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Integrationsunternehmen in Westfalen

Eine feste Arbeit – davon träumen viele Menschen mit einem Handicap. Sie sind behindert, weil sich durch einen Unfall plötzlich ihr Leben geändert hat. Sie haben Gewalt erlitten, sind Opfer eines Kriegs geworden. Oder sind mit der Behinderung geboren worden. Rund 150 Integrationsunternehmen oder -abteilungen in Betrieben in Westfalen-Lippe lassen diesen Traum von einem Leben mit Arbeit, eigener Wohnung und geregeltem Einkommen für immer mehr Menschen mit Behinderungen Wirklichkeit werden.

Seite an Seite mit ihren Kolleginnen und Kollegen arbeiten sie verstreut über die Region in Industrie, Handwerk oder Handel. Es gibt Supermärkte als Integrationsbetriebe, Hotels, Cafés, Radstationen ebenso wie Golfplätze. Und sogar eine Brauerei wird von Menschen mit körperlichen und/oder psychischen Behinderungen mitbetrieben.

Das LWL-Integrationsamt Westfalen des Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) setzt sich dafür ein, dass möglichst viele schwerbehinderte und ihnen gleich gestellte behinderte Menschen einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätz am allgemeinen Arbeitsmarkt bekommen. Unsere Gesellschaft soll so gestaltet werden, fordert die UN-Konvention zur Inklusion seit 2009, dass jeder Mensch mit Behinderung ihre Angebote problemlos wahrnehmen kann. Das Motto heißt: „Unternehmen tun Gutes – inklusiv arbeiten!“

Im Gegensatz zu den in der Öffentlichkeit bekannteren Werkstätten für behinderte Menschen stehen die Integrationsprojekte markt- und wettbewerbsorientiert mit allen Konsequenzen eines Wirtschaftsunternehmens mitten im allgemeinen Arbeitsmarkt.


Aktuelle Berichte

Der Blick hinter die Kulissen

Bis zur 3. LWL-Messe der Integrationsunternehmen am 9. April 2014 stellen wir Ihnen 13 ausgewählte Unternehmen in Westfalen mal genauer vor.Unter diesem Link "Im Porträt - Integrationsunternehmen in Westfalen" erhalten Sie weitere Einblicke in die Arbeitswelt der Unternehmen aus den verschiedensten Branchen.

Service und Qualität müssen stimmen

AWO Service in Gelsenkirchen

  • Carsten Wiegand (Mitte), Betriebsleiter der Musiktheater-Kantine, hat mit seinem Team einen Treffpunkt mit Qualität zu guten Preisen geschaffen. Foto: Thorsten Arendt

  • Thomas Kölsche mag besonders die vielfältigen Aufgaben an seinem Arbeitsplatz. Foto: Thorsten Arendt

  • Hinter den Kulissen gibt es Handarbeit zu tun – hier sticht Thomas Kölsche Toastbrot für die Kanapees aus. Foto: Thorsten Arendt

  • Arbeit auf dem ersten Arbeitsmarkt: Bürokauffrau Frederike Notthoff mag Zahlenkolonnen. Foto: Thorsten Arendt

  • Frederike Notthoff hat die Zahlen im Blick und sammelt sie für die Buchhaltung. Foto: Thorsten Arendt

  • Frederike Notthoff schaut sich die Abrechnungen vom heutigen Tag an. Foto: Thorsten Arendt 

  • Thomas Kölsche an einem seiner Einsatzorte: In der Spülküche. Foto: Thorsten Arendt

  • Hier geht es lang zur Kantine! Foto: Thorsten Arendt

  • Das Team hat für die Gäste immer ein Lächeln auf den Lippen. Foto: Thorsten Arendt

Die Qualität muss stimmen

AWO-Service, Gelsenkirchen

In der Kantine des Musiktheaters Gelsenkirchen arbeiten elf Menschen, fünf davon haben eine Behinderung. Gemeinsam haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der AWO Service GmbH einen Treffpunkt für die Gäste geschaffen, der immer beliebter wird.

