Das heutige Ostwestfalen-Lippe, eine Region, die im 19. Jahrhundert aus dem preußischen Regierungsbezirk Minden und dem Fürstentum Lippe bestand, war bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ein weitgehend landwirtschaftlich geprägter Raum, in dem sich durch die Verarbeitung von Flachs zu Leinen seit dem 16. Jahrhundert eine vorindustrielle Textilproduktion etabliert hatte. Tausende kleiner ländlicher Leinenspinner und Weber produzierten Leinen. Bielefelder und Herforder Leinenhändler kauften dieses Leinen auf und exportierten die Stoffe bis nach England und in die Niederlande.


Firma Dornbusch, Bielefeld, 1961
Die Köln-Mindener Eisenbahn beschleunigte 1847 den Industrialisierungsprozess in Bielefeld, Herford und Minden. Der Anschluss an das Eisenbahnnetz schuf die Grundlage für die preiswerte Versorgung mit Kohle für den Betrieb der Dampfmaschinen und mit Rohstoffen wie z. B. Eisen und Stahl, die in den Betrieben Ostwestfalens weiterverarbeitet wurden. Gleichzeitig stellte die Bahnlinie die Verbindung zu den großen Absatzmärkten im Ruhrgebiet her.

In Bielefeld war es die Textilindustrie, die für den wirtschaftlichen Aufschwung sorgte. Die Spinnerei Vorwärts (1851) als erste Textilfabrik in Ostwestfalen und wenige Jahre später die Ravensberger Spinnerei und die Ravensberger Weberei lösten sehr schnell das ländliche Heimgewerbe ab und ließen eine industrielle Arbeiterschaft entstehen. Als preiswerte Arbeitskräfte in den Fabriken schufen die ehemaligen Heimgewerbetreibenden, die häufig landwirtschaftliche Nebenerwerbsbetriebe bewirtschafteten, die Grundlage für den raschen Aufschwung der Region.

Weite Teile der heutigen Kreise Lippe, Gütersloh, Paderborn und Höxter blieben noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend vorindustriell geprägt. Im Fürstentum Lippe verbot der Lippische Fürst aus Angst vor fremden Einflüssen und vor dem Verlust der heimgewerblichen Arbeitsplätze sogar die Ansiedlung von Textilfabriken. Die Folge war eine rasche Verarmung der ländlichen Bevölkerung. Fast 30 000 Lipperinnen und Lipper verließen das Land oder suchten als Wanderziegler Arbeit in der Fremde.

Die in diesen Regionen Ende des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung war eng mit der landwirtschaftlichen Produktion verbunden, z. B. die Brennereien in Gütersloh und Paderborn, die Zuckerfabrik in Lage und die Stärkefabrik Hoffmann in Bad Salzuflen. In den damaligen Kreisen Herford, Minden und Lübbecke arbeiteten im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts fast 20 000 Beschäftigte in der Tabakindustrie. Nahezu 50 Prozent dieser Arbeiterinnen und Arbeiter verdienten ihren Lohn als Heimarbeiter.

Die Bahnlinien von Herford über Altenbeken nach Paderborn bzw. von Bielefeld über Lage Richtung Lemgo schufen schließlich Anfang des 20. Jahrhunderts in diesen ländlichen Gebieten die Grundlage für ein rasches industrielles Wachstum. In Lippe, Paderborn, Höxter und im Landkreis Herford war es vor allem die Möbelindustrie, die neue Arbeitsplätze schuf. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts siedelten sich in Bielefeld, Herford und Minden viele Metallbetriebe an. Sie produzierten zuerst vor allem Nähmaschinen für die Textilindustrie, später auch Werkzeugmaschinen, Fahrräder und sogar Autos und Motorräder.

In Bielefeld entwickelte sich Anfang des 20. Jahrhunderts aus der bestehenden Textilindustrie heraus ein weiterer Schwerpunkt in der Herstellung von Wäsche und Bekleidung.

Die Ausbeutung von Bodenschätzen hatte in Ostwestfalen nie größere Bedeutung. Zwar wurde in Altenbeken und Kleinenbremen Eisenerz gewonnen, in Lippe Sand und Ton für die Bauindustrie abgebaut, in Nammen und Paderborn Kalk bzw. Zement hergestellt, diese Unternehmen hatten jedoch meist nur regionale Bedeutung.

Heute hat die Textil- und Möbelindustrie in Ostwestfalen als Wirtschaftsfaktor stark an Bedeutung verloren. Noch immer existieren zwar große Betriebe dieser Branchen in der Region, zukunftsweisende Unternehmen im Verlags- und Medienwesen, in der Computerindustrie und im hochtechnologischen Maschinen- und Apparatebau haben jedoch ihre Rolle übernommen.