Das Bild zeigt einen Mann und eine Frau, die vor einem Wochenplan stehen

Beispiel

Wie ein weicher Übergang Menschen mit Behinderungen zur eigenen Wohnung verhilft

In Paderborn bereitet der Verein „Mach mit“ vier Männer und Frauen mit Handicaps anderthalb Jahre lang auf das Ambulant Betreute Wohnen vor. Die Wohngemeinschaft lernt dabei sämtliche einfachen und schwierigen Anforderungen des Alltags kennen – vom Waschen, Putzen und Kochen über das gemeinsame Leben in einer Wohngemeinschaft bis hin zum großen Schritt in die Selbstständigkeit. 

An der Wand in dem großen Flur der Wohngemeinschaft hängt eine anderthalb Meter lange Tafel. Waagerecht sind die Wochentage angeordnet. Senkrecht stehen die Namen der vier Bewohnerinnen und Bewohner. Immer mittwochs ist WG-Besprechung, symbolisiert durch einen Kopf samt Sprechblase. Geputzt wird am Dienstag und Donnerstag, einmal in der Woche ist ein gemeinsamer Abend vorgesehen. „Schau mal hier, am Freitagnachmittag kurz vor dem Wochenende sollten wir vielleicht noch einmal verstärkt hier sein“, sagt Christiane Lichtenberg, die gerade die Wochentafel studiert. Die Sozialpädagogin deutet auf ein Feld, das noch frei ist, und macht Martin Kleiber darauf aufmerksam. „Ich habe in letzter Zeit ab und zu gemerkt, dass der Gesprächsbedarf nach der Arbeitswoche ein bisschen größer ist.“ Der Heilerziehungspfleger und Sozialarbeiter nickt. „Können wir machen, ich bin diese Woche dann sowieso hier.“

Der Plan schafft Struktur und Sicherheit für die Menschen mit Handicaps, die in der großen Wohnung nahe der Paderborner Innenstadt leben. Zudem können sie sich auf ihre Bezugsbetreuerinnen und -betreuer wie Martin Kleiber verlassen, die mit jeweils zwei der Mieterinnen und Mieter die alltäglichen Aufgaben trainieren und Probleme lösen. Hinzu kommt Christiane Lichtenberg als Koordinatorin, die als zusätzliche Ansprechpartnerin für die Bewohnerinnen und Bewohner dient.

Sie befinden sich in einer Art anderthalbjährigem Zwischenstadium: Zwischen dem Auszug aus dem Elternhaus und dem Einzug in die eigene Wohnung, in der sie zukünftig auch weiterhin ambulant betreut werden sollen. Dieses Übergangs hat sich der Verein „Mach mit“ angenommen, der 1990 aus einer Elterninitiative entstand und sich dem Paritätischen Wohlfahrtsverband anschloss. Ende der 1980er-Jahre hatten sich Schülerinnen und Schüler der Paderborner Hermann-Schmidt-Schule für Menschen mit geistigen Behinderungen überlegt, auch nach ihrem Abschluss zumindest in der Freizeit weiterhin Kontakt haben zu wollen. Aus der Freizeitgruppe wurde eine Einrichtung, die sich 1993 auch mit dem Thema Wohnen auseinandersetzte.

„Es gab damals nur die Familie oder das Wohnheim“, erzählt Christiane Lichtenberg. „Der Verein gründete daher das erste ambulant betreute Wohnprojekt von zwei Menschen mit Behinderung, die von einer Mitarbeiterin unterstützt wurden.“ Heute bietet „Mach mit“ mit zehn Beschäftigten 50 Plätze, vom Einzelapartment über Paarwohnungen bis zur Wohngemeinschaft im Kreis Paderborn.

Die Kosten für die Betreuung übernimmt der LWL. Der Umfang hängt vom individuellen Bedarf ab und wird gemeinsam von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern von Mach mit, den Eltern und den LWL-Hilfeplanerinnen und -planern definiert. „Die Einschätzung des Hilfebedarfs gerade durch die Menschen mit Behinderung ist oft ein wenig anders. Sie überschätzen ihre Fähigkeiten oder ihre Eltern sind verunsichert, diesen Schritt zu gehen, weil er so endgültig klingt“, beschreibt Martin Kleiber die Herausforderungen für seine Klientel. "Hier können sie in einem geschützten Umfeld wichtige Erfahrungen sammeln." Anderthalb Jahre wohnen die Frauen und Männer dort. „Am Anfang sind wir öfter da, demonstrieren unsere Verlässlichkeit, ohne viel Druck zu machen. Wir bauen Kontakt auf und zeigen die alltäglichen Handgriffe, die viele zuvor noch nie selbst gemacht haben.“ Nach einem Monat übernehmen die Bewohnerinnen und Bewohner die ersten Aufgaben und Pflichten wie Waschen, Putzen oder Kochen. Anschließend findet das Team gemeinsam mit ihnen heraus, wie die Menschen mit Behinderung in Zukunft leben möchten.

Die Zugangsvoraussetzungen sind für alle gleich, ergänzt Christiane Lichtenberg. „Sie müssen in der eigenen Wohnung leben wollen und bereit sein, im Kleinen Verantwortung zu übernehmen, wenn es zum Beispiel um die Pflege der Wohnung geht. Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sind ebenfalls wichtig und sollen hier auch weiter geübt werden“, beschreibt die Sozialpädagogin die Erwartungen an die Bewohnerinnen und Bewohner. „Das ist für viele zunächst einmal gar nicht so einfach.“

Fünf Menschen haben bisher in der WG gewohnt und leben nun ambulant betreut. Bei den vier aktuellen Mieterinnen und Mietern ist Martin Kleiber sehr zuversichtlich. „Wir haben bei allen das Gefühl, dass sie den Anforderungen gewachsen sind.“ Christiane Lichtenberg nickt. „Das sehen wir hier jeden Tag. Vor allem aber fühlen sich die vier wohl – und das ist sehr wichtig, um gemeinsam mit den Bezugspersonen das Alleinleben vorzubereiten.“