Eine Balletttänzerin mit zwei verschiedenfarbigen Hosenbeinen bestellt einen Joghurt mit Müsli, ein Bühnentechniker Pasta mit Rucola und Walnüssen, ein Mittfünfziger mit tiefblauem Jackett ein Schnitzel. „Mit Reis, nicht mit Pommes, bitte.“ Hochbetrieb in der Kantine des Musiktheaters Gelsenkirchen. Thomas Kölsche füllt die Teller und gibt sie seiner Kollegin im Service. Er lächelt über die Glastheke hinweg, bis der erste Ansturm vorbei ist. Anschließend geht der 42-Jährige durch die Seitentür in einen kleinen, warmen Nebenraum. Er lässt Wasser über Teller laufen, sortiert sie in die Gastronomie-Spülmaschine ein, startet das Gerät. Kurze Zeit später Aufräumen in der Küche: Hier sortiert der Gelsenkirchener, der als Kleinkind einen Schlaganfall erlitt und seitdem eine schwere Behinderung hat, die sauberen Kellen zurück an die Wand.

Hohe Qualität zu guten Preisen

Thomas Kölsche arbeitet für die AWO Service GmbH, die die Kantine des Musiktheaters mitten in Gelsenkirchen betreibt. Fünf Menschen mit und sechs ohne Behinderung sind in dem Integrationsunternehmen beschäftigt, das im Jahr 2012 gegründet wurde. Die Kantine hat von 8:30 Uhr bis 23 Uhr geöffnet und gibt neben vielen kleinen Speisen mittlerweile 80 bis 100 Hauptmahlzeiten pro Tag heraus. „Wir haben mit 40 Mahlzeiten angefangen, die Steigerung war von Anfang an geplant“, sagt Carsten Wiegand. Der Betriebsleiter hatte einen ambitionierten Auftrag, als er im Juni 2012 in das Unternehmen einstieg. „Wir sollten einen Treffpunkt für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Musiktheaters schaffen und hohe Qualität zu guten Preisen anbieten.“

Die Umsetzung hat funktioniert: Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleiben nach dem Essen manchmal auch länger bei einem Kaffee zusammen sitzen. Sie unterhalten sich, es wird viel gelacht. Finanziell rentiert sich das Projekt, weil zur Kantinenführung auch das so genannte Vorderhaus dazukommt – direkt hinter der imposanten Glasfassade, an der der Innenstadt zugewandten Seite, liegt die Gastronomie, die die Besucherinnen und Besucher bei den Aufführungen nutzen. „Wir finanzieren die Kantine damit quer“, sagt Wiegand, der auch auf den Minderleistungsausgleich und die Zahlungen für den erhöhten Betreuungsaufwand angewiesen ist, die der LWL finanziert.

Das Ziel: Gewinn erwirtschaften

Zudem haben die »Aktion Mensch«, die Stiftung Wohlfahrtspflege und das NRW-Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales, Zuschüsse für die Einrichtung der Kantine gezahlt. „Dennoch verstehen wir uns als Wirtschaftsbetrieb. Deshalb ist es unser Ziel, im zweiten Geschäftsjahr auch den Umsatz zu steigern.“ Der Hotelkaufmann, der in Küche und Service gelernt hat, bleibt aber realistisch. Viele Firmenrestaurants lassen sich nur wegen der Zuschüsse der Arbeitgeber überhaupt rentabel betreiben. Egal wo, die Qualität steht für Wiegand im Vordergrund. Kartoffelpüree wird frisch zubereitet und kommt nicht aus der Tüte, die Schnitzel werden direkt in der Küche paniert. „Wir wollen, so weit das geht, wie bei Muttern kochen“, sagt Carsten Wiegand mit einem Lachen. „Die Gäste finden das super. Stimmt’s?“, ruft er zu einem Tisch hinüber, an dem sämtliche Theaterleute einstimmig nicken.

Zahlen als Leidenschaft

Schnell wird er wieder ernst. „Es ist tatsächlich so. Nur über gutes Essen und Freundlichkeit schafft man es, die Menschen anzulocken und auch zu halten.“ Wie gut das läuft, kann Frederike Notthoff jeden Tag sehen. Die Bürokauffrau, die wegen ihrer körperlichen Einschränkungen nicht allzu schwer tragen kann, liest jeden Tag die Kasse aus und trägt die Daten in Tabellen ein. Die 21-Jährige arbeitet der Buchhaltungsabteilung zu. „Das ist so ein bisschen meine Leidenschaft“, sagt sie, während sie am Computer eine Zahlenkolonne herunterscrollt.

