TextilWerk Bocholt

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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Blick in den Ausstellungsbereich zur Insel Mallorca

2.7. - 31.12.2017

Reif für die Insel

Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca


Urlaub ist die kleine Flucht aus dem Alltag. Und nirgendwo kann man die arbeitsfreien Wochen schöner verbringen als auf einer Insel – die wärmende Sonne, das rauschende Meer, kreischende Möwen und Sand zwischen den Zehen, so fühlen wir uns wohl.

In der Spinnerei des TextilWerks Bocholt werden drei beliebte Ferienparadise vorgestellt: Sylt, Hiddensee und Mallorca. Jede dieser Inseln verkörpert ein bestimmtes Klischee: Die Insel der Schönen und Reichen in der Nordsee, die Insel der Einzelgänger und Naturliebhaber in der Ostsee, die Insel der Massen und der Stars im Mittelmeer. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger.

Mit 500 Exponaten - Plakaten, Postkarten, Souvenirs, Bademode, Gemälden und Fotografien - zeigt die Ausstellung, wie sich der Tourismus an den verschiedenen Orten entwickelt hat. Das Spektrum der Exponate reicht vom 100 Jahre alten, mit Rüschen besetzten Badeanzug für Damen bis zur Jukebox mit Strandhits, vom Westerland-Bass eines Mitglieds der Rockband "Die Ärzte" bis zum Original-Inventar eines kompletten Gästezimmers aus Hiddensee, von Bällen aus den Sylter Golfclubs bis zum Sangria-Eimer vom Ballermann. Video-Interviews mit Insulanern, die ganz persönliche Geschichten erzählen, bereichern die Präsentation.

Die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten der Inseln offenbaren, wie die Deutschen ihren Urlaub verbringen – vom Kaiserreich bis heute, in Ost und West, im Inland und im Ausland. Tatsächlich steckt in der Geschichte des Tourismus mehr als Sonne, Sand und Meer. Urlaub ist die Kehrseite der Arbeitswelt und ein Spiegel der Gesellschaft. Veränderungen machen sich auf beiden Seiten bemerkbar.

Drei Leitfragen haben die Konzeption der im LWL-Industriemuseum Schiffshebewerk Henrichenburg entwickelten Ausstellung bestimmt: Wie wurden die Inseln entdeckt? Wer fuhr und fährt aus welchen Gründen dorthin? Welche Folgen hat der Tourismus für die Zielorte? Im TextilWerk Bocholt wurde die Frage nach den modischen Veränderungen auf den Inseln vertieft.

Sylt

Westerland darf sich seit 1855 „Seebad“ nennen – zu diesem Zeitpunkt stand Sylt noch unter dänischer Hoheit. Bald entstanden die ersten Hotels, gefolgt von Kurhaus, Promenade und Lesehalle. Am Strand gab es ein Herren- und ein Damenbad. Ab 1902 durften sich dann im Familienbad – dem ersten in Preußen – die Geschlechter mischen.

Sylt stieg zur „Königin der Nordsee“ auf, mit Modeschauen, Hunderennen und Tanzabenden. Seit 1927 verbindet der als technische Meisterleistung gefeierte „Hindenburgdamm“ Sylt mit dem Festland. Nach dem Krieg entwickelte sich die Insel zum Treffpunkt der Eliten aus Wirtschaft und Medien: Gunter Sachs, Axel Springer und Berthold Beitz sind Stammgäste – was die Auswahl der Reisekleidung der Inselbesucher beeinflusste.

Bademode aus den 1950er Jahren im Bereich zur Insel Sylt

Auch wer noch nicht da war, kennt die Insel-Silhouette: der Autoaufkleber ist der meist verkaufte in Deutschland. Das VIP-Image ist bis heute geblieben, auch wenn der Reiz der Insel ihre grandiose, von den Naturgewalten bedrohte Strand- und Dünenlandschaft ist.

Ausstellungsbereich zu Hiddensee mit dem originalen Gästezimmer für "Schwarzschläfer"

Hiddensee

Auf Hiddensee geht es ungezwungener zu – der fahrbare Untersatz taugt auf der autofreien Insel nicht als Statussymbol. In der Weimarer Republik war die Insel der „Balkon von Berlin“. Gerhart Hauptmann und Asta Nielsen besaßen hier Sommerhäuser; Thomas Mann, Albert Einstein, Joachim Ringelnatz und Heinrich George suchten Erholung.

