Denkmal des Monats


„in halb gothischem Style“

Burg Herstelle an der Weser

„Auf einer senkrechten Felsenklippe, an seinem Fuße ein Dorf beherrschend“, so beschrieb Annette von Droste-Hülshoff 1841 die Ansicht des Burggeländes von Herstelle über dem Wesertal.


Ansicht von Dorf und Burg Herstelle von Norden. Aufnahme Juli 2008. Foto: LWL/Heuter.

Nicht nur aufgrund dieser Würdigung möchte man die Burg als Inbegriff der deutschen Romantik bezeichnen, denn sie war Schauplatz einiger wichtiger Begegnungen von Künstlern und Literaten des frühen 19. Jahrhunderts. Annette von Droste-Hülshoff kam oft hierher zu Besuch, traf sich mit ihrer Cousine Amalie und deren Lehrer, dem Maler Ludwig Grimm, sowie dessen ungleich bekannteren Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm.

Damals gehörte die Burg der Fernandine von Heereman-Zuydtwyck, einer der vielen Tanten der Dichterin aus der großen Familie derer von Haxthausen, die eine Vielzahl an Burgen und Gütern im heutigen Kreis Höxter besaßen. Im Auftrag ihrer „Tante Dine“ fügte der Koblenzer Architekt Johann Claudius von Lassaulx 1826-32 das steinsichtige neue Hauptgebäude und den zinnenbekrönten Rundturm an das ältere, verputzte Amtshaus mit Mansarddach an, das der Vorbesitzer, der Paderborner Bischof Franz Egon von Fürstenberg, 1798 hatte erbauen lassen.


Ansicht von Westen, links das Amtshaus von 1798, rechts der Bau von Lassaulx. Aufnahme April 2015. Foto: LWL/Brockmann-Peschel

Die Gestalt einer Burg in romantischer Landschaft, die Lassaulx den Neubauten verlieh, ist für Herstelle durchaus sinnfällig. Einen Steinwurf von den Landesgrenzen zu Hessen und Niedersachsen entfernt, liegt Herstelle in einem schon immer umkämpften Grenzgebiet. Schon der spätere Kaiser Karl hatte in den Sachsenkriegen 797/98 auf dem Hersteller Berg sein Winterlager aufgeschlagen und hier Weihnachten und Ostern gefeiert. Die Bischöfe von Paderborn errichteten später eine 1292 erstmals schriftlich erwähnte Burg, 1657 benachbart ein Kloster und blieben Eigentümer bis zur Säkularisation 1805. 1822 kaufte Fernandine von Heereman-Zuydtwyck die Burg vom preußischen Staat; die Burg blieb bis 1927 in Familienbesitz. In der Folgezeit wechselte sie mehrfach Besitzer und Nutzungen: Stahlunternehmen unterhielten ein Erholungsheim, die Zehntscheune wurde zum Gästehaus umgebaut. Von 1981 bis 2006 standen die Gebäude leer, die Bausubstanz wurde vernachlässigt und einige Umnutzungsideen scheiterten.


Konservierte Wandgestaltung im Hochparterre des Lassaulx-Baus. Aufnahme April 2015. Foto: LWL/Brockmann-Peschel

Mit dem Erwerb der Burganlage 2006 richtete sich die neue Eigentümerfamilie die Zehntscheune als Wohnung ein und sicherte zunächst das in der regionaltypischen Weise mit Sandsteinplatten gedeckte Dach des Burggebäudes. Klugerweise nahm man sich viel Zeit für die mehrjährig konzipierte Sanierung und die allmähliche Entwicklung einer Nutzungsidee. Dabei hielt das historische Gebäude eine Vielzahl an Überraschungen bereit. Im 20. Jahrhundert waren sämtliche Innenwände mit einem Zementputz überzogen worden, hinter dem sich der Hausschwamm entlang der Leitungskanäle ungehindert und unbemerkt ausbreiten konnte. Bei der notwendigen Putzabnahme und Schwammsanierung legte man 2009 in mehreren Räumen großflächige Partien der Wandfassungen aus der Zeit um 1830 frei. Während das illusionistische Quaderputzmauerwerk des Treppenturmes nur in Belegflächen erhalten werden konnte, wurden die architektonischen Gliederungen des dem Wintergarten benachbarten Raumes im Hochparterre mit großer Sorgfalt konserviert: Türen und Fenster wurden von gemalten Säulen gerahmt, von denen die Kanneluren und einige Kapitelle erhalten sind. Bei der jetzigen Konservierung hat man die durch Unachtsamkeit im 20. Jahrhundert geschädigten Befundstellen in ihrem fragmentarischen Charakter belassen. Um den Raumeindruck zu harmonisieren wurden lediglich kleinere Fehlstellen retuschiert und größere Partien in einer angeglichenen Farbigkeit ergänzt.

Mit der Entdeckung dieser bauzeitlichen Wandgestaltung erhielten die Eigentümer und auch öffentliche und private Förderer zusätzliche Motivation: Die hohe Qualität in der Ausführung ist auch den Zuschüssen zu verdanken, die das Land Nordrhein-Westfalen, der Bundesbeauftragte für Kultur und Medien, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz sowie die LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen bewilligten.

Seit 2015 wird das Haupthaus nun für Tagungen und Fortbildungen im Gesundheitssektor genutzt, die Sanierungsarbeiten verlagerten sich in das Amtshaus. Auch dort stieß man bei Abnahme der Tapeten auf historische Raumfassungen, die sogleich durch Restauratoren gesichert und sodann partiell freigelegt wurden, um Aufschluss über das ursprüngliche Konzept der Raumgestaltung zu erhalten.


Freigelegtes Christus-Monogramm, ehem. Kapelle im Amtshaus. Aufnahme November 2015. Foto: LWL/Heuter.

Aus dem Tagebuch der Annette von Droste-Hülshoff war die Existenz einer Kapelle in der Burg bekannt, die man jetzt anhand der gemalten Spitzbögen, vor allem aber durch die Bildfelder der illusionistisch in Kassetten gegliederten Decke mit einem Raum auf der Nordseite identifizieren kann: Freigelegt wurden die Monogramme von Christus im Osten (IHS Iesus Hominum Salvator = Jesus, der Menschen Erlöser), von Maria im Westen sowie mittig das Auge Gottes im Dreieck der Trinität mit Strahlenkranz. Die bisher aus Kostengründen erst partiell erfolgte Freilegung lässt erkennen, dass die Gliederung aller Wände erhalten ist oder in gestörten Bereichen durch Analogie zu symmetrisch entsprechenden Bereichen ergänzt werden kann – ausgenommen die untere Zone der Ostwand, wo offenbar ein Altar vor der Wand gestanden hat. Über das Maß an Freilegung, Konservierung und Restaurierung wird in den kommenden Monaten beraten. Doch schon durch die Kenntnis dieses Raumes komplettiert sich der Eindruck, den Annette von Droste-Hülshoff 1841 beschrieben hat: „Herstelle ist jetzt ein neues Gebäude, das in halb gothischem Style errichtet mit seinem schweren zinnengekrönten Thurme und chorartigen Ausbau halb den Eindruck einer Zwingfeste aus der Feudalzeit, halb den einer Kirche macht.“

Dr. Christoph Heuter