Frederike Notthoff und ihre Kollegen kamen über ganz reguläre Bewerbungen zur AWO Service GmbH, zum Teil wurden sie auch vom Integrationscenter der Agentur für Arbeit vermittelt. „Wir haben uns die Interessenten sehr genau angeschaut“, erzählt Carsten Wiegand. „Mir kam es vor allem darauf an, Menschen zu gewinnen, die sich mit der Dienstleistung hier identifizieren können. Gastronomische Vorbildung hatten einige, das war aber nicht unbedingt ausschlaggebend.“ Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zwischen 23 und 52 Jahren alt. „Auch das war eine bewusste Entscheidung, um möglichst große Vielfalt zu haben und damit auch auf breit gefächerte Erfahrungswelten zurückgreifen zu können.“ Bei der Einarbeitung half der Integrationsfachdienst Gelsenkirchen, der vom LWL finanziert wird.

 Die gute Arbeit hat den Ruf der Kantine schon so weit gefestigt, dass immer mehr Menschen auch aus anderen Büros in der Gegend mittags zum Essen kommen. Bis zu einem bestimmten Maße ist dieser Zulauf gut zu bewältigen, sagt Carsten Wiegand. „Unsere Hauptaufgabe ist aber die Bewirtung der Theatermitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Da müssen wir drauf achten.“ Zudem hat die Kantine seit dem 1. Oktober 2013 die Belieferung und den Betrieb eines weiteren Firmenrestaurants übernommen: Das der Emscher Lippe Energie GmbH, die schräg gegenüber ihren Sitz hat. „Auch dort haben wir drei weitere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung beschäftigt“, sagt Carsten Wiegand. „Wir wachsen also weiter.“ 

Pionierarbeit, die sich gewaschen hat

Wäscherei "Die Brücke" in Bad Lippspringe

  • Generationswechsel in der Familie: Adelheid Hoffbauer (li.), mit ihrer Schwiegertochter Christiane Hoffbauer. Foto: Thorsten Arendt

  • Die Geschäftsführerin Adelheid Hoffbauer (li.) packt überall mit an. Hier legt sie Trockentücher zusammen. Foto: Thorsten Arendt

  • Die verschiedenen Kleidungsstücke werden in die Dampfmangel eingespannt. Foto: Thorsten Arendt

  • Adelheid Hoffbauer packt mit an. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin legt sie die großen Wäschestücke zusammen. Foto: Thorsten Arendt

  • Christiane Hoffbauer bedient die großen Waschmaschinen. Foto: Thorsten Arendt

  • Die fertige Wäsche wird für den nächsten Arbeitsschritt in große Rollcontainer gefüllt. Foto: Thorsten Arendt

  • In der Presse werden die Falten aus den Hemden entfernt. Foto: Thorsten Arendt

  • Die Wäscheberge holen die Kolleginnen gemeinsam aus der Maschine. Foto: Thorsten Arendt

  • Flink werden die Textilien zusammengefaltet. Foto: Thorsten Arendt 

  • Viele Großkunden aus dem Raum Paderborn vertrauen der Wäscherei „Die Brücke“ seit Jahren. Foto: Thorsten Arendt

  • Bald übergibt Adelheid Hoffbauer (re.) das Geschäft an ihre Schwiegertochter Christiane Hoffbauer. Foto: Thorsten Arendt

Pionierarbeit, die sich gewaschen hat

Wäscherei "Die Brücke", Bad Lippspringe

Die Wäscherei »Die Brücke« ist etwas Besonderes. Der Betrieb in Bad Lippspringe wäscht und bügelt nicht nur professionell Wäsche, sondern gehört auch zu den Pionieren unter den Integrationsunternehmen in Westfalen-Lippe.

Sie hat es geschafft: Für Adelheid Hoffbauer steht die Rente an. Nur kann sich in dem Integrationsunternehmen »Die Brücke« in Bad Lippspringe niemand ein Arbeiten ohne sie so recht vorstellen. Denn sie ist nicht nur Selfmade-Unternehmerin, sondern auch die Mitgründerin der Wäscherei in Ostwestfalen.

Der Betrieb expandiert und ist voriges Jahr in eine neue Produktionshalle am bisherigen Standort gezogen. Momentan arbeiten hier 33 Menschen, davon 16 mit einer Behinderung. Und es gibt noch ehrgeizigere Pläne: Die Geschäftsleitung strebt eine Verdoppelung der Kapazitäten und der Beschäftigten innerhalb von drei Jahren an. 60 Menschen sollen hier künftig insgesamt arbeiten.

Nur will Adelheid Hoffbauer ja dann in Rente sein. „Definitiv“, sagt sie und nickt ihrer Schwiegertochter Christiane Hoffbauer zu, die neben ihr sitzt. Die junge Diplom-Pädagogin ist für die psychosoziale Betreuung im Unternehmen verantwortlich und wird einmal die Geschäftsführung übernehmen. Noch ein weiteres Familienmitglied arbeitet in diesem Betrieb: Adelheid Hoffbauers Tochter, die zugleich auch Ende 1996 einer der Hauptgründe war, »Die Brücke« aus der Taufe zu heben.

