Ein Held bloß in der Pixelwelt

Internetabhängige in der Suchtambulanz

Ein junges Paar mit einem erst wenige Wochen alten Baby spielt ein Onlinespiel. In der virtuellen Welt sind sie ebenfalls verheiratet und Eltern eines Kindes. Das Kind aus Pixeln wächst und gedeiht. Das reale Kind stirbt an Vernachlässigung. Das ist die rabenschwarze Seite der Glücks- und Glitzerwelt, wie sie ab kommenden Mittwoch (5.8.) wieder bei der Gamescom-Spielemesse in Köln gefeiert werden dürfte. Zwar bleiben solche Extremfälle glücklicherweise Ausnahmen. Sie zeigen aber, wie verheerend die Auswirkungen von Medienabhängigkeit sein können. Privatdozent Dr. Bert te Wildt, ärztlicher Psychotherapeut im Universitätsklinikum Bochum für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) leitet die einzige Medienambulanz in Westfalen-Lippe und kennt sich aus mit Menschen, die in der virtuellen Welt Erfolge feiern - und darüber die Kontrolle über ihr reales Leben verloren haben.

Dr. Bert te Wildt beschäftigt sich seit zwölf Jahren mit Diagnostik, Folgen und Therapie von Medienabhängigkeit. Seit 2012 leitet er die einzige Medienambulanz in Westfalen-Lippe. Foto: LWL

Ist Medienabhängigkeit ein neues Phänomen?

Te Wildt: Jein. Fast jedes neue und bahnbrechende Medium geriet in Verdacht, abhängig und dumm zu machen. Das war selbst beim Buch so. Neu ist allerdings, dass mit dem Internet erstmals ein Medium im klinischen Sinn behandlungsbedürftige Abhängigkeitserkrankungen hervorruft. Besonders in asiatischen Ländern gibt es mittlerweile zahlreiche Einrichtungen für Internetabhängige. Auch in Deutschland steigt die Zahl.

Ist also jeder Medienabhängige im Grunde abhängig vom Internet?

Te Wildt: Ja. Letztlich geht es fast immer um Onlineabhängigkeit. Reine Konsolenspiele etwa scheinen kein so großes Abhängigkeitspotenzial zu haben. Diese Unterscheidung ist eigentlich ohnehin obsolet. Es gibt kaum noch Spielkonsolen ohne Onlinezugang.

Warum wird man eher vom Internet abhängig als von anderen Medien?

Te Wildt: Ein Grund ist der, dass letztendlich alle Vorläufermedien, die es je gab, im Internet zusammenfließen. Wir finden dort fast jedes Buch, jeden Film, jede Musik, die der Mensch je geschaffen hat. Und es gibt eine schier unendliche Auswahl an Menschen, mit denen wir dort interaktiv in Kontakt treten können - vor allem in Onlinespielen, in Cybersex-Angeboten und in sozialen Netzwerken. Diejenigen, die sich bei uns in der Medienambulanz vorstellen, bewegen sich in der Regel in einer dieser drei Kategorien. Lange haben wir hauptsächlich junge Männer mit Onlinespielabhängigkeit gehabt und bis zu einem gewissen Prozentsatz eher mittelalte Männer mit einer Cybersexsucht. Jetzt kommen zunehmend Menschen mit einer Abhängigkeit von sozialen Netzwerken. Davon sind vor allem Frauen betroffen.

Wo beginnt Abhängigkeit? Müssen Eltern sich Gedanken machen, wenn ihr Sohn am liebsten den ganzen Tag vor dem Computer sitzt?

Te Wildt: Natürlich ist es ein Zeichen für Abhängigkeit, wenn Menschen mehr als acht Stunden ihrer Wachzeit im Internet verbringen. Wir haben hier sogar Patienten, die 16 oder mehr Stunden online sind - und das zum Teil über Jahre. Letztlich ist die Zeit, die jemand im Internet verbringt, jedoch gar nicht so entscheidend. Entscheidend sind Kriterien, die auch für andere Süchte wie etwa Alkoholabhängigkeit gelten: Bei medienabhängigen Menschen kreist häufig ihr gesamtes Denken um das Suchtmittel. Wenn ihnen der Zugang zum Internet verwehrt ist, zeigen sie Entzugserscheinungen. Außerdem ist mindestens ein Lebensbereich nachhaltig geschädigt: Wer medienabhängig ist, vernachlässigt seine Schule oder seine Arbeit, Beziehungen und Freundschaften gehen kaputt. Nicht selten verwahrlosen die Betroffenen auch körperlich. Wer 16 Stunden im Dunkeln vor dem Computer hockt, hat keinen vernünftigen Tag-Nacht-Rhythmus mehr, nimmt meist nur Fast Food zu sich - und das auch sehr unregelmäßig. Die Betroffenen werden häufig übergewichtig, sind aufgrund des Lichtmangels blass, überanspruchen ihre Augen und manchmal auch Hände. Es kommt sogar zu Sehnenscheidenentzündungen. Auch die Hygiene leidet manchmal: Duschen kostet zu viel Zeit, die lieber vor dem Computer verbracht wird. Es gibt Menschen, die sich einen Eimer unter den Schreibtisch stellen, um nicht zur Toilette gehen zu müssen. Im Extremfall können medienabhängige Menschen sogar sterben - in der Regel aufgrund von Schlaf- und Flüssigkeitsmangel.

