Beispiel: Wenn Selbständigkeit selbstverständlich wird

Wohnen in den eigenen vier Wänden

Leichte Sprache

Der Mixer röhrt und schlägt gegen die Wand der orange-weißen Schüssel. Sahnetröpfchen fliegen durch die Luft und landen auf den Herdplatten. „Oh nein“, ruft Anne Harmann, und lacht laut auf. Sarah Averbeck, die das Küchengerät mit festem Griff hält, schaut zunächst etwas irritiert, fängt aber nach einigen Sekunden ebenfalls an zu grinsen. „Ist ja nur Sahne“, sagt sie, und schnappt sich einen Lappen. Zwei-, dreimal wischt sie über die Arbeitsplatte und den Herd. Alles wieder sauber.
Das Sahneschlagen in der hellen Dreizimmerwohnung in Ostbevern ist auf zwei Ebenen etwas Besonderes: Die süße Creme ist ein wichtiger Bestandteil des Geburtstagskuchens, den Sarah Averbeck ihren Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern ausgeben möchte. Zugleich ist er auch Symbol für das, was die 25-Jährige und ihre gleichaltrige Freundin Anne Harmann geschafft haben: Die beiden jungen Frauen mit Behinderung wohnen seit einem Jahr gemeinsam in einer eigenen Wohnung. Ambulant betreut zwar, aber doch so für sich, dass sie es selbst manchmal kaum glauben können. „Das Tolle ist, dass die beiden hier für sich selbst sorgen, soweit sie es eben können“, sagt Verena Edmondson, die die beiden von Anfang an als Betreuerin in dem umgebauten Bauernhof begleitet. „Zugleich ist aber immer auf dem Hof mindestens eine von uns Betreuerinnen morgens vor der Arbeit und anschließend vom Nachmittag bis zum Abend da, wenn Unterstützung nötig ist.“

Anne Harmann und Sarah Averbeck sind zwei von rund 21.000 Menschen mit Behinderung, die in Westfalen-Lippe ambulant betreut in der eigenen Wohnung leben. Unterstützt werden sie von der LWL-Behindertenhilfe, die möglichst vielen Menschen, die zuvor in Heimen, Außenwohngruppen oder bei ihren Familien gewohnt haben, dabei helfen möchte, so weit wie möglich auf eigenen Beinen zu stehen. Die beiden teilen sich eine Wohnung im Hof Schwegmann, einer Hausgemeinschaft, die von der Caritas Warendorf unterstützt wird. Das idyllische Gebäudeensemble ist umgeben von einem Garten mit großen Bäumen und liegt nur wenige Gehminuten vom Zentrum Ostbeverns entfernt.
Gestartet ist der umgebaute Bauernhof als stationäres Wohnheim für Menschen mit Behinderung. Weil die Bewohnerinnen und Bewohner immer älter wurden und auf dem Hof nicht mehr adäquat versorgt werden konnten, zogen sie in einen Neubau. In das ehemalige Wohnhaus des Hofs konnten im Jahr 2010 15 Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen einziehen, in Zweier- oder Vierer-Wohngemeinschaften oder allein – und wegen der zentralen Lage des Hofs nahe bei ihren Familien. Die Bewohnerinnen und Bewohner unternehmen oft etwas gemeinsam, machen Ausflüge, grillen oder fahren zur Disco der Lebenshilfe.
Sechs Betreuerinnen und Betreuer – in Teil- oder Vollzeit – unterstützen die  Bewohnerinnen und Bewohner je nach Bedarf sechs Stunden wöchentlich. „Das ist auch nötig“, sagt Verena Edmondson, die den Beruf der Erzieherin lernte und nach einer zweijährigen Weiterbildung nun als Heilpädagogin mit einer Halbtagsstelle beschäftigt ist. „Viele Alltagsdinge funktionieren zwar schon sehr gut, aber manche müssen wir immer wieder üben.“