Gründung ein großer Schritt

„Meine Tochter hat eine Lernbehinderung. Das Unternehmen soll ihr und anderen Menschen mit Behinderungen einen sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplatz bieten“, sagt Adelheid Hoffbauer. »Die Brücke« gehört damit zu den Vorläufern der Integrationsunternehmen in Westfalen- Lippe.

Selbst einen Betrieb zu gründen, war für die Unternehmerin ein großer Schritt. Aber ein nötiger, wie sie sich erinnert: Ihre Tochter hatte über drei Jahre einen Hauswirtschafts-Lehrgang für Jugendliche mit schweren Lernbehinderungen beim Kolping-Berufsförderungszentrum in Paderborn besucht. Das Pilotprojekt nach der Förderschule qualifizierte zwölf Menschen für den allgemeinen Arbeitsmarkt. Nur gab es sie dort keine Arbeit, stellten die Eltern fest. „Die lernen doch unheimlich viel. Und es macht traurig, wenn nach drei Jahren nichts mehr ist.“

Und so kamen die Hoffbauers damals auf eine Idee: „Was hindert uns daran, eine Wäscherei aufzumachen?“ Ihr früh verstorbener Mann Dirk war Mehrheitsgesellschafter einer Firma für Leinwände in Kinos. Und das alte Rohrlager stand leer. Sie richteten es her und machten daraus die Keimzelle der »Brücke«: „Innerhalb eines halben Jahres haben wir das alles hier umgebaut.“

Der Paderborner Kolping-Diözesanverband wurde Teilhaber und wies den Weg zum LWL, der förderte und unterstützte. „Das war Pionierarbeit“, sagt Adelheid Hoffbauer und erinnert sich, wie sie sich vor 18 Jahren an einen Tisch setzte, mit LWL, Arbeitsamt und Kolpingbildungswerk. „Ich hatte furchtbare Angst davor, dass der Betrieb scheitert. Wir sind ein großes Risiko eingegangen.“ Sie wäre damals nicht allein auf die Idee gekommen, sagt sie. Aber ihr Mann gab ihr Mut. Nach seinem Tod übernahm die gelernte Grund- und Hauptschullehrerin das Zepter. „Heute würde ich mir das auch allein zutrauen“, sagt sie. Die meiste Unterstützung kam vom LWL. „Und alle, die heute beim LWL dabei sind, waren damals schon da“, sagt sie und freut sich über die Kontinuität in der Betreuung.

Beratung auf allen Ebenen

Als jetzt der Neubau für die Wäscherei anstand, der ebenfalls vom LWL mit gefördert wurde, stellte sie fest, dass sich die Zeiten geändert haben. Zum Positiven: Die betriebswirtschaftliche Beratung der Handwerkskammer Münster zum Beispiel gab es damals noch nicht. Das erledigte die Finanzbuchhaltung ihres Mannes.

„Wir schauten bei Neuanstellungen immer schon danach: Was kannst du?“, blickt Adelheid Hoffbauer zurück. „Bei uns kommt es aber eben überhaupt nicht darauf an, was man nicht kann.“ Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter werden nach ihren Kompetenzen eingesetzt. „Das mussten wir erst lernen. Ebenso wie, betriebswirtschaftlich zu denken.“ Denn, so sagt die heute erfahrene Chefin, „Kuschelkurs geht nicht, wenn man im Wettbewerb standhalten muss.“ Christiane Hoffbauer ergänzt aber: „Die Arbeit muss machbar sein und die Menschen müssen das Gefühl haben, dass sie ihren Lebensunterhalt selbstständig verdienen.“

»Die Brücke« bietet heute moderne und helle Arbeitsplätze – hauptsächlich für Frauen. Derzeit arbeiten nur zwei Männer in der Wäscherei, auch wenn der Betrieb ursprünglich mit vier jungen Männern startete. „Denen war das hier zu sauber“, sagt Adelheid Hoffbauer und lacht laut mit ihrer Schwiegertochter. „Wir hätten aber gerne noch einen Wäscher zum Befüllen der Maschinen. Das ist für Frauen sehr anstrengend.“ Der Anspruch an die Qualität und Ordnung ist hoch – bis hin zu Details. „Kreuz und quer gepackte Frotteetücher? Das akzeptieren unsere Kunden nicht“, sagt Adelheid Hoffbauer und schüttelt den Kopf.

