Denkmal des Monats


Das Eiscafé Alte Kantorei

in Stemwede-Levern, Am Kirchplatz 8

Zum Denkmal des Monats Februar 2017 hat der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) das ehemalige Stiftspredigerhaus / spätere Kantorschule am Kirchplatz 8 in Stemwede-Levern gekürt. Das 1746 errichtete Gebäude wird seit dem Frühjahr 2016 als Wohnhaus und Eiscafé genutzt. Im Frühling hat die Eisdiele eröffnet und erfreut sich mit ihrem köstlichen Bauernhofeis seither größter Beliebtheit bei Besuchern von nah und fern.


Das ehemalige Stiftspredigerhaus in seinem heutigen Zustand. Foto: LWL/Pankoke.

Das Baudenkmal liegt auf dem sogenannten Stiftshügel, auf dem sich die Stifts- und Pfarrkirche des ehemaligen Damenstifts Levern befindet. Der ehemalige Pfarrhof – heute „alter Kirchplatz“ genannt – ist noch von zahlreichen Fachwerkhäusern umstanden. Die Geschichte und Konstruktion des Stiftspredigerhauses wurde durch die beiden Bauforscher Dr. Fred Kasper und Peter Barthold von der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen Anfang des Jahres 2015 erforscht, und auch die neuen Eigentümer hatten sich zuvor schon mit der Geschichte ihres Hauses ungewöhnlich intensiv befasst. Das ehemalige Wohnhaus des Stiftspredigers ist das Haupthaus eines Pfarrgehöftes, bestanden doch die Einkünfte auch eines Pfarrers zur damaligen Zeit aus landwirtschaftlicher Tätigkeit. Das Pfarrhaus wurde daher als traditionelles Hallenhaus mit einer Wirtschaftsdiele und Stallungen und einem abgetrenntem Wohnteil errichtet. Nach Vereinigung der beiden Pfarrstellen 1806 wurde das Haus 1810 dem Kantor von Levern übergeben. Es wurde damals zu seinem Wohn- und Arbeitsort umgebaut und erhielt ein Klassenzimmer für den Konfirmandenunterricht, den er neben dem musikalischen Dienst in der Kirche zu versehen hatte. In der sogenannten Kantorschule wurde anschließend von 1901–1951 noch die erste Schulklasse von Levern unterrichtet, woran sich manche Besucher des Eiscafés nun noch erinnern. Reste der Wandgestaltung des Schulraumes fanden sich unter der abgehängten Decke und sind heute als Befundfenster sichtbar.


Das ehemalige Stiftspredigerhaus vor der Sanierung. Foto: LWL/Pankoke.

Das Gebäude hatte im Laufe der Zeit vor allem von außen viel von seiner ursprünglichen Schönheit eingebüßt. Vom Wirtschaftgiebel war nur noch das leicht vorkragende Giebeldreieck aus Fachwerk samt Inschrift auf dem Wandrähm erhalten. Das Deelentor war im 20. Jahrhundert entfernt und das Fachwerk im Erdgeschoß durch eine massive Wand ersetzt worden. Hier fand sich fortan nur eine schmale Haustür als zweiter Hauseingang. Zudem wirkte ein 1973 hinzugefügter seitlicher Vorbau mit Werkstatt und Ladenlokal eines Elektromeisters entstellend auf das Gebäude. Der Ladenbau sowie der 1927 massiv erneuerte Erweiterungsbau an der Nordseite des Wohnteils waren nicht Bestandteil des Baudenkmals und wurden als erstes abgebrochen. Die Lage des Deelentores, vor der Mitte der Diele, lies sich im Fachwerk noch ablesen; so konnte dieses auf Wunsch der Bauherren wiederhergestellt werden. Auch das Fachwerk im Erdgeschoß des Wirtschaftsgiebels und der Torbalken wurden rekonstruiert, Letzterer mit Hilfe eines alten Fotos. Nach Abbruch des Vorbaus wurde die zum Teil überdeckte Inschrift auf dem Rähm wieder vollständig lesbar. Sie lautet: „ANNO 1746 GOTT SEI UNS GNÄDIG UND SEGNE UNS UND LASSE SEIN ANTLITZ LEUCHTEN. ZUR ZEIT DIESES BAUES WAREN H H HACHMEISTER DEPEBOCK PASTORES“. Dank des Einsatzes des pensionierten Pfarrers konnte die kaum noch lesbare zweite Hälfte der Inschrift entziffert und wieder farbig ausgelegt werden. Sie gibt nicht nur das Baujahr an, sondern auch einen Hinweis auf seine Funktion als Pfarr- bzw. Stiftspredigerhaus.


Blick in die Eisdiele und den Gastraum. Foto: E. Wittler, Stemwede.

Ausblick

Die neuen Eigentümer hatten das Haus erworben, um es im Bereich des ehemaligen Wohnteils mit seiner hausbreiten, sehr gut überlieferten Flettküche und den angrenzenden Zimmern im Erd- und Dachgeschoß selbst zu bewohnen. Für den Bereich der ehemaligen Deele und des angrenzenden Schulraums kam recht bald die Idee auf, dort ein Eiscafé zu betreiben. Nachdem sich kein geeigneter Betreiber fand, beschloss die Bauherrin, die Eisdiele persönlich zu führen. Architekt Reinhold Nickles aus Herford entwickelte gemeinsam mit den Eigentümern ein überzeugendes denkmalverträgliches Konzept für das Haus. Nach Abstimmung mit den Denkmalbehörden folgte eine 1,5 Jahre währende Sanierungsphase. In dieser Zeit gab es einen erfreulich engen Kontakt zwischen allen am Bau Beteiligten und den Denkmalbehörden. Im Innern wurden jüngere Einbauten entfernt und am Außenbau das reparaturbedürftige Fachwerk unterstützt durch eine Beihilfe des LWL repariert. Die klassizistische Tür mit ihrem hübschen Oberlicht wurde restauriert und, wo nicht mehr vorhanden, handwerklich hochwertige Holzfenster mit Sprossenteilung eingebaut. Eine Lehminnendämmung sorgt nun für entsprechende Behaglichkeit in den historischen Mauern. Beim Außenanstrich wünschten sich die Eigentümer einen helleren Ton für das Fachwerkgerüst als bislang vorhanden. Der nun gewählte Grauton wirkt frisch und fügt sich dennoch in die umgebende Fachwerkbebauung gut ein. Die moderne Eisküche und Eistheke haben einen perfekten Platz in der rustikalen ehemaligen Wirtschaftsdiele gefunden. Im angrenzenden Klassenzimmer schaffen gründerzeitliche Tische und Stühle eine gemütliche Café-Atmosphäre auch jenseits der warmen Jahreszeit. Nun hat Levern endlich eine Eisdiele, aber nicht nur das: die Eigentümer erwarben auch das Nachbargrundstück und legten dort eine hübsche, öffentliche Grünanlage an. Eine rundum gelungene Denkmalsanierung und ein echter Ausflugstipp!

Barbara Pankoke