Denkmal des Monats


Die ehemalige Leibzucht des Meyer zu Heepen

in Bielefeld, Heeper Straße 364

Im Bielefelder Stadtteil Heepen befindet sich, nur wenige Kilometer von der Altstadt entfernt, die frühere Hofstätte Meyer zu Heepen. Inmitten des Restes der sich ursprünglich um die ganze Hofanlage ziehenden Gräfte stehen heute noch malerisch zwei imposante Fachwerkgebäude, die sich seit 1970 im Besitz des Vereins „NaturFreunde Bielefeld e. V.“ befinden: Ein zweistöckiger Kornspeicher von 1807 und ein großer Vierständerbau, 1815 als Leibzuchtgebäude errichtet.

Hofstätte Meyer zu Heepen, Leibzucht von 1815 (rechts) und Kornspeicher von 1807 (links). Dahinter das neue Wohnhaus von 1851. Foto: LWL/Karnau.

Als Leibzucht oder Altenteiler bezeichnet man Wohnwirtschaftsgebäude, auf die sich die ehemaligen Hofbesitzer nach der Hofübergabe an die nächste Generation zurückzogen. Das ungewöhnlich große und aufwändig hierzu errichtete Gebäude des Meyers zu Heepen spiegelt dabei deutlich die wirtschaftliche Kraft der Baueheleute J. H. Adolph Meyer zu Heepen und Friederike Luise Oldermann wider. Der Hof wurde erstmals 1036 urkundlich erwähnt, war später ein lippischer Amtshof in der Grafschaft Ravensbergund gelangte 1787 im Zuge einer großen Grenzkorrektur in preußischen Besitz. 1780 umfasste der Hof 972 Morgen (ca. 243 Hektar) Wirtschaftsfläche mit zwölf zugehörenden Kötterstellen und war damit einer der größten Meierhöfe der Region.


Luchtknagge mit geschnitzten Blumen und springendem Hasen. Foto: LWL/Barthold.

Der 23 m lange und 13,5 m breite Fachwerkbau ist in seiner Konstruktion (Flettdielenhaus mit Kammerfach) und Raumstruktur bis heute ungewöhnlich gut überliefert. Anders als bei den meisten anderen vergleichbaren landwirtschaftlich genutzten Häusern aus dieser Zeit wurden z. B. die Deelenwände nicht nachträglich verschoben. Um 1870 stellte man nur einen aus Backstein gemauerten Wirtschaftsgiebel vor den alten Fachwerkgiebel.
Von der Deele mit Stallungen – links für  Kühe und rechts für Pferde – gelangte man auf das Flett (der offene Küchenbereich) mit einer Kochstelle an der Wand zum anschließenden Kammerfach. Das Kammerfach hat drei unterschiedlich große Zimmer, alle über Hinterladeröfen vom Flett aus beheizbar. Im Gegensatz zum Flett war das Kammerfach somit rauchfrei bewohnbar. Das Flett besaß beidseitig in Verlängerung der Deelenwände zwei hohe Luchten: Offene Räume, die durch hohe, bleiverglaste Fenster in den Außenwänden belichtet wurden. Jede Lucht weist einen starken Luchtbalken auf, der jeweils durch zwei beschnitzte und farbig gefasste Knaggen gestützt wird. Diese Knaggen, die den Winkel zwischen Luchtbalken und Wandständer aussteifen, sind mit verschiedenen Blumen, Bändern mit Quasten und eine auch mit einem springenden Hasen verziert.


Ein Teil des Bootslagers über den Kuhställen, Zustand während der Sanierung 2016. Foto: LWL/Barthold.

Dass die Leibzucht von 1970 bis heute weitgehend unverändert überliefert wurde, hängt ursächlich mit der Nutzung des Gebäudes als Bootshaus zusammen. Tiefgreifende Umbauten, wie sie zum Beispiel eine Modernisierung zu Wohnzwecken zur Folge gehabt hätte, blieben dem Gebäude damit erspart. Vor allem bot sich das Fachwerkgerüst der südlichen Deelenwand geradezu zum Einlagern der vereinseigenen Kanus an.
Die 2015 begonnene Sanierung der ehemaligen Leibzucht durch den NaturFreunde-Verein stand unter der Zielsetzung, den Bau denkmalgerecht und ressourcenschonend als Vereins- und Bootshaus zu modernisieren. Ein wesentlicher Teil dieses Konzeptes ist der von 2015 bis 2017 erfolgte, nicht in die historische Substanz eingreifende Einbau einer Kletteranlage (Boulderhalle) im Dachgeschoss, der die Attraktivität des Gebäudes erhöhen soll. Die Sanierungsarbeiten fanden in Absprache mit den Denkmalbehörden und baubegleitend durch die LWL-Bauforschung statt. Hervorzuheben ist, dass Vereinsmitglieder die Sanierungsarbeiten tatkräftig unterstützten, die Hof- und Besitzgeschichte weitgehend aufgearbeitet und die Sanierung mit einer umfassenden Fotodokumentation begleitet haben.

Aufgrund ihrer dichten historischen Überlieferung und dem vorsichtigen Umgang mit dem historischen Erbe ist die ehemalige Leibzucht des Meyer zu Heepen nun als Vereins- und Bootshaus weit über den ostwestfälischen Bereich hinaus ein positives Beispiel für denkmalgerechtes Bauen im Bestand und für das Verständnis, ein Gebäude als historische Quellen zu betrachten und deren Informationsgehalt für nachfolgende Generationen zu sichern.

Peter Barthold

 

2017 ist die ehrenamtliche Arbeit der Naturfreunde Bielefeld an der ehemaligen Leibzucht des Meyer zu Heepen mit dem Sonderpreis für Handwerk in der Denkmalpflege von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ausgezeichnet worden.