Denkmal des Monats


Das Mindener Glacis

Die LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen hat die parkartig gestalteten Glacisanlagen von Minden als Denkmal des Monats Mai 2017 ausgewählt. Sie sind seit dem 9.2.2017 in die Denkmalliste der Stadt eingetragen.

Abwechslungsreiches Parkbild im Sinne der Trip’schen Gestaltungsidee. Foto: LWL/Herden-Hubertus.

In Minden werden die Anfänge der mittelalterlichen Stadtmauer auf die Zeit um 1230 datiert. Der heutige „grüne Ring“ um Mindens Kernstadt markiert den Bereich, in dem die Stadtbefestigung mit ihren Toren und Türmen, Gräben, Wällen und Bastionen bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts beständig verändert, erneuert und verstärkt und so den militärischen Erfordernissen einer Garnisonsstadt angepasst wurde. Vor dem Stadtwall und dem Stadtgraben erstreckte sich eine nach außen flachgeneigte Aufschüttung, die als freies Schussfeld diente – das sogenannte Glacis. Es war in Friedenszeiten teils mit Bäumen und Gebüsch als Sichtschutz bewachsen, damit feindliche Agenten nicht die Befestigungsanlagen ausspionieren konnten, teils wurde es als Gartenland genutzt und stand privilegierten Bürgern zum Spazierengehen offen.

Nachdem 1873 die Festung Minden aufgehoben worden war, wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Festungsbauwerke weitgehend geschleift. Dabei schonte man den seit Beginn des 19. Jahrhunderts aufgewachsenen Baumbestand auf dem Glacis, weil Abschnitte der Glacisanlagen auf Wunsch der Stadt in Parkanlagen umgewandelt werden sollten.


Markante Trauerbuche im nördlichen Glacisbereich. Foto: LWL/Siekmann.

Die Entfestigung der Städte und die Gestaltung von ehemals stadtumschließenden Festungswerken zu Parkanlagen und Promenaden ist eine zeittypische Erscheinung, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts begann und mit dem wirtschaftlichen Aufschwung sowie der Erschließung neuer Siedlungsbereiche in vielen ehemals befestigten Städte einherging. Wegen der militärstrategischen Bedeutung Mindens setzte diese Entwicklung hier etwas zeitverzögert ein. Grünanlagen im Bereich der ehemaligen Wall-Graben-Zone dienten dem Spazierengehen, der Kommunikation und dem Vergnügen der Bürger. Zugleich waren sie Ausdruck des städtischen Selbstverständnisses und galten aufgrund des attraktiven Umfeldes als bevorzugte Bereiche für eine angrenzende Neubebauung mit Villen des wohlhabenden Bürgertums oder mit repräsentativen militärischen und zivilen Verwaltungsbauten.

Die Ausgestaltung, Erhaltung und Pflege der Mindener Glacisanlagen übernahm ab 1873 zunächst ein Verschönerungsverein. Wege wurden angelegt, Bänke aufgestellt, Bäume gepflanzt, gärtnerische Schmuckanlagen an den Kriegerdenkmälern geschaffen, ein Kinderspielplatz angelegt und die Ufer des Schwanenteiches gestaltet. Nach der Auflösung des Vereins übernahm 1890 die städtische Parkkommission die Betreuung der Grünanlagen und beauftragte den hannoverschen Stadtgarteninspektor Julius Trip (1857–1907) und den Hofgärtner Georg Tatter (1858–1924) aus Hannover-Herrenhausen mit der Erstellung eines Gutachtens über den künftigen Umgang mit den Glaciswaldungen.

Trip und Tatter empfahlen eine behutsame Auslichtung der über längere Zeit nicht durchforsteten Waldbereiche nach gartenkünstlerischen Gesichtspunkten. Dabei sollten markante Einzelbäume und Baumgruppen erhalten bzw. entwickelt, Lichtungen angelegt und das Gelände modelliert werden, um ein malerisches Parkbild zu schaffen und „Ausblicke in die herrliche Umgebung, die weltberühmten Waldberge der Porta“ zu ermöglichen, wie es in dem Gutachten hieß.


Brücke über die Bastau in der Nähe des Schwanenteiches, Brückengeländer mit Jugendstilornamenten. Foto: LWL/Herden-Hubertus.

Julius Trip zählt zu den maßgeblichen Wegbereitern des Freiraumtyps Waldpark, dem im ausgehenden 19. Jahrhundert unter sozialreformerischen, städtebaulichen, stadtklimatischen und forstästhetischen Gesichtspunkten eine hohe Bedeutung zuerkannt wurde. Bei den Baumarten bevorzugte Trip eine Mischung aus Eiche, Rotbuche, Linde und Platane, ergänzt um Nadelgehölze wie Eibe, Weymouths- und Schwarzkiefer, damit ein im Jahresverlauf abwechslungsreiches Parkbild die Besucher erfreuen sollte. Vorbei an Arealen mit einheimischen Waldblumen sollten geschwungen geführte Wege den ästhetisch aufgewerteten Wald für die Besucher erschließen. 1892/93 wurde mit der Umsetzung von Trips und Tatters Vorstellungen in dem der Weser zugewandten Abschnitt des Glacis begonnen und in den Folgejahren unter dem Stadtgärtner Louis Isermann die Gestaltung der verschiedenen Glacisabschnitte vollendet. Bei der Verlegung der Bastau in den Jahren 1903/04 grub man ein neues Flussbett, das sich mit seinen leicht gekrümmten Uferlinien wie ein natürlicher Bachlauf in das Parkgelände einfügt und von mehreren Brücken mit zeitgenössischen Jugendstilornamenten an den Geländern gequert wird.

Obwohl in den Kriegsjahren 1914–1918 und 1939–1945 die Pflege reduziert werden musste, ab Mitte der 1950er-Jahre neue Bäume gepflanzt und Wege erneuert wurden und man 1973 die Grünanlagen des Glacis teilweise umgestaltete und Radwegeverbindungen schuf, ist die gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts erfolgte Gestaltung bis heute ablesbar.

Dank der weisen Voraussicht der Stadtväter, die nach 1873 beharrlich und zielstrebig den Erwerb der Festungs- und Glacisanlagen betrieben, sowie dank der andauernden und behutsamen Pflege hat sich in Minden ein Dokument historischer Freiraumgestaltung erhalten, das in Ausdehnung, Größe und Vielgestaltigkeit in Westfalen-Lippe einzigartig ist. Gleichwohl zeigt sich an manchen Stellen des Glacis, dass ein an einem denkmalpflegerischen Konzept (Parkpflegewerk) ausgerichteter Umgang mit der historischen Parkanlage dringend geboten ist, damit der von Julius Trip intendierte Charakter eines Waldparks erhalten bleibt.

Uwe Siekmann