Schiffshebewerk Henrichenburg

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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25.5.2016 - 19.3.2017

Reif für die Insel

Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca

Urlaub ist die kleine Flucht aus dem Alltag. Und nirgendwo kann man die arbeitsfreien Wochen schöner verbringen als auf einer Insel – die wärmende Sonne, das rauschende Meer, kreischende Möwen und Sand zwischen den Zehen, so fühlen wir uns wohl.

 

Sylt, Hiddensee und Mallorca sind Ferienparadiese. Jede dieser Inseln verkörpert ein bestimmtes Klischee: Die Insel der Schönen und Reichen in der Nordsee, die Insel der Einzelgänger und Naturliebhaber in der Ostsee, die Insel der Massen und der Stars im Mittelmeer. Die Wirklichkeit ist vielschichtiger.


Mit 500 Exponaten - Plakaten, Postkarten, Souvenirs, Bademode, Gemälden und Fotografien - zeigt die Ausstellung, wie sich der Tourismus an den verschiedenen Orten entwickelt hat. Das Spektrum der Exponate reicht vom 100 Jahre alten, mit Rüschen besetzten Badeanzug für Damen bis zur Jukebox mit Strandhits, vom Westerland-Bass eines Mitglieds der Rockband "Die Ärzte" bis zum Original-Inventar eines kompletten Gästezimmers aus Hiddensee, von Bällen aus den Sylter Golfclubs bis zum Sangria-Eimer vom Ballermann. Video-Interviews mit Insulanern, die ganz persönliche Geschichten erzählen, bereichern die Präsentation.

Drei Leitfragen haben die Konzeption bestimmt: Wie wurden die Inseln entdeckt? Wer fuhr und fährt aus welchen Gründen dorthin? Welche Folgen hat der Tourismus für die Zielorte? Rund um drei große Inselreliefs zeigt die Ausstellung Antworten auf diese Fragen. Die Unterschiede und die Gemeinsamkeiten dieser Inseln offenbaren, wie die Deutschen ihren Urlaub verbringen – vom Kaiserreich bis heute, in Ost und West, im Inland und im Ausland.

Tatsächlich steckt in der Geschichte des Tourismus mehr als Sonne, Sand und Meer. Urlaub ist die Kehrseite der Arbeitswelt und immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Veränderungen machen sich immer auf beiden Seiten bemerkbar.

Sylt

Westerland darf sich seit 1855 „Seebad“ nennen – zu diesem Zeitpunkt stand Sylt noch unter dänischer Hoheit. Bald entstanden die ersten Hotels, gefolgt von Kurhaus, Promenade und Lesehalle. Am Strand gab es ein Herren- und ein Damenbad. Ab 1902 durften sich dann im Familienbad – dem ersten in Preußen – die Geschlechter mischen.

Sylt stieg zur „Königin der Nordsee“ auf, mit Modeschauen, Hunderennen und Tanzabenden. Seit 1927 verbindet der als technische Meisterleistung gefeierte „Hindenburgdamm“ Sylt mit dem Festland. Nach dem Krieg entwickelte sich die Insel zum Treffpunkt der Eliten aus Wirtschaft und Medien.
Gunter Sachs, Axel Springer und Berthold Beitz gehörten zu den Stammgästen.

Sylt ist außerdem die Geburtsstätte des Surfens in Deutschland - die ersten Wellenreiter waren die Rettungsschwimmer von Westerland. Nicht umsonst trägt das Nordsee-Eiland den Titel "Marke des Jahrhunderts". Auch wer noch nicht da war, kennt die Insel-Silhouette: der Autoaufkleber ist der meist verkaufte in Deutschland. Das VIP-Image ist bis heute geblieben, auch wenn der eigentliche Reiz der Insel ihre grandiose, von den Naturgewalten stets bedrohte Strand- und Dünenlandschaft ist.

Sylt-Prospekt von 1937 des Landesfremdenverkehrsverbandes Nordmark
Dr. Arnulf Siebeneicker (r.) und Mathias Wagener in der Hiddensee-Abteilung

Hiddensee


Auf Hiddensee geht es ungezwungener zu – der fahrbare Untersatz taugt auf der autofreien Insel nicht als Statussymbol. In der Weimarer Republik war die Insel der „Balkon von Berlin“. Gerhart Hauptmann und Asta Nielsen besaßen hier Sommerhäuser; Thomas Mann, Albert Einstein, Joachim Ringelnatz und Heinrich George suchten Erholung.

In der DDR galt Hiddensee als das begehrteste Reiseziel des Landes. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund kontrollierte die Zuteilung fast aller freien Betten auf der Insel.

Zwar durften die Hiddenseer einige Zimmer direkt an Privatgäste vermieten. Sie vergaben aber auch jeden Winkel in Scheune, Stall und Stiege an „Schwarzschläfer“. Für die Ausstellung hat er das Original-Inventar eines Gästezimmers aus den 1920er Jahren nach Waltrop geholt, das bis heute ununterbrochen benutzt wird. Unter den Saisonkräften, die die Hotels und Restaurants am Laufen hielten, waren viele Aussteiger mit geknickten Biographien.

