Denkmal des Monats


Drehen – Schieben – Wandeln

Restaurierung des neoromanischen Wandelretabels aus St. Marien in Paderborn-Neuenbeken

Das um 1900 geschaffene Retabel in St. Marien ist aufgrund seines besonderen Dreh- und Schiebemechanismus für Westfalen einzigartig. Die Idee, einen Altar zu schaffen, der den Kirchenbesuchern dank einer speziellen Mechanik ein bewegliches Bildprogramm zeigt und damit für ein kinoähnliches Erlebnis sorgt, geht auf den damaligen Pfarrer Hieronymus Tieckmann zurück. Die ortsansässigen Handwerker Christian Driller als Schmied und Joseph Menke als Stellmacher setzten die Pläne um. Aufgrund eines komplexen Schadensbildes wurde das Retabel kürzlich umfangreich restauriert.

Gesamtaufnahme des Wandelretabels nach der Restaurierung. Foto: LWL/Keinert.

Konstruktion und Gestaltung

Wandelretabel ist in symmetrischer Weise durch architektonische Holzelemente wie Rundbögen, Säulen und kleine Fenster im Stil der Romanik gegliedert. Im Zentrum befinden sich das Expositorium zur Aufbewahrung der Monstranz, rechts und links davon schließen sich jeweils zwei einfach unterteilte Seitenfelder an. In den insgesamt vier Seitenfeldern sind drehbare Holzkuben arretiert, die – je nach Ausrichtung – vier biblische Szenen zeigen. Diese Darstellungen sind entweder in plastischer Form als Schnitzreliefs wiedergegeben oder sie sind zweidimensional als Tafelmalerei auf Kupferplatten bzw. verzinktem Stahlblech gefertigt. Als prominenter Bildhauer für die Schnitzreliefs ist Anton Mormann, ein wichtiger Vertreter der sogenannten Wiedenbrücker Schule, zu nennen.


Dreh- und Schiebemechanismus eines großen Kubus in der Untersicht. Foto: Atelier J. Winkelbach.

Noch heute orientiert sich die Präsentation der einzelnen Bildzyklen an den Riten des Kirchenjahres. Eine Konstruktion aus Drehvorrichtungen, metallenen Schienen und hölzernen Schlitten macht die Dreh- und Schiebebewegung der Kuben möglich. Die großen Felder zeigen die Szenen „Die wunderbare Brotvermehrung“, „Die Hochzeit zu Kana“, „Die Verkündigung des Herrn“ und „Die Krönung Mariens“ mit den Assistenzfiguren Maria und Josef.

Nach einer Drehung um 180 Grad kommen rückseitig auf den großen Feldern die Bibelszenen „Kommet zu mir, die ihr mühselig beladen seid“, „Lasset die Kinder zu mir kommen“, „Auferweckung des Lazarus“ und „Tod des Heiligen Josef“ zum Vorschein. Diese Darstellungen können der Paderborner Künstlerwerkstatt Joseph Wagenbrenners und G. Krietemeyers zugewiesen werden. Die kleinen Felder zeigen die beiden Heiligen Bonifatius und Liborius sowie den Erzengel Michael als „Seelenwäger“ und einen Engel mit der Mahnung „Memento homo“.


Der Restaurator beim Ausbau eines kleinen Kubus. Foto: Atelier J. Winkelbach.

Restaurierungskonzept und Durchführung

In dem Zeitraum von September 2014 bis September 2015 fand die Restaurierung statt. Zunächst stand die Bestandsicherung des Retabels im Fokus. Hier erfolgte eine Durchsicht auf die verschiedenen Schäden, wobei zur besseren Übersicht Kartierungen zu Schadensphänomenen und deren Verteilung angefertigt wurden. Anschließend nahmen die Restauratoren die Festigung gelockerter Malschichten bzw. Fassungen sowie eine Oberflächenreinigung vor. Zur Verbesserung des Erscheinungsbildes schlossen sich eine Dünnung des verbräunten Überzugs sowie die Korrektur alter und farblich störender Übermalungen an. Farbausbrüche bzw. -fehlstellen wurden durch einen Kitt geschlossen und farblich integriert. Abschließend erfolgte der Auftrag eines neuen transparenten Überzugs. Die Restaurierung hatte ferner zum Ziel, die Funktionsfähigkeit des Retabels wiederherzustellen, die mehrere verbogene Bildträger aus Metall beeinträchtigt hatten. Die Tafeln mit den Deformationen wurden ausgebaut und mittels Pressendruck unter Verwendung weicher Zulagen so weit wie möglich begradigt. Um die Malschicht dabei nicht zu beschädigen, wurde diese zuvor vollflächig mit Kaschierungen aus einem speziellen Papier gesichert. Die Maßnahmendurchführung wurde fachlich und finanziell durch die LWL-Denkmalpflege, Landschafts- und Baukultur in Westfalen unterstützt.


Relief mit der Verkündigung Mariens nach der Restaurierung. Foto: Atelier J. Winkelbach.

Ausblick

Der Altar ist durch die gelungene Restaurierung heute wieder in seiner Schönheit und Funktionalität als Wandelretabel erlebbar. Damit dies lange so bleibt bzw. um bei neu auftretenden Schäden möglichst unmittelbar handeln zu können, soll im Rahmen eines Monitorings eine regelmäßige Zustandsüberprüfung von Malerei und Mechanik stattfinden. Bei einem Besuch im Paderborner Land darf ein Gang zu St. Marien in Neuenbeken mit Blick auf dieses außergewöhnlich spannende Retabel nicht fehlen!

Stephanie Keinert