Leinen und Möbel brauchen Maschinen

Es war der Bedarf der örtlichen Wirtschaft, der die Entstehung der Metall- und Maschinenindustrie im heutigen Ostwestfalen-Lippe prägte. Eine der Voraussetzungen dafür schuf seit Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem die Köln-Mindener Eisenbahn, mit der notwendige Rohstoffe günstig angeliefert werden konnten. Mit dem Aufschwung der Bielefelder Textil- und Konfektionsindustrie wuchs auch die Nachfrage nach Maschinen und Maschinenteilen: Für die importierten Textilmaschinen wurden Ersatzteile benötigt, neue Produktionsverfahren erforderten neue Maschinen. Zu den ersten Maschinenbaubetrieben mit Eisengießerei zählte das 1863 von Theodor Calow in Bielefeld errichtete Unternehmen.

Anker-Werke in Bielefeld um 1900

Nachdem für die Verarbeitung der hier hergestellten Leinenstoffe in den 1850er Jahren zunächst Nähmaschinen aus Amerika eingeführt wurden, entstand seit den späten 1860er Jahren in Ostwestfalen eine bedeutende Nähmaschinenindustrie. Der Nähmaschinentechniker Carl Baer aus Berlin und sein Kollege Heinrich Koch erkannten den steigenden Bedarf an Maschinen für die industrielle Wäscheproduktion und gründeten 1860 die erste Nähmaschinenfabrik in Bielefeld. Nach ihrer Trennung etablierten sie jeweils eigene Firmen: Baer produzierte gemeinsam mit Rudolf Rempel die Phönix-Nähmaschinen, aus Kochs Fabrik ging die Kochs-Adler Nähmaschinenfabrik hervor. Mitarbeiter dieses Unternehmens waren die Gründer der späteren Anker-Werke und der Dürkopp-Werke. Die Nähmaschinenfabriken fertigten ab 1885/86 auch Fahrräder, da die feinmechanischen Arbeiten für Nähmaschinen und Fahrräder ähnlich waren. Später wurden auch Büromaschinen und Milchzentrifugen hergestellt.

Bis 1900 waren viele Betriebe kleine Handwerksfirmen, erst dann entwickelten sich aus ihnen Großunternehmen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war in der Nähe des Bielefelder Bahnhofs mit den Firmen Gebr. Dickertmann, Droop & Rein, Fischer & Krecke, Kochs-Adler, Gildemeister u.a. ein eigenes Metallindustrieviertel entstanden. Heute zeugen allerdings keine Spuren mehr von diesem bedeutenden Teil der Bielefelder Industriegeschichte.

Auch von der heimischen Möbelherstellung gingen Impulse für die Metall- und Maschinenindustrie der Region aus. 1872 gründeten Johann Friedrich Meyer und Wilhelm Schwabedissen in Herford eine Maschinenfabrik, die sich mit dem Aufschwung der Möbelindustrie auf holzbearbeitende Maschinen spezialisierte. Die Metallindustrie arbeitete aber bald auch als Zulieferer der Möbel- und Bauindustrie. Zu diesem Bereich gehören noch heute überregional bedeutende Klinken- und Beschlagfabriken. Das Unternehmen Franz Schneider etwa siedelte 1909 aus dem sauerländischen Iserlohn nach Brakel über.

Neben den für die heimische Textil- und Möbelindustrie produzierenden Metall- und Maschinenfabriken etablierte sich unabhängig davon eine Vielzahl weiterer Unternehmen dieser Branche. Eine für die Region bedeutende Motorenfabrik gründete der Ingenieur Gustav König im Jahr 1905 in Herford. Seine Antriebsmaschinen, die relativ kostengünstig mit unterschiedlichen Brennstoffen betrieben werden konnten, waren insbesondere für mittelständische Betriebe geeignet. Die Firma lieferte ihre „Herford-Diesel“ bis nach Übersee. Es entstanden zudem Metall erzeugende und verarbeitende Unternehmen wie das Eisenwerk Weserhütte AG in Oeynhausen, das Eisenwerk Schilling in Sennestadt und das Eisenwerk der Brüder Möller in Brackwede. Eine der größten Metall verarbeitenden Firmen, die noch heute in Ostwestfalen produziert, ist die 1899 von Carl Miele und Reinhard Zinkann in Herzebrock gegründete Firma Miele & Cie. 1907 erfolgte die Verlegung des Betriebes nach Gütersloh. Die Firma wurde zum Schrittmacher der Haushaltstechnik. Insbesondere die Waschmaschinen wurden geradezu sprichwörtlich für die Qualität der Produktion.

Heute hat sich die heimische Metallindustrie in Ostwestfalen auf den Bau von hochtechnologischen Maschinen und Apparaten spezialisiert, zu der auch die Industrienähmaschinen von einst geworden sind. Die meist mittelständischen Unternehmen beliefern die Industrie in aller Welt mit Produktionsmitteln und Spezialprodukten.