Einige Gäste versuchten, nach Dänemark zu fliehen – für sie war Hiddensee der Start zu einer ganz besonderen Reise.

Original-Inventar eines Gästezimmers aus den 1920er Jahren

Mallorca


Ab 1900 etablierte sich Mallorca mit der Kathedrale von Palma als Kulturreiseziel, während sich erst später auch der Strandurlaub entwickelte. In den 1930er Jahren bildete sich eine Kolonie von Deutschen, die auch Zuflucht vor Hitler suchten.

Spätestens als der Düsenjet Ende der 1960er Jahre das Propellerflugzeug ablöste, setzte sich Mallorca als erschwinglicher Urlaubsort mit Sonnengarantie bei den Deutschen durch. Heute stellen sie vierzig Prozent der 9,7 Millionen Touristen dar.

Bunte Modetrends auf Mallorca
Bayern am Ballermann. Foto: Kraemer


Hatten die ersten Pauschaltouristen noch mit Hut und Krawatte im Flieger gesessen, fahren nun die „Ballermänner“ mit einheitlichen Motto-T-Shirts los, um ordentlich die Sau rauszulassen. Für das Ausstellungsprojekt hat das LWL-Industriemuseum die Ruhrgebietsfotografin Brigitte Kraemer zur Partymeile von S'Arenal geschickt. Die Bilder, die sie dort am Strand und in den Kneipen gemacht hat, sehen Besucher zunächst im Obergeschoss des Hafengebäudes. Im Herbst zieht die Fotoausstellung dann in das Ausstellungsschiff "Ostara" im Oberwaser um.

Überfüllte Strände mit maroden Bettenburgen verschlechterten in den 1990er Jahren den Ruf der Insel. Diesen Trend hat Mallorca gestoppt, indem es neben dem Strand auch die Berge, den Sport und die Kultur hervorhebt.

Künstler

Folgende Künstler sind mit Originalen in der Ausstellung vertreten:

Eduard Bargheer, Willi Berger, Gottfried Brockmann, Elisabeth Büchsel, Hans Peter Feddersen, Joan Fuster Bonnin, Günter Grass, Jaume Gual Carbonell, Ivo Hauptmann, Erwin Hubert, Annette Hudemann, Stephanie Jaeckel, Brigitte Kraemer, Käthe Loewenthal, Joan Miró, Roberto Ramaugé Fernández, Manuel Ramirez Sánchez, Torsten Schlüter, Toni Schulz, Gaspar Terrassa Mas, Magnus Weidemann, Barbara und Günter Weinhold, Hinrich Wrage, Frank Zander.

Katalog und Begleitprogramm

Katalog
Zur Ausstellung ist im Klartext Verlag ein umfangreiches, reich bebildertes Begleitbuch mit Aufsätzen von 25 Autoren erschienen: Reif für die Insel - Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca, Hg. LWL-Industriemuseum, Arnulf Siebeneicker und Mathias Wagener, 455 Seiten, Essen 2016, ISBN 978-3-8375-1668-5, Preis: 19,95 Euro.

Außerdem gibt das LWL-Industriemuseum den Modellbaubogen "Leuchttürme auf Sylt, Hiddensee und Mallorcas" mit den Leuchttürmen List-Ost, Dornbusch und Cap de Formentor zum Preis von 3,90 Euro heraus.

Rahmenprogramm
An jedem zweiten Sonntag finden um 14.30 Uhr öffentliche Führungen für Einzelbesucher durch die Ausstellung statt.  Die Teilnahme ist jeweils kostenlos; Besucher zahlen nur den normalen Eintritt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Gruppen können Führungen an frei zu vereinbarenden Terminen buchen.

Auch Kleinkunstabende, Lesungen und Vorträge gehören zum Begleitprogramm.
Die nächsten Termine:

 

Di, 27.9. 19 Uhr
Hiddensee für Leseratten. Die Segler Ulrich Moeske, früher Direktor der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund, und Karl-Heinz Czierpka, der mit seinen „Geschichten von Bord“ ein großes Fanpublikum gewonnen hat, präsentieren eine Kombination von Reisebericht und Lesung zu der Insel in der Ostsee. Eintritt frei

Di, 11.10. 19 Uhr
Mallorca und die Deutschen. Vortrag von Dr. Arnulf Siebeneicker zur Geschichte des Tourismus auf der „schönsten Insel der Welt“ im Rahmen der Sonderausstellung „Reif für die Insel. Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca“. Eintritt frei

Di, 22.11. 19 Uhr
Bademode im Wandel: „Wenn die Phantasie doch mal baden ging, Herr Staatsanwalt“. Vortrag von Martin Schmidt im Rahmen der Sonderausstellung „Reif für die Insel“, Eintritt frei

Di, 6.12. 19 Uhr
Die Insel der Schönen und Reichen. Vortrag zur Geschichte des Fremdenverkehrs auf Sylt von Mathias Wagener im Rahmen der Sonderausstellung „Reif für die Insel. Tourismus auf Sylt, Hiddensee und Mallorca.“ Eintritt frei