Von Anis bis Zimt
Ein Integrationsunternehmen führt die traditionsreiche Gewürzmanufaktur Fortkamp & Wiegers in Gelsenkirchen weiter
Sandy Sommer sortiert in einer weißen Pappkiste auf dem Tresen kleine Cellophan-Tütchen. Weißer Pfeffer, doppelt in Reih und Glied, der Inhalt kaum mehr als daumendick. Oben mit einer Klammer zugedrückt. „Fein gemahlen, 50 Gramm“, ist auf dem Etikett zu lesen. Die Frau im weißen Kittel richtet daneben eine Reihe mit schwarzem Pfeffer auf. Die Mitnahme-Päckchen für die Theke im Direktverkauf. Sandy Sommer sagt: „Die sind beliebt“.
Pfeffer und Gewürzmischungen sind die zentralen Produkte der Gewürzmanufaktur Fortkamp & Wiegers, einer alteingesessenen, vor 90 Jahren gegründeten Gewürzmühle in Gelsenkirchen. Das riecht man auch in dem Tochterunternehmen der „Gelsenkirchener Werkstätten für angepaßte Arbeit“, das – vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) unterstützt – als Integrationsunternehmen weitergeführt wird. Schon wer durch den engen Eingang die wenigen Treppenstufen zur Ladentür mit der Glas-Klappe hinaufsteigt, spürt das Süsslich-Pfeffrige in der Luft erst in der Nase und einen Moment später auf der Zunge. Der Geruch von frisch gemahlenem Pfeffer wird im Laden noch intensiver.
Sandy Sommer lässt sich davon nicht bei der Arbeit stören, nippt zwischendurch am Glas Multivitaminsaft. Auch wenn heute im Walzstuhl, der sich über die drei Etagen des Firmengebäudes aus dem Jahr 1931 zieht, Pfefferkörner geräuschvoll zermahlen und abgefüllt werden, zählt sie konzentriert die Tütchen-Reihen ab. Sie ist Mitarbeiterin der „Gelsenkirchener Werkstätten für angepaßte Arbeit“, einer gemeinnützigen Einrichtung für Menschen mit Behinderung. In der Gewürzmanufaktur absolviert sie ein Praktikum. Und sie hofft, hier einen festen Arbeitsplatz zu finden. So wie bereits vier Kollegen vor ihr, die den Sprung in die Stammbelegschaft geschafft haben. „Dies hier ist eine große Herausforderung für mich“, sagt Sandy Sommer betont ernst, blickt kurz hoch und zählt weiter. Wegen ihres Handicaps, ihres Down-Syndroms.
Die Welt scheint in den Räumen der Mühle stehen geblieben zu sein. Die Aktenschränke scheinen alt zu sein, wie auch die wenigen Maschinen, die für den Betrieb nötig sind. Die meisten Gewürze von Anis bis Zimt kommen aus aller Welt per Schiff im Hamburger Hafen an und werden über Gewürzhändler nach Gelsenkirchen geliefert, erzählt Betriebsleiter Lothar Puzicha.
Die Gewürzmanufaktur Fortkamp & Wiegers hieß früher mal Indu-Gewürzmühle. Die Produkte des Familienunternehmens standen unter verschiedenen Markennamen in den Regalen der großen Discounter. Weil die Kinder des Inhabers andere Pläne hatten, stellte sich die Frage der Nachfolge. Es gab die Idee, die alte Gewürzmühle zu einem Museum zu machen, um die kunterbunte Welt der Gewürze zu erhalten. Doch dann fand sich mit den Gelsenkirchener Werkstätten ein kompetenter Partner, der bereit war, das Unternehmen als Integrationsbetrieb weiterzuführen.
Momentan befindet sich die Firma im Umbruch. „Wir haben viel Geld investiert“, sagt Betriebsleiter Lothar Puzicha, der vorher 27 Jahre als Unternehmer im Ausland tätig war. Fortkamp & Wiegers baut nach der Übernahme um, modernisiert die Lager für die Gewürzsäcke. Das Erdgeschoss wird barrierefrei gestaltet. Die Maschinen des früheren Acht-Mann-Betriebs, die bisher fast ohne Elektronik auskamen, werden erneuert.
Die Nachfrage nach den sorgfältig gemahlenen Pfeffersortimenten, Einweckgewürzen, Gewürzsalzen und Grillgewürzen des Traditionshauses aus Gelsenkirchen ist groß. Und sie muss schnellstens befriedigt werden. Mit Zuschüssen und Darlehen haben neben dem LWL das Land NRW über das Landesprogramm „Integration unternehmen!“, die Stiftung Wohlfahrtspflege und die Aktion Mensch es möglich gemacht, dass aus der Gewürzmühle ein modernes Integrationsunternehmen wird, das im Wettbewerb bestehen soll.
Für Sandy Sommer ist der Gewürze-Verkauf „wie eine neue Welt.“ Selbst das Wiegen geht ihr leicht von der Hand. Mathe habe sie in der Schule immer beherrscht, „wie eine Eins“. Und Sandy hofft, dass es klappt mit dem festen Arbeitsplatz mit dreizehntem Monatsgehalt und Rentenversicherung. Das fände sie richtig gut, denn „ich will auch gerne selbstständig werden“. Sie fährt allein mit der Straßenbahn zur Arbeit, wohnt noch bei der Mutter in Gelsenkirchen. Deren Meinung ihr besonders wichtig ist: „Mama hat gesagt, das hier tut mir gut.“