Das Bild zeigt einen jungen Mann im Rollstuhl mit einem Computer

Beispiel

Wie Technik und ausgeklügelte Planung selbstständiges Wohnen ermöglichen

16 Menschen mit schwierigen Mehrfachbehinderungen können in Bochum zum ersten Mal ihre eigene Wohnung mieten. Die Diakonie Ruhr hat in Zusammenarbeit mit dem LWL ein Vorzeigeprojekt geschaffen.
Corinna Hippert hebt ihren linken Fuß. Mit ihm tippt sie auf eine Holztafel, die vor ihr auf dem Boden steht. Sämtliche Buchstaben des Alphabets sind dort aufgeführt, und alle Ziffern von 0 bis 9. „I“, „C“ lauten die ersten beiden Ziele, „ich“, sagt Gerda Hippert, die direkt neben ihrer Tochter sitzt. Corinna Hippert lacht zustimmend, weiter geht’s. „F“, „Ü“, „H“, – „ah, fühle“, ergänzt die Mutter. Schließlich ist der Satz fertig: „Ich fühle mich wohl“, hat die 42-Jährige ausgedrückt, die während ihrer Geburt wegen Sauerstoffmangels eine spastische Tetraplegie erlitt. Sie kann ihre Gliedmaßen kaum kontrollieren, nur mit Hilfsmitteln kommunizieren und ist ständig auf Hilfe angewiesen.
Das positive Gefühl, das sie beschreibt, hat in diesem Moment mit ihrer Umgebung zu tun. Corinna Hippert sitzt im Rollstuhl im Wohnzimmer ihres Apartments. Die Wohnung ist gemütlich eingerichtet: heller Linoleumboden, ein breites Sofa, viele Bilder an der Wand. Und eine Kompaktanlage, auf der sie gerne Hits der 80er-Jahre hört.

Die Wohnung ist nicht nur schön, sondern auch Corinna Hipperts erste eigene. Wie 15 weitere Menschen mit schwierigen Mehrfachbehinderungen ist sie im Mai 2012 aus dem Wohnheim in den Neubau in Bochum-Weitmar gezogen. Zur Miete, mit eigenen Möbeln, mit Freiheit und Selbstständigkeit, wie sie vorher für sie kaum vorstellbar waren.
Das Haus gehört dem LWL-Tochterunternehmen Westfälisch-Lippische-Vermögensverwaltungsgesellschaft mbH. Ein Servicebüro hat die Diakonie Ruhr, die das Gebäude mit plante, dort angemietet. Der LWL steuerte einen Zuschuss von 900.000 Euro aus einem Zehn-Millionen-Euro-Programm zur Förderung des Ambulant Betreuten Wohnens bei. „Wir haben bei jedem Schritt sehr eng zusammengearbeitet“, sagt Reinhard Jäger von der Diakonie Ruhr. „Und das war auch nötig:

„Wir mussten uns viele Gedanken machen, wie wir Menschen mit sehr schweren Behinderungen so unterstützen können, dass sie außerhalb eines klassischen Wohnheims gut zurechtkommen.“

Jäger leitet das Wohnheim Wasserstraße der Diakonie Ruhr in Bochum, das verschiedene Wohnungen betreut und zu dem auch das Betreuungsteam des Apartmenthauses gehört. Die Aufgabe war komplex: Die Mieterinnen und Mieter haben einen sehr hohen Unterstützungsbedarf, sollen aber dennoch möglichst selbstbestimmt wohnen können. Die Apartments sollten wohnlich, die intensive Pflege aber ebenso möglich sein. „Wir haben ein Konzept entwickelt, in dem wir eine stark angepasste Architektur mit modernster Haus- und Medizintechnik und einem sehr engen Miteinander zwischen Mieterinnen, Mietern, Pflege- und Betreuungspersonal verbinden“, sagt Reinhard Jäger. „Und preislich haben wir das Ganze so kalkuliert, dass die Menschen mit Behinderungen sich die Wohnung auch leisten können: mit der Eingliederungshilfe vom LWL und den eigenen Einnahmen, zum Beispiel aus der Arbeit in den Werkstätten für behinderte Menschen.“ Auch der LWL hat etwas davon. Der Sozialhilfeaufwand ist niedriger als bei der Unterbringung in einer stationären Einrichtung.

