Denkmal des Monats


Fachwerkhaus am Kirchplatz in Lage-Heiden

Klein aber fein – Behutsame Instandsetzung mit großer Wirkung

Im Dorf Heiden bei Lage befindet sich die einzige heute noch erhaltene Anlage einer Kirchenburg im Kreis Lippe. Malerisch um die gotische Hallenkirche herum reihen sich Fachwerkhäuser aneinander und prägen den historischen Ortskern. Die Gebäude sind nicht nur in ihrer Bauweise, Größe und Ausrichtung sehr unterschiedlich, sondern auch in ihrem baulichen Zustand. Neben dem steinernen Pfarrhaus aus der Zeit der Renaissance befinden sich hier überwiegend Fachwerkhäuser wie die Pfarrscheune aus dem 18. Jahrhundert, die alte Küsterschule sowie ein Gasthaus und Handwerkerhäuser. In früherer Zeit hatten die meisten Gebäude einen funktionalen Zusammenhang zu der dreijochigen, verputzten Bruchsteinkirche, die mit Quersatteldächern und dem beeindruckenden, gewundenen Turmhelm den Ort bis heute prägt. Heiden war bereits im 17. Jahrhundert der zentrale Schulort für das gesamte Kirchspiel. Das Fachwerkhaus Kirchplatz 4 wurde zu dieser Zeit vermutlich als Kantorschule genutzt.


Das Fachwerkhaus Kirchplatz 4, Südansicht. Foto: Torsten Schmidt 2017.

Das kleine Vierständerhaus mit Satteldach ist nicht genau datiert, aber die Konstruktion und Verzimmerung deuten auf eine Bauzeit im 17. Jahrhundert hin. Es steht mit dem Giebel zur Kirche und grenzt mit der Südwand an die Kirchhofmauer. Das Gebäude mit der bauzeitlich durchgängigen Deele ist in Geschossbauweise verzimmert und ruht auf einem gemauerten Bruchsteinsockel. Die Deele erstreckt sich über zwei Geschosse, die Seiten sind durchgängig in zwei Geschosse unterteilt mit darunter liegenden Kriechkellern. Unter einem steilen Dach mit Kehl- und Hahnenbalken steht das Gebäude auf durchgehenden Deelen- und Außenwandständern, in die die Deckenbalken eingezapft sind.
Mit Ausnahme der Inschrift über dem ehemaligen Deelentor gibt es in dem bescheidenen Haus keinerlei Verzierungen. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde das frühere Schulgebäude an Privatleute veräußert und im Laufe der letzten hundert Jahre zum Teil sehr entstellend umgebaut. Nachdem die letzte Eigentümerin verstorben war, stand das Gebäude mehrere Jahre leer und der Zustand verschlechterte sich zusehends. Im Jahr 2012 kaufte die Familie Jungert/Schmidt das kleine Häuschen.


Innenansicht der Deele. Foto: Torsten Schmidt 2017.

Seitdem haben die neuen Eigentümer das völlig vernachlässigte, teils durch unpassende Maßnahmen und nicht denkmalgerechte Baumaterialien beeinträchtigte Baudenkmal kontinuierlich instandgesetzt. Hierbei wurde nach Freilegung und Beseitigung der neueren und nicht denkmalgerechten Einbauten eine genaue Bauaufnahme vorgenommen und die Instandsetzung vom Eigentümer in Eigenleistung bei größtmöglichem Erhalt des Bestandes durchgeführt. Das Fachwerk wurde fachgerecht saniert, wobei die Fußschwellen vollständig und die äußeren Ständer teilerneuert worden sind. Die Gefache in diesen Bereichen sind mit Lehmsteinen ausgefacht und außen mit Kalk und innen mit Lehm verputzt worden.
Die alte Deele mit den geschwungenen Kopfbändern ist heute wieder in voller Höhe erlebbar und dient als Eingangs-, Erschließungs- und Wohnraum. Eine neue Stahltreppe und Empore verbinden das Erdgeschoss mit den Räumen in den oberen Ebenen. Im ausgebauten Dachboden entstanden Schlafräume für die Familie. Die neuen Giebelfenster wurden im Format entsprechend alter Lukenöffnungen gewählt und schlicht gestaltet. In den Außenwänden konnten die störenden liegenden Fensterformate zurückgebaut durch neue geteilte Holzfenster in den historischen Öffnungen ersetzt werden.


Das Fachwerkhaus Kirchplatz 4, Ansicht von Süden, Zustand 2011. Foto: Torsten Schmidt.

In dem kleinen Garten wurde der alte Brunnen wiederhergestellt. Mit dem direkten Zugang zum Kirchhof, der als öffentliche Fläche den Kindern zum Spielen und den Eltern zum Austausch dient, ist die historische Erschließung wieder gegeben.
Sämtliche Arbeiten der Sanierung des Gebäudes wurden sowohl textlich als auch zeichnerisch vorbildlich dokumentiert und in regelmäßigen Abständen von Frau Jungert und Herrn Schmidt mit allen Beteiligten abgestimmt. Die Änderungen für eine zeitgemäße Nutzung wie Badeinbauten und technische Anlagen wurden auf ein Minimum beschränkt; der Erhalt der Bausubstanz und die Sichtbarmachung des historischen Erscheinungsbildes standen im Vordergrund dieser hervorragend gelungenen Denkmalinstandsetzung. Die Eheleute Jungert/Schmidt bringen sich mit ihrer inzwischen auf fünf Personen angewachsenen Familie engagiert in das dörfliche und gemeindliche Leben ein. Sie haben unter großem persönlichem Einsatz, mit viel Sachverstand und Wertschätzung das bescheidene, aber für das Dorf Heiden bedeutende Baudenkmal erhalten.

Saskia Schöfer