Denkmal des Monats


Orangeriegarten im Schlosspark Nordkirchen

erhält seine gärtnerische Gestaltung zurück

Mit Schloss und Park verfügt die Gemeinde Nordkirchen im Kreis Coesfeld über ein bedeutendes spätbarockes Gesamtkunstwerk, das überregional seinesgleichen sucht.

Schloss Nordkirchen. Foto: LWL/Brockmann-Peschel 2011.

Das imposante und westfalenweit größte Wasserschloss ist eingebettet in eine weitläufige Gartenanlage mit Alleen, großen Rasenflächen, Schmuckbeeten, Gewässern und waldartigen Bereichen. In ihrer über 300-jährigen Geschichte erlebte die Anlage mehrfach einen Besitzerwechsel und damit einhergehende gestalterische Veränderungen. Der ursprüngliche Charakter ist dennoch bis heute erhalten geblieben.

Im Jahr 1694 erwarb der Münsteraner Fürstbischof Friedrich Christian von Plettenberg die Besitzung aus dem Hause Morrien und ließ ab 1703 von dem bedeutenden westfälischen Baumeister Gottfried Laurenz Pictorius und seinem jüngeren Bruder Peter Pictorius eine standesgemäße Adelsresidenz im spätbarocken Stil errichten. Eine erste, in regelmäßigen Formen angelegte Gartenanlage entstand zu dieser Zeit westlich des Schlosses und ist gemäß eines überlieferten Lageplans Pictorius zuzuschreiben.


Ausschnitt aus dem Entwurf von J. C. Schlaun zur neuen, nordwestlichen Gartenpartie mit Orangerie und zugehörigem Garten von 1726/30. Quelle: LWL-Museum für Kunst und Kultur.

Als Ferdinand von Plettenberg, späterer Staatsminister und einflussreicher Politiker, 1706 das Anwesen erbte, beauftragte er den jungen Architekten Johann Conrad Schlaun mit der prunkvollen Erweiterung und Vollendung der baulichen und gärtnerischen Anlagen. Dazu zählte auch die Errichtung einer Orangerie mit zugehörigem Garten, die im nordwestlichen Teil des Parks 1729–1731 entstand. Das Bauwerk diente – wie der Name verrät – der Überwinterung von nicht winterharten, exotischen Pflanzen in Kübeln und Töpfen. Der nach Süden exponierte Gartenraum vor der Orangerie war nach Schlaun in vier gleich große Quartiere gegliedert, die jeweils über Kreuz- und Diagonalwege erschlossen wurden. Sie dienten überwiegend dem Anbau von Obst, Gemüse, Kräutern und Blumen für den schlosseigenen Bedarf. Aber auch wertvolle Kübelpflanzen wie Zitrus, Oleander oder Lorbeer dürften in den Sommermonaten hier aufgestellt worden sein.


Der Orangeriegarten mit Nutzbeeten um 1900. Quelle: LWL-DLBW/Bildarchiv.

Auch im 19. und frühen 20. Jahrhundert stand die gartenbauliche Nutzung für den Eigenbedarf sowie für den gewerblichen Handel im Vordergrund. Wesentliche Veränderungen des Erscheinungsbildes brachte erst die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit sich. Der ehemalige Nutzgarten wurde vollständig beseitigt, das Gelände eingeebnet und zu forstlicher Anbaufläche umgewandelt. Bis vor wenigen Jahren wuchs dort ein stattlicher Pappelwald heran, der nichts mehr mit der früheren gärtnerischen Nutzung zu tun hatte.

Ein 2013 in Auftrag gegebenes Gutachten zur denkmalgerechten Entwicklung des Westgartens regte an, auf den Flächen des im gleichen Jahr gerodeten Pappelbestandes einen zeitgenössisch ausgeführten und pflegeextensiven Orangeriegarten wiederherzustellen. Der Entwurf sah die Anlage von Wegen, Nutz- und Zierbeeten sowie einen umlaufenden Obstgarten nach dem Gestaltungsvorbild um 1910 vor.


Blick auf die Orangerie. Ausgewachsene Pappelpflanzung im Jahr 2005. Foto: LWL/Kalle.

In Zusammenarbeit mit dem Lehr- und Versuchsforstamt NRW, dem Landesbetrieb Wald und Holz, dem Eigentümer sowie der LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen gelang die Erarbeitung einer Lösung, welche denkmalpflegerische und forstwirtschaftliche Belange gleichermaßen berücksichtigt. In der Folge wurde die Fläche in das Generhaltungsprogramm des Landes zur Sicherung alter Wildobstbäume aufgenommen und dementsprechend rekultiviert. Ein geometrisches Pflanzraster unter Berücksichtigung der überlieferten Raumgliederung, ehemaliger Binnenwege und der Aussparung einer breiten Mittelachse vor der Orangerie stellt die langfristige Rückgewinnung der strukturgebenden Elemente des spätbarocken Orangeriegartens in Aussicht.


Wildobstgehölze im ersten Jahr nach der Pflanzung, Frühjahr 2017. Foto: LWL/Weiß.

Ende 2016 wurden schließlich 170 Wildapfel- und Vogelbeerbäume gepflanzt. Besucherinnen und Besuchern präsentiert sich seither wieder ein Garten, der sich dem historischen Erscheinungsbild und der überlieferten, nutzgärtnerischen Funktion annähert und gleichzeitig den Pflege- und Erhaltungsmöglichkeiten des Eigentümers gerecht wird.

Marcus Weiß