Kirchenbau nach 1945 in Westfalen-Lippe

Erfassung und Bewertung

Bearbeitet 2009–17 von der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur im Rahmen des NRW-weiten Projekts „Erkennen und Bewahren“

Kirchen prägen wie kaum eine andere Bautengruppe das Bild von Städten und Gemeinden und sind bis heute Mittelpunkte religiösen, sozialen und kulturellen Lebens. Wichtigen Anteil an dieser Gruppe haben die nach 1945 entstandenen Kirchenbauten, von denen allein in Westfalen-Lippe einmal mehr als 1300 existierten. In den letzten Jahren geraten diese Bauten jedoch durch die veränderten Rahmenbedingungen und die daraus resultierenden Kirchenumnutzungen und -schließungen unter Druck. Ziel des Projekts ist es, über eine Gesamterfassung die zeugniswerten Sakralbauten dieser Zeitschicht zu identifizieren und den dauerhaften Erhalt dieses bedeutenden kulturellen Erbes in Zusammenarbeit mit den Unteren Denkmalbehörden und den kirchlichen Partnern zu sichern.

Basis des Projekts bildet eine vom Ministerium für Bauen und Verkehr NRW 2009 initiierte Erfassungskampagne unter dem Titel „Erkennen und Bewahren – Kirchenbau der Nachkriegszeit in Nordrhein-Westfalen“. Somit konnten die ab 1945 errichteten Neubauten von Pfarrkirchen der evangelischen Landeskirchen und katholischen Bistümer in NRW praktisch komplett in Text und Foto erfasst werden (die rheinischen Kirchen durch das LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland). Die Bandbreite der Erfassung reichte inhaltlich von Ortsgeschichte und Städtebau über Gemeindegeschichte, Gebäudeentwurf und -veränderungen bis hin zu liturgischen Konzepten und Details der Ausstattung und Materialität. Seit 2015 nimmt nun die Inventarisation der LWL-DLBW auf Grundlage dieses umfangreichen Datenmaterials, das in der Amtsdatenbank KLARA Delos aufbereitet wurde, mit eigenen Personalmitteln eine Bewertung der Kirchenbauten in mehreren Durchgängen vor. Dabei findet ein enger Austausch mit den Unteren Denkmalbehörden, der LVR-Denkmalpflege, aber auch den kirchlichen Obereinheiten statt.

Neben der Identifizierung der aus denkmalpflegerischer Sicht relevanten Objekte ermöglicht die umfassende Datenbasis des Projekts, bisherige Forschungsstände weiter zu differenzieren und Entwicklungen auch mit statistischen Daten zu hinterlegen. Zu den wichtigsten Erkenntnissen zählt, dass einfache lineare Fortschrittsmodelle die Entwicklung des Sakralbaus nicht angemessen beschreiben. Statt revolutionärer Brüche erfolgen evolutionäre Neuerungen, die durch ein Nebeneinander von Traditionellem und „Neuem“ im gesamten Bauschaffen und häufig sogar in den einzelnen Entwürfen gekennzeichnet sind. Auch die Bedeutung und Vielfalt traditionsbestimmter Architektur, die die Forschung bislang kaum beachtet hat, konnte bis in die 1950er-Jahre herausgearbeitet werden. Ebenso heterogen ist im Übrigen der Bestand der stark am Profanbau orientierten und daher häufig geringgeschätzten Gemeindezentren der 1970er-Jahre. Unter diesen Objekten befinden sich nach den Erkenntnissen des Projekts einige Bauten von großer Qualität und großem Zeugniswert. Nicht zuletzt konnte auch der prägende Einfluss der kirchlichen Obereinheiten auf das jeweilige Baugeschehen nachgewiesen werden.

Eine detaillierte Publikation zu den Projektergebnissen ist derzeit in Vorbereitung.


Materialien

Überblicksaufsatz zu ersten Ergebnissen des Projekts mit Blick auf die Bauten der 1960er- und 1970er-Jahre:

Knut Stegmann: Sakralbau der 1960er- und 1970er-Jahre in Westfalen-Lippe, in: Denkmalpflege und die Moderne 1960+. 7.Westfälischer Tag für Denkmalpflege 19.–20.Mai 2016 in Marl. Arbeitsheft 17 der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen, Münster: 2017, S. 69–80.



Ansprechpartner

Dr. Heinrich Otten
Tel. 0251/591-3873
Heinrich.Otten@lwl.org

Dr. Knut Stegmann
Tel.: 0251/591-3061
Knut.Stegmann@lwl.org