Dazu gehört auch, dass die 36 Jahre alte, zweifache Mutter bestimmte Tätigkeiten oft wiederholen lässt – sowohl praktisch als auch sprachlich. Beim Sahneschlagen etwa fragt Verena Edmondson drei Mal, was die beiden Hobbybäckerinnen tun müssen, bevor sie den Mixer in die Steckdose einführen. „Erst mal gucken, ob der Mixer ausgeschaltet ist“, antwortet Sarah Averbeck. „Ja, genau“, sagt die Betreuerin und fragt vorsichtshalber noch einmal. „Anne, was muss man machen?“ Die Gefragte schaut kurz hoch, während sie schon die Butterkekse für den Belag auspackt. „Aufpassen, dass der Mixer nicht an ist.“
Das klingt trivial, ist aber immens wichtig, sagt Verena Edmondson.

„Wenn unsere Bewohnerinnen und Bewohner etwas ein paar Tage nicht gemacht haben, kann es eben passieren, dass sie so etwas wieder vergessen – da sind sie ja auch nicht anders als Menschen ohne Behinderung.“

Die Gefahr sei eben nur ein wenig größer, dass Missgeschicke passieren.
Die Selbstständigkeit von Sarah Averbeck und Anne Harmann, die mit Down-Syndrom geboren ist, vergrößere sich von Tag zu Tag, beobachtet die Betreuerin.

Dazu trage die Arbeit auf dem Hof Lohmann bei, der zu den Freckenhorster Werkstätten für behinderte Menschen gehört. Dort kochen die beiden Frauen in der Küche frische Marmeladen, stellen Bestellungen für Läden zusammen und beliefern mit den frischen Produkten das Hofcafé.
Der wichtigste Schritt ist aber die eigene Wohnung. Am Anfang, ein Jahr vor dem Kuchenbacken, war das allerdings noch nicht abzusehen. Die beiden Frauen hatten bis dahin noch zu Hause gewohnt. „Der Abschied von den liebevollen Elternhäusern fiel weder den Eltern noch den beiden leicht“, erinnert sich Verena Edmondson. Bei Sarah Averbeck – „sie ist immer ein wenig forscher“ – sei der Abnabelungsprozess, den die Eltern immer noch begleiten, schneller gegangen. Bei Anne Harmann habe es deutlich mehr Gespräche gebraucht. Das sagt sie auch selbst: „Ich fand das anfangs ganz schön unheimlich, nicht mehr zu Hause zu wohnen.“ Beim Eingewöhnen half Freundin Sarah, die Anne seit der Hauptschule kennt. Aber auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf der Arbeitsstelle der beiden waren wichtig für die junge Frau, sagt sie. „Ich habe ganz oft mit meiner Therapeutin gesprochen, das hat mir sehr geholfen“, sagt Anne Harmann.

„Mir ist klar geworden, dass ich das Wohnen hier versuchen möchte und dass das am Anfang nicht leicht sein wird.“

Wie wichtig das Alleinwohnen für die beiden ist, macht Anne Harmann noch einmal in ihrem gemütlich eingerichteten Zimmer klar, in dem viele Fotos ihrer Geschwister, Nichten und Neffen an den Wänden hängen. Die junge Frau führt seit Jahren Tagebuch, 87 Bücher hat sie schon vollgeschrieben. „Als ich hier eingezogen bin, habe ich die alten bei meinen Eltern gelassen und ein neues angefangen.“ Sie schlägt die erste Seite auf, zeigt auf den ersten Eintrag. „Es ist wohl so, dass heute ein neuer Lebensschritt beginnt“, liest sie vor und schaut ganz ernst. Dann schüttelt sie den Kopf, als wolle sie ihre Gedanken an die ersten Tage abschütteln.

„Jetzt ist schon ein Jahr vorbei und ich fühle mich richtig wohl.“

Sagt sie, steht auf und geht in die Küche, um mit zuckriger Lebensmittelfarbe Zahlen auf den Kuchen zu malen. Eine „25“ für den Geburtstag ihrer Freundin Sarah – und eine „1“ für das erste Jahr, das die beiden nun zusammenwohnen.