Inklusion muss jeden Tag neu umgesetzt werden

Fragen & Antworten

Michael Wedershoven ist Referatsleiter in der LWL-Behindertenhilfe und berichtet im Interview von den Möglichkeiten inklusiven Wohnens.

Herr Wedershoven, haben Wohnheime für Menschen mit Behinderungen noch eine Zukunft?

Ja und nein. Wir erleben heute eine große Bandbreite, wie Menschen mit Behinderungen wohnen: Sie haben den Menschen in seiner eigenen Wohnung, der – ganz im Sinne der Inklusion – so eingebunden in eine Nachbarschaft in seinem Stadtteil oder seinem Dorf ist, wie er das möchte. Auf der anderen Seite finden Sie den Menschen zum Beispiel mit starken geistigen Beeinträchtigungen, dessen Umfeld ihn sehr gut beschützen will und ihn stark in Systeme wie ein Wohnheim einbinden will.

Wieso prallen solche entgegengesetzten Entwürfe aufeinander?

Einmal, weil wir heute akzeptieren, dass es den behinderten Menschen, sozusagen als Typus, gar nicht gibt, sondern sehr unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen – eigentlich eine Selbstverständlichkeit.

Man kann es aber auch aus den Erfahrungen der Angehörigen, meistens der Eltern, in den vergangenen 40 Jahren erklären: Die heute 80-jährigen Eltern von Menschen mit Behinderungen wollten ihre Kinder, so lange es geht, zu Hause behalten. Heute 60-Jährige haben ortsnahe kleine Einrichtungen erlebt, die sie zum Teil selbst für ihre Kinder gegründet oder durchgesetzt haben. Viele heute 40-jährigen Eltern wollen, dass ihre behinderten Kinder so selbstbestimmt wie möglich aufwachsen. Dazu gehört, dass die Kinder das Hotel Mama genauso wie ihre nicht behinderten Altersgenossen irgendwann verlassen, um in den eigenen vier Wänden zu wohnen. Inklusion eben. Das ist aber auch mit einem Mehr an öffentlich zu finanzierender Unterstützung verbunden.

Hört sich an, als ginge es hauptsächlich um die Eltern?

Die Eltern sind ganz wichtige Bezugspersonen, aber es geht natürlich um den Menschen mit Behinderung, und der wird auch selbst gehört. In einer sogenannten Hilfeplankonferenz kommt er zu Wort, daneben Fachleute und Bezugspersonen. In solchen Gesprächen geht es nicht mehr um Ja-Nein-Entscheidungen, stationäres Wohnen oder ambulant in der eigenen Wohnung.

Worum geht es dann?

Der Schlüsselbegriff ist der Betreuungsbedarf: Wie viel Betreuung braucht dieser Mensch, mit dem wir gerade sprechen, und wie lässt der sich umsetzen? Braucht er hochverdichtete Betreuung oder eher grobmaschig, muss die Betreuung hochspezialisiert sein, weil seine Behinderung das verlangt, oder eher nicht.

Was macht der LWL?

Zunächst finanzieren wir die sogenannten stationären Hilfen und das Ambulant Betreute Wohnen. Darüber hinaus versuchen wir zu steuern, denn die Betreuungslandschaft ist in Westfalen-Lippe sehr unterschiedlich: Manche Regionen sind gut versorgt, haben sogar Überkapazitäten, manche haben zu wenig.

Dann wollen wir das Betreute Wohnen weiter ausbauen, und zwar für jeden, für den es geeignet ist, das sind in Westfalen-Lippe schon über 50 Prozent aller Betroffenen. Nicht jeder Träger von Behinderteneinrichtungen ist übrigens davon begeistert, aber sie haben sich auf den Weg gemacht.

50 Prozent hört sich noch nicht nach Inklusion an.

Wir sind auf dem Weg – Inklusion muss jeden Tag neu umgesetzt werden. Das klingt in der Theorie manchmal leichter; als es in der Praxis ist. Ein Beispiel: Eltern in einer Elterninitiative haben sich schon genau ausgemalt, dass sie ein weiteres Heim in ihrem Ort wollen. Wir haben nicht einfach ja gesagt, sondern klar gemacht, dass Inklusion auch beim Wohnen etwas anderes bedeuten kann; und haben mit dieser Initiative Beispiele von Betreutem Wohnen besucht. Am Ende war den Eltern klar: Wir wollen unsere Kinder auch in ihren eigenen Wohnungen unterbringen, wo sie dann mehrmals die Woche von einem Betreuer besucht werden.

Wir haben als LWL auch eine neue Rolle, weg vom bloßen Genehmiger der Soziahilfe-Leistungen hin zu Sozialplanern, die stark mit allen Beteiligten kooperieren. Macht uns mehr Arbeit, führt aber besser zum Ziel Inklusion.