Henrichshütte Hattingen

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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Blick in die Ausstellung TECHNOPHILIA

13.09.2016 - 26.02.2017

TECHNOPHILIA

Gerhard Hahn in der Henrichshütte Hattingen

Anlässlich der Eröffnung der historischen Gebläsehalle präsentiert das LWL-
Industriemuseum Objekte aus Keramik und Eisen des Ingenieurs und Künstlers Gerhard Hahn. Seine Arbeiten verknüpfen die in aller Regel getrennten Ebenen menschlichen Schaffens: Hier das anonym erzeugte Industrieprodukt, dort das authentische Kunstwerk.

Gerhard Hahn experimentiert seit 1996 mit Werkstoffen der Groß- und Schwerindustrie. Werkshallen wandeln sich zu Ateliers für seine Kunstwerke. Sie nehmen durch Hahns Ingenieurwissen und Kreativität Gestalt an, in die der Dialog mit den Industriearbeitern eingeht. In der Henrichshütte präsentiert der 60-Jährige einen Querschnitt seines Schaffens – damit ist „Technophilia“ zugleich eine Retrospektive. Hahns Arbeiten aus Keramik, Eisen, Siliziumcarbid, Folien, Wind und Licht verbergen nicht die Spuren ihrer Produktion. Skulpturen und Wandarbeiten geben Auskunft über ihre Entstehung, zitieren auch gestalterisch den industriellen Kontext. Zugleich gelingt es dem Künstler immer wieder, den anorganischen Werkstoffen gleichsam Leben einzuhauchen: Texturen, Risse, Faltungen, organische Formen und atmende Installationen führen über das Technisch-Handwerkliche hinaus zu Kontemplation, Assoziation und des Künstlers „Sicht der Dinge“. In diesem Sinne steckt in TECHNOPHILIA auch Philanthropisches.

Der Künstler

Gerhard Hahn wurde 1956 in Bendorf am Rhein geboren. Er studierte bis 1981 keramische Verfahrenstechnik und war bis 1984 als Ingenieur bei Rosenthal beschäftigt. Es folgte ein Studium für Gefäßkeramik, Keramikdesign und keramische Plastik in Kassel und Krefeld sowie ein Studium der Bildhauerei an der Kunstakademie Düsseldorf. Danach war Hahn künstlerischer Mitarbeiter an der Hochschule der Künste Berlin, arbeitete als Gastprofessor in Dessau, Stuttgart und Kiel. Seit 2002 ist er Professor an der Hochschule Niederrhein in Krefeld. Er erhielt für seine Industriekooperationen zahlreiche Förderungen. Hahn lebt in Berlin und Krefeld.

www.ge-hahn.de

Der Künstler Gerhard Hahn
Das neu eröffnete Gebläsehaus der Henrichshütte Hattingen.


Das Gebläsehaus

Ab 1906 versorgten elf Gasmotoren die Henrichshütte mit Hochofen-Wind und Strom. Imposante Maschinen, blitzende Armaturen, geflieste Böden... das Gebläsehaus war nicht nur Ort der Produktion, sondern auch ein "Tempel der Energie".

Achtzig Jahre Industrie haben diesen Tempel überformt und zu einem Ort der Arbeit gewandelt. Nach zurückhaltender Restaurierung, die fast verlorene Pracht erahnen lässt, ohne die Spuren der Arbeit zu tilgen, nimmt nun das Gebläsehaus eine neue Produktion auf: Als Denkmal, als Ort der Erinnerung, als Ort für Ausstellungen, nicht zuletzt als Ort für Kunst.

Film zur Ausstellung TECHNOPHILIA


Das studentische Projekt "Aus einem Guß" des Fachbereichs Design der Hochschule Niederrhein mit der Schaugießerei der Henrichshütte wurde von Prof. Gerhard Hahn betreut und ist Teil der Ausstellung.

13.9.2016 - 26.2.2017

Aus einem Guss

Die Hütte als Design-Atelier

Wer an modernes Design denkt, verbindet dies nicht unbedingt mit Gusseisen. Als Werkstoff der Hochindustrialisierung verbindet man mit Eisen eher alte Technik, Wuchtigkeit, Rost und vielleicht ornametales Formengut.

Lange dominierte das pragmatische und funktionalistische Design als Erbe des Bauhauses, gefolgt von der Postmoderne der 80er Jahre. In den letzten Jahren ist jedoch ein neues Bedürfnis nach Individualität und Materialhaftigkeit in den Dingen gewachsen. Gerade in unserer digital geprägten Zeit mit extremer Geschwindigkeit, Schnelllebigkeit und Entsinnlichung wächst das Bedürfnis, greifbare Dinge zu besitzen. Dinge, die Individualität und Emotionen vermitteln und vielleicht sogar die Geschichte ihrer Entstehung oder ihres Gebrauchs erzählen.

Genau hier hakten elf Designstudierende der Hochschule Niederrhein ein. Sie suchten nach Bezügen und Anwendungen, die zeitgemäßes Design mit sandgegossenem Aluminium und Eisen ermöglichen. Die Projektergebnisse zeigen die gefundenen Lösungen: Ein Nussknacker, der das Prinzip von Hammer und Amboss nutzt. Ein Türstopper arbeitet mit der Schwere des Materials. Eine Smartphone-Ladestation aus Metall verbindet überzeugend Analoges mit Digitalem, Archaisches mit Modernem. Möbelfüße thematisieren improvisiertes und kreatives neues Wohnen zwischen Möbeln mit Vergangenheit. Ein Schachspiel beweist Innovation in Figuren- und Brettgestaltung. Unterschiedliche Produktkonzepte verströmen atmosphärische Licht- und Dufteinwirkungen, die mit der sinnlichen Qualität der Metalloberflächen korrespondieren. Ganz ins Ästhetische weist ein Aluminium-Halsschmuck, der die Idee von schützender Halskrause und weicher Körperform mit Einflüssen aus dem afrikanischen Kulturbereich verbindet.

Halsschmuck neck – Elodie Coquillat, Stahl, Leder, Aluminium, 20x20 cm

Nach einer Phase des Recherchierens und einem Besuch in der Henrichshütte begann die Entwicklung der Produktkonzeptionen. Viele der angehenden Designer nutzten dabei digitale Entwurfstechniken, um ein 3D-gedrucktes Kunststoffmodell herzustellen.

Höhepunkt war die anschließende Arbeitsphase in der Schaugießerei des Museums zur Umsetzung der Ideen. Möglichkeiten der Abformung in Sandgussformen für den Eisen- oder Aluminiumguss wurden mit den Mitarbeitern erörtert und umgesetzt. Erfahrungen mit der Abformmechanik brachten die Teilnehmer aus dem Bereich der Porzellanherstellung mit. Von den engagierten Fachleuten der Schaugießerei Karl Nießen und Fritz Backhaus lernten sie die Besonderheiten im Zusammenspiel von Metall, Hitze und Sand. Der Plan war wichtig, aber zum Schluss erst lieferten die Gussergebnisse das hundertprozentige Feedback-Design also "at it's best".