Henrichshütte Hattingen

LWL-Industriemuseum | Westfälisches Landesmuseum für Industriekultur

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Ansicht der Henrichshütte von1874

Die Geschichte der Henrichshütte

Eisen und Stahl

Von Dr. Olaf Schmidt-Rutsch

Erz, Kohle und ein Fluss verlockten 1854 einen Adeligen aus dem Harz zur Firmengründung an der Ruhr. 150 Jahre lang wurde auf dem nach ihm benannten Hüttenwerk Eisen und Stahl erzeugt, gegossen, geschmiedet und gewalzt.

In Hattingen entstanden Schienen und Radsätze für die Eisenbahn, große Schmiede- und Gussstücke, Turbinenwellen und Kernreaktoren, Panzerbleche und Granaten sowie Teile für die Weltraumindustrie. Die Geschichte der Henrichshütte ist beispielhaft für Entstehung, Entwicklung und Niedergang der Schwerindustrie im Ruhrgebiet.

Die Anfangsjahre

Um 1850 war das Ruhrtal bereits ein industrialisierter Raum. Zahlreiche Zechen förderten Steinkohle, die auf der 1780 schiffbar gemachten Ruhr zum Rhein transportiert wurde. Mit der Entdeckung von Eisensteinvorkommen bei Hattingen durch Friedrich Hellmich boten sich günstige Voraussetzungen für die Gründung moderner Eisenhüttenwerke. Dies erkannte auch Graf Henrich von Stolberg-Wernigerode. Seine Familie betrieb bereits im 16. Jahrhundert eine Eisengießerei in Ilsenburg – zunächst unter Heranziehung von Fachleuten aus dem Siegerland. Nun wiederholte sich die Wanderung in umgekehrter Richtung: Harzer Hüttenleute kamen an die Ruhr, um im Auftrag des Grafen Eisen zu schmelzen.

Graf Henrich von Stolberg-Wernigerode


Carl Roth, der erste Hüttenmeister, griff seinerseits für den Bau der Hochöfen auf fortschrittliche belgische Technologie zurück. Er war es wohl auch, der vorschlug, das neue Werk nach seinem im Februar 1854 verstorbenen Auftraggeber zu benennen. Der Name Henrichshütte blieb dem Unternehmen trotz mehrfacher Besitzerwechsel bis zur Stilllegung.

Bereits 1857 wurde die Henrichshütte an die Berliner Discontogesellschaft verkauft. Das Berliner Bankhaus investierte zunächst in den weiteren Ausbau: Neben vier Hochöfen entstanden Kokereien und Gießereien, Walzwerke und Bearbeitungswerkstätten. Eines der letzten großen Bauvorhaben war 1872 die Errichtung eines modernen Bessemer-Stahlwerks, heute das älteste Gebäude auf dem Gelände des Industriemuseums. Wenig später wurde die Henrichshütte in die Dortmunder Union für Bergbau, Eisen- und Stahlindustrie eingegliedert. Die hiermit verbundene Aufgabe der Selbstständigkeit und Einbindung in übergeordnete Konzernstrukturen führte in Verbindung mit der 1873 ausbrechenden Gründerkrise zu einschneidenden Veränderungen in Hattingen: Die Schienen- und Fluss-Stahlproduktion mussten nach Dortmund abgegeben werden – darunter das gerade erst in Betrieb gegangene Bessemer-Stahlwerk. Für die Henrichshütte begann eine Phase der Stagnation.

Blick in die Gebläsehalle 1920

Aufschwung unter Henschel

Im Februar 1904 kaufte die in Kassel ansässige Lokomotiv- und Maschinenfabrik Henschel & Sohn die Henrichshütte. In wenigen Jahren wurde die Hütte mit enormem Kapitaleinsatz von Grund auf modernisiert. Die in den Hang getriebenen Materialbunker der Möllerung für die neuen Hochöfen und die Gaszentrale stammen aus dieser Zeit. Die modernen Gasmaschinen erzeugten jedoch nicht nur den für den Hochofenbetrieb notwendigen Heißwind, sondern auch elektrische Energie.

Überall auf dem Gelände entstanden vor dem Ersten Weltkrieg neue und moderne Anlagen: Kokerei, Walzwerk, Press- und Hammerwerk, Gießereien und Bearbeitungswerkstätten. Mit der Modernisierung der Hütte verbunden war eine Ausweitung der Produktpalette. In Hattingen entstanden Bleche und Rohre für den Lokomotivbau, die in Kassel weiterverarbeitet wurden – ebenso wie die auf der Henrichshütte produzierten Radsätze.