Kunden setzen auf Kontinuität

So, wie fast alle Mitarbeiter der ersten Stunden noch in der »Brücke« arbeiten, sind auch die Kunden aus den Großraum Paderborn der Wäscherei treu geblieben. Bildungshäuser waren die ersten Kunden, die ihre Wäsche in Bad Lippspringe waschen und bügeln ließen. Heute türmen sich die Pakete und Wannen sortiert in der neuen Regalwand hinter dem Laden, der von 7:30 Uhr bis 18 Uhr geöffnet ist. Hotels, Restaurants und Senioreneinrichtungen gehören ebenso zu den Kunden wie viele Bad Lippspringer. Auch das Bistum Paderborn vertraut dem »Brücke«-Team: „Wir machen die ganze Domwäsche“, sagt Adelheid Hoffbauer. „Und alle wollen pünktlich ihre Wäsche haben. Da geht es hier manchmal ganz schön rund.“ 

Großewinkelmann aus Rietberg

Inklusion mit Tradition

  • Die Zusammenarbeit mit Menschen mit Behinderungen hat lange Tradition bei Großewinkelmann, sagen Geschäftsführer Ralf Hesse und Personalchefin Ellen Wiethof. Foto: Thorsten Arendt

  • Personalchefin Ellen Wiethof kümmert sich um die Mitarbeiter. Hier tauscht sie sich mit dem Gabelstapler-Fahrer Andre Sasse aus. Foto: Thorsten Arendt

  • Andre Sasse fühlt sich wohl und er freut sich über die Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt. Foto: Thorsten Arendt

  • Die Produkte von Großewinkelmann stehen für Qualität. Dafür sorgt auch Frank Merschbrock, der hier Sattelschränke für einen Pferdestall zusammenbaut. Foto: Thorsten Arendt

  • Anschließend poliert er den fertigen Schrank. Foto: Thorsten Arendt

  • Von Fingerabdrücken befreit, bringt er das Produkt in die Lagerhalle. Foto: Thorsten Arendt

  • Routiniert schraubt Bernd Schnusenberg einen Sattelschrank zusammen. Foto: Thorsten Arendt

  • Tobias Röwekamp ist immer konzentriert bei der Arbeit. Foto: Thorsten Arendt

  • Tobias Röwekamp baut eine große Schubkarre zusammen. Foto: Thorsten Arendt

Inklusion mit Tradition

Großewinkelmann, Rietberg

Stall- und Weidetechnik sowie Zaun- und Toranlagen sind das umfassende Produktionsprogramm der Firma Großewinkelmann. Bei dem Unternehmen im ostwestfälischen Rietberg arbeiten seit Jahrzehnten Menschen mit Behinderung. Die 2010 gegründete Integrationsabteilung umfasst mittlerweile elf Kräfte – hinzu kommen zehn Menschen mit Behinderung auf ausgelagerten Werkstattarbeitsplätzen.

Mit einem geübten Schwung fährt Andre Sasse den Gabelstapler um das Stahlregal herum. Er lädt eine Palette auf die Zinken. Quer durch das Außenlager der Firma Großewinkelmann transportiert der 30-Jährige sie zu einem LKW. Seine gelbe Warnjacke leuchtet durch das Staplerfenster, während der junge Mann schon wieder auf dem Weg zum nächsten Lagerplatz ist.

Einmal quer übers Firmengelände, in der hinteren Halle, montiert derweil Frank Merschbrock einen Sattelschrank. Ganz in Ruhe, aber sehr stetig schraubt er die Befestigungen für Halfter und Trensen in das Möbelstück für den Pferdestall. Andre Sasse und Frank Merschbrock sind zwei von rund 20 Menschen mit Behinderungen, die beim Stalltechnikspezialisten im ostwestfälischen Rietberg arbeiten.