Die Planungsphase war lang und intensiv, sagt Frank Zittlau. Der Sozialarbeiter und Sozialpädagoge leitet das Betreuungsteam des Apartmenthauses, in dem ein modernes Lüftungs- und Heizsystem sowie eine ausgefeilte Nachrichten- und Signaltechnik samt intelligenter Umfeldsteuerung installiert sind. „Ich bin mittlerweile Experte für Haustechnik, das hätte ich nie gedacht.“

Die Planung begann mit einer intensiven Recherche. Es wurde nach geeigneten Produkten gesucht, aber auch nach den Wünschen der künftigen Mieterinnen und Mieter gefragt.

„Wir haben Rollstuhltestfahrten gemacht, um ideale Raumgrößen und -zuschnitte zu finden.“

 

Aufgefallen ist zum Beispiel, dass selbst niedrigste Türschwellen für die Rollstuhlfahrenden zu großen Hindernissen werden – beispielsweise zum Balkon, den jede Wohnung hat. „Die DIN-Normen der Barrierefreiheit reichen für unsere Mieterinnen und Mieter an manchen Stellen einfach nicht aus. Deswegen haben wir gemeinsam mit den Architekten und der Westfälisch-Lippischen Vermögensverwaltungsgesellschaft nach Lösungen gesucht: Zwischen Wohnraum und Balkon gibt es nun keine Schwelle mehr.“

Ebenso mussten die Planer die unterschiedlichen Fähigkeiten der Mieterinnen und Mieter berücksichtigen. „Manche können ihre Hände nutzen, andere nur den Kopf bewegen“, sagt Zittlau. „Deswegen haben wir nach verschiedenen Wegen gesucht, um die Haustechnik bedienbar zu machen.“ Corinna Hippert etwa kann mit einer Fernbedienung mit großen Tasten Licht, Rollläden, Heizung oder Stereoanlage steuern und – „endlich“, wie sie sagt – ihre Wohnungstür selbst elektrisch öffnen.

Auch Marc Szymkowiak, der eine Etage über Corinna Hippert wohnt und ebenfalls an spastischer Tetraplegie erkrankt ist, genießt sein neues Lebensgefühl. Bei dem Heavy-Metal-Liebhaber dominiert die Farbe Schwarz, Musikposter hängen an der Wand. Vor dem Fenster stehen auf einem Tisch ein Computer samt Internetanschluss und ein Drucker. „Marcs Kommandozentrale“, wie Sozialarbeiter Frank Zittlau scherzhaft sagt.

Wie gut sich Marc Szymkowiak eingelebt hat, haben seine Eltern schon nach einigen Monaten zu spüren bekommen. „Am Anfang wollte er noch an jedem Wochenende zu uns nach Hause kommen“, sagt Mutter Monika, die ihren Sohn gerade besucht. „Jetzt hat er uns neulich zum ersten Mal gesagt, dass wir an einem unserer üblichen Besuchstage nicht vorbeikommen sollen. Er habe zu tun.“ Marc Szymkowiak lacht, wenn er das hört, und bestätigt es direkt. Was sich für ihn zum Positiven gewandelt hat, vor allem dank der neu gewonnenen Selbstständigkeit, ist ganz klar. „Alles“, ruft der 37-Jährige und gleich noch mal: „Alles!“

Video: Selbstständig wohnen dank ausgefeilter Technik

LWL-Behindertenhilfe unterstützt Apartmenthaus für Menschen mit schwersten Mehrfachbehinderungen