13.5.2017 - 2.04.2018 ++ VERLÄNGERT ++

Ende der Schonzeit

Horst Dieter Zinn fotografiert Hattingen

Im historischen Gebläsehaus werden rund 50 Fotografien des Hamburger Fotografen Horst Dieter Zinn gezeigt. Die Arbeiten entstanden während zweier Projekte 1987 und 2017. Ihr Gegenstand ist ein Ort, der in 30 Jahren Strukturwandel ganz anders wurde: Hattingen.

Einblick in die Ausstellung
Horst Dieter Zinn in der Ausstellung

Der gebürtige Bochumer war 1987 ins Ruhrgebiet zurückgekehrt, um während des Hattinger „Hüttenkampfes“ eine Fotoreportage zu erstellen, die unter dem Titel „Eine Heimat geht bankrott“ in der Zeitschrift „Geo“ erschien. Sein hanseatischer Blick auf das Revier zeigte augenzwinkernd das Klischee der Region. Dieser Blick erscheint aus heutiger Sicht wie aus der Zeit gefallen und zeigt viel Empathie für die Leidtragenden des montanindustriellen Niedergangs.

30 Jahre später war Zinn erneut unterwegs in Hattingen mit einem anderen Blick auf die Stadt und ihre Menschen. Alles ist schneller, urban statt montan. Für Zinn hat das Fotoprojekt zur Klärung seines Heimat-Begriffes beigetragen. Heimat ist für ihn mehr als ein Ort der Erinnerung. Er empfindet sie in der Gemeinschaft der Menschen, bei denen er zu Hause ist. Entsprechend führt sein Blick vom Montanen zum Urbanen, im Fokus immer die Menschen.

Das Revier und sein Bild


1987

1958 veröffentlichten die Kölner Carl-Heinz Hargesheimer (gen. Chargesheimer) und Heinrich Böll den Band „Im Ruhrgebiet“ und ernteten dafür wütende Proteste. Die Skandalisierung des Buches hat eher dazu beigetragen, dass das dort vermittelte Bild sich zum Klischee vom Pott verdichtete. Dann begann der montanindustrielle Niedergang. Zinns Arbeiten von 1987 standen für Hattingen am Endpunkt dieser Entwicklung und bedienten ein letztes Mal jene „Chargesheimer“-Tradition. Typen und Typisches in ihrer regionalen Prägung werden gefeiert und der Blick mit Empathie auf das Biotop Revier und seine immer seltener anzutreffenden Bewohner vom Typ Malocher gelenkt.

Schichtanfang im Nebel, Foto: Horst Dieter Zinn
Ende der Schonzeit, Foto: Horst Dieter Zinn


2017

Die Arbeiten des Jahres 2017 sind eher von kühler, postmontaner Urbanität geprägt. Nur selten blitzt weltläufiges Niveau auf. Damit stellt sich erneut ein Fotograf gegen die Behauptung eines Selbstbildes, das diesmal mit der Formulierung „Metropole Ruhr“ auf den Begriff gebracht werden kann. Zinn hinterfragt durchaus empathisch und mit Sympathie für Menschen und Region den Hochglanz des erfolgreichen Strukturwandels. Hattingen hat zwar die Hütte in seiner DNA, ist aber auch auf der anderen Seite des Strukturwandels angekommen: Hattingen ohne Hütte ist erwachsen geworden, Ende der Schonzeit.


Ausstellung und Katalog

Gezeigt werden die Fotografien im Gebläsehaus der Henrichshütte, wo die Spuren von 100 Jahren Arbeit bis heute deutlich zu sehen sind. Gülay Özverim und Frank Schäckermann haben die Ausstellung und den Katalog gestaltet. Insgesamt werden etwa 50 Arbeiten in der Ausstellung gezeigt, im Katalog finden sich über 90 Fotografien wieder.

Ende der Schonzeit. Horst Dieter Zinn in Hattingen 1987 und 2017. 176 Seiten, zahlreichen farbigen Abbildungen, Hardcover,
19,95 Euro, ISBN: 978-3-8375-1845-0.