Eine Schule ohne Schüler

Fragen & Antworten Claudia Scholle

Claudia Scholle war Schulleiterin der Irisschule Münster, einer LWL-Förderschule mit dem Förderschwerpunkt Sehen. Drei Jahre lang strukturierte sie mit ihrem Kollegium die Schule zu einem Kompetenzzentrum für sonderpädagogische Förderung um.

Frau Scholle, was ändert sich derzeit bei Ihnen?

Dass kaum noch Schülerinnen und Schüler unsere Schule besuchen. Sie gehen in die Regelschule vor Ort, in die Grundschule oder weiterführende Schule. Wir hatten hier sonst 75 Schüler, im nächsten Schuljahr sind es nur noch 25. Und zukünftig werden wir hier vielleicht gar keine Kinder mehr unterrichten oder sie nur für eine besondere Schulung in die Irisschule aufnehmen.

Was passiert an den Regelschulen, damit das klappt?

Wir unterstützen Schüler, Lehrkräfte und Eltern gleichermaßen. Schon zur Anmeldung im Oktober und November stellen wir die Anträge für Hilfsmittel, für die pädagogische Unterstützung, für Integrationshelferinnen. Wir laden die Lehrer zu Fortbildungen hierher an die Irisschule ein. Unsere Kolleginnen gehen in die Schulen und reden über das Kind. Oft geht  es um einfache Dinge: Welchen Jackenhaken bekommt das Kind? Antwort: In der Reihe den letzten, am weitesten weg von der Tür. Dann muss es nicht 20 Symbole absuchen, sondern läuft einfach bis zum Ende durch.

Und die Kinder kommen so einfach klar?

Einige besuchen vorher für ein Jahr bei uns die Vorschule, und wir machen sie fit. Das bekommen wir ganz gut hin. Unsere Kinder sind die starken Indianer, nicht die schwachen Mäuschen.

Wie machen Sie das?

Es gibt einen Spruch von der taubblinden Schriftstellerin Helen Keller: „Blindheit trennt mich von den Dingen.“ Unsere Kinder müssen einen Bezug bekommen zu den Dingen, die sie umgeben. Sie sehen einen Milchzahn nicht unbedingt. Aber wenn sie ihn ganz groß aus Knete formen, dann bekommen sie ein Gespür für ihren Mund und lernen, den Schneidezahn vom Backenzahn zu unterscheiden.

Sie bereiten die Kinder darauf vor, dass sie die einzigen mit Sehproblemen unter sehenden Kindern sind?

Ja, sie sollen in ihrem Wohnumfeld in die Schule gehen, Vereine finden und alles machen wie andere auch. Aber sie brauchen auch mal den Austausch unter ihresgleichen. Besonders in der Pubertät ist das wichtig. Dann ist zum Beispiel ein Schmink-Kursus für blinde und sehbehinderte Mädchen in einer Parfümerie hier in Münster sehr beliebt. Daneben gibt es auch Sportangebote, Ausflüge, einen Stammtisch.

Früher hat man die Kinder an einem Ort gesammelt. Heute fahren Sonderpädagogen zu ihren Schülern. Den größten Teil des Lernstoffes vermitteln jedoch Lehrkräfte der Regelschulen. Wie geht das?

Der Unterricht muss individuell sein. Arbeitsblätter kann man zum Beispiel grafisch ganz einfach gestalten. Das ist  hilfreich für alle, nicht nur für die Kinder mit Sehbehinderung. Und manche Arbeitsmaterialien besorgen wir einfach in digitaler Form, damit die Schülerinnen und Schüler sie sich auf den Rechner ziehen und vergrößern können – oder in Punktschrift. Wir müssen das nur etwa sechs Wochen vorher wissen.

Machen Sie sich mit diesem neuen Unterrichtskonzept selbst überflüssig?

Nein. Wir bedienen hier eine riesige Spannbreite vom sechs Wochen alten Baby bis hin zum Berufs-Kolleg-Schüler. Das Fachwissen in diesen unterschiedlichen Bereichen brauchen wir weiter und stellen es über das Kompetenzzentrum Irisschule zur Verfügung.

Wie reagieren die Förderschul-Lehrer auf dieses neue Berufsbild?

Es ist nicht für alle einfach, so viel unterwegs zu sein. Sie brauchen ein hohes Maß an Flexibilität. Sie unterrichten nicht mehr eine Klasse an einem festen Ort, sondern haben zum Teil zehn verschiedene Kollegien. Sie bauen vor Ort ein Netzwerk auf, vom Kindergarten über Ergotherapeutinnen bis zu den Schulen. Aber niemand ist allein: Sowohl das Team für den Gemeinsamen Unterricht als auch das für die Frühförderung bespricht regelmäßig alles, was so passiert. Und es gibt Diensthandys, Mails und Car-Sharing.

Was haben Sie in der Zeit der Umstrukturierung gelernt?

Jeder kann und will sich weiterentwickeln. Das war eine wunderbare Erfahrung. Ich sehe eine Chance für jede einzelne Schule. Wenn das Gefühl vorherrscht, du bist ein Kind meiner Schule und ich kümmere mich darum, dass du das hier gut schaffst, ist das doch gut. Ganz im Gegenteil zu sonst, als man den Schüler, der nicht richtig reinpasste, schnell wieder loswerden wollte. Ich hoffe, dass das Thema Inklusion in einigen Jahren gar keins mehr ist, weil es dann selbstverständlich sein wird, dass alle Kinder und Jugendlichen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten gemeinsam lernen.