Denkmal des Monats


Zur Geschichte des sogenannten Franzosenfriedhofs in Meschede

Die Kriegsgräberstätte und sowjetische Gedenkstätte in der Fulmecke

1914 wurde in Meschede ein Kriegsgefangenenlager errichtet. Da während des Ersten Weltkrieges hier bis zu 15.000 Gefangene untergebracht waren, entstand die Notwendigkeit, einen Friedhof für die in Gefangenschaft gestorbenen Menschen in der Umgebung des Lagers anzulegen.

Das Eingangsportal des sogenannten Franzosenfriedhofs in Meschede. Foto: LWL/Dietrich.

Wie Bilddokumente belegen, waren die französischen Kriegsgefangenen an der Gestaltung des Friedhofs maßgeblich beteiligt. So schufen sie in Werkstätten des Gefangenenlagers das Eingangsportal, das mit seinen mit Urnen bekrönten Sandsteinpfeilern einen repräsentativen Eindruck macht. Dieser wurde ursprünglich durch zwei geflügelte Löwenskulpturen auf Podesten noch gesteigert. Auf den Mauerstücken an beiden Seiten des Portals befinden sich auf stilisierten Blättern die Schriftzüge „LOIN DE LA PATRIE REPOSEZ EN PAIX“ auf der linken Seite und auf der rechten Seite „RUHET SANFT IN FREMDER ERDE“. Die aufwendige, kunstvolle Gestaltung des schmiedeeisernen Tores betont die barock anmutende Pracht des Eingangsportals, die damit sicherlich nicht nur Bezug auf Frankreich nehmen, sondern auch den verstorbenen Kameraden eine ehrenvolle Ruhestätte geben sollte.


Das Denkmal des französischen Soldaten. Foto: LWL/Dietrich.

Wichtigster Bestandteil des Friedhofs war das Denkmal des französischen Soldaten. Auf einem hohen, bekränzten Sockel steht die Skulptur eines französischen Soldaten, der vor sich einen Spaten hält. Die geschlossenen Augen und die abgenommene Mütze weisen auf ein Gebet oder stilles Gedenken hin. Die Gedenkinschrift auf dem Sockel lautet: A LA MEMOIRE / DE NOS CAMARADES MORTS / EN CAPATIVITÉ / 1915–1916 / 1939–1945 / ZUM ANDENKEN / UNSERER IN GEFANGENSCHAFT / GESTORBENEN KAMERADEN. Dabei ist aufgrund der Zeilenabstände zu erkennen, dass die Zeile „1939–1945“ nachträglich ergänzt wurde. An der Einweihungsfeier des Friedhofes am 16. Juli 1916 durfte auch eine Abordnung von 300 Mann aus dem Lager teilnehmen. Durch die dominanten Zeugnisse der französischen Kriegsgefangenen bürgerte sich der Name „Franzosenfriedhof“ ein.


Werkstatt im Kriegsgefangenenlager mit der Skulptur des französischen Soldaten (Stadtarchiv Meschede).

Die französischen, belgischen und italienischen Toten wurden in den Jahren 1926 und 1927 in ihre Heimatländer überführt, wodurch der Friedhof – abgesehen von dem Eingangsportal und dem Denkmal des französischen Soldaten – mehrfach umgestaltet wurde. Aus der Zeit des Ersten Weltkrieges verblieben somit wohl nur die russischen und polnischen Toten auf dem Friedhof.

Während des Zweiten Weltkrieges wurden zunächst Zwangsarbeiter aus den Ostgebieten, die in der Gefangenschaft starben, hier beerdigt. Nach Kriegsende wurden russische und polnische Zwangsarbeiter, die in den letzten Kriegstagen in Warstein, Suttrop und Eversberg bei Massenexekutionen der SS hingerichtet wurden, auf dem Friedhof beigesetzt: Zwischen Eversberg und Meschede wurde 1947 ein Massengrab entdeckt und nach Meschede verlegt. Nach dieser Beisetzung fand eine offizielle Trauerfeier am 3. April 1947 statt, an der sich die örtliche Bevölkerung jedoch kaum beteiligte.

Auf dem Friedhof gibt es sechs kissenartige Gedenksteine aus Sandstein für Massengräber, deren Inschrift bis auf die Anzahl der Toten identisch ist: HIER RUHEN (XX) / SOWJETISCHE BÜRGER, / DIE IN DER SCHWEREN ZEIT / 1941- 1945 / FERN VON IHRER / HEIMAT STARBEN. Besonders ein Gedenkstein mit der Anzahl von 80 Toten und dem einzelnen Jahr 1945 lässt auf die Massenexekution durch die SS am 22. März 1945 zwischen Eversberg und Meschede schließen. Bei der verharmlosenden Inschrift ist dies allerdings nur mit umfangreichem Hintergrundwissen verständlich, was die eigentliche Aufgabe und Bedeutung eines Gedenksteines ad absurdum führt. Hinweise dafür, dass diese kissenartigen Gedenksteine erst in den 1960er-Jahren oder später aufgestellt wurden, liefern der relativ gute Erhaltungszustand und die Tatsache, dass einer der identischen Steine die Jahreszahl 1914–1918 trägt.


Der Obelisk mit deutscher Inschrift. Foto: LWL/Dietrich.

1964 wurden eine Kriegsgräberstätte von Suttrop sowie eine Einzelgräberanlage aus Warstein/Langenbachtal von 1945 nach Meschede verlegt. Mit der Überführung der Toten aus Warstein/Langenbachtal wurde von dort ein dreikantiger Obelisk transloziert. Dieser sowjetische Gedenkstein hat an jeder Seite gleich gestaltete Inschriftentafeln in Russisch, Deutsch und Englisch und darüber einen tieferliegenden rot gefassten Stern, in dessen Innerem Hammer und Sichel schwarz gefasst sind. Die deutsche Inschrift lautet: HIER / RUHEN RUSSISCHE / BÜRGER BESTIALISCH / ERMORDET / IN FASCHISTISCHER / GEFANGENSCHAFT / EWIGER RUHM / DEN GEFALLENEN HELDEN / DES GROSSEN / VATERLÄNDISCHEN / KRIEGES/ 1941–1945. Wann die rote Fahne und der Stern von der Spitze des Obelisken entfernt wurden, konnte bisher nicht nachgewiesen werden.

Die Initiative zur Translozierung der Kriegsgräberstätte von Warstein nach Meschede ging von der Kriegsgräberfürsorge aus. Sie ist auch vor dem Hintergrund zu betrachten, dass es bei sowjetischen Kriegsgräberstätten nach 1950 vermehrt zur Vernachlässigung der Bausubstanz und zu politisch motivierten Versuchen einer Umgestaltung kam. Diese Kriegsgräberstätte gibt nicht nur Auskunft über Geschehnisse im Ersten und Zweiten Weltkrieg, sondern verweist auf den Umgang der Deutschen mit der sowjetischen Erinnerungskultur von der Nachkriegszeit bis heute.

Eva Dietrich