsitzende der LWL-Landschaftsversammlung, die Gäste. Daneben spricht Hanni Kammler, stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Bocholt, ein Grußwort. Martin Schmidt vom Textilwerk moderiert die Talkrunde mit Dr. Karl Borromäus Murr, Direktor des Staatlichen Textil- und Industriemuseums Augsburg, Dirk Zache, Direktor des LWL-Industriemuseums, Jörg Bahner, ehemaliger CEO der Strumpfmarke „Bi“, und Karin Kelly, Gründerin der Modelagentur Kelly Faces. Mit „Texten und Musik zum Bein“ wird der Vormittag von Ralf Melzow und Jan Klinkenberg begleitet. Gäste sind herzlich willkommen.