Hippotherapeut Henry Martinez-Ramirez führt das Schulpferd "Amor" mit einem Patienten über das Gelände der LWL-Maßregelvollzugsklinik Rheine. Foto: LWL/Hannig

Wenn Tiere psychisch kranke Straftäter 'knacken'

LWL-Maßregelvollzugsklinik Rheine setzt auf kleine und große Co-Therapeuten

Münster/Rheine (lwl). Carlos L. (*Name geändert) reitet langsam über den schmalen Grünstreifen, innen entlang an der 5,50 Meter hohen Sicherheitszaunanlage und vorbei an den Kameramasten. Der 37-Jährige lebt seit zwei Jahren hinter den massiven Gittern in der Maßregelvollzugsklinik Rheine des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL). Und er nimmt jeden Termin der etwas anderen Therapie dankbar an. "Berühren, das weiche warme Fell des Tieres spüren, es am Halfter führen, reiten - das ist Abwechslung und bringt auch so viel Ruhe", sagt der Patient, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet.

Er lächelt Henry Martinez-Ramirez an. Der Co-Trainer der kolumbianischen Nationalmannschaft der Springreiter ist ausgebildeter Hippotherapeut und arbeitet seit mehr als zwei Jahren nicht mehr nur mit Kindern mit Behinderung, sondern auch regelmäßig mit Patienten der Maßregelvollzugsklinik Rheine. Je nach Wetterlage kommt er ein bis zweimal in der Woche mit seinem Haflinger "Amor" auf das umzäunte Klinikgelände.

Hippotherapeut Henry Martinez-Ramirez (links) und einem Patienten mit Schulpferd "Amor". Foto: LWL/Hannig

"Für mich ist das ein ganz normales Arbeiten mit Klienten. Ich mache da keinen Unterschied", sagt Martinez-Ramirez, der in der direkten Nachbarschaft der Klinik lebt. Als die ehemalige Kaserne Anfang 2000 zur Maßregelvollzugsklinik umgebaut wurde, habe es viele Vorurteile und Ängste in der Nachbarschaft gegeben, erinnert er sich. "Auch ich hatte Angst, weil ich mich mit dem Thema vorher nie beschäftig hatte." Heute aber sei das anders. Martinez-Ramirez: "Es ist so ruhig hier, ich arbeite gerne mit den Patienten und freue mich über jeden ihrer Fortschritte."

Verantwortung und Anerkennung

Für die Patienten ist die Reittherapie Stimmungsaufheller und soziales Lernen zugleich. "Der Effekt hält meist über Tage an und bewirkt unter anderem, dass die Ärzte die Bedarfsmedikation der Patienten senken können. Der Umgang mit dem Pferd zum Beispiel bringt Selbstvertrauen und Motivation, was sich positiv auf die ganzheitliche Behandlung auswirkt und vorhandene Defizite kompensiert", weiß Simone Juwien, Pflegerische Leiterin der LWL-Maßregelvollzugsklinik Rheine, die tiergestützte Therapie zu schätzen.

Die Patienten in Rheine kümmern sich auf den Stationen um Aquarienfische, ein Wellensittichpaar, den Kater "Clyde", zwei Hühner und seit ein paar Monaten auch um die Ziegen "Clarissa" und "Elke". Für sie wurde auf dem Klinikgelände sogar ein eigenes kleines Gehege angelegt, das die Patienten gemeinsam mit Herbert Volmer, Fachkraft für tiergestützte Therapie an der Klinik, pflegen. "Die Patienten erleben positive Emotionen mit den Tieren und lernen gleichzeitig Verantwortung zu übernehmen, sich um jemanden zu kümmern, und sie bekommen auch Anerkennung", sagt Volmer. So habe es ein Patient, der eine schwere Gewalttat begangen hat, sogar geschafft, eine der Ziegen zu zähmen und ihr Kunststücke beizubringen. Eine Erfahrung, die sich auch auf das Verhalten des Patienten gegenüber seinen Mitmenschen spürbar positiv ausgewirkt habe.

Über den Hund Vertrauen und Verantwortung lernen: Krankenschwester Heidi Siefker mit einem Patienten beim Spaziergang auf dem Klinikgelände. LWL/Hannig

Retro-Mops "Rieke" bringt gute Stimmung

Eine besondere kleine Co-Therapeutin "arbeitet" seit einigen Monaten auf der Aufnahmestation der Maßregelvollzugsklinik: Retro-Mops "Rieke". Zusammen mit ihren menschlichen Kollegen betreut sie dort 15 Patienten, überwiegend jüngere, an Psychosen erkrankte Männer. "Durch ,Rieke‘ ist hier eine ganz andere Stimmung eingekehrt", sagt ihre Halterin Heidi Siefker stolz. Die 57 Jahre alte Krankenschwester ist seit sechs Jahren in der forensisch-psychiatrischen Klinik in Rheine beschäftigt.

Selbst bei an Schizophrenie erkrankten Patienten mit schweren Verläufen habe die Station mit "Rieke" schon gute Erfahrungen gemacht. "Sie schreckt auch vor Krisen nicht zurück. Sie hat ein gutes Gespür dafür, wenn ein Patient angespannt ist und sie schafft es, ihn aus diesen Situationen und aus der für uns manchmal unzugänglichen Welt herauszuholen." Patienten, die sonst eher verschlossen seien, würden über den Kontakt mit dem Hund deutlich zugänglicher und vertrauensvoller. Zu Problemen oder aggressivem Verhalten gegenüber "Rieke" sei es nie gekommen. Siefker: "Ich muss nur aufpassen, dass sie nicht von allen zu sehr verwöhnt und gefüttert wird."

Information zur LWL-Maßregelvollzugsklinik Rheine:
Seit 2005 bietet die LWL-Maßregelvollzugsklinik Rheine 84 Plätze für psychisch kranke Straftäter in einer ehemaligen Kaserne an, die nach modernen Therapie- und Sicherheitsstandards umgebaut wurde. Die Klinik ist eine Außenstelle der LWL-Klinik Schloss Haldem in Stemwede. Sie wird bis zur Fertigstellung der neuen LWL-Maßregelvollzugsklinik in Hörstel-Dreierwalde als Übergangsklinik geführt. In der Einrichtung sind psychisch kranke Menschen sowie Patienten mit hirnorganischen Störungen und verminderter Intelligenz untergebracht, die eine Straftat begangen haben und nicht oder nicht voll für die Tat verantwortlich gemacht werden konnten.

Weitere Informationen unter www.lwl.org/LWL/Gesundheit/Massregelvollzug
und www.lwl.org/LWL/Gesundheit/Massregelvollzug/Kliniken/Rheine