Die neuen Werksanlagen erlaubten aber auch größere Dimensionen: Schon 1907 waren Stahlformgussstücke bis zu 50 t Gewicht für Lokomotiv-, Maschinen- und Schiffbau im Angebot, darunter Walzenständer, Dampfhammerteile, Schiffssteven, Schiffsschrauben, Ruder und Anker. Schmiede und Bearbeitungswerkstatt lieferten Schiffswellen, Kurbelwellen, Turbinenwellen und Walzen. So legte Henschel mit der Neuausrichtung und Spezialisierung des Hüttenwerks ein belastbares Fundament für die Zukunft. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde das moderne und leistungsfähige Hüttenwerk erstmals Bestandteil der „Waffenschmiede“ des Deutschen Reichs. Bis zum Kriegsende wurden Granaten, Geschützrohre und Spezialbleche gefertigt.

Dem Kriegsende 1918 folgten unruhige Zeiten. Der weiterhin bestehende Bedarf an Eisenbahnmaterial erleichterte den Weg zurück in die Friedensproduktion. 1923 führten Inflation und Ruhrbesetzung zu einer zeitweiligen Stilllegung der Hütte, und auch die folgenden Jahre führten zu keiner wirtschaftlichen Verbesserung, so dass Henschel sich schließlich von der Henrichshütte trennte.

Ruhrstahl

1930 wurde die Henrichshütte an die Vereinigten Stahlwerke verkauft und in die neu gegründete Ruhrstahl AG eingebracht. Trotzdem schien der Fortbestand der Henrichshütte keineswegs gesichert, nur zwei Jahre später stand sogar eine Stilllegung im Raum. Im April 1933 arbeiteten nur noch 1.492 Menschen auf der Hütte – weniger als 1905. Im Zuge der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik und der anlaufenden Rüstungsproduktion stieg die Zahl der Arbeiter in den dreißiger Jahren stetig an. Wieder lieferte die Henrichshütte Qualitätsstahl für Panzerplatten und Geschützrohre, 1939 begann der Bau von Panzergehäusen für die Wehrmacht. Die nahezu vollständige Umstellung auf die Rüstungsproduktion erforderte erneut umfangreiche Erweiterungen und Modernisierungen. Zu den Maßnahmen gehörte auch der Bau des Hochofens 3, der am 10. Oktober 1940 angeblasen wurde und heute den Mittelpunkt des LWL-Industriemuseums bildet.

 

Kurz zuvor, im August 1940, waren auf der Henrichshütte die ersten französischen Kriegsgefangenen eingetroffen, um Zwangsarbeit in der Rüstungsproduktion zu leisten. Es folgten Niederländer, Belgier, Russen und Italiener, die in insgesamt 14 Lagern untergebracht waren. Harte Arbeit, schlechte hygienische Bedingungen und unzureichende Versorgung mit Lebensmitteln unter ständiger Bedrohung durch Schikanen und Strafen prägten das Leben dieser Menschen.

Mit der Einrichtung eines Gestapo-Auffanglagers bekam der alltägliche Terror 1943 eine neue Dimension. Hier wurden Menschen unter härtesten Bedingungen und brutalster Behandlung inhaftiert und auf der Hütte zur Arbeit gezwungen. Bis Kriegsende starben hier 36 Menschen – die Dunkelziffer der Opfer wird weitaus höher sein.

Die in den letzten Kriegsjahren zunehmenden Luftangriffe trafen die Henrichshütte nicht unvorbereitet. Gegen Kriegsende existierte auf dem Gelände ein umfangreiches System von Bunkern und Luftschutzstollen, unterirdischen Verbindungswegen und Beobachtungsständen. Als amerikanische Truppen am 16. April 1945 Hattingen befreiten, war ein Drittel der Werksanlagen zerstört.

Werbeplakat aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs

Neubeginn nach 1945

Nach Kriegsende erteilte die britische Militärregierung der Henrichshütte zunächst eine beschränkte Betriebserlaubnis. Sie sicherte zunächst den Bestand des Werkes. Umso größer war der Schock, als die Henrichshütte im Oktober 1947 auf der Demontageliste stand. Der drohende Abbau von Stahlwerk, Stahlgießerei und Grobblechwalzwerk hätte unweigerlich das Ende des Standorts zur Folge gehabt.

Über zwei Jahre zogen sich die zähen Verhandlungen hin. Erst 1949 konnte die Demontage der Anlagen endgültig abgewendet werden. Zur selben Zeit führte die Entflechtung der deutschen Eisen- und Stahlindustrie 1951 zur Gründung einer neuen Ruhrstahl AG mit Sitz in Hattingen. Der Neuaufbau konnte beginnen.

Abermals setzte man hierbei angesichts steigender Nachfrage nach Stahl auf das Konzept des integrierten Hüttenwerks. Die enge Verzahnung von Hochofenbetrieb, Stahlwerk, Gießereien, Schmiede und Bearbeitungswerkstätten erlaubte die Produktion einer großen Produktpalette vom Spezialblech zur Kurbelwelle. Durch die Konzentration auf Qualitätsprodukte und große Werkstücke gelang es für viele Jahre, die Hütte innerhalb der Konzernstrukturen von Ruhrstahl und, ab 1963, der Rheinischen Stahlwerke konkurrenzfähig zu halten, obwohl die Enge des durch die Ruhr begrenzten Werksgeländes ebenso als negativer Standortfaktor gewertet werden konnte wie die mangelhaften Verkehrsanbindungen.