Warum wird jemand überhaupt internetabhängig?

Te Wildt: Aus den gleichen Gründen, aus denen Menschen auch alkoholabhängig werden: Probleme im Berufs- oder Privatleben. Dann gerät man schnell in einen Teufelskreis der Sucht: Der Alkoholiker trinkt, um sich darüber hinwegzutrösten, dass er gerade durch den Alkohol seine Familie und seine Arbeit verloren hat. Für Internetabhängige ist das Internet irgendwann der einzige Ort, an dem sie noch Positives erleben und Erfolge erzielen können - sei es durch Rankinglisten, das Erreichen bestimmter Spielelevel oder das Sammeln von Likes und Freunden in sozialen Netzwerken. Auch wenn in der realen Welt alles schief läuft, empfinden sie sich in der virtuellen Welt als Helden.

Wer ist besonders gefährdet?

Te Wildt: Es gibt bestimmte Faktoren, die eine Internetabhängigkeit bedingen. Ein Punkt ist das Suchtmittel selbst: Erfolge wie ein guter Platz in Spielranglisten, viele Kontakte in sozialen Netzwerken oder - im Fall von Cybersexabhängigkeit - auch sexuelle Reize aktivieren unser Belohnungssystem. Ein zweiter Punkt ist der Zugang zum Suchtmittel. Der ist für Medienabhängige sehr leicht, schließlich sind wir fast immer online - egal ob Zuhause, auf der Arbeit oder unterwegs. Das macht es besonders schwer, abstinent zu leben. Der dritte Faktor ist unser soziales Umfeld: Wenn Menschen durch Jobverlust, Trennung oder andere Umstände in eine Lebenskrise geraten, ist die Frustration groß - und damit auch die Gefahr, auf der Suche nach Trost und Belohnung im Netz abhängig zu werden. Eine Rolle spielt auch die vielbeschworene Leistungsgesellschaft: Wenn in der realen Welt ein extrem hoher Leistungsdruck besteht, flüchten sich viele in die spielerischen Weiten der virtuellen Welt.

Von wie vielen Betroffenen reden wir?

Te Wildt: Man geht von etwa 800.000 Internetabhängigen in Deutschland aus. Bei etwa doppelt so vielen Menschen ist der Onlinekonsum grenzwertig. Besonders in der Gruppe der 14- bis 24-Jährigen gibt es viele Betroffene. Kinder und Jugendliche gehen heute sehr früh online - da wird die Gefahr einer Abhängigkeit natürlich größer.

Kommen die Betroffenen freiwillig in die Medienambulanz oder sind sie sich des Problems gar nicht bewusst?

Te Wildt: Häufig kommen die Betroffenen erst mal fremdmotiviert. Wir behandeln jährlich etwa 250 Patienten - viele werden von ihren Eltern oder Partnern zu uns geschickt. Gemeinsam klären wir dann mit den Betroffenen, ob überhaupt eine Abhängigkeit vorliegt.

Wie sieht denn die konkrete Behandlung aus?

Te Wildt: Nach einer ausführlichen Diagnostik arbeiten wir vor allem über eine ambulante Gruppentherapie. In Einzelfällen können wir Patienten auch stationär oder tagesklinisch behandeln - aber nur, wenn sie danach auch an der Gruppentherapie teilnehmen können. Es würde nichts bringen, Betroffene nur ein paar Wochen im Krankenhaus zu behandeln. Wenn sie dann in ihre alte Lebenssituation entlassen werden, ist der Rückfall vorprogrammiert. In der Gruppe lernen die Patienten, wieder Verantwortung für ihr Leben und ihren Körper zu übernehmen, sich in der Offline-Welt überhaupt zurechtzufinden - und die Zeit zu füllen, die sie sonst im Internet verbracht haben.

Ist das Ziel die komplette Abstinenz?

Te Wildt: Ja, das empfehlen wir. Viele Patienten bestehen erst auf einer kontrollierten Nutzung der abhängig machenden Inhalte, merken dann aber recht schnell, dass das viel schwerer ist, als komplett abstinent zu bleiben. Eine komplette Internet-Abstinenz ist allerdings nicht möglich - häufig schon aus beruflichen Gründen.

Handelt es sich bei Medienabhängigkeit um eine eigenständige psychische Krankheit?

Te Wildt: Nein, noch nicht. Ich bin aber zuversichtlich, dass sich das in nächster Zeit ändern wird. Die Krankenkassen erkennen die Diagnose in der Regel schon an. Als ich vor zwölf Jahren begonnen habe, mich mit dem Thema zu beschäftigen, wurde ich noch häufig belächelt. Mittlerweile haben die meisten Fachärzte und Therapeuten die Bedeutung dieser Erkrankung erkannt.

An wen wende ich mich, wenn es in der Nähe keine Medienambulanz gibt?

Te Wildt: Ist keine Spezialambulanz in der Nähe, sind der erste Ansprechpartner die klassischen Suchtberatungsstellen von Caritas, Diakonie und kommunalen Trägern.


Weiterführende Informationen über Medienabhängigkeit und ihre Folgen finden Sie in Dr. Bert te Wildts Buch "Digital Junkies". Am 27.8. hält er im LWL-Museum für Kunst und Kultur zu diesem Thema zudem einen Vortrag.

 

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