In der DDR galt Hiddensee als begehrtes Reiseziel. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund kontrollierte die Zuteilung fast aller Betten auf der Insel. Zwar durften die Hiddenseer einige Zimmer direkt an Privatgäste vermieten. Sie vergaben aber auch jeden Winkel in Scheune, Stall und Stiege an „Schwarzschläfer“. In der Ausstellung ist das Original-Inventar eines Gästezimmers auf Hiddensee aus den 1920er Jahren zu sehen.

Mallorca

Ab 1900 etablierte sich Mallorca mit der Kathedrale von Palma als Kulturreiseziel, während sich erst später auch der Strandurlaub entwickelte. In den 1930er Jahren bildete sich eine Kolonie von Deutschen, die auch Zuflucht vor Hitler suchten.

Spätestens als der Düsenjet Ende der 1960er Jahre das Propellerflugzeug ablöste, setzte sich Mallorca als erschwinglicher Urlaubsort mit Sonnengarantie bei den Deutschen durch. Heute stellen sie vierzig Prozent der 9,7 Millionen Touristen dar.

Hatten die ersten Pauschaltouristen noch mit Hut und Krawatte im Flieger gesessen, fahren nun die „Ballermänner“ mit einheitlichen Motto-T-Shirts los, um ordentlich die Sau rauszulassen. Für das Ausstellungsprojekt hat das LWL-Industriemuseum die Ruhrgebietsfotografin Brigitte Kraemer zur Partymeile von S'Arenal geschickt. 

Überfüllte Strände mit maroden Bettenburgen verschlechterten in den 1990er Jahren den Ruf der Insel. Diesen Trend hat Mallorca gestoppt, indem es neben dem Strand auch die Berge, den Sport und die Kultur hervorhebt.

An Medienstationen erzählen Experten von ihren Inseln

Künstler

Folgende Künstler sind mit Originalen in der Ausstellung vertreten:

Willi Berger, Elisabeth Büchsel, Joan Fuster Bonnin, Günter Grass, Jaume Gual Carbonell, Ivo Hauptmann, Käthe Loewenthal, Roberto Ramaugé Fernández, Manuel Ramirez Sánchez, Torsten Schlüter, Gaspar Terrassa Mas, Barbara und Günter Weinhold, Frank Zander.


Begleitpublikation

Zur Ausstellung „Reif für die Insel“ ist im Klartext Verlag ein umfangreiches, reich bebildertes Begleitbuch mit Aufsätzen von 25 Autoren erschienen: Reif für die Insel – Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca, Hg. LWL-Industriemuseum, Arnulf Siebeneicker und Mathias Wagener, 455 S., Essen 2016, ISBN 978-3-8375-1668-5, Preis: 19,95 Euro.


Rahmenprogramm

An zwei Sonntagen im Monat findet um 15 Uhr eine öffentliche Führung durch die Sonderausstellung statt. Die Teilnahme ist jeweils kostenlos, Besucher zahlen nur den normalen Museumseintritt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.
Gruppen können Führungen an frei zu vereinbarenden Terminen buchen.

Do, 13.07.2017 | 19 Uhr
„Fantasie! Herr Staatsanwalt!“. Badeanzug & Bikini im Wandel von Mode und Moral. Vortrag von Martin Schmidt.

So, 10.09.2017 | 15 Uhr
Mascha meets Ringelnatz. Literarisch-musikalische Performance zu Texten von Mascha Kaléko und Joachim Ringelnatz mit der Schauspielerin Tanja Hellwig und dem Gitarristen Michael Grünwald.

Do, 19.10.2017 | 19 Uhr
Mallorca und die Popmusik. Vortrag von Dr. Ingo Grabowsky mit musikalischer Begleitung durch Carlo Robok.

Do, 23.11.2017 | 19 Uhr
Mallorca und die Deutschen. Zur Geschichte des Tourismus. Vortrag von Dr. Arnulf Siebeneicker.


Kosten für die Veranstaltungen: Jeweils nur Museumseintritt.