Henrichshütte Hattingen

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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Gemälde von der Georgsmarienhütte als Acryl-Leinwand, 69x81 cm, 2001

Schmelzpunkte - Gemälde von Alexander Calvelli

17.06. - 23.10.2016

„Schmelzpunkte“ stehen für Transformationsprozesse: In Konverter und Elektroofen löst sich alter Schrott auf, bevor er erneut in Form gebracht einem neuen Nutzungszyklus zugeführt wird. Diese Prozesse prägen das Erscheinungsbild des Strukturwandels. Alexander Calvellis realistische Arbeiten aus Metallhütten und Stahlwerken laden zur kritischen Auseinandersetzung mit den Zeugnissen des Industriezeitalters ein.

Der Schmelzpunkt definiert nahezu jegliche Arbeit mit Metallen. Sie werden aus Erzen erschmolzen, umgeschmolzen, in Formen gegossen und geformt. Von der Arbeit mit rotglühenden oder gar feuerflüssigen Massen geht eine unbändige Faszination aus -
Sie findet sich in der kleinen Dorfschmiede ebenso wie im gigantischen Blasstahlwerk.

Alexander Calvelli, Jahrgang 1963, begleitet diesen Prozess seit Jahrzehnten. Grundlage seiner Arbeit sind umfangreiche Fotoserien, die mittlerweile selbst schon erheblichen dokumentarischen Charakter haben. Zwischen dieser dokumentarischen Vor-Arbeit und dem fertigen Werk entwickelt sich die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Motiv.

Der Betrachter sollte sich nicht täuschen lassen, denn Alexander Calvellis nahezu fotorealistischen Arbeiten bilden keineswegs „Realität“ ab, auch wenn sie auf dem ersten Blick den Anschein erwecken. Die Konzentration auf exakt umrissene Konturen konstruiert mit entsprechender Lichtakzentuierung selbst in den großen Stahlwerkshallen eine Tiefenschärfe, die das Auge in der Realität so nicht aufzunehmen vermag. Die Strukturen im Hintergrund behalten Kontur, verschwinden also nicht im Halbdunkel schwacher Beleuchtung oder der von Stäuben und Dämpfen gesättigten Atmosphäre schwerindustrieller Arbeit. Die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Motiv schließt so die bewusste Verfremdung ein.

Gemälde von der Georgsmarienhütte als Acryl-Leinwand, 59x76 cm, 2015

Optimale Lichtsetzung, veränderter Schattenwurf oder gezielte Veränderung von Perspektiven und Proportionen sowie die Wahl des Bildausschnitts verändern die Wahrnehmung des Betrachters, ohne die die Erkennbarkeit des Dargestellten zu stören. Technische Aggregate erscheinen so in einer faszinierenden Plastizität, ohne zur bloßen Illustration zu generieren. Ihre Funktionsweise oder die mit ihnen verbundenen Prozesse vermitteln sich dem Betrachter nicht unmittelbar.

Die Glut feuerflüssiger Massen, die das menschliche Auge blendet und die technischen Möglichkeiten des Kameraobjektivs überfordert, erscheint in Calvellis Hütten-Bildern gezähmt, ohne an Faszination zu verlieren. Im Wiederschein der Glut setzt der Maler konturierende Akzente. Im Vordergrund steht nicht der Wunsch, der unbändigen und zerstörerischen Urgewalt des Feuers malerisch Ausdruck zu verleihen, der nicht wenige Maler inspiriert hat, sich industriellen Themen zuzuwenden. So kommt Calvelli mit diesem Ansatz der Arbeitsrealität der Arbeiter, für die der Umgang mit glühenden Massen und Werkstücken letztlich Alltag war, sehr nahe.

Gemälde von der Henrichshütte als Acryl-Leinwand, 102x140 cm, 1995



Die Ausstellung im LWL-Industriemuseum Henrichshütte Hattingen präsentiert die ganze Bandbreite der Metallverarbeitung. Alexander Calvellis Gemälde spannen den Bogen von der Rohstoffgewinnung zur Schrottverwertung. Sie zeigen mittelständische Betriebe ebenso wie Großkonzerne, archaisch wirkende Kleinschmieden ebenso wie gigantische Schmiedepressen.

Die Darstellungen von längst verschwundenen Werken, aktiven Arbeitsstätten und im industriekulturellen Kontext neu entdeckten und interpretierten Anlagen vermitteln einen Eindruck von den Wandlungsprozessen, denen die Montanindustrie seit jeher ausgesetzt ist.


Die Henrichshütte als Ausstellungsort ist selbst ein Produkt dieses Wandels. Vielen der Motive Calvellis kann bei einem Rundgang über das Gelände der Eisenhütte nachgespürt werden, an manchen Stellen ist sogar der direkte Vergleich zwischen künstlerischer Bearbeitung und Original möglich. Dieser direkte Vergleich offenbart, wie der Künstler mit der Wahrnehmung des Betrachters spielt und so letztlich eine Schule des Sehens, des genauen Hinschauens, fördert.