Denkmal des Monats


Das Appartementhaus

am Palaisgarten in Detmold

Als im Februar 1969 ein Baugesuch für ein „Appartementhaus mit Arztpraxis und Poststelle“ auf dem Eckgrundstück Willi-Hofmann-Straße/Rosenstraße eingereicht wurde, war das vom Rat der Stadt Detmold im Oktober 1965 beschlossene Verfahren zur Aufstellung eines Bebauungsplanes für den südöstlich an den Palaisgarten angrenzenden Bereich noch nicht abgeschlossen. Die Festsetzung sah ein reines Wohngebiet mit Gebäuden bis zu acht Geschossen vor, nicht jedoch eine gewerbliche Nutzung. Hierfür wurde schließlich eine Ausnahmeregelung erwirkt, und im Mai 1970 erfolgte bereits die Grundsteinlegung.

Hauptfassade. Die rechte Hälfte wurde bereits gereinigt. März 2017. Foto: Stadt Detmold/C. Will.

Die Detmolder Architektin Gertrud Enzensberger (1908–1995) und ihr Sohn Peter Junkers (*1936) konzipierten für die „Baugemeinschaft Rosenstraße“ ein achtgeschossiges Wohngebäude mit einem Staffelgeschoss und sechs Dachgärten. Der Entwurf zeigt einen Stahlbetonbau mit rhythmisch gegliederter Vorhangfassade aus weißen Faserzementplatten, deren Horizontale durch die Brüstungsplatten der Balkone betont wird. Die Vertikale betonen eingetiefte Fensterbänder mit dazwischen angeordneten dunkelgrauen Fassadenplatten, die mit den senkrechten Säulen der bündig übereinander stehenden Balkonanlagen korrespondieren. Im optischen Gegensatz zu der glatten Fassadenoberfläche steht die raue, horizontal gerillte Betonstruktur der Sockelzone. Gleichartige Betonoberflächen zeigen auch die östlich angeschlossene Großgarage, die westlich angeordneten Gewerbebauten sowie die Pflanzbeet-Einfassungen.


Portal. März 2015. Foto: LWL/Herden-Hubertus.

Die skulptural den Hauseingang beschirmende Portal-Überdachung aus einer großen, geneigten Deckplatte auf schräg gestellten Betonpfeilern spiegelt die Architekturauffassung der Zeit um 1970 wider. Das helle Erscheinungsbild der Fassade, überwiegend weiße Flächen mit dunklen, zurücktretenden Fensterbändern und der Betonsichtigkeit der Rauputzzonen folgt ebenfalls der Farbgestaltung moderner Planungen. Auch im Inneren dokumentiert das Bauwerk mit seinen Strukturen, Materialien und Funktionen den zeitlichen Entstehungskontext. Aufgrund der leichten Hanglage bildet das rückwärtige Kellergeschoss zugleich die vorderseitige Eingangsebene mit dem Foyer, von dem aus ein Aufzug und eine Treppenanlage die sieben Obergeschosse mit jeweils vier Appartements, das Staffelgeschoss mit zwei Wohneinheiten einschließlich zugehörender Dachgärten sowie die darüber liegenden vier Dachgärten erschließen.


Ehemalige Arztpraxis. März 2017. Foto: Stadt Detmold/C. Will.

Die beiden Appartementtypen – der größere mit 80 qm, der kleine mit 42 qm – ermöglichten eine flexible Grundrissgestaltung, um den Anforderungen an den zeitgemäßen Wohnungsbau zu erfüllen. Die Erwerber der Wohnungen konnten vor dem Kauf den Grundriss festlegen, der ohne großen Aufwand veränderbar ist und auch die Kombination von Wohnungen zu größeren Einheiten erlaubt. Zu jeder Wohnung gehört (mindestens) ein aufgrund seiner versetzten Anordnung bzw. durch einen Lamellen-Sichtschutz von der Nachbarschaft nicht einsehbarer Balkon. Bauliche Gemeinschaftseinrichtungen wie Fahrstuhl, Müllschlucker, Innenentlüftung von WC und Küchen sowie die Großgarage gewährleisteten komfortables zeitgemäßes Wohnen.
Charakteristisch für die Entstehungszeit sind die seitlich angelagerten, niedrigeren Bauten der Garage, der Postzweigstelle und der Arztpraxis, die mittlerweile Nutzungsänderungen erfahren haben, sowie die Einfassungen der großen Pflanzbeete vor der Hauptfassade. Deren Architektursprache, insbesondere die Fassadenverkleidung und die Fenstergestaltung der Gewerbebauten, ist hier modifiziert fortgeführt worden.


Rückseite. Balkone mit Sichtschutz-Lamellen. März 2015. LWL/Herden-Hubertus.

Das Bauwerk ist einschließlich seiner Ausstattung wie beispielsweise Beleuchtungselemente im Entrée und Treppenhaus, Briefkastenanlage, Bodenbeläge und Türen weitestgehend im bauzeitlichen Zustand überliefert. Die Wohnungen werden größtenteils bis heute von den Ersterwerbern genutzt, die die funktionale Aufteilung schätzen.
Das im Jahre 1973 mit dem Deutschen Architekturpreis ausgezeichnete markante Hochhaus gegenüber dem Landesarchiv NRW leitet stilistisch in das Wohngebiet an der Willi-Hofmann-Straße/Rosenstraße über. Hier wurden ebenfalls moderne Wohngebäude realisiert, insbesondere Reihen- und Terrassenhäuser, deren Entwürfe teilweise ebenfalls von der für das Bauen der 1960er- und 1970er-Jahre in Detmold bedeutenden Architektin Gertrud Enzensberger stammen.

Die Stadt Detmold hatte das Appartementhaus am Palaisgarten zunächst vorläufig unter Denkmalschutz gestellt, um die Fassadenreinigung des Hochhauses denkmalpflegerisch zu begleiten. Seit Anfang März diesen Jahres ist es endgültig in die Denkmalliste eingetragen. Es gehört damit zur Gruppe der jüngsten Baudenkmäler in Westfalen-Lippe, deren Inventarisation längst noch nicht abgeschlossen ist.

Anne Herden-Hubertus