Zusammenarbeit seit Jahrzehnten

Die Zusammenarbeit mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern mit Handicaps hat bei Großewinkelmann Tradition. Das 1942 gegründete Unternehmen produziert mit 130 Beschäftigten für höchst unterschiedliche Kunden: Vom einfachen Jägerzaun für das Eigenheim bis hin zu Sicherheitszäunen für die Münchner Allianz-Arena oder forensische Kliniken reicht die Produktpalette der Firma. Und schon vor über 25 Jahren begann der damalige Firmenchef Hans Hesse die Zusammenarbeit mit den Werkstätten für behinderte Menschen – dem heutigen Wertkreis Gütersloh. Großewinkelmann transportierte damals die Einzelteile für Sattelschränke zu den Menschen mit Behinderungen, die diese zusammenbauten und -schraubten. „Das hat sehr gut geklappt“, sagt Ralf Hesse. Der Sohn von Hans Hesse führt Großewinkelmann heute mit seinem Bruder Frank. „Aber als das Auftragsaufkommen immer größer wurde, mussten wir etwas unternehmen.“ Zufälligerweise wurden im Jahr 2008 auf dem benachbarten Grundstück Hallen frei. Großewinkelmann übernahm die Gebäude und bündelte dort die Außenarbeitsplätze für sieben Menschen mit Behinderungen. Ein weiterer Effekt: Auch die Logistikkosten sind wegen der wegfallenden Transporte gesunken.

Drang zum ersten Arbeitsmarkt

Die Einrichtung einer eigenen Integrationsabteilung hingegen war für Ralf Hesse nicht zwangsläufig. „Als das Thema insgesamt aber immer größer wurde und hier im Ort ein solcher Betrieb eröffnete, merkten wir, dass einige unserer besten Mitarbeiter mit Behinderung Interesse an diesen Firmen hatten. Sie wollten verständlicherweise gerne auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt sein.“ Anstatt erst dann zu reagieren, wenn die Kräfte abwanderten, beschloss der Geschäftsführer, selbst aktiv zu werden. Er informierte sich – und der Entschluss stand schnell fest: Am 1. Oktober 2010 eröffnete die Integrationsabteilung mit sieben Menschen mit Hör-, geistigen oder psychischen Behinderungen. Mittlerweile sind es elf, vor allem Werkstattwechsler und Auszubildende.

„Der Weg dorthin war gar nicht so schwierig. Wir haben sehr viel Hilfe vom LWL und dem Integrationsfachdienst bekommen“, sagt Ellen Wiethof, Personalchefin von Großewinkelmann. Das LWL-Integrationsamt beriet das Unternehmen und unterstützte es mit 140.000 Euro dabei, eine Montagehalle auszubauen. Zudem bekommt Großewinkelmann Zahlungen als Minderleistungsausgleich und für den erhöhten Betreuungsaufwand.
Ellen Wiethof wirbt auch bei Treffen der Firmenchefs oder Personalverantwortlichen in der Region für die Gründung von Integrationsunternehmen oder -abteilungen und muss dabei nicht selten auf viel Skepsis reagieren. „Viele Kolleginnen und Kollegen haben großen Respekt vor einem solchen Schritt. Auch, weil sich in Wirtschaftskreisen hartnäckig das Vorurteil hält, dass der besondere Kündigungsschutz für Menschen mit Behinderungen die Unternehmen unflexibel macht.“ Das stimme aber nicht: „Wenn es wirklich nicht funktioniert, gibt es immer – auch in Zusammenarbeit mit dem Integrationsfachdienst und dem Integrationsamt – einen Weg.“ Damit das nicht passiere, müssten alle Beteiligten im Vorfeld sehr genau hinschauen. Bei langen Praktika und in der Anlernphase bei einer zunächst befristeten Anstellung sei gut zu erkennen, ob die Konstellation passe.

Zufrieden mit Arbeitsleistungen

Manchmal entpuppen sich dabei auch vermeintliche Wackelkandidaten als besonders gute Kräfte. „Wir haben einen Kollegen, der in der Werkstatt für behinderte Menschen anscheinend unterfordert war und dort überhaupt nicht zurechtkam. Bei uns läuft er wie ein Uhrwerk und übernimmt immer mehr Verantwortung“, sagt Ralf Hesse. Der Nutzen der Integrationsabteilung sei für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderung sehr groß – aber auch für den Betrieb. „Wir bekommen sehr gute Arbeitsleistungen für unser Geld“, sagt Ralf Hesse.

Zudem vermittle die besondere Zusammenarbeit ein gutes Gefühl. „Für alle“, ergänzt Ellen Wiethof. „In der Halle, in der die Integrationsabteilung ihren Platz hat, arbeiten längst Menschen mit und ohne Behinderungen zusammen.“ Ihr Chef nickt. „Das passt zu uns. Wir haben als Unternehmen schon immer eine starke soziale Verantwortung übernommen“, erklärt der Geschäftsführer. „Diese tragen wir mit den integrativen Arbeitsplätzen nun weiter und wollen das auch in Zukunft tun.“