Diesen Nachteilen, denen etwa 1960 durch die Verlegung der Ruhr und der hiermit erzielten Vergrößerung des Geländes in begrenztem Maße begegnet werden konnte, standen auf der anderen Seite Produkte entgegen, die in der westdeutschen Hüttenindustrie an kaum einer anderen Stelle gefertigt werden konnten. Neben großen Guss- und Schmiedestücken waren es Spezialanfertigungen wie der komplett in Hattingen gefertigte erste Atomreaktor für das Kernkraftwerk Gundremmingen, die den Bestand des Hattinger Werks sicherten.

Labor der Henrichshütte in den 1960er Jahren

Modernisierung

Neue Analyseverfahren sicherten die Qualität der Produkte. Die Spezialisierung auf Qualitätsstähle und die Notwendigkeit, auf besondere Nachfragen und Anforderungen eingehen zu können, erforderte entsprechende Forschungen im Bereich der Sekundärmetallurgie. Ein Ergebnis war das auf der Henrichshütte 1958 entwickelte und heute weit verbreitete „Ruhrstahl-Heraeus-Verfahren“ zur Vakuumbehandlung von Stahlschmelzen.


Die fortlaufende Modernisierung und Rationalisierung der Betriebe veränderte die Arbeit auf der Hütte. In vielen Bereichen wich die individuelle Erfahrung der Hüttenarbeiter der modernen Prozess-Steuerung. Dies zeigte sich beispielsweise bei Neuordnung der Stahlerzeugung: Die 1967 angelaufene Stranggussanlage sparte mehrere Produktionsschritte der bisherigen Brammenfertigung ein und bewirkte als wichtiges Bindeglied zwischen Stahl- und Walzwerk einen wesentlichen Rationalisierungsschub. Drei Jahre später beendete die Inbetriebnahme des neuen Blasstahlwerks die Ära der Siemens-Martin-Öfen, die seit 1904 auf der Hütte Stahl erzeugt hatten.  Mit der Inbetriebnahme des Elektro-Stahlwerks war dieser Modernisierungsprozess 1976 abgeschlossen.

Menschenkette als Protest gegen die Stilllegung 1987

Niedergang

1974 kam die Henrichshütte zum Thyssen-Konzern. Im selben Jahr erreichte die deutsche Rohstahlproduktion mit 53 Millionen Tonnen ihren Höchststand, um unmittelbar darauf einzubrechen. 1983 wurden auch in Hattingen die ersten Anlagen stillgelegt. Arbeiteten 1974 noch 8.800 Menschen auf der Henrichshütte, so waren es zwölf Jahre später nur noch 4.800.

Anfang 1987 gab die Thyssen Stahl AG die Stilllegung der Hochöfen, der 4,2m-Grobblechstraße, des Elektrostahlwerks und der Stranggießanlage sowie die Einstellung des Ausbildungsbetriebs auf der Henrichshütte bekannt. Das bedeutete das drohende „Aus“ für die Hütte und den Verlust von knapp 3.000 Arbeitsplätzen und des Großteils der in Hattingen verfügbaren Lehrstellen. Mit  Bekanntwerden der Stilllegungspläne entstand eine von allen Schichten der Hattinger Bevölkerung  getragene Protestbewegung, die einfallsreich und in vielfältiger Form auf die drohende Schließung und den Verlust der Arbeitsplätze aufmerksam machte. Die Aktionen des „Hüttenkampfes“ reichten von der Demonstration  mit 30.000 Teilnehmern über die Einrichtung eines „Dorfs des Widerstands“ bis zur das Hüttengelände umschließenden  Menschenkette und zum Hungerstreik der Frauen. Sie erzeugten öffentliche Aufmerksamkeit und führten zu sozialverträglichen Lösungen beim Abbau der Arbeitsplätze, verhinderten aber nicht das Ende der Henrichshütte.

Mit dem letzten Abstich wurde am 18. Dezember 1987 nach 133 Jahren in Hattingen die Roheisenerzeugung eingestellt. Mit der Stilllegung der Hochöfen und des Walzwerks gingen die über Jahrzehnte entwickelten und bewährten Vorzüge eines integrierten Hüttenwerks verloren. So brachte die Übernahme von Blasstahlwerk, Schmiede und Bearbeitungswerkstätten durch die neu gegründete Vereinigte Schmiedewerke Gesellschaft 1988 nur einen kurzen Aufschub. 2004 schloss mit der Schmiede der letzte Feuerbetrieb.

 

Der letzte Abstich am 18. Dezember 1987

150 Jahre nach Gründung der Hütte war die Stahlzeit im Ruhrtal zu Ende. Zwei Jahre später wurde die Henrichshütte Standort des LWL-Industriemuseums.

"Das Ende der Hattinger Stahlzeit - und dann?"

Vortrag des damaligen Hattinger Bürgermeisters Dieter Liebig am 27.10.2007