Denkmal des Monats


Der Ehrenhain

am Kiersper Friedhof

1917 währte er bereits drei schreckliche Jahre – der Krieg, in dem Soldaten in Schlachten für Kaiser, Volk und Vaterland ihr Leben ließen, verstümmelt und verwundet wurden. Drei schlimme Jahre auch für Angehörige, Freundinnen und Freunde, deren Zukunftspläne und Träume im Rauch der Geschütze und in den Giftschwaden der Gasgranaten ein Ende fanden.
In Erinnerung an die Opfer einer fehlgeleiteten Politik entstanden in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in vielen Orten Kriegerdenkmäler. Man schätzt, dass allein in Deutschland über 100.000 stehen. Zumeist handelt es sich um steinerne Denkmäler, die auf vielfältig gestaltete Weise der ideologischen Legitimation, dem ehrenden Gedenken, der Trauer und der Mahnung dienen – gefallene Soldaten und zivile Opfer zwingen zum Nachdenken und zu Fragen nach dem Sinn des Krieges auf beiden Seiten.

Blick in den Eichenhain, der zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg Gefallenen gepflanzt wurde. Foto: LWL/Siekmann.

Eines der ältesten Kriegerdenkmäler in Westfalen-Lippe ist das 1866 auf dem Domhof zu Minden errichtete Denkmal für die Gefallenen der preußischen Kriege von 1864 gegen Dänemark und 1866 gegen Österreich. Schon während des Ersten Weltkriegs plädierte man neben „gebauten“ Denkmälern vereinzelt auch für die Schaffung parkähnlicher Anlagen, Ehrenhaine genannt, die als symbolische Friedhöfe an die große Zahl der getöteten Soldaten erinnern sollten.

Als Denkmal des Monats Oktober 2017 wurde vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe der erst kürzlich in die Denkmalliste der Stadt Kierspe eingetragene Ehrenhain ausgewählt.


In Kierspe bilden das Kriegerehrenmal am Kirchplatz, der Ehrenfriedhof und der Friedhof der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter (beide auf dem Friedhof am Büscherweg gelegen) sowie der Ehrenhain einen Ort des Gedenkens für die Gefallenen und Opfer der beiden Weltkriege 1914–1918 und 1939–1945. Der Ehrenhain befindet sich auf einem vor dem westlichen Friedhofstor gelegenen Areal, das sich bis zum nördlichen Zugang des Friedhofs hinzieht. Hier wurde 1924/25 für jeden aus Kierspe stammenden gefallenen Soldaten eine Eiche gepflanzt. Am 4. September 1921 hatte die Kirchenvertretung den Entschluss gefasst „die im Weltkrieg gefallenen und vermissten Helden [...] in besonderer Weise zu ehren.“ In diesem Zusammenhang wurde der bestehende Ehrenhof vor der Friedhofskapelle an den Eingang des Friedhofs verlegt, damit Ehrenfriedhof und Ehrenhain aneinandergrenzen und eine einheitliche Anlage bilden. Im Rahmen einer Trauergedenkfeier, an der sich zeitgenössischen Quellen zufolge Gesangsverein, Posaunenchor, Wehrvereine und der national-liberale Jungdeutsche Orden beteiligten, wurde der Ehrenhain eingeweiht.


Gedenkstein zur Erinnerung an die Gefallenen mit dem Eichenhain im Hintergrund. Foto: LWL/Siekmann.

Der Ehrenhain besteht aus Stieleichen, die in einem orthogonalen Raster von ca. 5 mal 5 Metern gepflanzt worden sind. Der heute rund 100-jährige Eichenbestand wurde durch regelmäßige Pflege von strauchartigem Unterwuchs freigehalten. Der größte Teil der ursprünglich gepflanzten Bäume ist bis heute erhalten. Auf eigens angelegte Wege, Terrassierungen und eine Einfassung wurde verzichtet, stellenweise stellte man entlang bestehender Wege Bänke auf.


Der Ehrenhain als eine Spielart der Memorialkultur des frühen 20. Jahrhunderts erinnert an die toten Soldaten, die aus Kierspe stammen. In seiner Schlichtheit und Stringenz sowie durch den Verzicht auf bauliche Elemente und Strukturen ist der Kiersper Ehrenhain ein besonderer Ort. In Reih und Glied stehend, bilden die Bäume ein geometrisches Muster, ähnlich der Aufstellung von Soldaten beim Paradieren. Die symbolüberfrachtete Baumart Eiche ist nicht zufällig gewählt worden. Der antiken griechischen Überlieferung zufolge gab es beim Zeusheiligtum Dodona bereits einen Eichenhain, auch in der nordischen und germanischen Mythologie wurden Eichen als heilige Bäume verehrt. Als Sinnbild für vermeintlich soldatische Eigenschaften wie Siegesmut und Heldentum, als epochenabhängiges Sinnbild für vorgeblich „deutsche“ Tugenden wie Freiheitsliebe, Stolz, Kraft und Stärke sowie als Symbol für das ewige Leben aufgrund ihrer Langlebigkeit sprach die Eiche das Empfinden und die Hoffnung der für die Anlage des Ehrenhains Verantwortlichen und der Hinterbliebenen an.

Heute hat sich die Rezeption von Kriegsdenkmälern gänzlich geändert. Die Gefallenen sind weitgehend vergessen, die Familien der Gefallenen existieren nicht mehr oder sind vor Ort nicht mehr präsent. Somit sind das direkte Gedenken und die Trauer um die Toten meist nicht mehr gegeben. Vielleicht kann aber gerade deshalb der Eichenhain, anders als monumentale Kriegerehrenmale, uns Heutigen noch eine Mahnung zum Frieden sein.

Uwe Siekmann